
Sonnenuntergang, 17.12.2020,
Wozu malen, wenn es die Natur so viel besser versteht?
Ich weiß, schon lange geht es der Kunst nicht mehr darum (es ist ihr vielleicht nie darum gegangen), mit der Natur in einen Wettstreit einzutreten, sondern der Künstler ließ sich bestenfalls von der Natur inspirieren und hat ansonsten eigene Wege beschritten. Eine kluge Entscheidung.
„Naturschön“, so nennt Joachim Schlichting die von der Natur geschaffenen Werke – im Gegensatz zu den von uns Menschen gemachten. „Auf diese Weise malt die Natur ein naturschönes Muster, indem sie in Gegenwart zufälliger materieller Gegebenheiten den Naturgesetzen folgt“, schreibt er.
Die Natur also nimmt zufällig Vorhandenes und macht daraus, ihren eigenen Gesetzen folgend, etwas anderes, zum Beispiel ein schönes Muster. Und der Künstler? Normalerweise benutzt er nicht zufällig Vorhandenes, sondern kauft seine Materialien und trifft eine bewusste Auswahl, und er folgt nur in einem Nebenaspekt den Naturgesetzen (Materialkunde), ist aber sonst ein freier Erschaffer.
Soll ich daraus schließen, dass der Mensch ein Schöpfer ist, die Natur aber ein von Zufall und Naturgesetzen gesteuerter wesenloser Prozess? Was befähigt denn eigentlich den Menschen, seinen „Schaffensprozess“ selbst zu steuern – im Gegensatz zur Natur, die das nicht kann? Oder kann sie es etwa doch – im Gegensatz zu uns, die wir uns einbilden, freie Erschaffer zu sein, aber eben doch nur Notwendigkeit gehorchen?
Die Natur ist uns Menschen ja irgendwie überlegen, denke ich, da wir selbst Natur sind. Wir können keine neuen Naturgesetze und nichts Lebendiges erschaffen.
Wir (als Menschheit) sind weit davon entfernt zu verstehen, was Leben ist, und noch weiter davon, Leben zu erschaffen (dies auch als Kommentar zu Myriades heutigem Eintrag zur künstlichen Intelligenz). Damit wir überhaupt etwas erschaffen können, müssen wir das Leben als solches voraussetzen.
Wenn ich sage: „Natur malt“, ist das eine übliche Personifizierung, aber auch eine vernebelnde Aussage. Denn was ist Natur, bitte schön? Eine Person? ein Wesen? Eine Abstraktion?
Kann die Natur etwas erschaffen? Kann sie sich gar selbst erschaffen? Wenn die Natur nicht erschaffen, sondern nur nach vorgegebenen Regeln umformen kann, was „zufällig vorliegt“ – wer hat das zufällig Vorliegende erschaffen? Und wer hat die Gesetze aufgestellt?
Fragen über Fragen.
