Kunst hilft: einem Kind den Zahnarzt zum Freund machen, Schulsachen kaufen und eine Katzenfütterin unterstützen

Drei Mal war die kleine Roma-Mama beim Zahnarzt der öffentlichen Kasse, drei Mal bekam ihr Kind eine grässliche Spritze, um den kaputten Zahn zu behandeln, beim dritten Mal erwischte die ungeduldige Zahnärztin die Lippe, und nun wars ganz aus. Von Behandeln konnte keine Rede sein. Das Kind weigerte sich, diese Tortur noch einmal zu erleiden und weinte und schrie. Was tun? Ich riet der Mama, eine private Zahnärztin aufzusuchen, und versprach, die Kosten zu übernehmen. Und hurra! Die neue Zahnärztin ist wunderbar.

Die erste Behandlung verlief, ganz ohne Spritze, schmerzfrei, und die nächsten Termine sind schon geplant. Es handelt sich um die Milchzähne, die leider Löcher bekommen haben. Jetzt werden sie mit einer Spezial-Zahnbürste gereinigt und werden blombiert wohl bis zum Zahnwechsel durchhalten.

Für so viel Tapferkeit gabs schließlich als Geschenk eine Runde mit dem Schaukelauto und den Lieblingsanmalblock (schon ist das erste Blatt fertig angemalt). Auch für den Vorschulranzen reicht das Geld noch.

Auch eine liebe Katzenfütterin konnte ich mit dem gespendeten Geld ein wenig unterstützen. Die beiden 50er Scheine wurden zu Katzenohren an ihrem Kopf bzw zu zwei großen Säcken Katzenfutter.

So viel Freude kann man eintauschen gegen ein Bild! Danke der lieben Spenderin! Ich habe die größte Freude dabei, denn das Bild hängt nun in London in einem Raum, der der Musik dient (ich zeigte es schon mal). Mein ursprünglicher Gedanke, die Spende für ein Musikinstrument oder für Musik-Unterricht zu verwenden, konnte bisher nicht realisiert werden. Aber vielleicht wird das was mit der Spende fürs andere große Bild, eine Freundin hat Kontakt zu einem Jugendgefängnis, wo  Instrumente immer sehr willkommen sind. Man wird sehen.

 

Veröffentlicht unter Erziehung, Fotografie, Kunst, Leben, Malerei, Meine Kunst, Psyche, Tiere | Verschlagwortet mit , , , , , | 7 Kommentare

September in Farben (4) Jalousien- und Papierschiffchenrot

Gestern mittag im Straßencafe erfreuten mich nicht nur der doppelte Espresso und die wohl temperierte Musik, sondern auch das Rot einer Jalousie. Es war von der Sonne ganz durchtränkt, so dass man kleine draufgemalte Boote erkannte. Diese und das rote Papierschiffchen hat der Cafe-Betreiber gemalt.

Dies ist mein vierter Beitrag zu Amoraks „September mit Farben“. 

Veröffentlicht unter Farben, Fotografie, Kunst, Leben | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 7 Kommentare

112 Stufen, 93: Beschämen

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Und schon gehts auf die erste Stufe des achten Abschnitts, und die heißt „Beschämen“. Beschämen oder Scham?

Schämen sollte sich, wer andere beschämt, indem er deren natürliches Schamgefühl ausnutzt, um sie zu kränken! Aber genau das tut der Beschämer nicht! Er schämt sich nicht, er triumphiert. Er ist der Größte! Und er manipuliert den Beschämten über dessen feines Schamgefühl…

Besonders ekelhaft ist es, Kinder zu beschämen, die ohne Gegenwehr sind. Das üben die bösen Buben auf dem Pausenhof und in der Klasse, man nennt es heute Mobbing.

Natürlich erinnere ich mich, wie wohl jeder, beschämender Momente aus der Kindheit, die sich tief eingebrannt haben und Narben hinterließen, die mich bis heute jucken, so dass ich dran kratze und zu verstehen versuche, was es denn ist, was sich da so tief verletzt in mir krümmt und weint – und warum?

Beschämen – eng verwandt mit entwürdigen und manipulieren – ist so ekelhaft, dass ich mich von dieser Stufe schnell entfernen möchte mit einem Hinweis auf den Roman von Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß und den Film von Volker Schlöndorff: Der junge Törless, mit Fotos und einer Besprechung

Der Trailer zum Film ist hier zu sehen.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Dichtung, Erziehung, Fotografie, Leben, Psyche, Stufen Blog-Challange | Verschlagwortet mit , , , , , , | 1 Kommentar

112 Stufen: Sieben Treppenabsätze im Rückblick

Dieser siebte Treppenabschnitt der

Holsteiner Treppe

war wieder voller Schweiß und Mühsal  – und das in der Hochzeit des Sommers! Von „Verfolgung“ über „Terror“ bis hin zu „Rache“ und „Schuld“ war alles, was den Menschen das Fürchten lehrt, vertreten. Ich aber stieg tapfer und gelassen hinauf und ließ mich auf die Schwere der Begriffe nicht ein. Leicht wollte ich auch diese Stufen erklimmen, beflügelt von der Hoffnung, dass nach den Prüfungen der Überblick von Oben gelingt, von wo alles klein und geradezu lieblich erscheint, was einem eben noch unüberwindlich vorkam.  Und so suchte ich in meinen literarischen und historischen Erinnerungen nach Texten, in denen die Schwere bereits gemildert oder ganz aufgehoben ist.

Der siebte Treppenabschnitt im Rückblick

92 Schuld (Vaterunser, Schuldenerlass; Karl Stamm, Brudermord) – 91 Tränen (Paul Verlaine, il pleut) – 90 Rache (Conrad Ferdinand Meyer, Füße im Feuer) – 89 Leiden (Hugo von Hofmannsthal, Manche freilich…) – 88 Wahn (Friedrich Schiller, Wahn und Wirklichkeit) – 87 Schweigen (Johann Wolfgang von Goethe, Wandrers Nachtlied; Georg Trakl, Verklärter Herbst) – 86 Missbrauch (Immanuel Kant, Gebrauch der Geschlechtsorgane) – 85 Verfolgung (Mascha Kaleko, Überfahrt) – 84 Schrecken (Franz Münterfering, Heuschrecken) – 83 Terror (Maximilien de Robespierre, Joseph-Ignaz Guilleton, La Terreur)

Der sechste Treppenabschnitt im Rückblick:

82 Würde (Friedrich Schiller, Bertold Brecht et al, Verfassungen) – 81  standhaft (Friedrich Schiller, die Glocke, Bürgertum) – 80 Treue (Carl Orff, Die Kluge) – 79 Tiefe (Friedrich Nietzsche, Gustav Mahler, O Mensch gib Acht!) – 78 göttlich (Johann Wolfgang von Goethe, Edel sei der Mensch) – 77 Güte (Bibel, Bertold Brecht, Ein guter Mensch sein…) – 76 Klärung (Ingeborg Bachmann, Erklär mir, Liebe) – 75 überwinden (Rainer Maria Rilke, Der Schauende) – 74 beistehen (Paulus, Galater, einer trage des anderen Last) – 73 Ausdauer (Albert Einstein, Ausdauer und wegwerfen) –

Der fünfte Treppenabschnitt im Rückblick:

71 verlassen (Eichendorff, „Das zerbrochene  Ringlein“) – 70 Enttäuschung (Luise Büchner, „Höchstes Leid“) – 69 Verzweiflung (Kierkegaard, „Krankheit zum Tode“, Nietzsche) – 68 Weinen (Goethe, „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) – 67 Hass (Ricarda Huch, „Mein Herz, mein Löwe“, Heinrich Heine, „Diesseits und jenseits des Rheins“) – 66 Kurzschluss (Heinz Ehrhardt, „Kurz vor Schluss“, Bertold Brecht „Matrosentango“ aus „Happy End“) – 65 Zweifel (Aristoteles, Buridans Esel, Enzensberger, „Entschlusslosigkeit“) – 64 Panik (Carl-Christian Elze, „PanikParadies“, Pandemie) – 63 Liebeskummer (Nietzsche, „theokritischer Ziegenhirt“) – 62 Kränkung (Dieter Bonhoeffer, „Wer bin ich?“) – 61 Eifersucht (Tolstoi „Kreutzersonate“, Shakespeare „Othello“)

Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick:

60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, Korinther, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff Mann-Frau, „Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, weibliche Emanzipation) – 46 erlauben (Verschnaufpause)

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma („Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, Verliebtsein) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „ohne Schuld“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, Poseidon, Odysseus) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti, „Futuristisches Manifest“) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel, Rede zum Büchner-Preis) – 28 friedlich (Bertold Brecht, „Friedenslied“)) – 27 beruhigen (Natur, erleben) – 26 Freude (Friedrich Schiller, „An die Freude“) – 25 Verbot (Anatole France, Gleichheit vorm Gesetz) – 24 wappnen (Martin Luther, „Ein feste Burg“) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh, Vormärz „Wiegenlied“) – 22 Zorn (Roman Herzog „Aguirre“, Georg Trakl „Grodeck“) – 21 Begeisterung (Hegel, Definition) – 20 Bruder (Karl König, „Bruder Tier“) – 19 Nähe (Christian Morgenstern, „Näherin“) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz „Mächtig ist die Ehrlichkeit“) – 17 Lachen (Günter Grass „Hier wird nicht mehr gelacht“) – 16 Sprechen (Schiller, „Die Bürgschaft“) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch „Mein Herz, mein Löwe“, Leo Tolstoi „Auferstehung“, Matthäus-Evangelium) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt, „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“) – 13 beschützen (Hermann Hesse, „Stufen“, Hölderlin „Hyperions Schicksalslied“) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach, „Weihnachtsoratorium“) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe, Valentin im „Faust“) – 10 Familie (David Cooper, „Tod der Familie“) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium „Verkündigung“) – 8 Angst (Mascha Kaléko, „Jage deine Ängste fort“) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche „Im Süden“) – 6 Heimat (Theodor Fontane „Graf Douglas“) – 5 Liebkosen (Aischilos „Gefesselter Prometheus“, Selbst „Schwanenwege“ // Leo Tolstoi „Anna Karenina“) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert, „Die Küchenuhr“) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky „Mutters Hände“) – 2 Streicheln (John Steinbeck „Of Mice and Men“) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe „Willkommen und Abschied“).

Veröffentlicht unter Architektur, Ökonomie, Dichtung, Erziehung, Geschichte, Leben, Meine Kunst, Psyche, Stufen Blog-Challange, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , | 5 Kommentare

Im September mit Farben (3): Sonniges Grün

Mein dritter Eintrag für Amoraks September-Challenge „Einfach nur Farben“.

Gestern Mittag – die Sonne knallte vom blauen Himmel und mir war heiß  – näherte ich mich einem winzigen Park. Sofort änderte sich die Atmosphäre. Schatten und Feuchte und ein kühlendes Lüftchen umfingen mich. Ein sonniges Grün erlöste die Augen vom allzu grellen Tageslicht der Stadt.

Ein Tupfer sonniges Grün – ach, gäbe es viele davon! – hebt die Lebensgeister.

Veröffentlicht unter Farben, Fotografie, Leben, Natur, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , | 7 Kommentare

Dienstag-Drabble: Petrus auf Fischfang (kata-strophisch)

Dienstag ist Drabble-Time. Heide von der Puzzleblume hat für heute wieder drei Wörter vorgegeben, um darum herum einen Minitext von genau 100 Wörtern zu basteln. Die Wörter sind Fischfang – bedeckt – (sich) aufhalten. 

Mein Text ist kata-strophisch – meine Legebilder nicht. St. Petrus war bekanntlich Fischer – und wurde zum Menschenfischer bestellt. Er ist auch zuständig fürs Wetter und für den Zugang zum Paradies. All das konnte ich im 100-Wörter-Text nicht ansprechen, man muss es halt mitdenken.

In den Bildern spiegelt sich die Freude an den immer noch vorhandenen Wundern des Meeres. Das erste habe ich mit Schnipseln von Ule Rolff gelegt und leicht bearbeitet, das zweite aus eigenen Schnipseln.

 

St. Petrus auf Fischfang

Noch schwimmen Fische frei im Meer

Doch irgendwann ist’s fischeleer

 

Wenn jetzt ein feines Windchen weht

Und Petrus flott auf Fischfang geht

So kann er nicht viel Fang erwarten

An Mensch und Fisch und andern Arten

 

Die Menschen halten sich bedeckt

Die Fische sind fast all verreckt

Und was sich sonst aufhalten tut

im Schlick, wenn endlich weicht die Flut

 

Wie Muscheln, Krebse und dergleichen

Fürs Abendmahl wird΄s schwerlich reichen.

 

Das Meer ist warm und fischeleer

Drin gibt es nichts Lebendigs mehr

Die Fischer sind in großer Not

Die Christen halten kein Gebot

Sankt Petrus reckt den Arm

und droht.

 

IMG_5776aa

 

Veröffentlicht unter Drabble, Katastrophe, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Natur, Tiere, Vom Meere | Verschlagwortet mit , , , , , | 1 Kommentar

112 Stufen, 82: Schuld (Vaterunser, Karl Stamm)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Im Nachkriegs-Deutschland hat der Schuldbegriff eine ganz besondere Wendung genommen: als Kollektivschuld des gesamten Volkes, in dessen Namen schreckliche Verbrechen begangen wurden. Aber bevor mir das bewusst wurde, kam ein anderer Schuldbegriff in mein Leben:

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Immer rätselte ich, was das für „Schuldiger“ sein sollten, denen ich zu vergeben hätte, damit auch mir meine „Schuld“ vergeben werde. Bis ich die griechische Urfassung des Gebets kennenlernte. Da heißt es

καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν, ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφίεμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν· 

Und das heißt, wörtlich übersetzt:

„und erlasse uns das, was wir schulden, so wie wir auch das erlassen, was andere uns schulden.“ 

Das klingt nach Geldschulden und ganz anders als das moralischen Wort „Schuld“ etwa im Harfnerlied: „Ihr lasst die Armen schuldig werden, dann überlasst ihr sie der Pein:/ denn alle Schuld rächt sich auf Erden“ (Goethe, Wilhelm Meister, siehe hier)

Seit Griechenland 2010 in die sog. „Staatsschuldenkrise“ geriet, wurde hier der Begriff der Seisachtheia sehr viel diskutiert. Ein Schuldenerlass oder zumindest ein ordentlicher Schuldenschnitt seien erforderlich, um die griechische Gesellschaft zu entlasten.

Die Seisachtheia (wörtlich: Abschütteln der Bürde) wurde 594 v. Chr. vom attischen Gesetzgeber Solon (638–558) eingeführt. Darunter versteht man drei Gesetze, durch welche 1) die persönliche Schuldknechtschaft aufgehoben und die Freigebung der wegen Schulden in Leibeigenschaft geratenen sowie der Freikauf der nach auswärts verkauften Athener auf Staatskosten angeordnet, 2) durch Herabsetzung des Münzfußes (100 neue Drachmen waren an Silberwert gleich 70 alten) die Rückzahlung der Schulden erleichtert und 3) der Zinsfuß ermäßigt wurde.(zitiert nach Wikisource)

Tatsächlich handelte es sich also nur um Schulden-Erleichterung, nicht um einen vollständigen Erlass. Ziel war, die Bauern, die entweder gegen Abtretung von 1/6 ihrer Ernte oder mithilfe von geliehenem Geld die Ländereien der reichen Athener bestellten, vor extremer Not und Sklaverei zu schützen. Um diese Entlastung zu erreichen, verordnete Solon, dass die silberne Drachme in regelmäßigen Zeiutabständen um ein Viertel verkleinert wurde. Entsprechend justiert wurden die Maße und Waagen. Solon verbot auch die beim Geldverleihen zuvor übliche Formel επί τοις σώματι δανείζεσθαι (du leihst mit deinem Körper als Hypothek), was den freien Bürger oder seine Anverwandten bei Nichtbegleichen der Schulden zum Unfreien machte.

Die Bitte „Vergib uns unsere Schulden“ sowie die Entsprechung „wie auch wir vergeben denen, die uns schulden“ im Vaterunser sind dieser Erfahrung im ökonomisch-menschlichen Zusammenleben nachgebildet. Jesus, der das Gebet stiftete, verwendete auch sonst Gleichnisse aus dem Wirtschaftsleben (zB Du sollst mit deinen Talenten wuchern, nacherzählt hier).

Und wenn wir ehrlich sind: das Erlassen von Schulden oder die Rückzahlung von ererbten Schulden fällt Menschen und Staaten verdammt viel schwerer als sich moralischer Schuld zu stellen. Denn leicht ist gesagt: ich entschuldige mich, und schwer fällt es, Schulden zu begleichen oder zu erlassen. Zum Beispiel: Deutsche Staatshäupter standen mit gesenktem Haupt an Erinnerungsorten, um sich für die Gräuel der NS-Besatzung zu entschuldigen, aber wenns an die Rückzahlung  erzwungener Anleihen ging, hieß es: Nix da. Wiedergutmachung? Ach was.

Dasselbe überall. Das Thema ist aus der Nach-Kolonialzeit nicht mehr wegzudenken. Braucht der Globale Süden (wieder) einen Schuldenschnitt? fragt zB die Wirtschaftswoche vom 6.6. dieses Jahres. Und erlassjahr.de  erinnert an die Entschuldung der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Londoner Schuldenabkommens (27. Februar 1953), die es der jungen BRD erlaubte, wirtschaftlich wieder auf die Füße zu kommen. Ein Insolvenzverfahren auch für Staaten könnte helfen, dass nicht Generation um Generation in der Schuldenknechtschaft gefangen bleibt und keinen lichten Morgen sieht.

img_2671

Kleiner Sisyphos -Illustration zur griechischen Staatsschuldenkrise und den Gläubigern)

Über all dem möchte ich den ebenso wichtigen moralischen Schuldbegriff nicht aus dem Auge verlieren. Und so schließe ich hier mit einem Gedicht von Karl Stamm (1890-1919), das ich schon einmal zitierte und kommentierte (hier). Es ist der verzweifelte Ruf eines jungen Menschen, der fürchtet, schuldig zu werden, indem er einen anderen jungen Menschen tötet.

Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind

Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind!
Du streutest milde Worte über Land,
dir neigten sich die Lilien, Frauen, Ähren –
uns drückten sie die Waffen in die Hand.

Und sind doch Kinder, zucken manchmal irr –
Was soll in meinen Händen das Gewehr?
Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
verhält die bittre Tränenflut nicht mehr.

Und über mir der harte, dumpfe Zwang. …
Bin ich nur Tier, gespannt in hartes Joch?
Zerstampfe auf Befehl? O Herz, erwach!
Wir taumeln, zögern – und marschieren doch.

Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
O nimm zurück den hingegebnen Sohn!
Erspare mir die Schuld und dir die Qual!
Du kannst nur weinen? Weinen lacht mir Hohn.

O Feind, mein Feind! Ich fleh aus tiefster Not:
Geliebter Feind, daß ich nicht schuldig sei
ermorde mich! Erlöse mein Gewissen!
So nimmst du von mir meiner Seele Schrei.

Du zauderst, senkst den schon erhobnen Arm?
Entflieht aus deinem Leib des Kämpfers Kraft?
Ist’s Furcht vor eigner, drohend naher Schuld?
Ruft dich die Seele auf zur Bruderschaft?

Entwaffnet steh ich vor dir, blicke weit
und bin verkämpft in Sinn und Widersinn:
Es glaubt das Herz nicht, was das Auge schaut,
weil ich noch nicht zum Kind geworden bin.

O brich aus mir, ersehntes Bruder-Ich!
Erschwing, ersinge dich und werde Ton.
Es steigt das Kreuz unendlich auf ins Licht.
Durch seine Himmel schwebt der Menschensohn.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Ökonomie, Dichtung, die griechische Krise, Geschichte, Katastrophe, Legearbeiten, Meine Kunst, Politik, Psyche, Stufen Blog-Challange | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 7 Kommentare

Im September mit Farben (2) Oleanderrot

Einfach nur um Farben geht es in Amoraks neuem Challenge. Doch sind Farben jemals „einfach“? Heute sah ich mir das Oleanderrot genauer an.

Ich verglich es mit anderen Rottönen, die sich in unserer Wohnung befinden. Nichts kommt ihm gleich!

 

Zur diesmal musikalischen Erweiterung ein beliebtes Volkslied aus dem Epiros (NW-Griechenland): stis pikrodafnis ton antho (die Blüte des Oleanders). Pikrodafni – das griechische Wort für Oleander – bedeutet wörtlich „Bitterer Lorbeer“. Der Text ist volkstümlich, mit Anspielungen, schwer zu übersetzen.

Στης πικροδάφνης τον ανθό                                               Des bitteren Lorbeers Blüte
έγειρα ν‘ αποκοιμηθώ                                                           brach ich um einzuschlafen
άντε λίγο ύπνο για να πάρω                                                Na, um ein wenig Schlaf zu bekommen
κι είδα όνειρο μεγάλο                                                           und ich sah einen großen Traum

Παντρεύουν την αγάπη μου                             Sie verheirateten meine Liebe
για πείσμα για γινάτι μου                                  um mich zu kränken
άντε και της δίνουν τον εχθρό μου                  Na und sie geben ihr meinen Feind
για το πείσμα το δικό μου                                  um mich zu kränken

Στο γάμο τους με προσκαλούν                         Sie laden mich zur Hochzeit ein
και για κουμπάρο με καλούν                            und wollen, dass ich der Trauzeuge bin
για να πάω να στεφανώσω                               dass ich gehe und sie bekränze
δυο κορμάκια να ενώσω                                    die zwei Körper vereine.

Περνώ τα στέφανα χρυσά                                Ich kreuze die goldenen Kränze
βαστά καημένη μου καρδιά                             Halte durch, mein armes Herz!
άντε με λαμπάδες απ‘ ασήμι                            Wenn schon, mit silbernen Leuchtern
να υπάρχει εμπιστοσύνη                                   damit es Vertrauen gibt

Στης πικροδάφνης τον ανθό                            Des bitteren Lorbeers Blüte
έγειρα ν‘ αποκοιμηθώ                                       brach ich, um einzuschlafen

Gezeichnet habe ich das Blattwerk des Oleander:

Veröffentlicht unter Dichtung, Farben, Fotografie, Leben, Meine Kunst, Musik, Natur, Psyche, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Farben im September (1): Septemberblau (Amorak)

Bei Heide von der Puzzleblume stieß ich heute auf Yuziskas neueste Challenge: Im September mit Farben.

Ich habe Lust, da mitzumachen, doch wie? Heide zeigt einen einfarbigen Gegenstand (hier), und das finde ich auch für mich die richtige Herangehensweise: Jeden Tag einer Farbe ein Post zu widmen.

Heute also Blau wie in „blauer September“. Schon stutze ich… Wie ist dieses September-Blau denn wohl?

Blau wie die Bluse, die ich heute trage? Wie die Wäschebehälter, die Gießkanne, die Thermosflasche, das Meer von Südamerika auf dem Plakat an der Küchenwand?

Nein, nein, das sind Chemiefarben, die treffen es nicht.

Blau wie die Kritzeleien, die ich mit meinen beiden blauen Buntstiften fabriziere?

Auch nicht! In den Attischen Himmel musst du schauen, wenn du das Septemberblau suchst! (Sofern ein Foto einen Eindruck davon geben kann.)

attischer Himmel, 1. September 2025, 12 Uhr mittags

Dieses Blau, das sich freilich erst aus dem Nebel herausschälen muss, meint wohl auch Möricke in seinem schönen Septembergedicht:

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Und auch Hesse scheint von diesem Blau zu träumen:

Mittag im September

Es hält der blaue Tag
Für eine Stunde auf der Höhe Rast.
Sein Licht hält jedes Ding umfaßt,
Wie man’s in Träumen sehen mag:
Daß schattenlos die Welt,
In Blau und Gold gewiegt,
In lauter Duft und reifem Frieden liegt. (…)

Das Septemberblau bedarf der Komplementärfarbe Gold – und so schaue ich, Stunden später, erneut in den Attischen Himmel. Und ja: da ist es, das warme Gold! Vielleicht ein wenig feuriger als das, das die deutschen Dichter im Sinne hatten, aber nun: Hier ist Griechenland.

Attischer Himmel,1. September 2025, 20.17 Uhr

Veröffentlicht unter Allgemein, Dichtung, Fotografie, kleine Beobachtungen, Natur | Verschlagwortet mit , , , , , , | 5 Kommentare

Der September und „der Stern“ (auf dem Kopf stehend)

Die Tarotkarte, die ich am 3. Januar, der 9. Raunacht, für den neunten Monat dieses Jahres, den September, zog, war „Der Stern“. Die Karte stand auf dem Kopf, aber das störte mich nicht: Wie unten so oben, sagten schon immer die Weisen, und ob wir nun das Wasser aus der Tiefe heraufpumpen oder es uns von oben herabströmt – es ist immer dasselbe Wasser, seit dem Beginn aller Tage.

Ich war sehr zufrieden mit der gezogenen Karte und schrieb beinah dithyrambisch: Der „Stern“ also soll meinem September leuchten, und das stimmt mich fröhlich. Denn wie auch immer im einzelnen interpretiert – der Stern strahlt klar, hell, verheißend, er visualisiert eine Zukunft, die als „Wasserfrau-Zeitalter“ wie ein Zauberbild über allem Heutigen schwebt. Hier liegt alles nackt und klar vor Augen, nichts braucht verhüllt und verschwiegen zu werden, nichts liegt miteinander im Streit. Ah, blauer September! Genau so kenne ich dich, genau so liebe ich dich vor allen anderen Monaten. Du bist Fruchtbarkeit und Ernte, Bläue und Licht. Tag und Nacht halten sich die Waage und beleuchten sich gegenseitig mit ihren Gestirnen.

Ich machte auch eine verheißungsvolle neurographische Zeichnung dazu.

Und fügte die Erwartung hinzu, dass wir Menschenkinder es einst schaffen werden, das, was jetzt noch Kopfgeburt ist (Freiheit, Gleichheit und brüderlich-schwesterliches Teilen), wirklich zu machen – also die Idee des Guten auf feste Füße zu stellen.

Nun sehe ich die Karten ja nicht als Prophetie, sondern als Aufgabenstellung. Welcher  Schwerpunkt ergibt sich aus dieser Karte für mich? Die Karte „Stern“ bedeutet Hoffnung, Inspiration, und dass der Stern über mir leuchten wird. Und wenn sie auf dem Kopf steht? Dann bedeutet sie: Standhalten, nicht verzweifeln, wenn sich Hoffnungen zerschlagen, Inspiration ausbleibt und kein Leitstern über mir leuchtet. Oder, auf die Weltverhältnisse bezogen: Wenn sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – anstatt dass wir ihnen näher kommen, in immer weitere Fernen entrücken, DENNOCH zu sagen wie Schiller in dem Gedicht, das ich auf der Treppenstufe „Wahn“ zitierte.  “

Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,

Es ist DENNOCH, das Schöne, das Wahre!

Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,

Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.

 

Tarotkarte „Der Stern“ als Legebild (hier)

Ich finde, das ist ein guter Vorsatz. Denn gerade in schwierigen Momenten ist es gut, keinen Widerstand aufzubauen, sondern sich dem Fluss anzuvertrauen, dabei den Kopf oben zu behalten, Kraft in sich selbst zu fühlen und, wenns nötig ist, kräftig schwimmend das Ufer zu erreichen. Natürlich hoffe ich, dass der September hält, was er verspricht an diesem ersten seidig-blauen Tag. Wenn aber nicht – dann kann ich auch das durchstehen und kann daran wachsen. Und so will ich mir weiter keine Gedanken machen und ruhig schauen, wie sich alles entwickelt.

(Blauer September. Legebild mit Schnipseln von Ulli Gau)

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Dichtung, Erziehung, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, neurografisches Zeichnen, Philosophie, Psyche, Tarotkarten-Legebilder, Träumen, Vom Meere, Zwischen Himmel und Meer | 5 Kommentare