Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt und speziell zum zweiten Foto:

Ein Liedchen auf Nepenthes
Was ist das für ne Pfanzenart?
Sie wirkt sehr kunstvoll und recht zart
Ein Tönnchen mit nem Deckel drauf
Und dieser Deckel, der ist auf.
Und nicht nur das: er ist geflügelt
Wie’n Hemdchen, das noch ungebügelt
Im Winde tanzt und von der Sonne
Sich trocknen lässt mit großer Wonne.
Mir scheint, der Name ist Nepenthes
So manche Blumenfrau wohl kennt es
Doch weiß sie auch, dass dieser Nam’
genauso bei Homer vorkam?
Nepenthes heißt: „ganz ohne Trauer“
Doch kannte man noch nicht die flower
Man nannte so den Menschen nur
Der lebt, von Trauer keine Spur.
So sind die Helden, die gern töten
Und sich mit Blut die Hände röten.
Ein schöner Jüngling fiel, na und?
Zum Trauern ist das doch kein Grund!
Nepenthes blüht und wartet still
Dass sich ein Jüngling nähern will
Und ist er da, so klappt sie munter
Den wunderhübschen Deckel runter.
O weh, da drin wird er verdaut
Mit seinen Locken, seiner Haut
Er wird zu Magensaft vergoren
Und ist für allezeit verloren.
Nepenthes heißt, ich traure nicht
Ich geh nicht mit mir zu Gericht.
Mir schmeckt es, wenn ich wen erhasche
Und langsam, mit Genuss vernasche.
Es gibt halt Pflänzchen, die sind so
Und manche Menschen sowieso.
Such nicht, sie anders zu erziehn
Sie blühen so, wie sie halt blühn.
Sie sind wie für den Krieg gemacht
Sie freuen sich auf jede Schlacht
Und hoffen, dass sie viele töten
Und sich mit Blut die Hände röten.
Nepenthes heißt, ich traure nicht
Ich geh nicht mit mir ins Gericht.
Erwisch ich einen, in den Leib
Treib ihm den Speer zum Zeitvertreib.

Abgebildet ist ein junger Athener, Dexileos, der in einer Schlacht bei Korinth gegen die Spartaner im Jahre 394 v. Chr. fiel. Er wurde kaum 20 Jahre alt. Seine Familie scheint ihn sehr geliebt zu haben, denn außer den beiden kollektiven Grabmälern, die die Stadt Athen für die gefallenen Kavalleristen an öffentlichem Platz aufstellen ließ, gaben die Verwandten des Toten diese heroische Darstellung des jungen Mannes in Auftrag. Sie ist jetzt im Museum des antiken Friedhofs von Athen zu sehen.
Die Komposition des Bildes mit seinen starken Diagonal-Komponenten ist spannend-angespannt. Da der Speer und die Zügel, die aus Bronze waren, fehlen (Metalle wurden häufig eingeschmolzen), ist die Wirkung ein wenig abgeschwächt. Man stelle sich die Diagonale des Speers und den scharfen Winkel der Zügel vor, der die angewinkelten Arme des Gefallenen wiederholt, um die ganze Raffinesse der Komposition zu erfassen.
Und noch etwas: der Reiter und der Gefallene schauen sich an. Die Tat bindet sie zusammen. In Wahrheit ist es Dexileos, der am Boden liegt, und der Held ist sein Mörder.
Es trauern die zurückgebliebenen Verwandten.
