In dieser kleinen Reihe von Überlegungen zur Malerei hat sich nach Pareidolien, Staffage und Bilddramatik ein weiteres Thema aufgetan: Wie stellen Maler eigentlich die Beziehung zwischen Mann und Frau dar?
Das Urpaar Adam und Eva wurde eigentlich erst im Mittelalter zum eigenständigen Thema – und auch da nur zögernd. Denn da war die Nacktheit, lockend und verboten zugleich. Wie sollte man die „Verführung“ darstellen, ohne die Sitten zu verletzen?
Zunächst belässt man es bei statuarischen Personen, die links und rechts vom Baum der Erkenntnis stehen, ausgestattet mit den Symbolen Apfel und Schlange. Doch mit ausgehendem Mittelalter und beginnender Renaissance wird das Urpaar ein beliebtes Thema. Ihre Nacktheit, im griechisch-römischen Altertum so freizügig dargestellt und gerade wiederentdeckt, ist nun kein Hindernis mehr. Die „Blöße“ wird freilich oft hinter einem Feigenblatt versteckt.
Die folgenden beiden Abbildungen sind von Masaccio ( 1401-1428), Frührenaissance. Frau und Mann stehen gleichberechtigt und stark unter dem Baum, aus dem eine weibliche Schlange hervorschaut. Sie ist sozusagen ein Double der Eva. Der junge Mann, der eben noch mit offenen begierlichen Augen auf die stattliche Eva blickte, bedeckt nun seine sündigen Augen, während Eva Scham und Brust bedeckt. Äpfel kann ich nicht entdecken. Und tatsächlich geht es nicht ums Apfelessen, sondern …
Ja, worum geht es eigentlich?
Man ahnt es, wenn man die „Vertreibung“ betrachtet: Der Mann hält sich die sündigen Augen zu, die Frau verbirgt ihre sündigen Geschlechtsmerkmale. Die beiden haben sich „erkannt“.
„Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie erkannten, dass sie nackt waren„ (1 Moses 3,7). Vom Erkennen der Nacktheit ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zu einem anderen Erkennen: „Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger…“ (1 Moses 4).
Die im deutschen Raum wohl bekanntesten Darstellungen von Adam und Eva stammen von Lucas Cranach dem Älteren (1472 – 1553) und Albrecht Dürer (1471-1528). Liebreizend, tändelnd, zugewandt und doch jede/r für sich. Die beiden sind gleich groß. Beide halten die „verbotene Frucht“ in Händen, wobei Eva sie nach oben, Adam aber nach unten führt. Dass es sich bei dem Apfel um ein sexuelles Symbol handelt, wird angedeutet, aber nicht expliziert. Eva ist aktiv-passiv: sie stellt sich dar. Adam, noch im Zustand der Unschuld, fühlt ihre Schönheit. Er ist passiv-aktiv: seine Aktivität ist herausgefordert.

Eine andere Darstellung, ebenfalls von Lucas Cranach d.Ä., zeigt eine vorsichtig-liebevolle Umarmung. Adam wirbt nun um Eva. Das ist so liebreizend dargestellt, dass kein Gedanke an Sünde aufkommt. Zwischen beiden herrscht Einvernehmen. Ist das nicht Liebe? Warum werden sie bestraft? Haben sich nicht sogar Hirsch und Löwe friedlich eingefunden?

Etwas deutlicher wird es bei dem Holzschnitt von Hans Baldung Grien (1484/85–1545): Die verbotene Frucht ist der Busen der Frau. Und der ist per se eine Verführung zur sexuellen Liebe. Sie hat zum „Untergang der Menschheit“ geführt (Lapsus humani generis). Die Häschen im Hintergrund bestätigen den Verdacht, dass es um die böse Sexualität geht.

Rembrandt hingegen inszeniert die Szene als ersten Paarkonflikt: Die Frau will von dem Apfel essen. Der Mann schreitet ein: Tu das nicht! Das ist gefährlich! doziert er mit einer Hand. Die andere Hand fährt zwischen Apfel und Frau, um … sie zu hindern? Oder um den Apfel zu ergreifen und selbst zu verspeisen? Die Verführerin wird zur dickköpfigen Ehefrau umgedeutet, die die Belehrungen des Mannes nicht hören will. Von Verführung keine Spur.
(weitere interessante Bemerkungen zu diesem Bild bei https://www.kunstgeschichte-in-einzelwerken.de/die-buchreihe/blog-archiv-einzelne-k%C3%BCnstler-und-einzelwerke/)
Die Künstler nehmen sich, je tiefer wir in die Neuzeit kommen, immer mehr Freiheit, die altbekannte Szene umzugestalten. Gustav Klimt (1862-1918) etwa lässt den träumenden Mann fast vollständig hinter einer hellwachen Schönheit verschwinden. Kein Apfel, keine Schlange. Es ist der Lobpreis der weiblichen Schönheit, was uns aus Klimts Bild entgegenstrahlt. Das sündige Weib? Oder vielmehr: das wiedergefundene Paradies des Mannes?
Für die Moderne beziehe ich mich wieder auf Max Beckmann (1884-1950). Für mich ist er besonders interessant, weil er das bei Hans Baldung Grien angesprochene Thema expliziert: die weibliche Brust ist der Apfel. Die Frau zeigt dem Mann den nährenden Busen – und so sehr er auch zurückschreckt, so sehr er sich auch bemüht, nicht hinzuschauen – er wird nicht wiederstehen können und wird von der verbotenen Frucht essen.
Doch was sind die Folgen? Erkennen die beiden nun den Unterschied zwischen Gut und Böse? Was ist gut? Was böse?
Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.
Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.
O, Mutter Eva! Hast du sie nicht beide an deinem Busen genährt? Und doch erschlägt ein Bruder den anderen. Nicht die Schlange und der Apfel und auch nicht Evas Busen haben das Unheil über die Menschheit gebracht, sondern die Wut, weil ein Kind dem anderen vorgezogen wurde.
Ich gebe zu, dass ich Kain verstehe. Ich bin eine Kain-Versteherin, auch wenn ich den Brudermord natürlich nicht billige. Aber soll man nicht zornig werden, wenn die gutgemeinte Opferhandlung zurückgewiesen wird? Ohne den Versuch einer Erklärung? Einfach so? Weil „ich der HERR bin“?
Wen ich definitiv nicht verstehe, ist der HERR. Warum verjagt er die Liebenden aus dem Paradies? Warum nimmt er Kains Opfer nicht an? Nein, ich verstehe ihn nicht. Und mir scheint, auch die Maler haben ihn nicht verstanden, sondern haben entweder die Geschichte einfach nacherzählt, wie sie ihnen überliefert wurde, oder sie haben versucht, irgendeinen Sinn darin zu entdecken. So wie ich auch.

(Schedelsche Weltchronik 1493)
Die ersten und vorletzten Bilder habe ich aus eigenen Büchern herausfotografiert. Die anderen Darstellungen habe ich Wikipedia oder anderen Internetquellen entnommen.