
Wer liebte ihn nicht: den Heiteren mit den klaren Farben? August Macke.
An einem Tag wie heute vor 110 Jahren ließ er sich in Frankreich erschießen. Freiwillig, heißt es, hatte er sich zum Soldatentum gemeldet, um im „Großen Krieg“ sogleich sein Leben zu lassen.
Wann immer von ihm die Rede ist, heißt es: „viel zu früh“ sei er gestorben. Zu seinem heutigen Todestag meint der WDR: „…der Künstler wird nur 27 Jahre alt. Am 26.09.1914, nur wenige Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs, wird August Macke auf dem Schlachtfeld in Frankreich getötet.“ oder der SR: „Auf den Bildern von August Macke ist das Leben ein endloser Sommertag. Genauso heiter und lebendig ist auch das Leben des Malers selbst – nur ist es viel zu früh vorbei.“

An ihn möchte ich heute denken. Und an diesen Widerspruch: was suchte der Heitere, Weitgereiste in jenem Krieg? Was suchen die Heutigen in ihren Kriegen?
Wie war es wirklich? War Macke wirklich freiwillig an die Front gezogen? Hatte er den Ernst der Situation nicht begriffen? Glaubte er an das, was ihm über den Krieg gesagt wurde? Hasste er gar die Franzosen, tötete und verdiente den Tod?
Mich quälen solche Fragen. Seit in der Ukraine der Krieg tobt und auch in Deutschland wieder von „Kriegstüchtigkeit“ geredet wird, fühle ich, dass es notwendig ist, sich vor der Frage nicht zu drücken: Soll ein junger Mann (manche sagen auch, um der Gleichberechtigung willen: eine junge Frau) dem „Ruf“ folgen, oder soll er alles dransetzen, um dem Krieg zu entfliehen, sofern er ihn nicht verhindern kann?
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Ich suchte im Netz nach Informationen, wie es denn damals wirklich um August Macke bestellt war, der immerhin 27 Jahre alt und Vater von zwei Kindern war. Hat er sich freiwillig gestellt? Warum? Und wie erging es ihm damit an der Front?
Das Netz ist zum Glück voller Information. Und so kann ich euch, sofern es euch interessiert, auf eine Materialsammlung zu diesem Thema verweisen (hier), der ich die folgenden Ausführungen entnehme:
Durch die Medien (weniger durch die Fachliteratur[1]) und vor allem das Internet geistert die Behauptung, August Macke[2] habe sich 1914 freiwillig an die Front gemeldet. Es existiert offensichtlich kein Dokument, das ausdrücklich beinhaltet, daß sich August Macke im August 1914 freiwillig zum Militär gemeldet hat, aber einige Materiaien, die indirekt aussagen, daß er gezogen wurde.
Zunächst unmittelbare zeitgenössische Materialien
1914 08 01 (Sonntag) – August an seine Mutter Florentine in Kandern[3]
Ich muß morgen, Montag, eintreten, am Freitag rücken wir wahrscheinlich ab. […] Ja, ihr Lieben, jetzt erleben wir etwas. Aber wir wollen die Kerle schon vermöbeln. Lisbeth ist sehr mutig, was mir große Beruhigung ist.
1914 08 02 – Auszug aus der Schulchronik der katholischen Schule Bergheim (Rhein-Sieg-Kreis)[4]
August 1. Krieg! Nähere Ursache [ist] die Ermordung des österreichischen Kronprinzen zu Sarajewo. Österreich erklärt an Serbien, das nicht volle Genugtuung leisten will, den Krieg (28.7.) [usw.] Das Gefühl der Ungewißheit ist fast kaum zu ertragen, da ertönt Samstag Abend gegen 7 Uhr die Gemeindeschelle und der Flurhüter verkündigt den Mobilmachungsfall. Erster Mobilmachungstag der 2. August. Schon an demselben Abend stellte sich mein zweiter Sohn, der hier auf Urlaub weilte, dem Bezirkskommando zu Siegburg. […]
August 2. Heute morgen in aller Frühe verkündigt der Flurhüter die Einberufung des Landsturms […]
1914 08 07 – Ein Photo aus den Beständen des Bundesarchivs
Von diesem Tag ist das Photo[5] datiert, das im Besitz des Bundesarchivs ist: Es zeigt – wenn die Beschriftung zutrifft – Soldaten des 160. Infanterie-Regiments (=9. Rheinisches), die feldmarschmässig durch eine Strasse marschieren – theoretisch könnte auch August Macke einer der abgebildeten Soldaten sein.
Eine Eintragung von Max Ernst in seinen biographischen Notizen[6]:
August 1914
Und dann die große Schweinerei. Niemand aus dem Freundeskreis hat’s eilig, sein Leben zu opfern für Gott, König und Vaterland. […] Die Haltung Mackes bleibt den Freunden vom Jungen Rheinland unbegreiflich.
Dann unmittelbare zeitversetzte Materialien
Elisabeth Mackes Passagen aus den Erinnerungen.
Sie schreibt, sie habe
mit diesen Aufzeichnungen, die ich im Jahre 1915 begonnen habe, […] den Versuch [gemacht], meinen beiden Söhnen eine Bild ihres Vaters zu bewahren.[7]
Damit können ihre Aussagen über August Macke nahe an die historischen Ereignisse heranreichen; andererseits muß bedacht werden, daß Elisabeth ihren Kindern ein positives Bild ihres Vaters vermitteln will – Schönfärberei oder Auslassungen sind theoretisch nicht ausgeschlossen, können aber m. E. in ihrem Buch nicht nachgewiesen werden.
Die erste zentrales Passage
Schon am 1. August wurde er eingezogen als Unteroffizier, und wenige Tage später rückte er mit dem Regiment ins Feld.[8]
Hier irrt Elisabeth leicht im Datum: die Mobilmachung wurde am 01. August verkündet, der erste Mobilmachungstag war reichsweit Montag, der 02. August.
Die Mobilmachung wurde durch Plakate und Zeitungsartikel verbreitet, in den Orten wurde der Mobilmachungsbefehl, der an die Gemeinden telegraphisch[9]durchgegeben worden war, „ortsüblich“ bekannt gegeben, d.h. unter Umständen, dass der Gemeindediener mit der Schelle durch die Strassen lief und den Befehl durch Ausruf verkündete. Jeder Reservist hatte in seinem Militärpass die sogenannte „Kriegs-Beorderung“[10]: darin war ihm am Ende seines Militärdienstes eingetragen worden, wo genau und wann genau er sich im Kriegsfalle zu melden hatte. Eine individuelle Benachrichtigung – z.B. durch Post – entfiel. Am 07. August, dem letzten Mobilmachungstag im Deutschen Reich, waren 3.822.450 Männer erfasst und einsatzbereit.
Die ca. 1 Million Kriegsfreiwilligen, die sich in den ersten Tagen meldeten, wurden erst später, teilweise erst im Januar 1915 eingezogen, sie kamen in die nach Abschluß der planmässigen Mobilmachung neu errichteten Feldtruppen.
Die zweite zentrale Passage
An dem letzten Abend, als wir von ihr [=Elisabeths Mutter] zurückkamen und August die Haustür aufschloss, sagt er zu [seinem Jugendfreund] Lothar [Erdmann]: »Also, ich vermache dir die Lisbeth, die Kinder und alles.« Ich, darüber entsetzt, erwiderte, um diesem Ausspruch den Ernst zu nehmen: »Aber du weißt ja gar nicht, ob ihm das recht ist […]«[11]
Ferner mittelbare zeitgenössische Materialien
1914 08 Anfang – August an Bernhard Koehler[12]
Junge, Junge, jetzt wird aber reingehauen. Hoffen wir, daß wir den alten Kriegern gefallen, und daß wir uns noch einmal wiedersehen. Dein August
1914 08 12 – August an Lisbeth, Mutter und Großmutter, aus Niedermerzig (Luxemburg)
Ich befinde mich sehr wohl. Wir liegen in einem großen Bauernhof. (liegen in der Sonne, baden, fangen Fische.) Die französischen Civilisten sollen noch schlimmer sein wie die Soldaten und immer aus den Fenstern schiessen. […] Um mich sorgt euch nicht. Einstweilen gefällt es mir recht gut.
1914 08 13 – August an Lisbeth
(Auf der Wiese mit Hurra-Schreien die Kühe verjagen.) Ich habe noch nie ein derartig feines Leben geführt. Morgens baden im Bach. Auf der Wiese herumliegen. Wir wünschen alle, es ginge weiter.
1914 08 17 – August an Lisbeth aus Niedermerzig
Jetzt sind wir schon acht Tage hier und glaubten, bloß einen Tag auf dem Durchmarsch zu sein. […] Im allgemeinen ist die Stimmung jetzt eine richtige nasse Manöverstimmung. Vom Krieg merkt man nicht viel. […] Aber wenn ich an die Kinder denke, dann packt mich immer eine wilde Verzweiflung, daß ich die nicht wiedersehen sollte. Ich will Dir, liebes Lieselchen, das Herz nicht schwer machen, das weißt du. Es ist ja nur Egoismus, wenn ich den Schmerz darüber empfinde, daß mir der Anblick der Kinder entrissen werden könnte.
1914 08 23 – August an Lisbeth
Diese Nacht haben wir ein schauderhaftes Nachtgefecht in einem Dorf [=Porcheresse, Belgien] gehabt, haben zwei französische Infanterieregimenter da hinausgeschmissen, viele Tote und Verwundete. Es war schauerlich. Ich bin wohl und grüße euch herzlich. August
1914 08 24 – August an Lisbeth aus Charière-sur-Semois
(Walter neben mir.)
1914 08 26 – August an die Lieben
Wir sind kurz vor Mézières, einer französischen Festung. […] Die Franzosen sind in wilder Flucht. Sie ziehen durch die Dörfer vor uns her und schreien «Sauve qui peut.» Ich glaube, Lothar [Erdmann[13]] hat nicht mehr viel zu tun. Euer August
1914 09 04 – Walter Gerhardt an seine Schwester Elisabeth[14]
Bei einem kurzen Halt ohne Schatten überholten uns die 160er. Ich ging ein Stück mit August. Er war schwarz von Staub im Gesicht und war zum ersten mal traurig, nicht lachend, wie sonst immer. Er sah mich immerfort durchdringend an, dann gab er mir die Hand und ließ sie gar nicht mehr los. Ich sagte: „Was ist dir heute? Du bist so anders.“ Er griff in die Tasche und wollte mir einen Pack Briefe aufdrängen. „Was soll das? Es sind doch Briefe an Dich?“ „ Ich brauche sie doch nicht mehr.“ Dann ließ er mich aus, und drehte sich noch einmal um und winkte, ohne noch ein Wort zu sagen.
1914 09 09 – August an Lisbeth aus Perthes
Es ist alles so grauenhaft, daß ich Dir nichts darüber schreiben mag.
1914 09 11 – August an Lisbeth aus Luxemont
Es ist alles sehr grausig.
1914 09 11 – August an Bernhard Koehler aus Luxemont
Ich würde es als ein unerhörtes Glück betrachten, wenn ich aus diesem Krieg zurückkäme.
1914 09 21 – August an Hans Thuar[15]
(von 250 Mann nur noch 59 am Leben.)
1914 09 21 – August an Lisbeth aus Somme-Pié
(Mitleid mit den verwundeten Franzosen, jetzt wieder 150 Mann)
1914 09 14 – Elisabeth Macke an Maria Marc[16]
Wo bleibt denn da die Menschlichkeit, wonach seit Jahren überall so gestrebt wurde?
Wiederum Elisabeth über Augusts Tunis-Reise
Was ihn sehr beschäftigte und ihn immer wieder ernst stimmte, war [im April 1914] die Begegnung mit französischen Offizieren in Tunis (Klee berichtet darüber), die in ihren Gesprächen einen baldigen Krieg mit Deutschland für möglich hielten.[17]
Die Auslandsreisen Augusts und Elisabeths
Die beiden sind zwischen 1907 und 1914 wiederholt ins europäische Ausland gereist (Italien, Schweiz, Frankreich) der Kunst wegen; von Herbst 1913 bis Frühjahr 1914 hat die ganze Familie Macke im schweizerischen Hilterfingen am Thuner See gewohnt; und dann ist Augsut Macke im April 1914 mit Paul Klee und Louis Moilliet nach Tunesien gereist. Jedes Bild – sei es in Deutschland oder in der Fremde entstanden – zeigt warme und neugierige Empathie für die abgebildeten Menschen. Aus keiner Silbe in Elisabeths Erinnerungen sprechen Verachtung oder Abscheu gegen Ausländer oder Haß auf Franzosen.