Das Wetter ist vom gestrigen Superwetter auf Ekelwetter umgeschlagen: grau, windig, kalt und nass. Weiter nördlich soll es in den Bergen sogar noch mal geschneit haben. April eben.

Ich hatte mich mit einer Freundin im Nationalen Archäologischen Museum verabredet, und als wir da ankamen, stellte sich heraus, dass außer uns noch ein paar Hundertschaften das Gleiche gedacht hatten. So viele Menschen habe ich in diesem eher von den Touristenrouten abgelegenen, aber renomierten Museum noch nie gesehen. Vor allem waren viele Schulklassen und Eltern mit Kleinkindern unterwegs.

Etwas enttäuscht war ich, dass das Ausstellungskonzept, das zwischenzeitlich richtig spannend war, nun wieder ins alte Geleise zurückgekehrt ist: Münzen über Münzen, Vase an Vase, Statue neben Statue… Viel, sehr viel, allzu viel für meinen Geschmack. Denn wie kann man sich da noch konzentrieren und etwas hinzulernen?
Denn bekannt ist das alles ja irgendwie. Die rotschwarzen, die weiß-roten Vasen, die Amphoren mit den runden Griffen, mit den verzierten Henkeln, die Darstellungen der Geschichten, die sich erst die Griechen und dann ganz Europa und schließlich die ganze Welt erzählte von Zeus, der in Schwanengestalt die Leda schwängerte, von Aphrodite, die aus dem Schaum des Göttervaters geboren wurde, von Theseus, der mithilfe von Ariadne den Minotaurus bezwang und sie dann verriet…
Nun gut, nicht jeder kennt heute diese Mythen, ich aber bin mit ihnen aufgewachsen. Und sehe sie wieder und wieder dargestellt.
Wenn ich mich aber auf das eine und andere konzentriere, staune ich doch immer wieder. Nehmen wir zB diese Hochzeitsvase:
Es ist eine in einer Reihe mit vielen ähnlichen. Offenbar war es im 5. vorchristlichen Jahrhundert Sitte, den Neuvermählten solch eine Vase (oder ist es eine Leuchte?) zu schenken. Und nun schau dir die „Nebenzeichnung“ im Ständer einmal genauer an.
Wie tief und lebendig ist dieser Blick der beiden Liebenden, auch jetzt, dreitausend Jahre nach dem „schönsten Moment“ – festgehalten mit wenigen Linien.
Zweitausend Jahre älter als das Hochzeitspaar sind die nächsten Figürchen – und zugleich viel moderner. Denn merkwürdig geht es in der Kunstgeschichte zu: erst wurde die „klassische“ griechische Kunst während der Renaissance wieder entdeckt und belebt, und als man sich an ihr abgearbeitet hatte, wandte man sich den noch viel älteren Ausdrucksformen zu, darunter eben auch den kykladischen Statuetten.
Die viel jüngere Vasenmalerei hat aber auch ihren Beitrag zur Moderne geleistet, und zwar nicht nur durch die Inhalte, zB Minotaurus, der Picasso zu so vielen seiner Zeichnungen und Gemälde inspiriert hat.
Wenn wir nun noch einmal zweitausend Jahre zurück ins dritte vorchristliche Jahrtausend nach Mykene (Peloponnes) abtauchen, treffen wir auf die vortrefflichsten Arbeiten aus purem Gold: Masken, Gehänge, Münzen, Becher… oder auch diese Waage, auf der die Seele nach dem Tode gewogen wird.

Mit der goldenen Waage sind viele goldene Gewichte ausgestellt – mit verschiedenen Mustern. Welches Muster würde dir denn fürs Wägen deiner Seele gefallen?
Dass man sich Gedanken machen sollte, was es mit dem Tod und der Seele auf sich hat, vergisst man vielleicht angesichts der nun aufgedeckten und kunstvoll arrangierten Skelette unserer Vorvorderen.
Der eine starb jung, der andere alt, der eine hatte gute Zähne, dem anderen fehlten sie … na und? Sie sind beide seit sehr langem tot. Und doch erschrecken wir ein wenig. Was das kleine Mädchen wohl denkt und fühlt, wenn es den Schädel eines toten alten Mannes so plötzlich vor sich sieht?

Der kleine Junge auf dem rasenden Pferd – wüsste er eine Antwort auf die unausgesprochene Frage des kleinen Mädchens?

Dass am Ende, angesichts unserer Vergänglichkeit, damals wie heute, nur die Liebe zählt? Und dass die Liebe eine sehr sehr schöne, schwierige und…
ernste Angelegenheit ist? (Aphrodite reitet auf dem Schwan)
