Heute war in der Zeichenschule wieder Modellzeichnen, und ich sagte alle anderen Termine ab, denn das sind leider seltene Gelegenheiten.
Heute war in der Zeichenschule wieder Modellzeichnen, und ich sagte alle anderen Termine ab, denn das sind leider seltene Gelegenheiten.
Nun bin ich auf der letzten Stufe des vierten Abschnitts der Holsteiner Treppe angekommen, und das dort eingravierte Wort heißt „LIEBE“. Tausende von Texten fallen mir da ein, aber zuerst und an oberster Stelle steht der 1. Paulus-Brief an die Korinther, dessen Kernstück als Hohelied der Liebe bezeichnet wird.
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Am schönten ist natürlich der Urtext. In der Luther-Übersetzung (die ich der sogenannten „Einheitsübersetzung“ vorziehe) heißt es:

Landschaft bei Korinth (Fehlfarben)
Die eigentliche Botschaft des Christentums ist die allumfassende, bedingungslose, Leben spendende und erhaltende, den Tod überwindende Liebe. Alles andere wird vergehen, die Liebe aber wird bleiben.
Zu Beginn rezitiert Gaitanos den Text. Der Gesang beginnt bei 4.01
Zusammenkommen? Automatisch fallen mir die drei Hexen aus Shakespeares Macbeth ein – und damit zugleich auch Fontanes „Die Brück‘ am Tay“ mit dem hämmernden Resümee:
Tand Tand ist das Gebilde von Menschenhand
Ihr kennt diese Ballade sicher alle, und auch die Entstehungsgeschichte ist hier im Blog und anderswo schon erzählt worden. Christiane hat sie in ihrer Balladenwoche von 2017 besprochen (hier). Ich erspare mir daher weitere Ausführungen und erinnere nur noch mal an die ersten Verse:
„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“
„Um die siebente Stund, am Brückendamm.“
„Am Mittelpfeiler.“
„Ich lösche die Flamm.“
„Ich mit.“
„Ich komme vom Norden her.“
„Und ich vom Süden.“
„Und ich vom Meer.“
„Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.“
„Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund?“
„Ei, der muß mit“
„Muß mit.“
„Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand!“
Zusammentreffen ist etwas anderes als Zufall – im Griechischen σύμπτωση („Zusammenfall“) – insofern, als beim Zusammentreffen eine Absicht unterstellt wird, die dem Zufall fehlt. Und doch ist dieser Unterschied bei genauerem Hinsehen nicht wirklich aufrechtzuerhalten. Denn ist es nicht oft genug das unkontrollierbare „Zusammenkommen“ von Umständen, das den Gang der Geschichte bestimmt?
Gerade lese ich „Les miserables“ (die Elenden) von Victor Hugo und dort seine Beschreibung der Schlacht von Waterloo. Der Ausgang war für Napoleon bekanntlich katastrophal. Doch warum fiel ihm der Sieg nicht zu? Wegen des Zusammentreffens verschiedener kleiner, unbedeutender Umstände – beginnend mit dem für die Jahreszeit ungewöhnlichen Regen über das Vorhandensein einer zugewachsenen Mauer und einen nicht beachteten Hohlweg bis hin zur Wegweisung der Blücherschen Heers durch einen Hirtenknaben. War’s der „Zufall“, die „Vorsehung“ oder der „Herrgott“ persönlich, der die Dinge und Menschen so und nicht anders zusammentreffen ließ? Hugo kann sich nicht entschließen, wie er dieses Phänomen benennen soll. Er spricht auch vom „Gott gesandten Zufall“ oder auch vom „Odem Gottes“ (S.299 bzw 298 meiner Ausgabe). Die Niederlage Napoleons, so Hugo, kann man zwar als eine Reihe von Begebenheiten – Begegnungen, Täuschungen, Zufällen – beschreiben, wie es die Geschichtswissenschaft tut, aber seine Niederlage lasse sich so nicht erklären, denn sie habe einen anderen Grund:
„War es möglich, dass Napoleon die Schlacht gewann? Wir antworten: Nein! Nicht weil er Wellington oder Blücher, sondern weil er Gott zum Feinde hatte. – Ein Sieg Bonapartes bei Waterloo hätte zu einer Entwicklung und Umwälzung, die das neunzehnte Jahrhundert bringen sollte, nicht gepasst. Es war Zeit, dass der Ungeheure fiel. Er wog zu schwer in der Waagschale der Weltgeschichte… Der höchste Richter musste Abhilfe schaffen. Wahrscheinlich beschwerten sich die Mächte, von denen die moralische Ordnung abhängt, über das viele Blutvergießen. Auf diese Anklage hin wurde Napoleons Sturz beschlossen. Er fiel, weil er dem Herrgott im Wege war.“ (S. 287-8)
Diese Vorstellung, dass unsichtbare Mächte – seien es Hexen wie in der Ballade von der „Brück am Tay“, seien es geistige Hüter der Weltentwicklung oder der Herrgott höchstpersönlich – das Zusammenkommen von Menschen und Ereignissen arrangieren, ist offenbar weit verbreitet, und auch ein Aufklärer wie Hugo mag nicht an das blinde Walten des Zufalls glauben.
Es ist eben eine menschliche Eigenschaft, im Chaos Sinn stiften zu wollen, und was vor Ort oft nicht gelingen will, gelingt doch fast immer post hoc (nachdem etwas eingetreten ist). Da sagt man dann: „Es musste so kommen!“ Und vielleicht ist es ja auch so.
Beide Bilder sind mit Schnittresten gelegt, die mir Jürgen Küster einst schenkte.
Lanze – erwidern – streng sind die drei Wörter, die Heide von der Puzzleblume fürs heutige Drabble ausgesucht hat. In den dazu erdichteten Kata-Strophen spiele ich mit Namen: Gerda ist zusammengesetzt aus Ger und da bedeutet ungefähr: „die mit der Lanze Dastehende“, Germanen sind die Lanzenträger und die Deutschen sind, ausgehend vom englischen Wort Germans, das, was man heute ein „kriegstüchtiges Volk“ nennt.
Der folgende Dialog spielt sich zwischen einer griechischen Pygmalia (Faustkämpferin) und mir (Gerda) ab.
„Hej Gerda, alte Lanzenträgerin,
Hast du Lust auf einen Streit?
Ich bin’s, Pygmalia, mit Fäusten Schlägerin,
Stell dich zum Kampf bereit!“
Doch ich erwiderte ihr ganz gelassen
Versuchte auch, Pygmalias Hand zu fassen:
„Nicht Lanzenträger waren die Germanen
Sie trugen Gere, die man warf
Das Wort ererbte ich von meinen Ahnen
Und man verwendet es noch heute nach Bedarf
Für Namen, auch für Völkerschaften
Für Gerhard, Gerda, Gertrud und Gerlinde
Der Ger blieb uns im Namen seither haften
Doch gibt man ihn nur selten noch dem Kinde.
Heut ruft man: Waffen nieder!
Der Krieg ist aus! und: Krieg nie wieder!
Gestern öffnete der verhinderte Dichter Balduin Bählamm spaltbreit ein Erinnerungskästchen, heute darf er das Wort „schmachten“ vertreten. Wilhelm Buschs Dichter-Kreatur, der arme Poet, dem die krude Realität so böse Streiche spielt und der seine heilige Pflicht dennoch keinen Augenblick verrät, muss hier einfach einmal in Erscheinung treten. Denn um Dichtung handelt es sich ja bei diesem Treppenaufstieg vor allem. Möge der Mond der Poeten auch mir die Stufen beleuchten!
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Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich, Das Dörflein ruht im Mondenschimmer, Der Dichter aber schwärmt und dichtet.
![]() Illustration der Szene durch Wilhelm Busch O weh! Balduin Bählamm schwärmt, aber er schmachtet nicht! Da hat mich mein Gedächtnis doch glatt betrogen. Wieder muss ich Balduin zurück in den Erinnerungskasten sperren (ja, dem Armen gelingt wirklich gar nichts!) und jemand anderen hier hersetzen. Doch wen? Da fällt mir ein: Es gibt doch noch andere als die ewig unglücklich-glücklich verliebten Poeten, die schmachten! Die Erde! Das Vieh! Sie schmachten nach Regen. Ich weiß, ihr schmachtet grad nach Sonne, bei uns aber, hier im mediterranen Raum, ist es der Regen, der fehlt. Und so singe ich auf dieser Stufe aus vollem Halse das Regenlied von Matthias Claudius (1740-1815). Der Dichter stammte aus Holstein, starb schließlich in Hamburg – dürfte sich also mit Regen bestens auskennen. Und doch! Christiane hat dies Lied auch schon mal veröffentlicht, und zwar am 25. Juli 2022 (hier), denn vor drei Jahren jammerten sogar die Hamburger, dass es zu trocken sei. Ich sags ja: Das Wetter ist mal so, mal anders! Ein Lied um Regen
![]() „Schamanischer Regen“, neurografische Zeichnung
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Am 27.7.2017 machte ich eine Zeichnung, die ich langsam verwandelte und dazu auch einen kleinen Text schrieb. Den Eintrag fand ich heute, als ich, der Aufforderung von Heide von der Puzzleblume folgend, mich hinab in die Archive begab. Ich weiß, es soll immer nur ein Bild veröffentlicht werden – aber wäre es nicht schade um die Verwandlungen und den Text, an den sich nach acht Jahren sicher niemand mehr erinnert? Hier also: Es beginnt mit einer Kohlezeichnung auf Papier von der Rolle.
Kleiner Harfe Zitterklänge …

wuchsen Flügel, wollten fliegen …

fielen auf das Wasser nieder …

trübten es mit feinen Rinnen

Kam ein Schneider, trug sie fort.
Dachte sich ein Kleid zu machen
aus den Zitterharfen-Klängen
doch in seinen groben Händen
klumpten sie und welkten hin

Rötlich wurde das Gewebe

wie die Blätter, wenn im Herbste
in das Laub die Stürme fegen
und es von den Bäumen reißen
hierhin, dorthin, zu dir hin.

Lieber Random, du hast am 13. Juli dieses Jahres unter https://randomrandomsen.wordpress.com/2025/07/13/ eine „Wassermusik“ gepostet, die mir gerade recht kommt.
Algues
Bernard Andrès
Ich fand noch eine andere, sehr kraftvolle Interpretation der Suite durch Oboe und Harfe.
Verliebtsein ist fast wie das Zahnweh des verhinderten Dichters Balduin Bählamm, nur schöner
Wilhelm Busch:
Und aus ist’s mit der Weltgeschichte,
Vergessen sind die Kursberichte,
Die Steuern und das Einmaleins.
Kurz, jede Form gewohnten Seins,
Die sonst real erscheint und wichtig,
Wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Joseph Freiherr von Eichendorff hat den Zustand der Verliebtheit wunderbar in Worte gefasst: die Welt ist ganz und gar verzaubert, wenn das Herz verliebt ist, und nichts, nichts anderes als das geliebte Du kann Anspruch auf Aufmerksamkeit erheben.
Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
Glück
„Wie jauchzt meine Seele
Und singet in sich!
Kaum, dass ich’s verhehle
So glücklich bin ich.
Rings Menschen sich drehen
Und sprechen gescheut,
Ich kann nichts verstehen,
So fröhlich zerstreut. –
Zu eng wird das Zimmer,
Wie glänzet das Feld,
Die Täler voll Schimmer,
Weit herrlich die Welt!
Gepresst bricht die Freude
Durch Riegel und Schloss,
Fort über die Heide!
Ach, hätt ich ein Ross! –
Und frag ich und sinn ich,
Wie so mir geschehn?: –
Mein Liebchen herzinnig,
Das soll ich heut sehn.“
Dieses Gedicht führt zurück auf die erste Stufe der Holsteiner Treppe: „Glück“. Das war Goethe der glücklich Verliebte (hier). Aber halt! Ich werde doch nicht etwa wieder zum Anfang zurückkehren? Was wartet denn auf der nächsten Stufe auf mich?
Auch heute wechselte ein großes Bild die Besitzerin, und ich eilte hocherfreut zur Ausstellung, um Ersatz zu bringen. Witzig und irgendwie auch typisch war, dass sich eine Frau, die mich die Tänzerinnen zum Auto tragen sah, anhielt und hoch interessiert war, es zu erwerben… Dasselbe ist mir bei anderen Ausstellungen passiert: kaum verkauft man mal was, gibt es Anwärter auf dasselbe Bild.
Die Tänzerinnen gehen nach Paris, das Männerportrait geht nach England. Als Ersatz brachte ich ähnliche Motive aus der gleichen Epoche in gleicher Größe mit. Nun bin ich gespannt. ob sich dafür auch noch Liebhaber finden…
Michael Lentz (Bachmann-Preisträger von 2001) : „Zuneigung ist das Wort. Das lange gesuchte. Das verlorene. Zuneigung ist eine verkürzte Zueignung. Ich neige dir zu, könnte auch ein Schiefstand sein. …Ich empfinde unter dem Wort Zuneigung etwas Umfassendes. Ganz zugeneigt. Unberührbar und triebhaft zugleich.“ (Quelle)
Goethe oder Ringelnatz? „Zueignung“ oder „Ich hab dich so lieb“?
(aus Johann Wolfgang von Goethe, „Zueignung“, Gedichte, Ausgabe letzter Hand 1827)

Dazwischen scheinen Welten zu liegen. Doch ist es die Dame Poesie, die beiden die Worte eingibt, um ihrer Zuneigung bzw Zugeneigtheit Ausdruck zu geben: Die aber ist „unberührbar und triebhaft zugleich“, wie Michael Lentz sagt (s.o.), gedeiht am besten bei zugeneigter Distzanz. Das Geliebte wird umso liebenswerter, als es in der Ferne verschwindet. Was bleibt? Joachim Ringelnatz sagt es: „Wir können nicht bleiben“.
Joachim Ringelnatz
Ich habe dich so lieb (1928)
Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zumut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.
Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
an einem Sieb
Ich habe dich so lieb.
Eine eindrucksvolle Rezitation fand ich hier!