Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Ein Gedicht von Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857) über das Verlassenwerden wurde zum deutschen Volksliedgut und ist daher auch mir aus meiner Kindheit wohlvertraut: „In einem kühlen Grunde“ wurde 1813 unter Pseudonym als „Lied“ veröffentlicht. Eichendorff nahm es dann in seinen 1812 geschriebenen und 1815 veröffentlichten Roman „Ahnung und Gegenwart“ auf. 1826 erschien es erneut im Anhang der Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“.
Joseph von Eichendorff
Das zerbrochene Ringlein
In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.
Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.
Ich möcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und gehn von Haus zu Haus.
Ich möcht als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.
Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!
Häufig finden sich unerwartete Übergänge zwischen den Einträgen der Treppenstufen, so auch in diesem Fall: Vorgestern postete ich das Nietzsche-Gedicht „Verzweiflung“, und heute entdeckte ich Nietzsches Vertonung des Eichendorff-Gedichts als „Melodram für Sprechstimme und Klavier“ (1863)! Hier das erste Blatt der Handschrift:
Quelle hier
Bekannt aber wurde das Gedicht vor allem durch die erste Vertonung durch den Zeitgenossen Eichendorffs, den Pfarrer und Komponisten Friedrich Glück (1793-1840), die auch einer Interpretation von 1905 durch Franz Porten zugrundeliegt. Die seltene Original-Tonaufnahme fand ich, wie auch viele andere Informationen, bei Wikipedia.
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In dieser Form fand es auch Eingang in die „Kommersbücher“, also die speziell für studentische Verbindungen zusammengestellten Liederbücher, seit diese aufkamen. Die Geschichte dieser Liederbücher für Studenten ist übrigens auch von historischem Interesse und bei Wikipedia
nachzulesen. Da mein Vater Mitglied in einer studentischen Verbindung war und das Lied (so sagte man mir) mit großer Freude sang, vermute ich, dass es auf diese Weise in unsere Familie gelangte. So richtig glaubwürdig fand ich den Text jedoch nie, denn waren es nicht die Männer, die ihre treu zu Hause bleibenden Frauen und Kinder verließen, um in den Krieg zu ziehen? Und mir schien, dass sich auch dieser Mann da, der sich beklagte, schon längst getröstet hatte, indem er lustig hinauszog in die Welt und nun, zurückblickend, die vergangene Idylle noch ein wenig sentimental betrauert. Wie auch immer… Jedenfalls hatten die Männer einen Ausweg, die verlassenen Frauen aber nicht. Das empfand ich als Mädchen sehr deutlich, und es erbitterte mich. Mir sollte das nicht passieren, schwor ich mir. Ehe ein Mann mich verließ, würde ich ihn verlassen! Ob das nun klug war?












