Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Vom Fisch zum Vogel: Wandlungen zwischen Himmel und Meer
Wie Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ sagt, endet „des Lebens Ruf an uns“ auch nach der letzten Stufe nicht, denn ein neuer Aufbruch steht bevor.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Für diesen neuen Aufbruch, da braucht es Mut! Der Düsseldorfer Künstler Horst Gläsker, der zusammen mit seiner Frau Margret Masuch-Gläsker die Holsteiner Treppe in Düsseldorf gestaltete, hat weise verschwiegen, dass es eine 113. Stufe gibt. Und die trägt das Wort „MUT“. Ich habe wieder und wieder gezählt. Der letzte Treppenabschnitt hat elf Stufen, das macht eine Stufe mehr als 112.
Die Treppe hat 113 Stufen.
Mut braucht es, um zu leben, Mut braucht es, um zu sterben. Mut braucht es, um weiterzumachen, Mut braucht es, um aufzubrechen.
„Mut hat auch der kleine Muck“ ist meine Lebensdevise, so schrieb ich, und obgleich hier Mitlesende meinten, dass Wilhelm Hauffs „Kleiner Muck“ überhaupt nicht besonders mutig und nicht mal besonders sympatisch ist, bleibe ich dabei. Mach aus dem Muck eine Mücke, wenn dir das besser gefällt! Mut braucht auch die! Mut brauchen wir alle, immer und jeden Tag.
Es gibt freilich zwei Arten von Mut, und die unterscheidet die griechische Sprache. Das alte Wort dafür ist ΘΑΡΡΟΣ (tharros): Θ wird gesprochen wie das scharfe englische th, indem man die Zungenspitze von Innen gegen die nur leicht geöffnete obere Zahnreihe drückt und einen starken Atemstrom dagegen presst. So entsteht im Versuch, das Hindernis der Zähne zu überwinden, ein dumpf-zischender Laut.
In der Buchstabenfolge des Alphabets steht Θ an achter Stelle.
Im „Alphabet des freien Denkens“*, das ich 2016-17 im Austausch mit Ulli Gau gestaltete, habe ich diesen Buchstaben „vergessen“. Ich wollte ihn immer nachtragen, tat es aber nie. Es ist ein ganz besonderer Buchstabe: ein Tor mit einem Riegel. Die Worte ΘΥΡΑ und ΘΕΟΣ – Tür/Tor und Gott – beginnen mit ihm.
Θ
„Vor dem Gesetz“ heißt die wohl bekannteste Erzählung von Franz Kafka (1883-1924), die einzige aus dem Romanprojekt „Der Prozess“, die er selbst veröffentlichte (1915). Hier der Volltext. Es lohnt sich, sie wieder und wieder zu lesen. Franz Kafka selbst vermerkte in seinem Tagebuch, dass er „Zufriedenheits- und Glückgefühle“ empfand, als er den Text abermals las.
Es ist die Geschichte von einem einfachen Menschen (Mann vom Lande), der zum „Gesetz“ gelangen möchte, sich aber nicht traut, ohne ausdrückliche Erlaubnis am Türhüter vorbei hineinzugehen. Ein Leben lang studiert er diesen Türhüter, der ihm schrecklich zu sein scheint und der ihm bedeutet, dass nach ihm andere, viel schrecklichere Türhüter zu passieren wären. Das schreckt den Mann noch mehr ab. Schließlich gehts ans Sterben:
Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen?“ fragt der Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz,“ sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
Was fehlte diesem Mann? Θαρρος-Mut fehlte ihm, an Türhütern vorbei durch die Türen zu gehen, die sich ihm öffneten und ihn „zu neuen Räumen“ (Hesse) geführt hätten. Dieser Θαρρος-Mut ist ein Mut des Aufbruchs ins Unbekannte und des Neubeginns.
Daneben gibt es ein anderes, heute üblicheres Wort für Mut: κουράγιο (couragio). Es ist dasselbe wie das italienische corragio, das französische courage, das englische courage. Bertold Brechts (1898-1956) Mutter Courage*ist für mich der Inbegriff des Muts des Durchhaltens: Weitermachen, nicht Aufgeben! Couragio! Einem Kranken, einer Mutter mit behinderten Kindern, einem Strafgefangenen wünscht man: couragio! Lass dich nicht unterkriegen! Trage tapfer deine Last! Von Aufbruch kann da freilich keine Rede sein, alles ist Wiederholung, bis die Kräfte sich aufgezehrt haben und es eben nicht mehr weitergeht. Diese Art von Mut hat auch der Mann vor dem Gesetz: Er verlässt seinen Platz nicht, er gibt nicht auf, sondern versucht wieder und wieder, den Türhüter umzustimmen.
Couragio – ja, den braucht es im täglichen Leben. Noch einmal die paar Schritte zur Haustür schaffen, noch einmal aufstehen, noch einmal die zerfallenden Zähne putzen, noch einmal den Heizungsmonteur anrufen, noch einmal den Tag über schuften, um die Kinder satt zu bekommen… die vielen kleinen Plagen, die stings and arrows wie Hamlet ertragen, und wie Macbeth klagen: „tomorrow and tomorrow and tomorrow creeps in this petty pace from day to day …“(hier).
Schon die Bibel (Psalm 90,10, Luther-Übersetzung) kennt diese Art von Mut: „Das Leben währet 70 Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s 80 Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen…“
Der Couragio-Mut ist das tägliche Brot. Der Tharros-Mut ist etwas ganz anderes. Ihn braucht man, um am Türhüter auch ohne dessen Erlaubnis vorbeizugehen, ihn braucht man, um der Staatsmacht entgegen zu treten und auch, um sich selbst zu überwinden. Ihn braucht man, um Routinen zu brechen, vor großen notwendigen Verwandlungen nicht zurückzuschrecken, und vor allem in der Todesstunde, beim Aufbruch ins vollkommen Unbekannte, wird man ihn brauchen.
Nur Mut!

Dora und Jonas auf dem Himmelsschiff Wal
*Den Laut Θ habe ich auch im Wort Anthropos besprochen. „Das T wird zum stimmlosen Reibelaut Θ (zu sprechen wie thank you). Θ ist das Zeichen für das Göttliche. ΘΕΟΣ (Theos) = Gott. … Dieses Θ nimmt aber auch die Bedeutung von Schauen an (Θεατρο = Theater, θεαμα = Show, Θεα = Sicht, Aussicht). ΑΝΘ (anth) bedeutet mithin : „Gegenüber dem erschauten Göttlichen“.
Auch im Wort „Ελευθερία“ (Eleftheria) – Freiheit kommt es vor. Im „Alphabet des freien Denkens“: hier und hier.
**1938/39 von Bertold Brecht unter Mitarbeit von Margarete Steffin im schwedischen Exil verfasstes Drama über eine Marketenderin im Dreißigjährigen Krieg. 1941 in Zürich uraufgeführtes Drama. Mutter Courage versucht, mit dem Krieg Geschäfte zu machen, verliert dabei ihre drei Kinder, aber sie lässt sich nicht unterkriegen und zieht weiter: „Der Frühling kommt, Wach auf, du Christ! Der Schnee schmilzt weg, die Toten ruh’n, Und was noch nicht gestorben ist, Das macht sich auf die Socken nun!