Farben im September (24): Tomatenrot

Geduldig schaute ich dem Reifen der Tomaten zu, die sich in meinem Garten entschlossen hatten, sich aus der Blüte zur Frucht zu entwickeln. Oft zweifelte ich, ob sie es vor Herbstanfang schaffen würden. Gestern nun, wie zum Glockenschlag, waren sie rot genug, um sie zu ernten. Es war auch hohe Zeit, denn sie hatten begonnen, sich auf der Seite des Stengels zu spalten.

Du sagst vielleicht: och, so viel Aufwand für drei kümmerliche Tomaten? Ich aber habe mich riesig gefreut, dass es diese drei geschafft haben. Sie wurden bereits mit Olivenöl, Salz und Zwiebeln als Salat verspeist und schmeckten extra-lecker. Ein paar grüne gibts auch noch. Mal sehen, ob die Sonne reicht, auch die noch zu röten.

Dies ist mein 24. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

 

Veröffentlicht unter Farben, Fotografie, Natur, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , | 5 Kommentare

Dienstagsdrabble: Erziehungsstile – Erziehungsziele (kata-strophisch)

Dienstag ist Drabble-Time. Heide von der Puzzleblume hat diesmal die Wörter

Argumente – fühlen – unscheinbar

vorgegeben, damit wir darum eine Geschichte aus genau 100 Wörtern bauen. Ich habe es wieder mit Kata-Strophen versucht, diesmal im Reimschema a-b-b-a, um die Sache etwas komplizierter zu machen.

Erziehungsstile – Erziehungsziele

Wer nicht hören will, muss fühlen

Sprach die Mama, denn sie meinte

Dass der Nachwuchs, wenn er weinte

Schnell begriff, dass an den kühlen

 

Tagen, wenn der Winter kommt

Ganz egal ob man sie liebe

Denn ansonsten setzt es Hiebe

Eine Jacke jedem frommt

 

Argumente braucht es keine

Ein Befehl tut es ja auch

So war es schon allzeit Brauch

Zu gehorchen hat der Kleine.

 

Und sie wütet und sie haut

Ihren Kleinen, der sich windet

Und dies als brutal empfindet

Und nach einem Ausweg schaut.

 

Lächerlich und unscheinbar

Scheinen solch Erziehungssachen

Soll man wirklich drüber lachen?

Wünschenswert dein Kommentar.

Veröffentlicht unter Allgemein, Drabble, Erziehung, Glasscherbenspiel, Legearbeiten, Meine Kunst, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 6 Kommentare

112 Stufen, 113: Mut (θαρρος/κουράγιο, Hermann Hesse, Wilhelm Hauff, Franz Kafka, Bertold Brecht, Shakespeare)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Vom Fisch zum Vogel: Wandlungen zwischen Himmel und Meer

Wie Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ sagt, endet „des Lebens Ruf an uns“ auch nach der letzten Stufe nicht, denn ein neuer Aufbruch steht bevor.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Für diesen neuen Aufbruch, da braucht es Mut! Der Düsseldorfer Künstler Horst Gläsker, der zusammen mit seiner Frau Margret Masuch-Gläsker die Holsteiner Treppe in Düsseldorf gestaltete, hat weise verschwiegen, dass es eine 113. Stufe gibt. Und die trägt das Wort „MUT“. Ich habe wieder und wieder gezählt. Der letzte Treppenabschnitt hat elf Stufen, das macht eine Stufe mehr als 112.

Die Treppe hat 113 Stufen.

Mut braucht es, um zu leben, Mut braucht es, um zu sterben. Mut braucht es, um weiterzumachen, Mut braucht es, um aufzubrechen.

„Mut hat auch der kleine Muck“ ist meine Lebensdevise, so schrieb ich, und obgleich hier Mitlesende meinten, dass Wilhelm Hauffs  „Kleiner Muck“ überhaupt nicht besonders mutig und nicht mal besonders sympatisch ist, bleibe ich dabei.  Mach aus dem Muck eine Mücke, wenn dir das besser gefällt! Mut braucht auch die! Mut brauchen wir alle, immer und jeden Tag.

Es gibt freilich zwei Arten von Mut, und die unterscheidet die griechische Sprache. Das alte Wort dafür ist ΘΑΡΡΟΣ (tharros): Θ wird gesprochen wie das scharfe englische th, indem man die Zungenspitze von Innen gegen die nur leicht geöffnete obere Zahnreihe drückt und einen starken Atemstrom dagegen presst. So entsteht im Versuch, das Hindernis der Zähne zu überwinden, ein dumpf-zischender Laut.

In der Buchstabenfolge des Alphabets steht Θ an achter Stelle.

Im „Alphabet des freien Denkens“*, das ich 2016-17 im Austausch mit Ulli Gau gestaltete, habe ich diesen Buchstaben „vergessen“. Ich wollte ihn immer nachtragen, tat es aber nie. Es ist ein ganz besonderer Buchstabe: ein Tor mit einem Riegel. Die Worte ΘΥΡΑ und ΘΕΟΣ – Tür/Tor und Gott – beginnen mit ihm.

Θ

„Vor dem Gesetz“ heißt die wohl bekannteste Erzählung von Franz Kafka (1883-1924), die einzige aus dem Romanprojekt „Der Prozess“, die er selbst veröffentlichte (1915). Hier der Volltext. Es lohnt sich, sie wieder und wieder zu lesen. Franz Kafka selbst vermerkte in seinem Tagebuch, dass er „Zufriedenheits- und Glückgefühle“ empfand, als er den Text abermals las.

Es ist die Geschichte von einem einfachen Menschen (Mann vom Lande), der zum „Gesetz“ gelangen möchte, sich aber nicht traut, ohne ausdrückliche Erlaubnis am Türhüter vorbei hineinzugehen. Ein Leben lang studiert er diesen Türhüter, der ihm schrecklich zu sein scheint und der ihm bedeutet, dass nach ihm andere, viel schrecklichere Türhüter zu passieren wären. Das schreckt den Mann noch mehr ab. Schließlich gehts ans Sterben:

Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen?“ fragt der Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz,“ sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

Was fehlte diesem Mann? Θαρρος-Mut fehlte ihm, an Türhütern vorbei durch die Türen zu gehen, die sich ihm öffneten und ihn „zu neuen Räumen“ (Hesse) geführt hätten. Dieser Θαρρος-Mut ist ein Mut des Aufbruchs ins Unbekannte und des Neubeginns.

Daneben gibt es ein anderes, heute üblicheres Wort für Mut: κουράγιο (couragio). Es ist dasselbe wie das italienische corragio, das französische courage, das englische courage. Bertold Brechts (1898-1956)  Mutter Courage*ist für mich der Inbegriff des Muts des Durchhaltens: Weitermachen, nicht Aufgeben! Couragio! Einem Kranken, einer Mutter mit behinderten Kindern, einem Strafgefangenen wünscht man: couragio! Lass dich nicht unterkriegen! Trage tapfer deine Last! Von Aufbruch kann da freilich keine Rede sein, alles ist Wiederholung, bis die Kräfte sich aufgezehrt haben und es eben nicht mehr weitergeht. Diese Art von Mut hat auch der Mann vor dem Gesetz: Er verlässt seinen Platz nicht, er gibt nicht auf, sondern versucht wieder und wieder, den Türhüter umzustimmen.

Couragio – ja, den braucht es im täglichen Leben. Noch einmal die paar Schritte zur Haustür schaffen, noch einmal aufstehen, noch einmal die zerfallenden Zähne putzen, noch einmal den Heizungsmonteur anrufen, noch einmal den Tag über schuften, um die Kinder satt zu bekommen… die vielen kleinen Plagen, die stings and arrows wie Hamlet ertragen, und wie Macbeth klagen: „tomorrow and tomorrow and tomorrow creeps in this petty pace from day to day …“(hier).

Schon die Bibel (Psalm 90,10, Luther-Übersetzung) kennt diese Art von Mut: „Das Leben währet 70 Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s 80 Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen…“

Der Couragio-Mut ist das tägliche Brot. Der Tharros-Mut ist etwas ganz anderes. Ihn braucht man, um am Türhüter auch ohne dessen Erlaubnis vorbeizugehen, ihn braucht man, um der Staatsmacht entgegen zu treten und auch, um sich selbst zu überwinden. Ihn braucht man, um Routinen zu brechen, vor großen notwendigen Verwandlungen nicht zurückzuschrecken, und vor allem in der Todesstunde, beim Aufbruch ins vollkommen Unbekannte, wird man ihn brauchen.

Nur Mut!

Dora und Jonas auf dem Himmelsschiff Wal


*Den Laut Θ habe ich auch im Wort Anthropos besprochen. „Das T wird zum stimmlosen Reibelaut Θ (zu sprechen wie thank you). Θ  ist das Zeichen für das Göttliche. ΘΕΟΣ (Theos) = Gott. … Dieses Θ nimmt aber auch die Bedeutung von Schauen an (Θεατρο = Theater,  θεαμα = Show, Θεα = Sicht, Aussicht). ΑΝΘ (anth) bedeutet mithin :  „Gegenüber dem erschauten Göttlichen“.

Auch im Wort „Ελευθερία“ (Eleftheria) – Freiheit kommt es vor. Im „Alphabet des freien Denkens“: hier und hier.

**1938/39 von Bertold Brecht unter Mitarbeit von Margarete Steffin im schwedischen Exil verfasstes Drama über eine Marketenderin im Dreißigjährigen Krieg. 1941 in Zürich uraufgeführtes Drama. Mutter Courage versucht, mit dem Krieg Geschäfte zu machen, verliert dabei ihre drei Kinder, aber sie lässt sich nicht unterkriegen und zieht weiter: „Der Frühling kommt, Wach auf, du Christ! Der Schnee schmilzt weg, die Toten ruh’n, Und was noch nicht gestorben ist, Das macht sich auf die Socken nun!

Veröffentlicht unter Dichtung, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Philosophie, Psyche, Stufen Blog-Challange, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | 28 Kommentare

Farben im September: Koroni-Kaiki-Blau und -Türkis.

Gestern an der Hafenpromenade in Koroni betrachtete ich natürlich nicht nur das Licht auf dem gegenüberliegenden Gebirge, sondern auch die dort aufgebockten Kaikis. Ein    Ka-i-ki ist ein griechisches Fischerboot. Ich bin sehr verliebt in die noch verbliebenen Veteranen. Oft sind sie schon abgetakelt und liegen irgendwo herum, überwuchert von Mittagsblumen, oder auch restauriert als Blumenboot vor Tavernen. Diese hier werden noch mal seetüchtig gemacht. Doch schwerem Wellengang sollte man sie nicht mehr aussetzen.

Ein klassisches Kaiki in den Farben von Himmel und Meer

Ein türkis-farbenes Kaiki mit Sonnenschutz-Aufbau und Sperrholzplatten zwecks Reparatur der Kajüte.

Dies ist mein 23. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Farben, Fotografie, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 10 Kommentare

112 Stufen, 112: Weite (Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ist mit „Weite“ nun die letzte Stufe der Holsteiner Treppe erreicht? Man sollte es meinen, denn angeblich sind es 112 Stufen – und ich habe nun die 112. Stufe betreten. Doch merkwürdigerweise gibt es darüber noch ein Stufe – davon morgen.

Zu „Weite“ fiel mir als erstes das Gedicht ein, das Goethe am 31. Juli 1814 schrieb und das sich im Buch des Sängers aus dem West-östlichen Divan befindet. 1817 erschien es unter der Überschrift Vollendung. Es gehört zu den wichtigsten und rätselhaftesten Gedichten, die ich kenne.

 

Johann Wolfgang Goethe

Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Je älter ich werde, desto mehr engt sich die räumliche Bewegung ein. Ich reise wenig, beschränke mich auf kleine Spaziergänge. Veranstaltungen besuche ich selten, neue Bücher reizen mich kaum. Auch der zeitliche Rahmen, in dem ich planen kann und mag, schrumpft täglich.

Aber ist Ferne nun für mich „schwierig“ geworden?

Nein, ganz im Gegenteil. Merkwürdigerweise geht nämlich mit dem schrumpfenden Bewegungsradius und der geringen noch zu erwartenden Lebenszeit eine Weitung des Bewusstseins einher. Dass ich einen immer größeren gelebten Zeitabschnitt überschaue, ist das eine: für mich ist ja der gesamte Zeitraum 1942-2025 gelebte Zeit, ich kann in ihm herumspazieren wie in einem bekannten Haus und mir das eine und andere besehen. Aber es gibt da noch etwas anderes.

In dem Maße, wie mich das raumzeitliche Planen kaum noch angeht, weitet sich mein Blick. Dass, was irgendwann mal wichtig erschien und mich einengte, ist für mich nicht mehr relevant. Ich darf mich denkend kümmern um die weiten Räume der Erde, des Himmels und des ganzen Kosmos, die ich mit meinem suchenden geistigen Auge abtaste.  Und so tut sich langsam ein neues Verständnis auf von den großen Wandlungen und Verwandlungen des „Stirb und Werde“, die jeder einzelne wie auch unsere Erdenwelt und der gesamte Kosmos durchlaufen.

Anschaulich und gar nicht rätselhaft beschreibt Hermann Hesse den Durchgang durch die verschiedenen Lebensräume als Aufblühen, Abschied, Neubeginn. Und wenn der letzte Raum durchschritten ist: was kommt dann? Neue Räume öffnen sich – weit und weiter.

Hermann Hesse

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1953, 1961
Aus: Die Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2001

(Die Schnipsel für diese Legebilder verdanke ich Susanne Haun.)

Veröffentlicht unter Dichtung, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Psyche, Stufen Blog-Challange, Trnsformation, Weltraum | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 21 Kommentare

Farben im September (22): Gebirgssonnenuntergangsfarben (kleine Beobachtungen)

Gestern abend saß ich in einem Cafe der Hafenpromenade von Koroni, das an der Südspitze des ersten Fingers der Pelopsinsel liegt, und sah über die Bucht hinüber zu unserer Küste mit dem Taygetos-Gebirge darüber, das den zweiten Finger bedeckt.

Langsam erlosch das Licht über dem Gebirge. Bald würde der Sommer 2025 vergangen sein und der Herbst hinaufziehen.

Gezoomt (Apple-Handy, unbearbeitet): Der Kai von Koroni – das Taygetos-Gebirge gegenüber, um 18.52 Uhr (Sommerzeit).

Eine knappe halbe Stunde später, um 19.18 Uhr:

Und nachdem wieder eine Viertel Stunde vetrgangen war, um 19.35 Uhr:

Die drei Stadien nebeneinander:

Dies ist mein 22. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben

Veröffentlicht unter Allgemein, Farben, Fotografie, kleine Beobachtungen | Verschlagwortet mit , , , , , | 10 Kommentare

112 Stufen, 111: Sinn (Shakespeare, Robert Musil, Thomas Mann, autobiografisch)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Der Narr traumwandelt auf Dächern mit Elpis (Hoffnung) in der Hand

William Shakespeare, Macbeth:

Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow
Creeps in this petty pace from day to day
To the last syllable of recorded time.
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle.
Life’s but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.

O ja, ich kann diese Zeilen auswendig, habe sie in frühster Jugend gelernt. Es ist die zynische Bilanz von Macbeth, als ihm der Tod seiner Frau gemeldet wird. Sinnlosigkeit pur. „Das Leben ist nichts als ein wandernder Schatten, ein armer Schauspieler, der sich auf der Bühne abmüht und von dem man dann nichts mehr hört. Es ist eine Geschichte, die ein Idiot erzählt, voller Lärm und Wut, ganz ohne Bedeutung.“ 

Dies war, als ich 16 war, so ziemlich meine Lebenseinstellung. Vielleicht war es auch nur eine Pose, wie Jugendliche sie gern einnehmen. Danach wurde es ernster und es begann die verzweifelte Sinnsuche. Denn einen Sinn musste es geben! Doch worin könnte er bestehen?

Ich las damals viel. Eines der prägendsten Bücher war Robert Musils (1880-1942) „Der Mann ohne Eigenschaften“, bei dem der Protagonist sich „auf die Suche nach sinnvoller und ihn ausfüllender beruflicher und privater Existenz“ macht – und als das nichts wird, sich mit der Schwester „auf die Suche nach einem anderen Zustand von „tagheller Mystik“ begibt“, wie Wiki zusammenfasst.  Musil selbst sah im Rückblick (auf die Vorgechichte des 1. Weltkriegs) „eine Folge von Stufen, die von verschiedenen Treppen herrührten und zu einer neuen Gestalt verarbeitet werden mußten.“ (Quelle).

Ein anderes mit 17 sehr wichtiges Buch war Der Zauberberg“ (1924) von Thomas Mann (1875-1955), der damit endet, dass der schlafwandelnde Protagonist durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu sich kommt. Für mich hatte das Buch auch praktische Folgen: Als bei mir eine Tbc diagnostiziert wurde, lehnte ich entschlossen den angesonnenen Sanatoriumsaufenthalt ab: ich wollte nicht verzaubert werden, denn ich fürchtete, nie mehr aus dem Traum entlassen zu werden, es sei denn durch einen neuen Krieg. Ich wollte mit offenen Augen leben.

Was ich sah, gefiel mir in der Regel bestenfalls halbwegs. Ich heftete an jede positive Wahnehmung ein „ABER“ – und tue es, so fürchte ich, auch heute noch. Nichts ist so, wie es scheint. Die Oberfläche trügt. Der gutmütige Mann trug womöglich eine Maske, hinter der sich eine dunkle Vergangenheit verbarg. Ich war gewarnt. All die Menschen um mich herum – hatten sie das große Verbrechen nicht mitgetragen, vielleicht sogar bejubelt? Als ich klein war, schrieb man mir ins Zeugnis „aufgeschlossen für alles Wahre, Gute und Schöne“ – ja, das war ich wohl, wie die meisten Kinder, doch schaute man ins Innere des Menschen, so sah man darin allerhand Schändliches verborgen.

Das war irgendwann für mich ok. Ja, so waren die Menschen. Ich begann, sie so zu akzeptieren, wie wie waren. An die Stelle des Nihilismus, der im Grunde ein Ergebnis enttäuschter Illusion ist, trat ein freundschaftlicher Realismus. Die Honoratioren kamen nicht besonders gut dabei weg, ich neigte mehr denen zu, die am Rande standen und die sich mir eher als Opfer denn als Täter darstellten: Zigeuner (ja, so hießen sie damals noch), jugendliche Straftäter, Heimzöglinge, auch scheiternde Studenten. An die Stelle der Germanistik und Romanistik traten die Sozialpädagogik, die Jugendhilfe, die Beratung in schwierigen Lebensverhältnissen, die Kritik an den Institutionen. Auch das ist mir bis heute geblieben.

Das war natürlich nicht das Ende der Sinnsuche. Endlich eine gelungene Liebesbeziehung, ein Kind. Ich begann zu malen. In der Kreativität sich selbst finden und sich anderen mitteilen. Ja, das funktioniert bis zu einem gewissen Grad. Aber es bleibt ein Rest. Eine Unruhe bleibt und hält die Frage nach dem Sinn offen. Mit diesem Rest bin ich nun vor allem befasst. Der Blick geht in die Weite der Zeit und des Raums. Ich versuche zu verstehen, wie sich die Menschheit entwickelt hat und weiter entwickelt, die großen Linien zu verstehen. Welches war und ist mein Beitrag? Welches ist der Beitrag der Menschheit zum Schicksal der Erde und des ganzen Kosmos?  Es geht mich an, denn ich bin ein Teil davon. Und der Sinn, den ich meinem Leben gebe, ist ein Beitrag zum allgemeinen Sinn.

Es bleibt richtig: „All unsere Gestern haben uns gleich Narren zum staubigen Tod geführt“, wie Macbeth sagt. Das ist unausweichlich. Wir sterben, jeder für sich, und am Ende fühlt man sich wie ein Narr. Und doch: Der Sinn, den ich meinem Leben geben konnte, ist ein Beitrag zum allgemeinen Sinn, zur Richtung, in der sich die Menschheit bewegt. Auch mein Leben ist in die große Geschichte eingeschrieben.

Der Blumennarr unterwegs im Stadtwald

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Autobiografisches, Collage, Dichtung, Erziehung, Fotocollage, Kunst, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Stufen Blog-Challange, Weltpolitik am Sonntag, Welttheater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Farben im September (21): Fotoschwarzweiß

Gestern war ich auf einer großen Fotoausstellung in Kalamata, von der ich vielleicht noch ein wenig erzählen werde. Am besten gefielen mir die Schwarz-Weiß-Fotos. Welches von den vielen soll ich für Amoraks Blog-Challenge September in Farben nehmen? Nun, vielleicht am besten eins, das das Schwarz-Weiß thematisch aufgreift: weiße Hochzeit, schwarze Alterszeit. Es passt auch zum heutigen Tag – der Tag- und Nachtgleiche (ich wurde belehrt, dass die erst morgen ist, aber sei’s drum!)

Den Namen des Fotografen habe ich leider nicht notiert, ich trage ihn ggfls nach.

Veröffentlicht unter Architektur, ausstellungen, Farben, Fotografie, Kunst, Leben | Verschlagwortet mit , , , , , | 8 Kommentare

Archivbild der Woche, 21.9.2015: Auf der Waagschale

Wieder steige ich, wie von Heide (Puzzleblume) angeregt, hinab ins Archiv, um ein Bild heraufzubefördern, das an einem Tag wie diesem entstanden ist.

Am 21.9.2015, also vor genau 10 Jahren, fanden in Griechenland Wiederholungswahlen zum Parlament statt. Sie wurden nötig wegen des überwältigenden OXI (NEIN) beim Plebiszit gegen die Zumutungen des von der EU bzw von Deutschland auferlegten Sparprogramms. Die Linksregierung SYRIZA wurde wiedergewählt. Gleich danach wischte sie das NEIN der Bevölkerung in einer grandiosen Rolle rückwärts  vom Tisch, opferte ein paar allzu radikale Genossen und folgte brav dem EU-Diktat.

Ich machte zum Wahltag zwei Legebilder (eins zeige ich hier) und schrieb einen Text mit dem Titel „Auf der Waagschale„.  Das erinnert daran, dass Tag und Nacht im Gleichgewicht standen und die Waage sich nun der Nacht zuneigen würde. So wie auch heute.

IMG_4652

Legende:

  • Einige Kandidaten wurden dabei ertappt, dass sie allzu leicht waren (gewogen und zu leicht befunden).
  • Andere wiederum waren so schwer, dass der Waagebalken unter ihnen brach.
  • Etliche schafften es erst gar nicht auf die Waage.

Heute ist übrigens nicht nur die Tag- und Nachtgleiche, sondern auch Neumond (Schwarzmond) und eine teilweise Sonnenfinsternis angesagt. Was immer das bedeuten mag.

Veröffentlicht unter Legearbeiten, Meine Kunst, Natur, Politik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 8 Kommentare

112 Stufen, 110: Respekt (Helen Keller, Anne Sullivan, Samuel Gridley Howe)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Uff, bald habe ich diese Treppe erstiegen! Respekt! sage ich zu mir selbst und schlage mir auf die Schulter, wenn ich trotz allerlei Versuchungen und Ermüdungserscheinungen bis zum Ende durchhalte, was ich mir in den Kopf gesetzt und vorgenommen habe. Das sage ich auch angesichts der Leistungen anderer, natürlich. Wer mit einem Arm den Kanal von Dover durchschwimmt oder in hohem Alter die Alpen durchwandert … Respekt!

Respekt, sagte ich auf der Stufe „Rücksicht, sei die Übersetzung von Rücksicht ins Lateinische. Und doch schwingt in diesem Wort etwas ganz anderes mit: bei Rücksicht geht es um Achtsamkeit gegenüber den Schwächeren, bei Respekt um Bewunderung und Anerkennung der Leistung, die sich ein Mensch trotz aller Widrigkeiten abgerungen hat. Genau genommen ist es nicht die Leistung selbst, sondern die Willenskraft und das Durchhaltevermögen, zu denen Menschen in der Lage sind: sie nötigen mir Respekt ab. Manche sind wahre Riesen, was das anbetrifft. Gerade fällt mir Helen Keller (1880-1968) ein, die durch frühe Erkrankung blind und taubstumm wurde und nicht nur das Lesen und Schreiben erlernte, sondern sich zu einer wichtigen Stimme der Menschheit entwickelte – ihr rufe ich aus tiefstem Herzen zu: Respekt!

Das gilt ebenso für die, die sie wunderbar unterstützt haben, insbesondere ihre Eltern und ihre Lehrerin Anne Sullivan, die es verstand, durch Klopfzeichen in die Hand des Kindes dessen Seele zu erreichen, die in schlimmeres Dunkel als Kaspar Hauser gefallen war, und sie so zum zweiten Mal zum Leben zu erwecken.

undefined Helen Keller, Anne Sullivan, (1899)

Wer war Anne Sullivan (1866-1936)? Da muss ich nachlesen: Ihre Eltern, arme Landwirte, waren während der Großen Hungersnot in Irland in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Der Vater war Alkoholiker und schlug die Tochter, die Mutter starb an Tuberkulose, als Anne acht Jahre alt war. Als sie zehn war, verschwand der Vater und sie landete in einem Waisenhaus. Mit ihr war ihr jüngerer behinderter Bruder, der im Waisenhaus an Tuberkulose starb.

Noch mehr Schlimmes? O ja! Anne war seit ihrem 3. Lebensjahr sehbehindert, und verschiedene Eingriffe machten ihren Zustand nicht besser. Ich rekapituliere: Vom Alkoholikervater geschlagen und verlassen, Mutter tot, Bruder tot, selbst schwer sehbehindert und im Waisenhaus… Was kann sich da noch Positives entwickeln? Nun: alles, wenn die nötigen Hilfestellungen sich finden lassen und der Wille da ist.

Nach vier Jahren im Waisenhaus, nun 14 Jahre alt, konnte Anne die Perkins Institution for the Blind besuchen, wo sie das Fingeralphabet für Gehörlose kennenlernte, das alle dortigen Lehrer beherrschten, um mit einer taubblinden Handarbeitslehrerin kommunizieren zu können. Dieses Alphabet hatte ein Lehrer namens Howe entwickelt, lese ich bei Wikipedia.

Wer aber war dieser Howe?

Samuel Gridley HoweDie Britannica weiß es: Samuel Gridley Howe (1801-1876) war Arzt, Aktivist gegen die Sklaverei, Gründer und Leiter der Blindenschule, auf der Anne das Fingeralphabet lernte, Gründer auch des Massachusetts School for Idiotic and Feeble-Minded Youth…. Ich lese und lese und staune: wieso ist dieser Mann mir nicht bekannt? Denn er ist wahrlich bemerkenswert – in jeder Hinsicht, aber auch hinsichtlich seiner Rolle im griechischen Befreiungskrieg gegen das Osmanische Reich (eine Beschreibung mit Bildern hier). Respekt, Respekt!

Und so, am Faden eines mir sehr gut erinnerlichen Namens (Helen Keller), lande ich bei einem Abschnitt der nordamerikanischen Geschichte, der mir tiefen Respekt einflößt und zugleich auch mein griechisches Herz höher schlagen lässt. Samuel Gridley Howe war nicht behindert, sondern begann sein Leben unter besten familiären und persönlichen Voraussetzungen. Das, was er dann daraus machte, indem er sich in vielfältigster Weise für die Verbesserung der Verhältnisse für Menschen mit sehr schlechten Voraussetzungen – Sklaven, geflüchtete Sklaven, Waisenkinder, körperlich und geistig behinderte Menschen, Gefangene, Unterdrückte… –  kämpferisch und äußerst effektiv einsetzte, das ist es, was mir auch diesem mir bisher unbekannten Mann den Ausruf „Respekt! Respekt!“ abnötigt.

Vorbilder dieser Art hätte ich als Kind gebraucht. Aber ich fand sie nicht unter meinen Lehrern. Und wenn es sie doch gegeben hat, so habe ich sie nicht erkannt. So blieb mir das Wort „Respekt“ lange verdächtig, denn es verband sich mir mit „Respektspersonen“ – also Amtsträgern wie Pfarrer, Polizisten, Lehrer, später auch Amtsärzte, Professoren, Minister, Staatsoberhäupter – und die mochte ich nicht respektieren, nur weil sie ein Amt innehatten. Um mich zu beeindrucken, reichte das bei weitem nicht – im Gegenteil. Wer auf hohem Amtsschimmel einherritt, dem begegnete ich gern wie Till Eulenspiegel…

Illustration zu Till Eulenspiegel, Schnipsel von Marie Mandarin

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Behindertenprojekt, Erziehung, Geschichte, Legearbeiten, Meine Kunst, Psyche, Stufen Blog-Challange | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 3 Kommentare