Diese transparente Wesen – Menschen, Hunde, Bäume – schuf ich im November 2015 aus Pergamentpapier, die ich bemalt und zerschnitten hatte. Ich zeigte das Bild schon mal unter „November-Transparenz“.

Ursprünglich schrieb ich dazu; „Man sieht, so kommt es mir jedenfalls vor, was sie denken und fühlen. Mir gefällt es, denn wer wünscht sich nicht transparente Verhältnisse?“

Inzwischen ist mir freilich so mancher Zweifel gekommen, ob es denn wirklich so wünschenswert ist, dass jedermann sehen kann, was ein anderer denkt und fühlt? Wir alle lieben doch die Camouflage, stellen gern etwas vor und dar, oder? Und jeder hat das eine und andere Geheimnis, das er gut hüten und nicht an die große Glocke hängen möchte, oder? Es gibt natürlich auch die Wahrheitsfanatiker, die Geheimnistuerei gar nicht gutheißen und meinen, es wäre weit besser um die Menschheit bestellt, wenn jeder zu dem, was er fühlt und denkt, auch offen steht und es urbi et orbi verkündet. Und es gibt die Technokraten, die „Privatsphären“ und allgemein die Intransparenz der menschlichen Verhältnisse ganz und gar lästig finden und sie gern durch einen schnell ablesbaren Bar-Code ersetzen möchten: der „gläsernde Mensch“ als Ideal einer effizienten Verwaltung.
„Ja, tatsächlich wäre das besser“, sage ich versuchshalber. „Man wüsste, woran man ist“. Man. Wer aber ist man?
Einem wohlwollenden Freund kann man sein Denken und Fühlen offenbaren und tut es manchmal gern. Einem Priester kann sich der arme Sünder transparent machen, denn Gott sieht ja sovieso alles. Für den sind wir eh transparent.
Aber der Steuerbehörde? Möchtest du, dass sie auf Heller und Pfennig weiß, was du hier und da erhalten hast? Na schön, auch da ist es ja im Prinzip nicht verkehrt, man bleibt ehrlich. Und was öffentliche Funktionsträger an Gehalt beziehen, und wen der Minister mit einem Sonderauftrag beglückt, möchten wir ja auch ganz gern wissen.
Also wäre es gut, wenn alle Menschen und Vorgänge transparent wären?
Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher.
Der Einzelne wird womöglich schutzlos, nackt vor dem alles sehenden Auge.
Was sagen denn die Experten dazu?
„Transparenz ist eines dieser gesellschaftlichen Phänomene, das wünschenswert erscheint und dann auch wieder nicht. Anscheinend widersprüchliche Beobachtungen zur Transparenz verdeutlichen das unmittelbar: Eine Gesellschaft, in der es keine Geheimnisse gibt, ist unrealistisch. Geheimnisse „als bewußt gewolltes Verbergen“ (Simmel) sind ein unverzichtbarer Teil gesellschaftlichen Zusammenlebens (…) Wir wissen außerdem, (…) dass eine „totale Verhaltenstransparenz menschlicher Gesellschaften“ ebenso unmöglich ist wie ein „Normensystem, das die Entdeckung aller Normbrüche aushalten würde…“
(Gekürzte Zusammenfassung eines Beitrags Nico Stehr und Cornelia Wallner in dem Band „Transparenz“ ´erschienen im renommierten Springer Verlag). Auslassungen habe ich mit (…) gekennzeichnet.
Ich habe das Buch weder gelesen noch überhaupt in der Hand gehalten und weiß durchaus nicht, was drin steht. Dass aber Transparenz „wünschenswert erscheint und dann auch wieder nicht“, dem kann ich mich vorläufig anschließen.
Ich würde mich freuen, wenn ihr mir eure Gedanken dazu schreiben würdet.
Zum besseren Einstieg zitiere ich gleich nochmal, dieses Mal aus einem Aufruf zu Beiträgen, veröffentlicht 2015 von der Fachbereich Soziologie der Universität Osnabrück unter dem Titel „Soziologie der Transparenz: Utopien, Theorien und unbeabsichtigte Nebenfolgen eines Konzepts“. Da heißt es einleitend:
„Transparenz“ ist ein gleichermaßen positiv belegter, allgegenwärtiger und selten klar
definierter Begriff (…). Offenkundig ist die derzeitige Konjunktur des Begriffes in massenmedial-‐politischen Debatten, in denen vor allem in Bezug auf öffentliche Institutionen, aber auch in Richtung privatwirtschaftlicher Organisationen nahezu widerspruchslos nach „mehr Transparenz“ gerufen wird. Ob es sich nun um Korruption, Lobbyismus, Unterschlagung, Spionage oder Diskriminierung handelt: das Transparentmachen von Entscheidungen gilt als mächtiges Werkzeug zur Sicherstellung von institutioneller Legitimität, Fairness und Effizienz.
Der Aufbau „transparenter“ öffentlicher Institutionen, die Sicherstellung „transparenter“
Vergabeverfahren, „transparenter“ Wahlen und Einstellungspraktiken oder die „transparente“ Kennzeichnung von Lebensmitteln wird zunehmend von internationalen Akteuren wie der OECD, der UNO, der Europäischen Kommission und vielen anderen als explizites Ziel von Reformagenden formuliert. Einige Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von Transparenz als einer unhinterfragbaren globalen Norm (…).
Auffällig ist an all den Beispielen einerseits ein konzeptionelles Naheverhältnis zwischen
Transparenz und Überwachung. Transparenz bezeichnet als Ideal nicht nur einen neugierigen Willen zum Wissen (Foucault), sondern einen Sammelbegriff für (Selbst-‐)
Kontrollmechanismen, die Regelkonformität sichern sollen (…). Andererseits ist das Transparenzideal in hohem Maße ambivalent in Bezug auf seinen Anwendungsbereich. Während es im Bereich übertragener Macht unmittelbar plausibel erscheint, soviel externe Einsichtigkeit wie möglich zu institutionalisieren, sollen Privatpersonen gerade vor dem Zugriff von Überwachungstechnologien geschützt werden.
Transparenz ist per se in vielen Fällen nicht möglich.
Aus meinem Spezialgebiet Schach weiß ich das. Ich fragte einst Nationalspieler Dr. Fahnenschmitt um seine Einschätzung eines Zugs. Er machte eine fahrige Bewegung, die mich im Nachhinein ärgerte. Allerdings weiß ich heute, dass einem Novizen das schwer bis unmöglich zu erklären war, denn dazu hätte es die Erfahrung eines Spielers wie er es war, gebraucht, um zu verstehen. Vieles ist also schwer zu vermitteln.
Transparenz hinsichtlich von Entscheidungen und Handlungen, die unmittelbaren Einfluss auf das Schicksal und das Leben sehr vieler anderer Menschen haben, halte ich für unabdingbar.
Mehr Bereitschaft, persönliche Gefühle und Bedürfnisse, die jeweils hinter dem eigenen Verhalten stehen; den dieses Verhalten Betreffenden auch mitzuteilen; – für ein besseres Verständnis untereinander -; halte ich ebenfalls für wichtig.
Transparenz aber, die dadurch hergestellt wird, dass einige bestimmen, dass sehr viele andere für sie „transparent“ werden sollen; während sie für sich selber jede Transparenz verweigern; führt in eine Dystopie.
Transparenz wäre ideal, wenn alle sich an die gleichen Werte halten würde. Das heißt, wenn die eigene Transparenz nicht als Schwachstelle oder als Vorteil für einen anderen benutzt werden.
Wenn Transparenz bedeutet, sich die Zeit und Muße zu nehmen, um in Verbindung zu kommen, sich andere Standpunkte anzuhören, ohne zu werten, dann finde ich es sinnvoll und wünschenswert. Das Problem der Transparenz wird die Wertung der Mitmenschen sein, vermute ich. Und davon kann ich mich nicht freisprechen. Wie oft bewerte ich etwas unterbewusst, anstatt dass ich es beobachte, nachhake, versuche zu verstehen?
Ein verzwicktes Thema, liebe Gerda.
Komm gut ins Wochenende und danke für deinen Denkanstoß! Liebe Grüße, Eva
Der gläserne Mensch ist eine grausliche Vorstellung. Daten, Berechenbarkeit, Funktion versus Lebendigkeit. Transparenz wünschenswert? Ja und Nein. Eine Pauschalantwort gibt es nicht. Transparenz trägt sowohl Nutzen- , als auch Schadenspotential in sich. Es kommt auf die Perspektive und den Kontext an, ganz besonders auf die zu Grunde liegende Motivation, die Absicht, den Zweck.
Mit der Transparenz hast du ein großes Thema eröffnet. Natürlich wünsche ich mir Transparenz in der Politik, in der Wirtschaft, dass nachvollziehbare Schritte sichtbar sind oder werden.
Meine Geheimnisse aber bleiben meine Geheimnisse und ich entscheide, wem ich sie mitteile oder ob überhaupt. Ich weiß auch, dass manches, was mensch so gerne verbergen möchte, umso sichtbarer wird.
Durch die Digitalisierung schreitet der Porzess des transparenten Menschen fort und das ist mir ehrlich gesagt unheimlich.
Ich denke so ähnlich wie Ulli. Ich persönlich möchte kein durchsichtiger / transparenter Mensch sein. Es ist schön, sich einhüllen zu können, nicht in Geheimnisse, aber in der Sicherheit meiner Kleidung. Mensch ohne jegliche Hülle ist auf Dauer sehr eintönig.
Viele Jahre war ich mit meinen Eltern in FKK-Geländen unterwegs und nahm wie selbstverständlich auch meine Freunde mit.
Mit der Zeit wurde es sehr langweilig, ständig alle diese unbekleideten Menschen zu sehen. Da war kein *Geheimnis* mehr, Erotik? Fehlanzeige.
Durchsichtig bedeutet auch, die Gedanken der Menschen zu lesen und meine Gedanken sind mir kostbar. Die brauche ich dringend, um mein Ich zu wahren.