Athen: von Exarchia nach Lykabettos und zur Metro

Ich habe heute in Exarchia, dem „Anarchisten“-Viertel von Athen, zu tun. Mein Ziel ist der Sitz des Verbandes Bildender Künstler Griechenlands, denn ich verlor vor etlicher Zeit meine Mitgliedskarte und damit auch mein Recht, verbilligt oder gar umsonst archäologische Stätten und Museen zu besuchen. Die gut gesicherte Eingangstür öffnet sich, nachdem ich mein Anliegen vorgebracht habe, und eine freundliche Angestellte erledigt die Neuausstellung im Handumdrehen.

Exarchia ist ein etwas heruntergekommenes Innenstadt-Quartier, ganz gemütlich mit den vielen Straßencafes, Imbissen, Verlagen und Buchhandlungen in Kellern und Untergeschossen, Graffiti noch und nöcher an neoklassischen Hausruinen, Lädchen, Baustellen, engen Straßen, die teilweise beruhigt oder in Fußgängerzonen umgewandelt sind. Die Polizei hält sich dezent am Rande, aber doch gut sichtbar auf, damit das Gebiet nicht wieder, wie zu anderen Zeiten, zu einer no-go-Zone wird. Ich sehe heute nur einen einzigen sehr jungen Polizisten mutterseelenallein Wache schieben – ein zartes Jüngelchen, das nicht als aggressive Staatsmacht missverstanden werden kann.

Ich beschließe, die Valtetsiou-Straße*, auf der ich mich eh grad befinde, einfach geradeaus  zu gehen und zu sehen, wohin sie mich führt.

Und so gelange ich allmählich in immer gepflegtere Regionen bis zur prächtigen No 1 der Valtetsioustraße*, die diese ihre Eigenschaft in großen stolzen Buchstaben anzeigt.

Kaum biege ich um die Ecke, staune ich: eine große mir ganz unbekannte Kirche, daneben ein vergitterter Platz mit zwei kleineren Kapellen und auf der anderen Seite ein steil ansteigender öffentlicher Park.

Die Kirche ist offen, niemand drin. Ich lasse mich nieder und die Augen schweifen: Feinste Wandbemalungen aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, festliche Bestuhlung und Beleuchtung, Ikonen, Stille.

Danach wandere ich durch den kleinen Park und immer bergan, komme an einer anderen Kirche vorbei, neuapostolisch ist diese und mit bunten Tieren bemalt, wohl, weil die Gemeinde auch einen Kindergarten betreibt.

Noch ein Blick zurück aufs Häusermeer und die gleißende Sonne.

Ich fühle mich erschöpft, trabe aber weiter bergan auf immer steileren Stufen, bis ich die Umgehungsstraße des Lykabettos erreiche. Hier wohnt eine andere Menschenklasse, drum gibt es  vor etlichen Gebäuden motorisierte Wachmannschaften.  Auch ein Sondereinsatzkommando der Polizei steht in Bereitschaft, die schwarz uniformierten jungen Männer langweilen sich. Blöde Jobs, denke ich: Rumstehen, rumsitzen und auf die Sicherheit der Macht- und Geld-Habenden aufpassen. Ihr habt doch Köpfchen, habt Kraft und Jugend, könntet was besseres damit anfangen…  Ich setze mich auf ein Mäuerchen und ruhe mich etwas aus. Von nun an wird es nur noch abwärts gehen, durch die eleganten Wohnstraßen unterhalb des Lykabettos Richtung Königin-Sofia-Boulevard, wo mich die Metro aufnehmen wird.

An der Metrostation steht, wie immer, eine Verkäuferin der „Schedia“/Floß genannten Obdachlosen-Zeitschrift. Es ist eine junge Frau mit rundem nettem Gesicht, ich kaufe ihr für fünf Euro eines der Hochglanz-Exemplare ab. Was drin steht? Davon in einem anderen Eintrag.

___________

* Die Valtetsioustraße wurde benannt nach der Schlacht von Valtetsi, die am 24.5.1821 zwischen der osmanischen Armee und den griechischen Revolutionären ausgetragen wurde. „Die Schlacht war der erste große Sieg der griechischen Revolution von 1821 und bestimmte den Verlauf des Unabhängigkeitskrieges.“ (Wiki: Schlacht von Valtetsi)

Ich kenne das heutige Valtetsi ganz gut, es liegt in Arkadien in einem prächtigen dicht mit Tannen bewaldeten Gebirge, und man ist sich dort der historischen Bedeutung des Ortes und seines Helden Theodoros Kolokotronis sehr wohl bewusst.

Kolokotronis auf dem Weg nach Valtetsi (Quelle)

„Am 6. Mai 1821 überfielen die osmanischen Streitkräfte von Tripoli erstmals die in Valtetsi stationierten Griechen. Die Muslime wurden dann am 7. Mai durch 4.000 Albaner unter Kâhya Mustafa Bey, dem Kehayabey von Hurschid Pascha, aus Argolis verstärkt.

Ein paar Wochen später machte sich eine kombinierte türkische und albanische Streitmacht von 5.000 Mann unter dem Kommando von Kâhya Mustafa Bey daran, die griechischen Stellungen bei Valtetsi zu vernichten. Die Hauptstreitkräfte unter Rubi Bey wurden direkt zum Angriff auf das griechische Lager geschickt, das von 2.300 Revolutionären verteidigt wurde. …

Wenn dich diese Geschichte interessiert: Wiki erzählt sie dir gerne zu Ende: hier

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Ökonomie, Fotografie, Geschichte, griechische Helden, Leben | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 2 Kommentare

Berlin Episode 6: Neue Nationalgalerie: Mies van der Rohe, Rosa Luxemburg, Gerhard Richter, Birkenau und Heyde

Die Neue Nationalgalerie beherbergt eine Menge Kunst, die ich gern anschaue. Also entschieden wir uns, sie zu besuchen. Ich hatte freilich keine Ahnung, dass ich dort eine Sonderausstellung mit Werken Gerhard Richters vorfinden würde. (Hier kannst du bei Bedarf nachlesen, was es damit auf sich hat.)

Mies van der Rohe zeichnet für den Museumsbau verantwortlich, der 1967 vollendet wurde. Es ist das Testament eines der bedeutendsten Architekten des „Modernismus“,  und der Besuch lohnt sich für Architekturinteressierte schon deshalb. Mies van der Rohe, dessen Leben 1886 in Aachen begann und 1969 in Chicago endete, prägte wie kaumein anderer die Architektur des 20. Jahrhunderts. Während er seinen künstlerischen Auffassungen treu blieb, passte er sich politisch geschmeidig den Zeitläuften an. Politisch engagierte Kunst lehnte er ab. Das hinderte ihn nicht, das Revolutionsdenkmal für die ermordeten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu schaffen (1926 von Wilkelm Pieck eingeweiht), es hinderte ihn nicht, 1934 den Aufruf der Kulturschaffenden zur Unterstützung Adolf Hitlers im Völkischen Beobachter zu unterzeichnen, auch nicht, Nazi-Deutschland 1934 auf der Weltausstellung in Brüssel zu vertreten…  Sein künstlerischer Einfluss machte sich ab 1938 in den USA geltend, 1944 wurde er US-Staatsbürger. 

Um zur Neuen Nationalgalerie zu gelangen, überquert man den Landwehrkanal. Ich stand eine Weile dort auf der Brücke und sah dem Wasser nach, das träge drunter hindurchströmte (kein Foto). In diesen Kanal (nicht an dieser Stelle) wurde im Januar 1919 die Leiche von Rosa Luxemburg geworfen. Ein Jahrhundert später, 2019 im Mai, fischte man sie heraus. Nichts verjährt wirklich.

Die Überraschung dann: Gerhard Richter. Ich taste mich heran. Erst ein Totenschädel, in seiner weichzeichnenden fotorealistischen Art gemalt.

Dann: Vier riesige Tafeln mit wogenden Farben, feurig und vielschichtig wie herbstliches Laub. Birkenau.

MirkommenGeichtszeilen in den Sinn. Die Blätter fallen, fallen wie von weit …. (Rilke, Herbst)

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen… (Trakl, Groddeck)

Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle… (Trakle, Groddeck)



Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel. (Trakl, Groddeck)

Ist das nun „politisch engagierte Kunst“? Durch den Titel „Birkenau“ öffnet der Geist sich dem Grauenhaften, das sich mit diesem einst schönen Wort verbindet. Und dies Grauenhafte verbindet sich mit all den anderen Stätten des Grauens, die das 20. Jahrhundert zu schaffen und zu erleiden in der Lage war (und was das 21.Jahrhundert auch nicht verlernt hat), und ich fühle ihn, den „gewaltigen Schmerz, die ungeborenen Enkel„, Trakls Klage von 1914, in Erinnerung an die Schlacht von Grodeck, Ostgalizien, heute Ukraine.

Weiter gehe ich, bewundere die Vielfalt seiner Techniken (hier Hinterglasbilder)

bleibe dann wie angewurzelt vor einem weichgezeichnet fotorealistschen Bild stehen. Ein Mann wird verhaftet.

Es ist die Verhaftung von Dr. Werner Heyde, und nichts triggert mich so sehr wie dieser Name, seit ich als 17Jährige, 1959 aus den Zeitungen erfuhr, dass sich ein Dr. Heyde wegen eines Nachbarschaftssteits ausweisen sollte und schließlich „gestellt“ wurde. Dieser Mann hatte sich mit quasi-offizieller Deckung unter dem Pseudonym Dr. Fritz Sawade als „nervenärztlicher Gutachter“ in den Nachkriegsjahren eine goldene Nase verdient. Bis zu seiner Verhaftung 1959 erstellte er rund 7.000 Gutachten für verschiedenste Behörden und Institutionen. 

Na und? fragst du. Du kennst den Mann wohl nicht. Wiki: „Werner Heyde – Pseudonym Fritz Sawade – (* 25. April 1902 in Forst/Lausitz; † 13. Februar 1964 in Butzbach/Hessen) ….Als Leiter der medizinischen Abteilung der Tarnorganisation „Zentraldienststelle T4“ und erster T4-Obergutachter während der Zeit des Nationalsozialismus war er für die Ermordung von Zehntausenden Menschen mit Behinderungen bzw. psychischen Erkrankungen aus Psychiatrien und Pflegeheimen sowie Konzentrationslagerhäftlingen verantwortlich.“

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, ausstellungen, Autobiografisches, Fotografie, Geschichte, Kunst, Leben, Politik, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 18 Kommentare

Drabble: Dickköpfig ist diese Alte!

Alt war sie, und wer sie überhaupt beachtete, machte sich über sie lustig. Denn diese Alte, bescheiden Lebende, war sich ihres Unvermögens, Verantwortung für die großen Entscheidungen der Welt zu übernehmen, offenbar nicht bewusst. Sie wollte einfach nicht aufhören zu warnen, zu predigen und laut zu rufen: Lasst euch nicht vor die Kriegsmaschine spannen! Sie wird euch zermalmen! Gebt dem Frieden eine Chance!

Ja, sie war sehr alt. Und gerade deshalb wusste sie, was Krieg ist. Was Krieg damals war und morgen sein würde. Darüber redete sie bei Tage, und in der Nacht betete sie und weinte bittere Tränen.

Dies ist mein Beitrag zu Heides Drabble-Dienstag (Puzzleblume). Die heute vorgegebenen Wörter für den 100-Wörter-Text sind

Vermögen + übernehmen + alt,

Veröffentlicht unter Allgemein, Drabble, Geschichte, Katastrophe, Krieg, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 15 Kommentare

Epulosi (Verheilung) – die Kunst von Vasilis Botoutas

Epulosi (επούλωση) ist ein feines Wort für Verheilung. Insbesondere bezeichnet es den Vorgang, wenn eine Brandwunde anfängt auszuheilen und zu vernarben. Ich weiß nicht, ob du eine Vorstellung davon hast, wie eine schwere Brandwunde aussieht und wie lange es braucht, bis sie verheilt – sofern das ohne Hauttransplantate überhaupt geht. Es ist ein grausamer Anblick, den ihr euch besser erspart.

Heute fuhr ich durchs Pendeli-Gebirge, das in diesem Sommer erneut von Wildfeuern verwüstet wurde. Auch das ist ein schrecklicher, verstörender  Anblick. Über der schwärzlichen Wüste des verbrannten Waldes aber breitet sich ein hellblauer Himmel und weit unten die strahlende kreisförmige Bucht des Meeres, die verklüfte Küste und das im Licht träumende Euböa….

Mein Neffe Vasilis Botoulas, versucht seit 2017, als die Flammen eines Wildfeuers Menschen, Tiere, Bäume töteten und auch das Haus seiner Eltern, in dem er sein Atelier hat, beleckten, das Thema künstlerisch zu bewältigen. Ich habe mehrmals davon berichtet.(hier,  hier,  hier, hier)

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2023/03/img_7053-e1678568270453.jpg

 

Nun hat er eine neue Serie erarbeitet, die er Epulosi/Verheilung nennt. Er meint, er könne das Thema damit für sich abschließen.

Es handelt sich um zweimal sechs Blätter, auf denen er je eine kleine rechteckige Fläche sorgfältig mit feinsten Strichen bedeckt hat. Das Papier ist alt und ein wenig angegilbt, die Ausfüllungen sind monochrom – von Schwarz über Grau und Rosa bis hin zu einem innigen Rot. Die verwendeten Malmittel reichen von weichen und harten Bleistiften über Kugelschreiber bis hin zu Lippenstift.

Hier ein Beispiel der größeren Sechser-Serie, schmale Schreibmaschinenpapiergröße (die anderen sechs Blätter sind noch kleiner).  Ohne Lupe siehst du nur eine einheitliche dunkle Fläche.

Ich rückte den Blättern etwas näher, um die Strukturen erkennbar zu machen.

Ich bedaure sehr, dass ich die rosa Blätter, die mir am meisten zu Herze gingen, nicht fotografiert habe. Ich tat es nicht, weil er die Arbeiten ja erst noch ausstellen will. Als ich durch das verwüstete Gebirge zurückfuhr, erfasste mein Blick im Vorbeifahren ein wundervolles kühles Rosa: die Zyklamen haben auch die schrecklichen diesjährigen Feuer überlebt und blühen unverzagt ihren Zauber hervor!

Und wie sieht es in der unmittelbaren Umgebung von Vasilis Haus aus?  So war es im Januar 2018, ein halbes Jahr nach dem Brand.

Und so ist es heute: Wie ein hellgrünes Flammenmeer haben die jungen Pinien die Hänge überzogen und ihr Gebiet zurückerobert.

Auch die schwersten Wunden dürfen irgendwann verheilen.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Katastrophe, Kunst, Leben, Materialien, Methode, Psyche, Spuren, Therapie | Verschlagwortet mit , , , , , , | 10 Kommentare

Tagebuch der (Un-)Lustbarkeiten: Trockenheit in Attika

Kurz vor vier Uhr nachmittags und ich raffe mich auf, einen Spaziergang zu machen. Das Land ist sehr trocken, selbst die Boote von Theodora Horafa schweben kläglich, jeder Feuchtigkeit beraubt, über dem kiesigen Becken.

Du erinnerst dich vielleicht? Ich habe sie schön öfter gezeigt, besuche sie immer, wenn ich in Maroussi bin (zB hier)

Auch die Dexameni (Wasserreservoir) ist vollkommen trocken. Sogar die Jugendlichen scheinen die Lust am Graffiti verloren zu haben

Aber der Himmel leuchtet!

Schließlich steuere ich die Schrebergärten an, und hurrah! da stehen die Kohlköpfe in prächtigen Reihen.

Wasser braucht’s, sonst nichts! Aber die Wolken geben einfach keinen Regen her.

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Natur, Skulptur, Tagebuch der Lustbarkeiten | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 13 Kommentare

Berlin Episode 5: Auf gut Glück (Adenauer, Pallasseum, Sportpalast und Markttag)

Wenn man nur sehr wenig Zeit in Berlin zur Verfügung hat, sollte man wohl einen Plan haben und ein Besuchsprogramm aufstellen? Nun, ich liebe „Blind dates“  und ziehe am liebsten auf gut Glück los, zumal die Fülle des Angebots sowieso keine vernünftige Vorauswahl gestattet.  Verabredet war einzig das Treffen in Susannes Atelier, den Rest beschlossen wir beiden – Mutter und Sohn – ad hoc.

Und so machen wir uns am Samstag auf die Socken, um zu sehen, was das herbstliche Berlin uns noch zu bieten hat.

Wir einigen uns schnell auf den Besuch eines Wochenmarktes in Schöneberg. Zuerst gehts zur U-Bahn am Adenauerplatz, wo der Alte, unbeeindruckt von den treibenden Blättern, seines Wegs geht. Die Künstlerin Helga Tiemann schuf die lebensgroße Bronzeskulptur 2005 nach einem Foto vom September 1949: Adenauer verlässt den Sitz der Alliierten Hohen Kommission und missachtet geflissentlich das Verbot, den Teppich nicht zu betreten, der den Besatzern vorbehalten war.

 

Klein und zierlich, lässig wirkt er, wie er da mit wehendem Mantel, den Hut in der Hand im Blattgetümmel ausschreitet. Sein Gesichtsausdruck ist schwer zu entziffern. Dieser Politiker war es ja, der die Zeit, in der ich aufwuchs, prägte („Adenauerzeit“, „bleierne Jahre“), und sehr zwiespältig blickte ich damals auf seine Regierungsmannschaft und -entscheidungen. Heute, nach so vielen Jahren, versuche ich mir vorzustellen, wie sich das deutsche Nachkriegsschicksal ohne diesen rheinischen Fuchs wohl gestaltet hätte?

Später dann – wir sind nun in Schöneberg-Nord – kommen wir an einem weit weniger zierlichen Gebilde vorbei: Wie ein gewaltiger Riegel erhebt sich eine Fensterfront, in die ein schwerer Klotz eingelassen ist: Offenbar ein Bunker. Die Straße führt unter dem Massenquartier hindurch.

Das Gebäude wurde großspurig „Pallasseum“ getauft – ein Name, der Assoziationen an Pallas Athene  hervorrufen könnte. Oder doch eher an Palast? Richtig! Die Wohnmaschine (514 Wohnungen und 16 Gewerbeeinheiten) wurde 1973 nach Plänen des Berliner Architekten Professor Jürgen Sawade dort gebaut, wo einst der berühmt-berüchtigte Sportpalast* stand. Im Volksmund hieß das Gebäude spöttisch „Sozialpalast“. Die brutale Architektur des Massenquartiers – etwa 2000 Menschen leben hier – hat die Berliner lange erregt, es gab heftige Kontroversen: die einen forderten den ersatzlosen Abriss, die anderen bemühten sich, schließlich erfolgreich, um den Status eines denkmalgeschützten Gebäudes. Verwaltet wird es neuerdings durch die kommunale Geobag, bewohnt vor allem von Menschen mit migrantischem Hintergrund. So las ich in diversen Einträgen im Internet. Der Bunker, der durch die Wohnanlage überbaut wurde, weil er sich nicht sprengen ließ, wird heute als „Ort der Erinnerung“ an die Zwangsarbeiter, die ihn errichteten, ausgewiesen. Wenn die Berliner Politiker so weitermachen, wird man sich noch gratulieren, dass er nicht gesprngt wurde.

Wie auch immer: wir sind ja auf dem Weg zum Wochenmarkt am Winterfeldtplatz und kommen auch gut an. Sehr wohl fühle ich mich hier zwischen lauter liebenswürdigen Kleinstproduzenten. Fast schon vorweihnachtlich ist die Stimmung. Was immer das Herz  begehrt, um sich an einem kalten trüben Novembertag zu wärmen, ist im Angebot.

Statt südländischer Genüsse verabreichen wir uns Brötchen mit Matjeshering. Das muss einfach mal sein.

———–

*Zur Geschichte des Sportpalastes, der 1910 nach Plänen von Hermann Dernburg erbaut und 1973 abgerissen wurde, um der Wohnmaschine des Pallasseums Platz zu machen: Bei seiner Eröffnung am 17. November 1910 galt der Palast als architektonische Sensation:  die größte gedeckte künstliche Eisbahn weltweit, ein Hallenbau ohne tragende Säulen, fantasmagorische Illumination, schwärmten die Medien. Bis zu 10 000 Besucher hatten Platz! Richard Strauß dirigierte bei der Eröffnung höchstpersönlich Beethovens Neunte. Eislauf wurde zur großen Berliner Attraktion. Doch wie sollte sich der Betrieb tragen? Er trug sich nicht, der erste Betreiber machte schon bald Pleite. Ein ungenannter Mäzen rettete die Unternehmung. Seither wechselten die Besitzer des öfteren, u.a. gehörte der Sportpalast von 1928-1934 dem Spekulanten, Autohändler und Großaktionär von Daimler-Benz Jacob Shapiro aus Odessa, bis er von Schweizer Finanzierungsgesellschaften zwangsversteigert wurde.

In den 20er Jahren dann der Boom: Eishockey, Boxkämpfe, Hallenreiten, Radsport (Sechstagerennen) – das Volk bezahlte auf dem Schwarzmarkt Rekordpreise, um einen Platz zu ergattern. Auch für Politiker wurde der Sportpalast zur beliebten Bühne: Brüning (Zentrum), Thälmann (KPD), Wilhelm Pieck (KPD, 1933), Goebbels, Hitler (ab 1928), Eiserne Front (SPD), Reinhold Krause (Deutsche Christen, neuheidnisch, 1933) wechselten sich ab, bis die NSDAP, die dort um die Ecke ihr Parteibüro hatte, endgültig die Oberhand gewann. Hier hielt Goebbels seine berüchtigte Wollt-ihr-den-totalen-Krieg-Rede (19.2.1943). Auch Hitler hielt hier am 30. Januar 1942, dem 9. Jahrestag der Machtergreifung, eine vielbeachtete Rede. Zwei Jahre später, an einem anderen 30. Januar, bombten die Allierten den Palast kurz und klein. 

War das nun das Ende des Sportpalastes? Nein. Denn gleich nach dem Krieg gings weiter: Jazz-Größen wie Louis Armstrong, Duke Ellington, Benny Goodman, Ella Fritzgerald traten hier ebenso auf wie die Berliner Philarmoniker, Opernstars aus aller Welt, Ballette und Chöre. Die Auftritte von Johnnie Ray, Bill Haley und Frank Zappa wurden von Krawallen begleitet.

1973 – Berlin sah sich nicht mehr imstande, ihn zu subventionieren – wurde der Palast verkauft und abgerissen. An seiner Stelle entstand der „Sozialpalast“, genannt Pallasseum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Ökonomie, Fotografie, Geschichte, Leben, Politik, Reisen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 2 Kommentare

Tagebuch der Lustbarkeiten: Gemüseeinkauf für zehn Euro

Ich bekam vorhin, als ich meine spätnachmittäglichen Runden im traurig-trüb kalten Licht des November drehte, einen Rappel: Gemüse will ich kaufen, kochen, essen! Gesagt, getan. Zehn Euro hatte ich einstecken, und der kleine, von einem superfleißigen albanischen Paar betriebene Gemüseladen würde sicher auch am Samstag nachmittag offen haben.

So war es. Dreißig Cents blieb ich schuldig. Ich trug meinen Einkauf nach Haus und hinaus auf den Balkon und fotografierte ihn für euch und mich. Hinter den Pinien vergoldete sich der Abendhimmel.

Was gibt es hier zu sehen?

ein Blumentopf mit Minze, ein Bund junge Zwiebeln, ein Bündel Dill,  einen großen dicken Salatkopf, eine Sellerieknolle mit Grün, drei Kartoffeln, Brokkoli in Stücken, zwei dicke Karotten, eine grüne Paprika, eine Schachtel mit Granatapfelkernen. Brokkoli und Granatapfelkerne hatte die Ehefrau schon vorbereitet, bedient hat mich ihr Mann.

Natürlich brauchte ich nur einen Teil davon für mein Gemüseessen, das ich in Windeseile zubereitete, mit Salz, Pfeffer, Zitrone, Knoplauchzehe und Olivenöl anmachte und gierig verschlang. So fühle ich mich für den auch hier nun ungemütlichen November gewappnet.

Veröffentlicht unter Allgemein, Ökonomie, Fotografie, Leben, Natur, Psyche, Tagebuch der Lustbarkeiten, Therapie | Verschlagwortet mit , , , , , , | 13 Kommentare

Berlin, Episode 4: Im Humboldforum (ethnologische Sammlungen Ozeanien, Afrika)

Eine professionelle Führung durch die ozeanischen und afrikanischen Sammlungen hat uns geholfen, uns nicht in der Unüberschaubarkeit der Exponate zu verirren. Schwerpunkt war Ozeanien, von dessen Inselwelten ich kaum eine Ahnung habe.  Da Segeln zu meinen frühen Leidenschaften gehörte, freute ich mich, einiges Neue über die Erfindung des beweglichen Segels zu erfahren, und staunte nicht schlecht, welche ungeheuren Weiten die Inselbewohner mit ihren handgearbeiteten Booten durchquerten.

Die Ausstellungsflächen sind großzügig bemessen, die einzelnen Exponate kommen schön zur Geltung, alles wird schön erklärt und eingeordnet, und ich weiß nun auch, wo auf der unendlichen See ich Melanesien, Mikronesien oder Polynesien zu suchen habe: in den blauen Weiten nördlich und östlich von Australien.

Ich werde gar nicht erst versuchen, mein neues völlig fragmentarisches Wissen hier auszubreiten. Denn sicher ist es nicht ohne Interesse zu erfahren, dass die Kaurimuscheln, die den „Mandu Yenu“-Thron aus Kamerun bedecken, von den fernen ozeanischen Inseln herangebracht wurden und so wertvoll wie Gold waren – die Glasperlen kamen aus Europa -, und auch, dass dieser Thron (schon habe ich vergessen für wen) gefertigt aber nie benutzt wurde und schließlich von König Njoya von Bamum dem Kaiser Wilhelm II zum Present gemacht wurde – all das ist sicher gut zu wissen, zumal die Verantwortlichen Wert darauf legen, keine geraubten Dinge zu zeigen, nein, dieser Thron war ein Geschenk und kam ordentlich mit diplomatischer Post in Berlin an, direkt an die Adresse des kaiserlichen Empfängers, hier, wo einst sein Schloss stand.

Ein nettes Geburtstagsgeschenk, weiter nichts. Wie charakteristisch dieser Thron für die Throne der Herrscher von Kamerun war, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nämlich gar nichts über Kamerun. Du?

Dass ich nichts über Kamerun weiß, fiel mir zufällig am Vormittag desselben Tages auf, als mein Sohn und ich auf dem Weg zu Susannes  Atelier durch eine Stadtgegend neben der Charite spazierten, deren Straßen die Namen afrikanischer Länder tragen. „Kamerunstraße“, las ich und fragte „Weißt du, wo Kamerun liegt? Ich glaube, das hat eine Rolle in der deutschen Kolonialgeschichte gespielt“. Mein Sohn wusste es auch nicht und googelte ein bisschen, und so sahen wir uns überrascht und belustigt an, als wir von der Herkunft dieses Thrones erfuhren. 

Ich weiß auch jetzt nichts Nennenswertes über Kamerun oder die anderen „Schutzgebiete“, die den rohstoffhungrigen Deutschen von den anderen europäischen Raubtieren, die Afrika unter sich aufgeteilt hatten, widerwillig eingeräumt wurden. Kaurimuscheln waren es wohl weniger, was sie in Afrika zu fördern hofften. Und Geschenk hin oder her: es ist und bleibt eine düstere Geschichte, die Europas Glanz und Glorie begründete.

Und da bin ich dann auch bei dem Thema, das mir im Humboldtforum, trotz des ehrenwerten Versuchs, die koloniale Geschichte transparent zu machen, völlig zu fehlen scheint: Was hat Europa – mal abgesehen von den ethnologisch interessanten Schätzen -profitiert? Was hat speziell Preußen bzw Deutschland profitiert?


Wir sind uns zunehmend bewusst, welche Schäden wir den überfallenen und beraubten Kulturen verursacht haben. Manche reden von Wiedergutmachungen für besonders schwer betroffene Völker, etwa die abgeschlachteten Hereros. Da heißt es dann: okay, ja, aber die Briten, die Franzosen, die Spanier…..? Das ist die eine mit Schuldgefühlen stark belastete Seite.

Diese Herangehensweise halte ich für eine Sackgasse, denn Schuldgefühle verkrüppeln und helfen niemandem. Mir geht es um eine andere Sichtweise: Sind wir uns auch des Nutzens, den die Ausbeutung fremder Völker für uns selbst bedeutet, bewusst? Wo stünden die europäischen Völker heute ohne die Unterwerfung des Rests der Welt, den wir neuerdings den „globalen Süden“ nennen?

 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, ausstellungen, Erziehung, Fotografie, Kunst, Materialien, Mythologie, Politik, Reisen, Skulptur, Transparenz | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 27 Kommentare

Tagebuch der Lustbarkeiten: Abendhimmel über Attika

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Natur | Verschlagwortet mit , , , | 4 Kommentare

Berlin – Episode 3 : Das Humboldtforum (Geschichte des Baus)

Anhand dieses Gebäudes und seiner Exponate kann man viel über Geschichte und den Umgang damit lernen. Der Grundstein des Königlichen Stadtschlosses wurde vom Kurfürsten Friedrich II. „Eisenzahn“ am 31. Juli 1443 in der damaligen unabhängigen Gemeinde Kölln gelegt – Berlin und Kölln wurden bei der Gelegenheit zu einer Doppelstadt vereinigt. Bereits 1537 wurde der burgartige Bau bis auf die Grundmauern abgerissen, um einem Wohnschloss Platz zu machen. Noch im selben Jahrhundert schien  dieser Bau nicht mehr repräsentativ genug: weg mit dem spätmittelalterlichen Plunder, ein Renaissancebau musste her.  Ein weiterer Umbau durch Andreas Schlüter wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts fällig, als Kurfürst Friedrich III zum König Friedrich I gekürt wurde (1701). Als Vorbilder dienten der Louvre (Paris, Entwurf Bernini) und der Palazzo Madama (Sitz des Römischen Senats). Damals entstand auch die Schlossfassade. Der Gesamteindruck ist durch Schlüters Einbauten nicht mehr Renaissance, sondern Barock.

Seither geschah noch vieles an Um- und Anbauten, doch gab es keine tiefgreifende bauliche Zensur mehr. Die Nutzung wandelte sich mit den Zeiten. Beispiele: Wilhelm II ließ hier, frisch zum Kaiser ausgerufen, den 1. Reichstag zusammentreten (1888). Von hier hielt der Kaiser dann auch eine seiner zwei „Balkonreden“ ans versammelte Volk, um es für den bevorstehenden Krieg zu erwärmen, und auch seine Deklaration des Kriegseintritts erfolgte am 6. August 1914 von hier aus. Als der Kaiser nach verlorenem Krieg abdankte, übernahm Karl Liebknecht für kurze Zeit, um von demselben Ort aus die „freie sozialistische Republik Deutschland“ auszurufen. Das Volk strömte herein, um zu plündern.

Während der Weimarer Republik wurde das nun teilweise an Privatleute und Einrichtungen vermietete Schloss zu einem zentralen Ort der bürgerliche Kulturdarbietung. Das blieb auch so während des Nationalsozialismus.

Am 3. Februar 1945 war es vorerst aus damit: ein alliierter Luftangriff zerstörte es bis auf ein paar Teile, die zwischen 1946-1948 bereits erneut als Ausstellungsräume genutzt wurden. Die Ausstellungen waren: „Berlin plant“, moderne französische Malerei, „Wiedersehen mit Museumsgut“ und Märzrevolution 1848.

Und dann? Dann beginnt der Bau des Humboldt-Forums. Aber halt, da war doch noch was zwischendurch! Ach ja, der „Palast der Republik“, den die DDR-Granden hinstellen ließen, nachdem sie die Reste des Schlosses weggesprengt hatten. Nicht sofort, freilich: 1950 wurden die Reste des Schlosses beseitigt, 1976 der Palast der Republik fertiggestellt. Dazwischen war das Gelände leer für Aufmärsche, Parkplätze und Ähnliches. Von 1976-1989 war er der Sitz des Staatsrats und ein allseits beliebter Veranstaltungsort.

Nach der Wiedervereinigung sollte das Ding weg. Es war mit gesundheitsschädlichem Asbest ausgekleidet, das half, den Abriss zu rechtfertigen. 2008 gewann der Italiener Franco Stella den internationalen Architekturwettbewerb zur Neubebauung von Berlin-Mitte. Viel Geschrei gab es um diesen ganzen Prozess: War es nicht Geschichtsvergessenheit, den Palast der Republik abzuräumen? War es nicht irre, die Schlossfassade in der alten Form neu zu errichten und ein modernes Gebäude dranzukleben? Wozu noch ein Großmuseum in Berlin Mitte?  Und was würde das alles kosten?

Nun, es kostete. Und es war irre. Und Geschichtsvergessenheit in Bezug auf die DDR ist auch nicht von der Hand zu weisen. Aber es hat sich auch gelohnt. Das Humboldtforum hat einen ganz anderen Atem als all die anderen Museen, es ist ein total spannender Ort der Begegnung mit den Kulturen der Welt und der Geschichte Berlins. Und der Besucherzustrom ist rekordverdächtig.

Hier mache ich einen Schnitt, damit es nicht zu viel wird. Zu den Exponaten kommt ein eigener Eintrag.


 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, ausstellungen, Fotografie, Geschichte, Politik, Skulptur, Spuren, Trnsformation | Verschlagwortet mit , , , , , | 5 Kommentare