Pinienzapfen, Blumenvase (alltägliches Zeichnen)

Seit ich ein neues Zeichenbüchlein habe – es ist ein Werbegeschenk, das ich meinem Sohn abschwätzte – , habe ich das „tägliche Zeichnen“ wieder aufgenommen. Das neurographische Zeichnen ist eine andere Kategorie, kommt aber auch in dies Büchlein. Beim „täglichen Zeichnen“ handelt es sich darum, dass ich irgend einen Gegenstand oder eine Szene mit dem Stift in der Hand beobachte.

Zum Beispiel einen ollen Kiefernzapfen, den ich vom Boden aufgeklaubt habe. Die Schuppen des Zapfens sind unten noch geschlossen. In der Mitte stehen sie hübsch in Reih und Glied, man kann mit dem Auge der Spirale ihrer Entwicklung folgen. Je mehr es nach oben geht, desto mehr klaffen sie auseinander. Oben sind sie ziemlich chaotisch auseinandergebrochen und schon ein bisschen verwittert.

Oder die Vase mit den Rosen auf dem Tavernentisch. Eigentlich wollte ich den Gastwirt zeichnen, der diese Blumen arrangiert hat, aber er bewegte sich ständig, bewegte auch die Vase von hier nach dort und wieder zurück… Daher musste ich an meiner Zeichnung ziemlich viel korrigieren, und der Strauß blieb lückenhaft.

Ein kleines bisschen Kolorit ….

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„Friedlicher kräftiger Regen in der Nacht“ (neugrografisches Zeichnen)

In der Nacht setzte ich mich hin, um noch eine „Regenbeschwörung“ zu zeichnen und der vorigen Nachdruck zu verleihen.

Hier die vorigen:

Dies Zeichnen hatte einen sehr beruhigende Wirkung auf mich, und so schlief ich gegen Mitternacht ein, wachte erst gegen Mittag wieder auf. Die Welt ist nass. Rund ums Haus stehen weiche Wolken, Manchmal bricht die Sonne durch, dann glänzt das Olivenlaub freudig auf. Der Bann ist gebrochen!

Entwicklung der Zeichnung:

Um das „Nächtliche“ zu betonen, schwärzte ich einen Teil der Zeichnung und drehte sie in die Waagrechte. Ich musste mich ein wenig überwinden, die große geschwärzte Seite nach rechts – d.h. in die Zukunft – zu verlegen, denn möchte ich die nächsten Tage im Haus eingeschlossen sein? Doch dann tat ich es entschlossen: wir brauchen viel Regen! und ich kann ja Stiefel und einen Regenschirm nehmen, wenn ich rausgehe.

Nasser Garten mit Sonnenblick (mittags):

Der Wirkmechanismus dieses Zeichnens? Nun, als allererstes wirkt es auf mich: ich versenke mich in die Vorstellung, dass Regen kommt, wie sich das anfühlt, wie sich das auf die Natur auswirkt. Dadurch stehe ich der Regenlosigkeit ganz anders gegenüber, als wenn ich mir Sorgen mache. Ich jammere nicht, fühle mich nicht ohnmächtig ausgeliefert, sondern suche nach einer Lösung.

Bei seelischen Problemen ist es einfach sich vorzustellen, dass diese Haltung auch tatsächliche Folgen für das anschließende Verhalten hat, wodurch der Effekt weiter verstärkt wird. Wenn ich mir zB vorstelle, mein Nachbar begrüße mich nicht grantig, sondern freundlich, und ich sehe förmlich vor mir, wie sich seine grämlichen Gesichtszüge glätten und zu einem Lächeln werden – werde ich ihn dann nicht selbst beschwingt und fröhlich grüßen, so dass er gar nicht anders kann, als seinerseits …

Aber das Wetter? Wird das Wetter sich um meine Befindlichkeiten kümmern? Kam der Regen nicht sowieso? War er nicht, wie eine Leserin feststellte, bereits angekündigt? Ja, das war er, aber ich wusste zur Zeit des Zeichnens nichts davon. Für mich gab es eine bedrohliche Trockenheitsperiode, deren Ende sich nicht abzeichnete. Also zeichnete ich das Ende ab… Und es regnet. Darauf allein kommt es an!

 

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Nach dem Regen (neurographisches Zeichnen)

Ich will ja nicht behaupten, dass meine „Regenbeschwörung“ für den Regen gesorgt hat, der nun endlich fällt…

Gestern, als es noch gänzlich trocken war, machte ich  eine dritte „Regenbeschwörungs“-Zeichnung, die ich in froher Vorausschau „Nach dem Regen“ betitelte. Ich dachte bei mir: stell dir doch schon mal vor, wie schön es sein wird, wenn der Regen endlich kommt und alles, was in der trockenen Erde überlebt hat und aufs Keimen wartet, nun hervorbricht.

Ich bin nun wieder in der Mani, vor zwei Stunden angekommen. Unterwegs regnete es noch nicht, und auch hier blieb es trocken, bis wir unsere Sachen ins Haus getragen hatten. Vier unserer Katzen warteten schon auf uns: der weißgraue Kater Lin ist prächtig gewachsen und hat ein noch dickeres Fell bekommen, die gelbweiße Jungkatze und ihr gelber Bruder waren da, und als vierte stieß Theo dazu, die Mutter der beiden. Die hat eine abrasierte Flanke, anscheinend wurde sie in unserer Abwesenheit sterilisiert. Mir soll es recht sein.

Und dann kam der Regen, sehr leise fiel er, nässte gerade nur die Steine und die Oberfläche der Erde und hörte wieder auf. Vielleicht braucht er noch eine Zeichnung, um sich zu verstärken?

 

 

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Regenbeschwörung (neurographisches Zeichnen)

Heute Nacht, als mich mal wieder der Schlaf mied, sah ich einen sehr schönen russischen Film über das Wasser. Er ist von 2006, ins Deutsche übertragen (hier). Die Inhalte waren mir zum Teil bekannt, insbesondere die fantastischen Fotografien der schockgefrorenen Wasserkristalle, mit denen der japanische Forscher Masaru Emoto Furore machte. In diesem Film aber kommen noch sehr viele andere Stimmen zu Wort. (Wikipedia weiß über Emoto nur Negatives zu berichten: hier. Ich finde das schäbig. Denn das kreative Denken der sog. Grenzwissenschaften hat seine eigene Schönheit und Wahrheit.)

Eines der Ergebnisse dieser Forschung ist: Wasser hat Gedächtnis, es erinnert sich. Und so setzte ich mich heute Nacht hin und machte eine kleine neurografische Zeichnung, um es daran zu erinnern, dass es auch hier in Attika schon mal als Regen runtergekommen ist. „Wieso konntest du das vergessen, liebes Wasser? Nun wird es Zeit, dich zu erinnern. Die Pflanzen warten sehnsüchtig auf dich! Fülle die Wolken, werde schwer bis zum Zerreißen, werde zum Tropfen und falle, falle hernieder. Fühle, wie die Pflanzen dir im frischen Grün der Dankbarkeit entgegenhoffen und entgegenwachsen! Das haben sie immer getan und tuns wieder, du brauchst nur herabzufallen, in den Boden zu sickern, den Rest erledigen sie schon.“

„Regen = Segen“ betitelte ich die kleine Zeichnung und ging schlafen. 

Als ich heute vormittag meine Runden ums Haus drehte, stellte ich fest: es ist deutlich kühler geworden und am Himmel haben sich Wolken gebildet. Doch reicht es für den ersehnten Regen? Heimkommend, machte ich zur Unterstützung gleich noch eine Zeichnung mit dem Titel „Bitte um Regen“.

Nun warte ich hoffnungsvoll, dass sich das Wasser erinnert und sich einfindet und den Boden tüchtig durchnässt, und dankbar werden Pflanzen, Tiere und vielleicht auch die Menschen es begrüßen.

 

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Athen: von Exarchia nach Lykabettos und zur Metro

Ich habe heute in Exarchia, dem „Anarchisten“-Viertel von Athen, zu tun. Mein Ziel ist der Sitz des Verbandes Bildender Künstler Griechenlands, denn ich verlor vor etlicher Zeit meine Mitgliedskarte und damit auch mein Recht, verbilligt oder gar umsonst archäologische Stätten und Museen zu besuchen. Die gut gesicherte Eingangstür öffnet sich, nachdem ich mein Anliegen vorgebracht habe, und eine freundliche Angestellte erledigt die Neuausstellung im Handumdrehen.

Exarchia ist ein etwas heruntergekommenes Innenstadt-Quartier, ganz gemütlich mit den vielen Straßencafes, Imbissen, Verlagen und Buchhandlungen in Kellern und Untergeschossen, Graffiti noch und nöcher an neoklassischen Hausruinen, Lädchen, Baustellen, engen Straßen, die teilweise beruhigt oder in Fußgängerzonen umgewandelt sind. Die Polizei hält sich dezent am Rande, aber doch gut sichtbar auf, damit das Gebiet nicht wieder, wie zu anderen Zeiten, zu einer no-go-Zone wird. Ich sehe heute nur einen einzigen sehr jungen Polizisten mutterseelenallein Wache schieben – ein zartes Jüngelchen, das nicht als aggressive Staatsmacht missverstanden werden kann.

Ich beschließe, die Valtetsiou-Straße*, auf der ich mich eh grad befinde, einfach geradeaus  zu gehen und zu sehen, wohin sie mich führt.

Und so gelange ich allmählich in immer gepflegtere Regionen bis zur prächtigen No 1 der Valtetsioustraße*, die diese ihre Eigenschaft in großen stolzen Buchstaben anzeigt.

Kaum biege ich um die Ecke, staune ich: eine große mir ganz unbekannte Kirche, daneben ein vergitterter Platz mit zwei kleineren Kapellen und auf der anderen Seite ein steil ansteigender öffentlicher Park.

Die Kirche ist offen, niemand drin. Ich lasse mich nieder und die Augen schweifen: Feinste Wandbemalungen aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, festliche Bestuhlung und Beleuchtung, Ikonen, Stille.

Danach wandere ich durch den kleinen Park und immer bergan, komme an einer anderen Kirche vorbei, neuapostolisch ist diese und mit bunten Tieren bemalt, wohl, weil die Gemeinde auch einen Kindergarten betreibt.

Noch ein Blick zurück aufs Häusermeer und die gleißende Sonne.

Ich fühle mich erschöpft, trabe aber weiter bergan auf immer steileren Stufen, bis ich die Umgehungsstraße des Lykabettos erreiche. Hier wohnt eine andere Menschenklasse, drum gibt es  vor etlichen Gebäuden motorisierte Wachmannschaften.  Auch ein Sondereinsatzkommando der Polizei steht in Bereitschaft, die schwarz uniformierten jungen Männer langweilen sich. Blöde Jobs, denke ich: Rumstehen, rumsitzen und auf die Sicherheit der Macht- und Geld-Habenden aufpassen. Ihr habt doch Köpfchen, habt Kraft und Jugend, könntet was besseres damit anfangen…  Ich setze mich auf ein Mäuerchen und ruhe mich etwas aus. Von nun an wird es nur noch abwärts gehen, durch die eleganten Wohnstraßen unterhalb des Lykabettos Richtung Königin-Sofia-Boulevard, wo mich die Metro aufnehmen wird.

An der Metrostation steht, wie immer, eine Verkäuferin der „Schedia“/Floß genannten Obdachlosen-Zeitschrift. Es ist eine junge Frau mit rundem nettem Gesicht, ich kaufe ihr für fünf Euro eines der Hochglanz-Exemplare ab. Was drin steht? Davon in einem anderen Eintrag.

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* Die Valtetsioustraße wurde benannt nach der Schlacht von Valtetsi, die am 24.5.1821 zwischen der osmanischen Armee und den griechischen Revolutionären ausgetragen wurde. „Die Schlacht war der erste große Sieg der griechischen Revolution von 1821 und bestimmte den Verlauf des Unabhängigkeitskrieges.“ (Wiki: Schlacht von Valtetsi)

Ich kenne das heutige Valtetsi ganz gut, es liegt in Arkadien in einem prächtigen dicht mit Tannen bewaldeten Gebirge, und man ist sich dort der historischen Bedeutung des Ortes und seines Helden Theodoros Kolokotronis sehr wohl bewusst.

Kolokotronis auf dem Weg nach Valtetsi (Quelle)

Am 6. Mai 1821 überfielen die osmanischen Streitkräfte von Tripoli erstmals die in Valtetsi stationierten Griechen. Die Muslime wurden dann am 7. Mai durch 4.000 Albaner unter Kâhya Mustafa Bey, dem Kehayabey von Hurschid Pascha, aus Argolis verstärkt.

Ein paar Wochen später machte sich eine kombinierte türkische und albanische Streitmacht von 5.000 Mann unter dem Kommando von Kâhya Mustafa Bey daran, die griechischen Stellungen bei Valtetsi zu vernichten. Die Hauptstreitkräfte unter Rubi Bey wurden direkt zum Angriff auf das griechische Lager geschickt, das von 2.300 Revolutionären verteidigt wurde. …

Wenn dich diese Geschichte interessiert: Wiki erzählt sie dir gerne zu Ende: hier

 

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Berlin Episode 6: Neue Nationalgalerie: Mies van der Rohe, Rosa Luxemburg, Gerhard Richter, Birkenau und Heyde

Die Neue Nationalgalerie beherbergt eine Menge Kunst, die ich gern anschaue. Also entschieden wir uns, sie zu besuchen. Ich hatte freilich keine Ahnung, dass ich dort eine Sonderausstellung mit Werken Gerhard Richters vorfinden würde. (Hier kannst du bei Bedarf nachlesen, was es damit auf sich hat.)

Mies van der Rohe zeichnet für den Museumsbau verantwortlich, der 1967 vollendet wurde. Es ist das Testament eines der bedeutendsten Architekten des „Modernismus“,  und der Besuch lohnt sich für Architekturinteressierte schon deshalb. Mies van der Rohe, dessen Leben 1886 in Aachen begann und 1969 in Chicago endete, prägte wie kaumein anderer die Architektur des 20. Jahrhunderts. Während er seinen künstlerischen Auffassungen treu blieb, passte er sich politisch geschmeidig den Zeitläuften an. Politisch engagierte Kunst lehnte er ab. Das hinderte ihn nicht, das Revolutionsdenkmal für die ermordeten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu schaffen (1926 von Wilkelm Pieck eingeweiht), es hinderte ihn nicht, 1934 den Aufruf der Kulturschaffenden zur Unterstützung Adolf Hitlers im Völkischen Beobachter zu unterzeichnen, auch nicht, Nazi-Deutschland 1934 auf der Weltausstellung in Brüssel zu vertreten…  Sein künstlerischer Einfluss machte sich ab 1938 in den USA geltend, 1944 wurde er US-Staatsbürger. 

Um zur Neuen Nationalgalerie zu gelangen, überquert man den Landwehrkanal. Ich stand eine Weile dort auf der Brücke und sah dem Wasser nach, das träge drunter hindurchströmte (kein Foto). In diesen Kanal (nicht an dieser Stelle) wurde im Januar 1919 die Leiche von Rosa Luxemburg geworfen. Ein Jahrhundert später, 2019 im Mai, fischte man sie heraus. Nichts verjährt wirklich.

Die Überraschung dann: Gerhard Richter. Ich taste mich heran. Erst ein Totenschädel, in seiner weichzeichnenden fotorealistischen Art gemalt.

Dann: Vier riesige Tafeln mit wogenden Farben, feurig und vielschichtig wie herbstliches Laub. Birkenau.

MirkommenGeichtszeilen in den Sinn. Die Blätter fallen, fallen wie von weit …. (Rilke, Herbst)

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen… (Trakl, Groddeck)

Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle… (Trakle, Groddeck)



Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel. (Trakl, Groddeck)

Ist das nun „politisch engagierte Kunst“? Durch den Titel „Birkenau“ öffnet der Geist sich dem Grauenhaften, das sich mit diesem einst schönen Wort verbindet. Und dies Grauenhafte verbindet sich mit all den anderen Stätten des Grauens, die das 20. Jahrhundert zu schaffen und zu erleiden in der Lage war (und was das 21.Jahrhundert auch nicht verlernt hat), und ich fühle ihn, den „gewaltigen Schmerz, die ungeborenen Enkel„, Trakls Klage von 1914, in Erinnerung an die Schlacht von Grodeck, Ostgalizien, heute Ukraine.

Weiter gehe ich, bewundere die Vielfalt seiner Techniken (hier Hinterglasbilder)

bleibe dann wie angewurzelt vor einem weichgezeichnet fotorealistschen Bild stehen. Ein Mann wird verhaftet.

Es ist die Verhaftung von Dr. Werner Heyde, und nichts triggert mich so sehr wie dieser Name, seit ich als 17Jährige, 1959 aus den Zeitungen erfuhr, dass sich ein Dr. Heyde wegen eines Nachbarschaftssteits ausweisen sollte und schließlich „gestellt“ wurde. Dieser Mann hatte sich mit quasi-offizieller Deckung unter dem Pseudonym Dr. Fritz Sawade als „nervenärztlicher Gutachter“ in den Nachkriegsjahren eine goldene Nase verdient. Bis zu seiner Verhaftung 1959 erstellte er rund 7.000 Gutachten für verschiedenste Behörden und Institutionen. 

Na und? fragst du. Du kennst den Mann wohl nicht. Wiki: „Werner Heyde – Pseudonym Fritz Sawade – (* 25. April 1902 in Forst/Lausitz; † 13. Februar 1964 in Butzbach/Hessen) ….Als Leiter der medizinischen Abteilung der Tarnorganisation „Zentraldienststelle T4“ und erster T4-Obergutachter während der Zeit des Nationalsozialismus war er für die Ermordung von Zehntausenden Menschen mit Behinderungen bzw. psychischen Erkrankungen aus Psychiatrien und Pflegeheimen sowie Konzentrationslagerhäftlingen verantwortlich.“

 

 

 

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Drabble: Dickköpfig ist diese Alte!

Alt war sie, und wer sie überhaupt beachtete, machte sich über sie lustig. Denn diese Alte, bescheiden Lebende, war sich ihres Unvermögens, Verantwortung für die großen Entscheidungen der Welt zu übernehmen, offenbar nicht bewusst. Sie wollte einfach nicht aufhören zu warnen, zu predigen und laut zu rufen: Lasst euch nicht vor die Kriegsmaschine spannen! Sie wird euch zermalmen! Gebt dem Frieden eine Chance!

Ja, sie war sehr alt. Und gerade deshalb wusste sie, was Krieg ist. Was Krieg damals war und morgen sein würde. Darüber redete sie bei Tage, und in der Nacht betete sie und weinte bittere Tränen.

Dies ist mein Beitrag zu Heides Drabble-Dienstag (Puzzleblume). Die heute vorgegebenen Wörter für den 100-Wörter-Text sind

Vermögen + übernehmen + alt,

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Epulosi (Verheilung) – die Kunst von Vasilis Botoutas

Epulosi (επούλωση) ist ein feines Wort für Verheilung. Insbesondere bezeichnet es den Vorgang, wenn eine Brandwunde anfängt auszuheilen und zu vernarben. Ich weiß nicht, ob du eine Vorstellung davon hast, wie eine schwere Brandwunde aussieht und wie lange es braucht, bis sie verheilt – sofern das ohne Hauttransplantate überhaupt geht. Es ist ein grausamer Anblick, den ihr euch besser erspart.

Heute fuhr ich durchs Pendeli-Gebirge, das in diesem Sommer erneut von Wildfeuern verwüstet wurde. Auch das ist ein schrecklicher, verstörender  Anblick. Über der schwärzlichen Wüste des verbrannten Waldes aber breitet sich ein hellblauer Himmel und weit unten die strahlende kreisförmige Bucht des Meeres, die verklüfte Küste und das im Licht träumende Euböa….

Mein Neffe Vasilis Botoulas, versucht seit 2017, als die Flammen eines Wildfeuers Menschen, Tiere, Bäume töteten und auch das Haus seiner Eltern, in dem er sein Atelier hat, beleckten, das Thema künstlerisch zu bewältigen. Ich habe mehrmals davon berichtet.(hier,  hier,  hier, hier)

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2023/03/img_7053-e1678568270453.jpg

 

Nun hat er eine neue Serie erarbeitet, die er Epulosi/Verheilung nennt. Er meint, er könne das Thema damit für sich abschließen.

Es handelt sich um zweimal sechs Blätter, auf denen er je eine kleine rechteckige Fläche sorgfältig mit feinsten Strichen bedeckt hat. Das Papier ist alt und ein wenig angegilbt, die Ausfüllungen sind monochrom – von Schwarz über Grau und Rosa bis hin zu einem innigen Rot. Die verwendeten Malmittel reichen von weichen und harten Bleistiften über Kugelschreiber bis hin zu Lippenstift.

Hier ein Beispiel der größeren Sechser-Serie, schmale Schreibmaschinenpapiergröße (die anderen sechs Blätter sind noch kleiner).  Ohne Lupe siehst du nur eine einheitliche dunkle Fläche.

Ich rückte den Blättern etwas näher, um die Strukturen erkennbar zu machen.

Ich bedaure sehr, dass ich die rosa Blätter, die mir am meisten zu Herze gingen, nicht fotografiert habe. Ich tat es nicht, weil er die Arbeiten ja erst noch ausstellen will. Als ich durch das verwüstete Gebirge zurückfuhr, erfasste mein Blick im Vorbeifahren ein wundervolles kühles Rosa: die Zyklamen haben auch die schrecklichen diesjährigen Feuer überlebt und blühen unverzagt ihren Zauber hervor!

Und wie sieht es in der unmittelbaren Umgebung von Vasilis Haus aus?  So war es im Januar 2018, ein halbes Jahr nach dem Brand.

Und so ist es heute: Wie ein hellgrünes Flammenmeer haben die jungen Pinien die Hänge überzogen und ihr Gebiet zurückerobert.

Auch die schwersten Wunden dürfen irgendwann verheilen.

 

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Tagebuch der (Un-)Lustbarkeiten: Trockenheit in Attika

Kurz vor vier Uhr nachmittags und ich raffe mich auf, einen Spaziergang zu machen. Das Land ist sehr trocken, selbst die Boote von Theodora Horafa schweben kläglich, jeder Feuchtigkeit beraubt, über dem kiesigen Becken.

Du erinnerst dich vielleicht? Ich habe sie schön öfter gezeigt, besuche sie immer, wenn ich in Maroussi bin (zB hier)

Auch die Dexameni (Wasserreservoir) ist vollkommen trocken. Sogar die Jugendlichen scheinen die Lust am Graffiti verloren zu haben

Aber der Himmel leuchtet!

Schließlich steuere ich die Schrebergärten an, und hurrah! da stehen die Kohlköpfe in prächtigen Reihen.

Wasser braucht’s, sonst nichts! Aber die Wolken geben einfach keinen Regen her.

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Berlin Episode 5: Auf gut Glück (Adenauer, Pallasseum, Sportpalast und Markttag)

Wenn man nur sehr wenig Zeit in Berlin zur Verfügung hat, sollte man wohl einen Plan haben und ein Besuchsprogramm aufstellen? Nun, ich liebe „Blind dates“  und ziehe am liebsten auf gut Glück los, zumal die Fülle des Angebots sowieso keine vernünftige Vorauswahl gestattet.  Verabredet war einzig das Treffen in Susannes Atelier, den Rest beschlossen wir beiden – Mutter und Sohn – ad hoc.

Und so machen wir uns am Samstag auf die Socken, um zu sehen, was das herbstliche Berlin uns noch zu bieten hat.

Wir einigen uns schnell auf den Besuch eines Wochenmarktes in Schöneberg. Zuerst gehts zur U-Bahn am Adenauerplatz, wo der Alte, unbeeindruckt von den treibenden Blättern, seines Wegs geht. Die Künstlerin Helga Tiemann schuf die lebensgroße Bronzeskulptur 2005 nach einem Foto vom September 1949: Adenauer verlässt den Sitz der Alliierten Hohen Kommission und missachtet geflissentlich das Verbot, den Teppich nicht zu betreten, der den Besatzern vorbehalten war.

 

Klein und zierlich, lässig wirkt er, wie er da mit wehendem Mantel, den Hut in der Hand im Blattgetümmel ausschreitet. Sein Gesichtsausdruck ist schwer zu entziffern. Dieser Politiker war es ja, der die Zeit, in der ich aufwuchs, prägte („Adenauerzeit“, „bleierne Jahre“), und sehr zwiespältig blickte ich damals auf seine Regierungsmannschaft und -entscheidungen. Heute, nach so vielen Jahren, versuche ich mir vorzustellen, wie sich das deutsche Nachkriegsschicksal ohne diesen rheinischen Fuchs wohl gestaltet hätte?

Später dann – wir sind nun in Schöneberg-Nord – kommen wir an einem weit weniger zierlichen Gebilde vorbei: Wie ein gewaltiger Riegel erhebt sich eine Fensterfront, in die ein schwerer Klotz eingelassen ist: Offenbar ein Bunker. Die Straße führt unter dem Massenquartier hindurch.

Das Gebäude wurde großspurig „Pallasseum“ getauft – ein Name, der Assoziationen an Pallas Athene  hervorrufen könnte. Oder doch eher an Palast? Richtig! Die Wohnmaschine (514 Wohnungen und 16 Gewerbeeinheiten) wurde 1973 nach Plänen des Berliner Architekten Professor Jürgen Sawade dort gebaut, wo einst der berühmt-berüchtigte Sportpalast* stand. Im Volksmund hieß das Gebäude spöttisch „Sozialpalast“. Die brutale Architektur des Massenquartiers – etwa 2000 Menschen leben hier – hat die Berliner lange erregt, es gab heftige Kontroversen: die einen forderten den ersatzlosen Abriss, die anderen bemühten sich, schließlich erfolgreich, um den Status eines denkmalgeschützten Gebäudes. Verwaltet wird es neuerdings durch die kommunale Geobag, bewohnt vor allem von Menschen mit migrantischem Hintergrund. So las ich in diversen Einträgen im Internet. Der Bunker, der durch die Wohnanlage überbaut wurde, weil er sich nicht sprengen ließ, wird heute als „Ort der Erinnerung“ an die Zwangsarbeiter, die ihn errichteten, ausgewiesen. Wenn die Berliner Politiker so weitermachen, wird man sich noch gratulieren, dass er nicht gesprngt wurde.

Wie auch immer: wir sind ja auf dem Weg zum Wochenmarkt am Winterfeldtplatz und kommen auch gut an. Sehr wohl fühle ich mich hier zwischen lauter liebenswürdigen Kleinstproduzenten. Fast schon vorweihnachtlich ist die Stimmung. Was immer das Herz  begehrt, um sich an einem kalten trüben Novembertag zu wärmen, ist im Angebot.

Statt südländischer Genüsse verabreichen wir uns Brötchen mit Matjeshering. Das muss einfach mal sein.

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*Zur Geschichte des Sportpalastes, der 1910 nach Plänen von Hermann Dernburg erbaut und 1973 abgerissen wurde, um der Wohnmaschine des Pallasseums Platz zu machen: Bei seiner Eröffnung am 17. November 1910 galt der Palast als architektonische Sensation:  die größte gedeckte künstliche Eisbahn weltweit, ein Hallenbau ohne tragende Säulen, fantasmagorische Illumination, schwärmten die Medien. Bis zu 10 000 Besucher hatten Platz! Richard Strauß dirigierte bei der Eröffnung höchstpersönlich Beethovens Neunte. Eislauf wurde zur großen Berliner Attraktion. Doch wie sollte sich der Betrieb tragen? Er trug sich nicht, der erste Betreiber machte schon bald Pleite. Ein ungenannter Mäzen rettete die Unternehmung. Seither wechselten die Besitzer des öfteren, u.a. gehörte der Sportpalast von 1928-1934 dem Spekulanten, Autohändler und Großaktionär von Daimler-Benz Jacob Shapiro aus Odessa, bis er von Schweizer Finanzierungsgesellschaften zwangsversteigert wurde.

In den 20er Jahren dann der Boom: Eishockey, Boxkämpfe, Hallenreiten, Radsport (Sechstagerennen) – das Volk bezahlte auf dem Schwarzmarkt Rekordpreise, um einen Platz zu ergattern. Auch für Politiker wurde der Sportpalast zur beliebten Bühne: Brüning (Zentrum), Thälmann (KPD), Wilhelm Pieck (KPD, 1933), Goebbels, Hitler (ab 1928), Eiserne Front (SPD), Reinhold Krause (Deutsche Christen, neuheidnisch, 1933) wechselten sich ab, bis die NSDAP, die dort um die Ecke ihr Parteibüro hatte, endgültig die Oberhand gewann. Hier hielt Goebbels seine berüchtigte Wollt-ihr-den-totalen-Krieg-Rede (19.2.1943). Auch Hitler hielt hier am 30. Januar 1942, dem 9. Jahrestag der Machtergreifung, eine vielbeachtete Rede. Zwei Jahre später, an einem anderen 30. Januar, bombten die Allierten den Palast kurz und klein. 

War das nun das Ende des Sportpalastes? Nein. Denn gleich nach dem Krieg gings weiter: Jazz-Größen wie Louis Armstrong, Duke Ellington, Benny Goodman, Ella Fritzgerald traten hier ebenso auf wie die Berliner Philarmoniker, Opernstars aus aller Welt, Ballette und Chöre. Die Auftritte von Johnnie Ray, Bill Haley und Frank Zappa wurden von Krawallen begleitet.

1973 – Berlin sah sich nicht mehr imstande, ihn zu subventionieren – wurde der Palast verkauft und abgerissen. An seiner Stelle entstand der „Sozialpalast“, genannt Pallasseum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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