Farben im September: in Öl gespiegeltes Platanenblattgrün

Ich schaute, mich vom genossenen Mahl (Sardellen) zurücklehnend, auf das Olivenöl, das sich auf dem Teller zu einer Pfütze gesammelt hatte, und entdeckte darin die lieblich-gelbgrüne Spiegelung des Blätterdaches und des Himmels über mir.

Und dachte bei mir: das ist doch mal eine nicht alltägliche Farbe für Amoraks Blog-Challenge „September in Farben„!

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112 Stufen, 101: Hoffnung (Dante Alighieri, Julian Assange und Willi(e))

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. Gravour von Gustave Dore (1890)

Als erstes fiel mir Dante Alighieri (1265 – 1321) und die Inschrift über dem Höllentor ein: Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

Die Inschrift ist in Wirklichkeit länger – und berührender -, als dieser kurze apodiktische Satz. Sie lautet:

Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
Nur ewiges, und ich muss ewig dauern.
Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

(Inschrift auf dem Tor zur Hölle, dritter Gesang, Vers 1-9 (Dante: Göttliche Komödie, Inferno))
 

O weh! Mitleid packt mich, die ich das lese. Und eine Frage rührt sich: Woher weiß Dante, dass die Dreieinigkeit Allmacht – Weisheit – Liebe vor aller Zeit das fürchterliche Reich von ewiger Trauer – Schmerz – Strafe erschuf? Die Gerechtigkeit verlange das. Welche Gerechtigkeit?

Die griechische Göttin Nemesis sorgt für den Ausgleich in der Natur: Sie rächt furchtbar, wenn das Gleichgewicht von Geben und Nehmen zerstört wurde – wenn also eine Art zu viel nimmt und zu wenig gibt. Hoffnung, dass Nemesis nicht einschreitet, besteht nur und ausschließlich dann, wenn das Fehlverhalten rechtzeitig korrigiert wird. Es nützt nichts, Nemesis anzuflehen. Denn sie handelt aus Notwendigkeit, gegen die selbst Götter machtlos sind, und Hoffnung ist vollkommen fehl am Platze.

Karma ist ein ähnliches, mehr auf den Menschen zugeschnittenes Konzept des Ausgleichs: Was du tust, denkst, fühlst sind Taten, und sie haben notwendige Folgen in der Welt. Für diese Folgen bist du immer und ewig verantwortlich. Auch dein Tod erlöst dich nicht davon. Doch erbarmungslos ist dieses Konzept nicht; denn du kannst in nachfolgenden Reinkarnationen die aufgehäuften Schulden abbezahlen, und so bleibt dir die Hoffnung, dass du dich einmal auch vom schwersten Karma wirst befreien können.

Dantes christliche Hölle aber ist erbarmungslos. Lass alle Hoffnung fahren. Kein Lernen, keine Besserung, keine Wiedergutmachung, kein Neuanfang möglich. Aus und vorbei. Nur Christus oder „Gott in seiner Gnade“ kann erlösen. Ich gebe zu: das Konzept gefällt mir nicht. Denn es gibt denen, die sich als „Vertreter Gottes auf Erden“ etabliert haben, eine ungeheure Macht in die Hand.

Hoffnung ist wie ein schwankendes Brett nach einem Schiffbruch, man klammert sich dran und späht verzweifelt umher, ob sich nicht irgendwo wirkliche Hilfe zeigt.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ist sie tot, stirbt auch der Mensch“ –  so schrieb ich am 10. Dezember 2021 im „schrecklichen Adventskalender“ mit Bezug auf Julian Assange: “

Die Nachricht: Ein Londoner Berufungsgericht hat das Verbot, Julian Assange an die USA auszuliefern, gekippt. Das ist schlimm. Denn was Assange bisher schon hat erleiden müssen, wurde nur erträglich durch die Hoffnung, dass er bald auf freien Fuß kommt. Und nun das.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ist sie tot, stirbt auch der Mensch. Diese junge duftende Zitronenblüte von meinem heutigen Spaziergang schicke ich dem armen Mann in sein Hochsicherheitsgefängnis, in dem er schon so lange willkürlich festgehalten wird.

Ich freue mich, dass ich diese Anknüpfung im Archiv fand und hier auf der 101. Stufe der Holsteiner Treppe präsentieren kann. Denn im Fall Assange hat die Hoffnung den Menschen durchgetragen, bis er schließlich frei kam. Und das macht auch mir Hoffnung.

Im Jahre 2022 hinterließ die Begleiterin des Jahres Willi(e) ein Zwillingspaar: Élpis und Apelpis. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Ich fand es bei Willi(e)s Weggang auf der Türschwelle und betrachtete es:

Das rosa Ding, offenbar die Elpis – was auf Deutsch Hoffnung bedeutet -, wirkte ganz nett, ein klein wenig wie diese chinesischen Pandas, deren Schwarz-Weiß-Gesicht mich immer irgendwie an das ebenfalls chinesische Yin-Yang erinnert. China ist ja grad in aller Munde – also passt es ganz gut. China – der Hoffnungträger? Wer oder was aber ist dieses blauköpfige Schrumpelding an ihrer Seite? Vielleicht Europa, die auf dem letzten Loch pfeift?

Aktuell auch das, finde ich….

 

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Farben im September (11): Hafenbeckentürkis

Die Farbe des Wasser wird ja nicht nur vom Himmel, sondern auch vom Untergrund und vom Blickwinkel mitbestimmt. Daher ist das Wasser im Hafenbecken, selbst wenn es direkt aus dem Meer zufließt und sauber ist, doch ganz anders als das im offenen Meer. Noch größer ist der Unterschied bei leichter Trübung des Wassers. Das fiel mir gestern Mittag beim Spaziergang am Segelhafen von Kalamata auf.

Die Spiegelungen der Boote erhöhen für mich den Reiz der Farbe.

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Dies ist mein 11. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge: September mit Farben.

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112 Stufen, 100: Wertschätzen (Albert Einstein, J. W. von Goethe)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

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„Wertschätzen“ – was fällt mir dazu an Literarischem ein? Ich selbst schätze natürlich so einiges wert, aber darum kann es hier ja nicht gehen. Ich suche nach Erinnerungen aus meinem literarischen Gedächtnis.

Da mir nichts einfällt, schaue ich im Netz nach. Und finde sogleich ein schönes wertschätzendes Wort von Kollege zu Kollege – von Einstein (1879-1955) zu Goethe (1749-1832):

In einem Brief an Leopold Casper aus dem Jahr 1932 schrieb Einstein, er bewundere Goethe als „einen unvergleichlichen Dichter und einen der klügsten und weisesten Männer aller Zeiten …. Auch seine wissenschaftlichen Ideen verdienen hohe Wertschätzung, und seine Fehler sind die eines jeden großen Mannes.

Und Goethe selbst? Auch er hat sicher etwas Wertschätzendes gesagt. Freilich! Sagte er nicht: Jeder Augenblick ist von unendlichem Wert?  Ich vergewissere mich und finde das Zitat:

Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.

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Quelle: Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann P. Eckermann, 3. November 1823, befunden bei Aphorismen.

Ich finde, damit ist eigentlich alles gesagt. Andererseits…. von Goethe ist auch der Faustische Schwur, mit dem er sich in Mephistos Hände gibt:

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Wertschätzen, aber nicht festhalten, das ist es! Die Wertschätzung liegt darin, den Augenblick voll zu leben, aber ihn nicht festnageln zu wollen! Denn das würde ihn abtöten und zudem eine mangelnde Wertschätzung gegen die übrigen noch zu lebenden Augenblicke zeigen, die jeder wert sind, gelebt zu werden.

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Farben im September (10): Straßenschilderblau

Ich lebe in einem blau-weißen Land mit blau-weißer Fahne … und blau-weißen Straßenschildern. Welche Farbe die Straßenschilder in Deutschland haben? Daran erinnere ich mich nicht.

Aufgenommen heute mittag am Segelhafen von Kalamata. Dies ist ein Beitrag zu Amoraks Farben im September.

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112 Stufen, 99: Vertrauen (Rainer Maria Rilke, Emma Lo)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Rainer Maria Rilke

Für E.M.

Vertraust Du so? Nicht meine Demut nur,
mein Wesen zittert vor so viel Vertrauen.
Mein Grund ist zu geheim, um drauf zu bauen,
ich bin Gefahr, sonst wär ich nicht Natur.

Doch weißt Du`s nicht? Sooft es selig war,
rief Dir Dein Blut nicht immer feierlicher;
Gewagtes Kind nun bist Du nirgends sicher
als in Gefahr.

Die Gedichte 1922 bis 1926 (Briefwechsel in Gedichten zwischen Rainer Maria Rilke und Erika Mitterer, aus der vierten Antwort, Ragaz, 1. / 4. Juli 1924)

Ich finde, dem ist nicht viel hinzuzufügen. Reines Vertrauen in die Redlichkeit und Treue eines anderen Menschen überfordert diesen. Er ist ja nicht Gott, ist auch kein Heiliger, er ist „Natur“. Und eine Eigenschaft der Natur ist ihre Unberechenbarkeit. Eben noch klarster Himmel, und schon braut sich ein mächtiger Sturm zusammen. Eben noch ein lauschiges Plätzchen, und schon hat dich der Skorpion gestochen. Eben noch ein köstlicher Ausblick, und schon weicht der Boden unter deinen Füßen und du stürzt ab. Eben noch ein sicheres Haus, und schon reißt ein Erdbeben es nieder.

Und was tut Rilke? Er macht einen dialektischen Sprung: Im Bewusstsein der Gefahr bist du sicher, und der Sicherheit zu vertrauen, wird zur größten Gefahr.

Das Schlimmste erwarten und das Beste erhoffen – die Balance halten zwischen Vorsicht und Vertrauen, Leichtfertigkeit und Misstrauen – das ist schwer zu erlernen. Es gleicht einer Gratwanderung. Oder einem Drahtseilakt. So manches Mal stürzt man ab und sagt: Nie wieder! Aber das ist auch keine Lösung. Denn einen sicheren Ort gibt es nicht. „Du bist nirgends sicher als in Gefahr“. Also lebe, vertraue und sei gefasst darauf, dass dein Vertrauen jederzeit zu deinem Absturz führen kann.

 

Mir fällt dazu noch eine Geschichte ein, die ich mal im Rahmen von Juttas Geschichtengenerator geschrieben habe und die ich immer noch sehr mag. Es ist die Geschichte von Emma Lo, Verkäuferin an einer Käsetheke, die dem schwer behinderten schwarzen Poeten Victor begegnet (hier), einen Käseballen gegen ein Gedicht eintauscht (hier) und von dessen Kumpel zu einem Fest eingeladen wird (hier).

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Soll sie hingehen? Sie kennt diese Menschen ja kaum. Doch sie fasst sich ein Herz:

Die andern halten mich für ne Zimperliese, weil ich nicht gleich mit jedem geh und immer noch allein bin. Aber wenn mir jemand echt gefällt, habe ich auch Mut. Und der Victor, ja, der gefällt mir, der ist was anderes als die Männer, die ich sonst so kenne. Ich zog mir also am Samstag Abend was Hübsches an und schminkte mich ein bisschen, denn immerhin war es ein Festtag für ihn. Als ich an der Ecke Fußgängerpassage ankam, stand der Bunte da schon, mich abzuholen. Mit nem Mofa! Bonsoar, Madame, und so – er war sehr höflich. Also, ich hinten drauf und los. Es ging ne ganze Strecke bis in einen Stadtteil, den ich gar nicht so kenne. Puh, war mir kalt und auch ein bisschen unheimlich. Aber ich hielt mich an der Jacke vom Bunten fest und sagte mir: Wer A sagt, muss auch B sagen. Schließlich bog er in einen Hof ein, half mir vom Mofa und wies auf eine Treppe, die nach unten führte. Durch die vergitterten niedrigen Fenster drang ein bisschen Licht, auch meinte ich eine Musik mit Trommeln zu hören. Was sollte ich tun? Mitgefangen, mitgehangen, sagte ich mir, und als der Bunte mir galant die Hand gab, um mich die Stufen runterzuführen, ging ich mit…… (hier gehts weiter)

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Dienstag-Drabble: Von Machterhalt und ewiger Wiederkehr (kata-strophisch)

Für das Dienstags-Drabble hat uns Heide diesmal drei besonders bedeutungsschwere Wörter kredenzt:

Wiederkehr – schlürfen – vergebens.

Ich habe versucht, sie in einem gereimten 100-Wörter-Text sinnvoll unterzubringen.

 

 

Von Machterhalt und Ewiger Wiederkehr des Gleichen

 

Ist es denn wahr, dass ewge Wiederkehr

Des ewig Gleichen uns erwartet?

Ist alles schon gesagt, und seit Homer

Der Mensch wie damals heut geartet?

 

War alle Müh, das menschliche Geschlecht

Zu bessern, zu erziehn, vergeblich?

Wird noch gebrochen jedes Recht

Ist jeder Fortschritt unerheblich?

 

So scheints, denn immer wieder schürfen

Im Erdentief nach Gold wir Armen

Und hoffen, dass auch wir mal schlürfen

Vom Göttertrank, ‘s ist zum Erbarmen!

 

Was kann sich ändern, wenn wir selber

Nicht anders denken als die Oben

Wir sind halt immer noch die Kälber

Die gegens Rind den Aufstand proben.

 

Es lacht

Die Macht.

 

 

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Farben im September (9): Felsengrau

Jeden Tag im September eine Farbe!

Das Felsengrau wirkt anders als das Ringeltaubengrau (hier) vor allem wegen des anderen „Farbträgers“. Das Taubengefieder ist aus Keratin, einem Protein, gebildet und durchpulst vom lebendigen Organismus, der es hervorgebracht hat. Luft und Licht umspielen sanft das Federkleid, durchdringen es auch, wenn die Taube sich aufplustert oder putzt.

Das Felsengrau ist auf seine Art auch lebendig, es schimmert und verfällt unter den Einwirkungen von Licht und Luft. Und doch – du verstehst schon! – atmet es nicht wie das Federkleid der Ringeltaube und auch nicht wie die Haut eines Elefanten. Es hat nicht Teil an einem lebendigen Organismus, sondern ist abgestorbenes, abgelagertes Mineral, das, um erneut in den Kreislauf des Lebens zu gelangen, von einem lebendigen Organismus eingegliedert werden muss.

Das geschieht natürlich auch ständig. Pflanzen und kleine Tiere bemächtigen sich des Felsgesteins. Sobald sich irgendwo ein Spalt auftut, sind sie geschäftig dabei, die Mineralien in den Lebenskreislauf zurückzubringen.

In Kürze wird auch dieser Felsbrocken wie der in der Nachbarschaft begrünt sein.

Die Felsbrocken, gebrochen im Gebirge, bilden zusammen die Mole, die die Küste vor Stürmen schützen soll.

 

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Farben im September (8): Salatgrün

Jeden Tag im September eine Farbe!

Der übliche Schnittsalat in Griechenland ist der Μαρούλι (Maruli): er ist dunkel- bis mittelgrün, im Inneren hellgrün-weiß und sehr zart, hat eine längliche Eiform von etwa einer Elle, wird mit scharfem Messer quer in kleine Stücke geschnitten und mit Salz, Öl und Zitrone angemacht.

Köstlich, knackig, leicht bitter und ein großer Spender von Vitaminen und Mineralien! Ich ziehe ihn allen anderen Salaten vor.

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112 Stufen, 98: Heilen (Kinderlied, Volksweisheit, Neues Testament; Raffael und Franz Kafka)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Heile, heile Segen,
morgen gibt es Regen,
übermorgen Schnee,
dann tut es nicht mehr weh!

Kann man heilen? Oder ist Heilen nicht vielmehr ein selbsttätiger Prozess, der stattfindet, soweit die äußeren und inneren Umstände und die Zeit es erlauben?

Die Zeit heilt alle Wunden

Nun, vielleicht nicht alle, aber ohne den Zeitfaktor heilt gar nichts – solange die Natur im Spiele ist. Genauso wenig wie etwas ohne den Zeitfaktor wächst. Du kannst die Knospe nicht zwingen, schneller zu erblühen, als es ihr inneres Zeitprogramm vorsieht, und den Schmetterling nicht, vorzeitig die Puppenhülle zu verlassen und sich zu entfalten. Genauso wenig kannst du vor der Zeit heilen das, was „seine Zeit braucht“, um heil zu werden.

Heilkunst besteht also darin, die physischen und seelischen Umstände günstig zu gestalten, um den Selbstheilungsprozess zu unterstützen.

Unser Hausarzt, bei dessen Eintreten und Stimme ich als Kind sofort das Fieber fallen fühlte, pflegte zu sagen: „Eine Grippe dauert ohne Doktor eine Woche und mit sieben Tage.“

Doch Geduld ist seltene Tugend, und so legen wir Wert auf beschleunigte Heilung, sind daher auch leicht verführbar, wenn Sofortheilung versprochen wird. Nichts überzeugte die Zeitgenossen Jesu mehr von seiner Göttlichkeit als die Wunderheilungen:

Stehe auf, gehe hin. Dein Glaube hat dir geholfen (Lukas, Kapitel 17, Vers 19)*

Oder auch die Heilung des „mondsüchtigen Knaben“, die Raffael (Raffaello Sanzio da Urbino, 1483-1520) in sein gewaltiges Bild der Transfiguration Christi integriert hat (unten rechts). Es ist das letzte Gemälde, an dem der große Renaissancekünstler arbeitete (1520).

Transfiguration (Raffael)

Ja, „Geistheilung“ berührt freilich eine andere Dimension. „Solange die Natur im Spiele ist“, sagte ich oben, braucht die Heilung ihre vorbestimmte Zeit. Transfiguration oder „Verklärung“ zeigt den noch auf der Erde wandelnden Christus Jesus befreit von den Gesetzen der Natur in seiner Geistgestalt. In dieser Gestalt haben Zeit und Raum ihre Wirksamkeit verloren.

Um diese Gestalt zu sehen und ihrer Wirkung teilhaftig zu werden, bedarf es freilich einer inneren Umwandlung, auch „Glauben“ genannt, und der fehlt uns modernen Menschen, die wir uns lieber solange auf die ärztliche Kunst verlassen, bis sie uns im Stich lässt. Im „Landarzt“ (1917) von Franz Kafka (1883-1924) – eine Erzählung, die mich immer umtreibt und mich herausfordert – heißt es:

Frank Kafka

Ein Landarzt

»Wirst du mich retten?« flüstert schluchzend der Junge, ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde. So sind die Leute in meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Meßgewänder, eines nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten mit seiner zarten chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich nicht angeboten; verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch das mit mir geschehen; was will ich Besseres, alter Landarzt, meines Dienstmädchens beraubt! Und sie kommen, die Familie und die Dorfältesten, und entkleiden mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der Spitze steht vor dem Haus und singt eine äußerst einfache Melodie auf den Text:

»Entkleidet ihn, dann wird er heilen,
Und heilt er nicht, so tötet ihn!
’Sist nur ein Arzt, ’sist nur ein Arzt.«

Zitiert nach: Franz Kafka: Ein Landarzt. Projekt Gutenberg. S. 27-28

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*Anmerkung: Diese Zeile im Lukas-Evangelium wird durch ihren Kontext mehrfach beleuchtet. Was vermag der Glaube? Für einen gläubigen Menschen sind die täglichen Verrichtungen genauso geordnet wie für jeden anderen: man muss das Essen bereiten, bevor man sich hinsetzt und isst. „Von allein“ deckt sich der Tisch nur im Märchen. Worin besteht dann also die Wirkung des Glaubens? Nicht in äußeren Wundern. Jesus heilte zehn Aussätzige, aber nur einer kam zurück, dankte und und bekannte sich. Nur zu ihm sagte der Christus: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Denn „das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden;man wird auch nicht sagen: Siehe, hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“

 

 

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