Dienstags-Drabble: Der Zensor

Wieder ist Dienstag und damit auch Drabbletag. Die von Heide in einen 100-Worte-Text einzubauenden Wörter sind heute

Lieblingsbeschäftigung – sprechen – falsch.

Ballade von Herrn Schmidt, dem Zensor

Er war ein Mensch mit Namen Schmidt

Der für sein Leben gerne schnitt.

Wenn er mit seiner Schneiderschere

Nen Text beschnitt, blieb nichts als Leere

 

Denn diesem Herrn es nicht behagte.

Wenn jemand überkritisch fragte,

Wenn jemand wen zum Schaf erklärte

Oder sich sonstwie gar beschwerte

 

Dann sprach er streng, das ist kein Fakt

Dir wird die Frechheit abgehackt.

Ich weiß allein, was falsch und richtig

Und nur das Richtige ist wichtig

 

Und darf bestehn. Der Rest muss weg

Das ist mein einzger Lebenszweck.

Ich schneid und schnipsele mit Schwung

Ist meine Lieblingsbeschäftigung

 

Den, der dies las

Der Hund auffraß

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Farben im September (16): spiegelndes Flaschenbraun

Vor mir steht eine Weißweinflasche und schaut mich an. Ich schaue zurück und freue mich an der gebogenen die Umwelt hinter mir matt spiegelnden Oberfläche. Dadurch wird die braune Eigenfarbe bis auf wenige Stellen überdeckt, doch gibt sie weiterhin den Grundton an.

Das ist nun mein 16. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

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112 Stufen, 105: Dankbarkeit (Kinder-Gebete, Friedrich Rückert)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ich erinnere mich an allerlei kindliche Dankgebete, wenngleich das Abendgebet nicht zur Familientradition gehörte. Aber ein kleines Gebet sprach die Oma vor dem Mittagessen:

Wir danken dir, Herr,

denn du bist freundlich

und deine Gnade währet ewiglich.

 

Es war ein Hiatus, ein Atemholen, bevor wir über das Essen herfielen. Viel verstanden habe ich damals wohl nicht, denn dieser „freundliche Herr“, dessen „Gnade“ uns das täglich Brot bescherte, hatte sich mir nicht vorgestellt. Dagegen wusste ich, dass die Mutter und die Oma dafür gesorgt hatten, dass ich satt wurde. Ihnen aber brauchte ich nicht dankbar zu sein, denn es verstand sich von selbst, dass sie mir zu essen gaben.

Also habe ich Dankbarkeit gegen Menschen als Kind nicht gelernt. Ich bedaure das.

Es gab noch einen zweiten Spruch:

Komm, Herr Jesus,
sei unser Gast,
und segne, was du uns bescheret hast.

Den verstand ich wohl auch nicht, aber er gefiel mir, denn er spricht von Gastfreundschaft. „Sei unser Gast“ – wie schön, wenn jemand zu Gast kam und an unserem bescheidenen Tisch Platz nahm!  Diese Freude und ja, auch Dankbarkeit, fühle ich bis heute.

Später zirkulierte ein anderes Gebet am Familientisch, das lautete:

Erde, die uns dies gebracht

Sonne, die es reif gemacht

Liebe Sonne, liebe Erde,

euer nie vergessen werde.

Sicher kann sich ein Kind unter Sonne und Erde mehr vorstellen, als unter dem „Herrn“, und es ist gut, sich jedesmal daran zu erinnern, welche Rolle Sonne und Erde für unser „täglich Brot“ spielen. Doch wieder fehlen die, die durch ihrer Hände Arbeit das Essen auf den Tisch bringen. Hätte der Spruch geheißen:

Mama, die du uns die Nahrungsmittel mühevoll herangeschafft hast

Oma, die du sie in genießbares Essen verwandelt hast

Liebe Oma, liebe Mama

ich will euch das nie vergessen

…ich glaube, es hätte mir gut getan. Dankbarkeit ist ein schönes Gefühl, und es ist gut, es in sich zu entwickeln. Es wärmt von Innen. Da ich es nicht gelernt habe, sondern die Arbeit der anderen als „gegeben“ hinnahm, liegt die Dankesflamme unter Asche, und ich muss sie jedesmal bewusst anblasen und neu in mir entfachen, damit mein Herz erglüht und meine Augen in Dankbarkeit aufleuchten angesichts all der Wohltaten, mit denen mich die Mitmenschen (und die Erde, der Himmel, das ganze Weltall) überhäuft haben.

Einer, der viel von Dankbarkeit verstand und auch in die richtigen Worte fassen konnte, war Friedrich Rückert (1788–1866), den ich gerade wiederentdeckt habe.

Die Dankbarkeit ergeht nicht in des Handelns Schranken

Die Dankbarkeit ergeht nicht in des Handelns Schranken,

Die Dankbarkeit besteht, das Wort sagts, im Gedanken.

 

Mein Denken dankt, es ist mein Dank euch zugedacht,

Wenn auch ihn weder Wort noch Werk bemerklich macht.

 

Undankbar waͤr’ ich sonst in einem wicht’gen Falle;

Denn wem am meisten Dank ich schulde, todt sind alle.

 

Mit Worten kann ich mich bei ihnen nicht bedanken,

Doch sie begnuͤgen sich mit dankenden Gedanken.

(aus „Die Weisheit des Brahmanen“ (1836-39), gefunden bei https://kalliope.org/da/work/rueckert/1836b)

Besser wärs natürlich schon, Dankbarkeit nicht in später Reue, sondern sogleich zu empfinden und seinen Mitmenschen freudig mitzuteilen.

 

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Farben im September (und kleine Beobachtungen): elektrisch-sonniges Schattenblauviolett

Ich sah meinen Schattenriss an der gegenüberliegenden Zimmerwand, dort hingeworfen von der niedrig stehenden Sonne. Das Dunkelviolett des Schattens wurde teilweise aufgelöst durch ein sehr intensives elektrisches Blau, das von der Wilan-Verstärkung in der Steckdose ausgeht. Und so wäre auch das erklärt.

Nicht verstehen kann ich hingegen, warum die Sonne meinen Schatten gleich doppelt abbildete…Und während die Armhaltung annähernd dieselbe ist, ist der Kopf mit dem Handy um 180 Grad gedreht.

Dies ist mein 15. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

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Farben im September: Kätzchenweißgold

Als ich von Athen in die Mani zurückkam, stellte ich fest, dass sich die kleine Mamsell wunderbar vermehrt hatte. Tja, ein ziemlicher Schock. Dachte ich doch, ich hätte die Katzenvermehrung im Griff. Ich wusste zwar, dass sie schwanger war, doch als sie dann wieder dünn war und weit und breit kein Katzenkind, dachte ich, der Kelch sei an mir vorübergegangen. Mamsell ist selbst noch ein Kind, aber nun stolze Mutter von vier.

Drei haben sich hier mit ihr in der Sonne platziert, das vierte brachte sich sofort in Sicherheit, als es mich erblickte. Wo? Im Trockeraum neben dem Wasserreservoir. Der ist mit einem eisernen Deckel verschlossen, aber im Boden ist ein Stein etwas zerbröckelt, so dass ein Loch entstand, groß genug, damit die kleine Katzenmama hindurchpasste, dort ihre Kinder zur Welt brachte und sie so lange versteckte, bis sie groß genug waren, feste Nahrung zu fressen.

Dies ist mein 14. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

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112 Stufen, 104: Rücksicht (selbst, Familienausflug)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Spontan fällt mir nichts Literarisches zu Rücksicht ein. Was ist das überhaupt für ein Wort? Im Griechischen steht dafür „σεβασμός“, das ist so was wie Ehrerbietung. Da sehe ich etwa einen Menschen vor mir, der rücksichtsvoll aufsteht, um einem Gehbehinderten seinen Platz anzubieten. Im Englischen ist die Übersetzung „consideration“ und „regard“, als Synonym auch „respect“…

Aha. Respekt ist ja fast die Übersetzung von Rücksicht ins Lateinische: re = zurück, spectare = zuschauen, beobachten. Ich nehme Rücksicht, heißt: ich stürze mich nicht auf den erstbesten freien Platz,  sondern schaue ich mich um und vergewissere mich,  dass niemand anderer den freien Platz benötigt. Oder wenn ich als Lehrerin der Klasse vorangehe, schaue ich mich regelmäßig um, beobachte die Nachhut und passe auf, ob die Schwächeren das Tempo halten können. Das gilt natürlich auch im übertragenen Sinne.

Und da fällt mir nun wirklich eine Geschichte ein: Ich bin vielleicht vier und sehe mich mit Mutter, Oma und den älteren Geschwistern beim Sonntagsspaziergang. Mutter und Oma sind untergehakt und wandern zügigen Schritts, ins Gespräch vertieft. Die Geschwister rennen vorweg. Ich aber, die Kleinste, trödele hinterher. Mich lockt es, dies und das am Wegrand anzuschauen. Der Abstand zur Gruppe vergrößert sich dabei bedrohlich. Als ich es bemerke, beginne ich zu rennen und schreie und brülle: „Wartet!“, aber die  Gruppe entfernt sich wie eine erbarmungslose gut geölte Maschine, unempfindlich für mein Geschrei. Als ich sie nach etlichen Mühen schnaufend und tränenüberströmt erreiche, klammere ich mich ans Handgelenk der Mutter und lasse es nicht mehr los, auch als sie sich beklagt, ich sei ein Mehlsack.

Das ist achtzig Jahre her, aber so lebendig, als sei es heute geschehen. Vielleicht, weil es sich regelmäßig wiederholte, denn ich war nicht bereit, mich meinerseits dem Tempo der Gruppe unterzuordnen. Was ich daraus zu lernen hatte? Es ist wichtig, immer mal zurückzublicken und ein wenig Geduld zu haben mit den Kleinen, Schwächeren, vielleicht auch nur Verträumteren, die einen anderen Rhythmus haben als der Pulk. Habe ich es gelernt? Puh, ich fürchte, nein. Was ich gelernt habe, ist eher: lieber auf Gruppen als auf mein eigenes Tempo zu verzichten …

In mein dieser Tage verkauftes Aquarell „Ein Familienausflug“ ist das kindliche Erleben teilweise eingegangen: die Familie als enges Beziehungsnetz, das dich mitschleift, als Individuum auflöst, aber auch behütet.

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Wie ich nun bei einem Blick ins Archiv feststelle, habe ich das Thema auch in Kohle gestaltet. „Brav, brav“ nannte ich es und schrieb: „Mit starker Hand hält der Papa den Nachwuchs am Zügel, damit niemand auf Abwege gerät und sich etwa gar in Frühlingsgefilden verliert.“ Nun, einen Papa und Zügel gabs bei uns nicht, und so brauchte ich die Rücksicht, um nicht verloren zu gehen.

Auch eine abc-etüde samt Legebildern habe ich zum Thema gemacht und „Vom Erwachsenenwerden“ genannt. Da ist es ein ängstlicher Junge, der vom Vater vorangetrieben wird, denn er meint, zu viel Rücksicht würde aus dem Jungen ein ängstliches weichliches Wesen machen (Vater „blickt nicht zurück“), während die Mama rückwärts schaut (Rücksicht nimmt) und mit der Laterne winkt.

Kata-Strophen vom Erwachsenwerden.

Der Papa marschiert, er sagt, nun mal los

Du bist ein Junge, du bist schon fast groß,

Zu lange hockst du auf Mamas Schoß

Werd mir kein Stubenhocker bloß.

 

Der Junge, der schreit: Da will mich wer fassen!

Hilf Papa, sag ihm, er soll mich loslassen!

Ich fürcht mich vor dem Mond mit dem blassen

Gesicht! Hilf Papa, die Füße bleiben mir stecken im Nassen!

 

Der Vater, der blickt nicht zurück zu dem Knaben,

Er sieht nicht den Drachen, er sieht nicht die Raben,

Die seinen ängstlichen Sohn umgaben.

Er sagt nur: Spring los, spring über den Graben.

 

Der Knabe der stolpert über Stöcke und Stein,

Muss eilen, sonst ist er bald gänzlich allein,

Verliert noch sein Mützchen, sein Beutelchen fein

Und fällt in den nassen Sumpf noch hinein.

 

Von oben blinken der Mond und die Sterne,

Die Mama winkt und schwenkt in der Ferne

Inmitten der Nacht die Heimkehr-Laterne,

Bei ihr, ach, zu Hause, wie  wär er da gerne!

 

Und äße ne heiße Hollunderbeersuppe

Und spielte mit Mary, der Echthaarpuppe.

Und bastelte sich ne  Indianertruppe

Mit Pfeil und Bogen und Einbaum-Schaluppe.

 

Herbstfarbenbunt leuchtet der Wald

Von drin ein heller Schuss erschallt.

Die Nacht ist dunkel, die Nacht ist kalt,

Ach käme der Morgen, ach käme er bald!

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Archivbild des Tages, 14. 9. 2019 : „was sie im Innersten bewegt“

Was war an einem Tag wie diesem in einem früheren Jahr? fragt Heide von der Puzzleblume, und so steige ich mal wieder ins Archiv hinunter.

Im Rahmen unseres Projektes „Ping-Pong“ tauschten Ulli Gau und ich Halbsätze aus, die wir jeweils ergänzten und mit einem Bild illustrierten. Am 14. September 2019 zeigte ich ein Frauenportrait mit der Halbzeile: „… was sie im Innersten bewegt„.

Es war meine Antwort auf Ullis Halbsatz: „Wer weiß schon ...“ und ihre Foto-Collage

Mit Freude habe ich diesen Dialog heute wieder angeschaut. Danke, Ulli, für den so befruchtenden Austausch!

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112 Stufen, 103: Bewundern (Hilde Domin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Auf gehts, auch den letzten Treppenabschnitt noch zu bezwingen! „Bewundern“ steht auf der ersten Stufe. Nun, dazu fällt mir nichts Literarisches ein, auch wenn ich dies und jenes bewundere.  Wie etwa Hilde Domin (1909-2006) und ihr Gedicht über das Wunder:

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Ja, es darf auch ein toter Vogel sein, dem ich meine Hand hinhalte und zurufe:

Flieg, kleiner Vogel!

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So will auch ich nicht müde werden und dem Wunder immer wieder meine Hand hinhalten.

 

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Farben im September (13): Honigmelonengold

Sie duftet verführerisch und hübsch aussehen tut sie auch in ihrem matten Goldschimmer.

Erst auf dem Foto bemerkte ich die feine Stickerei, mit der sie ihren goldenen Kugelleib umhüllt hat.

Ja, blind gehe ich durch die Welt…

Dies ist mein 13. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

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112 Stufen: Acht Treppenabsätze im Rückblick

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Acht Treppenabsätze mit insgesamt 102 Stufen habe ich bereits zurückgelegt. Der letzte Treppenabsatz liegt nun vor mir. Bevor ich ihn morgen betrete, möchte ich wieder einmal anhalten und zurückschauen auf den zurückgelegten Weg. Dieses Mal waren es sehr große Wörter wie Vertrauen, Frieden, Hoffnung, Einsicht, Mitleid, Wertschätzen, Heilen, Besinnung, Verständnis. Und so kommt diesmal die Bibel, kommen die Schwergewichte Dante und Goethe und Einstein, auch die mir sehr am Herzen liegenden Kafka, Musil, Novalis, Rückert, Saint Exupery zu Wort. Hinzu kommen drei der ganz großen Maler: Raffael, Delacroix und van Gogh, ferner zwei deutsche Filmemacher: Werner Herzog und Volker Schlöndorff, drei Politiker: Richard von Weizsäcker, FJ Strauß und Robert Havemann, und ja, auch ich selbst mit meinen fiktiven Personen: Willi(e), Elpis, Emma Lo und Victor. Und, natürlich, viele viele Legebilder, mit denen ich die Texte gerahmt und durchsetzt habe, um ihnen mehr Leichtigkeit zu geben.

Der achte Treppenabschnitt im Rückblick

102 Frieden (Werner Herzog, Kaspar Hauser; FJ Strauß, Robert Havemann, Jesus) – 101 Hoffnung (Dante, Julian Assange, selbst) – 100 Wertschätzen (Einstein, Goethe, jeder Augenblick) – 99 Vertrauen (Rilke, selbst) – 98 Heilen (Volkslied; Neues Testament, Raffael; Franz Kafka, der Landarzt) – 97 Besinnung (Richard von Weizsäcker, Rede zum 8. Mai 1945) – 96 Verständnis (Novalis, Heinrich von Ofterdingen; Saint Exupery, Der kleine Prinz) – 95 Einsicht (selbst; Rückert) – 94 Mitleid (Der barmherzige Samariter, Delacroix, Van Gogh)- 93 Beschämen (Robert Musil, Volker Schlöndorff, Törless)

Der siebte Treppenabschnitt im Rückblick

92 Schuld (Vaterunser, Schuldenerlass; Karl Stamm, Brudermord) – 91 Tränen (Paul Verlaine, il pleut) – 90 Rache (Conrad Ferdinand Meyer, Füße im Feuer) – 89 Leiden (Hugo von Hofmannsthal, Manche freilich…) – 88 Wahn (Friedrich Schiller, Wahn und Wirklichkeit) – 87 Schweigen (Johann Wolfgang von Goethe, Wandrers Nachtlied; Georg Trakl, Verklärter Herbst) – 86 Missbrauch (Immanuel Kant, Gebrauch der Geschlechtsorgane) – 85 Verfolgung (Mascha Kaleko, Überfahrt) – 84 Schrecken (Franz Münterfering, Heuschrecken) – 83 Terror (Maximilien de Robespierre, Joseph-Ignaz Guilleton, La Terreur)

Der sechste Treppenabschnitt im Rückblick:

82 Würde (Friedrich Schiller, Bertold Brecht et al, Verfassungen) – 81  standhaft (Friedrich Schiller, die Glocke, Bürgertum) – 80 Treue (Carl Orff, Die Kluge) – 79 Tiefe (Friedrich Nietzsche, Gustav Mahler, O Mensch gib Acht!) – 78 göttlich (Johann Wolfgang von Goethe, Edel sei der Mensch) – 77 Güte (Bibel, Bertold Brecht, Ein guter Mensch sein…) – 76 Klärung (Ingeborg Bachmann, Erklär mir, Liebe) – 75 überwinden (Rainer Maria Rilke, Der Schauende) – 74 beistehen (Paulus, Galater, einer trage des anderen Last) – 73 Ausdauer (Albert Einstein, Ausdauer und wegwerfen) –

Der fünfte Treppenabschnitt im Rückblick:

71 verlassen (Eichendorff, „Das zerbrochene  Ringlein“) – 70 Enttäuschung (Luise Büchner, „Höchstes Leid“) – 69 Verzweiflung (Kierkegaard, „Krankheit zum Tode“, Nietzsche) – 68 Weinen (Goethe, „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) – 67 Hass (Ricarda Huch, „Mein Herz, mein Löwe“, Heinrich Heine, „Diesseits und jenseits des Rheins“) – 66 Kurzschluss (Heinz Ehrhardt, „Kurz vor Schluss“, Bertold Brecht „Matrosentango“ aus „Happy End“) – 65 Zweifel (Aristoteles, Buridans Esel, Enzensberger, „Entschlusslosigkeit“) – 64 Panik (Carl-Christian Elze, „PanikParadies“, Pandemie) – 63 Liebeskummer (Nietzsche, „theokritischer Ziegenhirt“) – 62 Kränkung (Dieter Bonhoeffer, „Wer bin ich?“) – 61 Eifersucht (Tolstoi „Kreutzersonate“, Shakespeare „Othello“)

Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick:

60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, Korinther, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff Mann-Frau, „Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, weibliche Emanzipation) – 46 erlauben (Verschnaufpause)

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma („Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, Verliebtsein) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „ohne Schuld“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, Poseidon, Odysseus) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti, „Futuristisches Manifest“) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel, Rede zum Büchner-Preis) – 28 friedlich (Bertold Brecht, „Friedenslied“)) – 27 beruhigen (Natur, erleben) – 26 Freude (Friedrich Schiller, „An die Freude“) – 25 Verbot (Anatole France, Gleichheit vorm Gesetz) – 24 wappnen (Martin Luther, „Ein feste Burg“) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh, Vormärz „Wiegenlied“) – 22 Zorn (Roman Herzog „Aguirre“, Georg Trakl „Grodeck“) – 21 Begeisterung (Hegel, Definition) – 20 Bruder (Karl König, „Bruder Tier“) – 19 Nähe (Christian Morgenstern, „Näherin“) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz „Mächtig ist die Ehrlichkeit“) – 17 Lachen (Günter Grass „Hier wird nicht mehr gelacht“) – 16 Sprechen (Schiller, „Die Bürgschaft“) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch „Mein Herz, mein Löwe“, Leo Tolstoi „Auferstehung“, Matthäus-Evangelium) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt, „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“) – 13 beschützen (Hermann Hesse, „Stufen“, Hölderlin „Hyperions Schicksalslied“) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach, „Weihnachtsoratorium“) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe, Valentin im „Faust“) – 10 Familie (David Cooper, „Tod der Familie“) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium „Verkündigung“) – 8 Angst (Mascha Kaléko, „Jage deine Ängste fort“) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche „Im Süden“) – 6 Heimat (Theodor Fontane „Graf Douglas“) – 5 Liebkosen (Aischilos „Gefesselter Prometheus“, Selbst „Schwanenwege“ // Leo Tolstoi „Anna Karenina“) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert, „Die Küchenuhr“) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky „Mutters Hände“) – 2 Streicheln (John Steinbeck „Of Mice and Men“) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe „Willkommen und Abschied“).

photo 32 Quadrat

Bildungssplitter

 

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