Ein Jahr mit Dora …

Noch nie wurde mir der Abschied von einem Jahr so schwer wie dieser. Schuld ist Dora. Ein Jahr lang hat Dora mich begleitet, beglückt und beschenkt. Um sie zu ehren, gehe ich die zwölf Monate und 365 Tages des Jahres noch einmal durch. Wer war sie? Was hat sie mir gebracht?

Unmöglich kann ich all das wiederholen, was Dora mir brachte. Nur eine winzige Stichprobe aus jedem Monat werde ich nehmen und sie mir anschauen.

Am 1.1.2022 tritt Dora in mein Leben. Ich bin noch zögerlich, weiß sie nicht recht einzuschätzen. Aber euer Zuspruch, liebe Kommentierende, ist eindeutig: Dora ist ein Schatz.

8.1.2022. Eine Woche später ist mein Dora-Verständnis mächtig gewachsen. Auch im Kleinen liegt Größe! So lehrt sie mich.

Und so wächst von Tag zu Tag mein Verständnis, wer oder was Dora ist. Dennoch gibt es auch immer wieder Überraschungen.  So, als sie mir – es ist der 21.2. – deutlich macht, dass auch eingefleischte Schenkerinnen für ihre Gaben gelobt und gepriesen werden möchten.  „Und ich?“ schreit sie empört, weil ich es versäumt habe, ihr für ihre grandiosen Geschenke gebührend zu danken. Das tue ich dann geflissendlich – und sie hüpft zufrieden auf meine Schulter.

Manchmal begreift Dora nicht sofort, was ich mit meinem Gerede meine, aber dann verarbeitet sie es auf ihre einzigartige Weise und hilft mir, meine eigenen Worte besser zu verstehen. So wie hier nach einem Gespräch darüber, was Einzigartigkeit bedeutet.

28.4.22. Doras Vertrautheit mit Tieren ist für mich immer wieder eine schöne und verblüffende Erfahrung. So hat die scheue Prinkipessa kein Thema mit Dora: sie darf ihr und ihren Kleinen nahekommen, ich aber nicht. Warum wohl? Diese Kleinen sind übrigens inzwischen die Großen, und neue Kleine wurden geboren – ts, ts, wie schnell die Zeit vergeht.

7.5.22. Dora muss in ihrem kurzen Leben vieles lernen, und durch ihren Lernprozess, diesen begleitend, lerne auch ich. Zum Beispiel, was es mit dem Vergleichen und dem Wachstum und der Relativität auf sich hat. Schrumpfe ich etwa, weil ein anderer, mit dem ich mich vergleiche, wächst? Werde ich ärmer, weil ein anderer reicher wird? Werde ich dümmer, weil ein anderer schneller lernt als ich?

26.6.2022. Mit Tieren kann man Dora immer locken, mit Spielen auch. Wenn beides zusammentrifft, ist ihre Aufmerksamkeit gesichert. Und so gelingt es mir, ihr mit dem „Bröckchenspiel“ Kunstwerke, die ich auf meiner Italienreise sah, nahezubringen. Doch Doras eigentliche Liebe gilt dem Lebendigen. Was sind ihr kunstvolle marmorne Hündchen, wenn sie einen lebendigen Hund begrüßen kann?

12.7.22.  Kunst ist Dora im Großen und Ganzen eh ziemlich schnuppe. Es gibt aber Ausnahmen, wie hier, als sie ein Seeräuber-Spraybild deshalb lobt, weil sie selbst den Ehrgeiz hat, Seeräuber zu werden. Dieser Zugang zur Kunst dürfte bei Kindern – und nicht nur – durchaus üblich sein.

27.8.22. Überhaupt ist Dora ziemlich lernresistent, wenn ihr etwas nicht gefällt. Meine geduldigen Versuche, sie zu berichtigen und ihr Zusammenhänge zu erläutern, sind ihr lästig, wenn ihr ihre eigenen Erklärungen besser gefallen.  Sagt sie zu Sonnentalern „Eier“,  dann sind es Eier, basta!

 

26.9.22 „Wenn dir der Krieg nicht gefällt und dir die Laune verdirbt, warum beschäftigst du dich dann damit? Hast du nichts Besseres zu tun?“ fragt Dora, als sie mich über einem kriegerischen Scherbenbild sitzen sieht. Das ist so eine typische Dora-Frage. Um sie zu verstehen, muss man in Doras Köpfchen reinsteigen. Sie hält nichts von folgenloser Grübelei und Wut. „Überleg dir lieber, wie du diese Scherben dazu bringen kannst, mit dem Hauen und Stechen aufzuhören. Das wäre ja schon mal ein Anfang.“ Ja, Dora. Stimmt, Dora. Aber … „Dein Aber kannst du dir sparen!“ (Originalton Dora).

26.10.22 Dora ist gern Maß der Dinge. Wie wir Menschen ja auch. Ich habe dich als Maßstab geliebt, Dora. Woher nehme ich nun, wenn du nicht mehr da bist, einen so erfreulichen Maßstab?

26.11.2022 Nun wäre es aber völlig verkehrt zu meinen, dass Dora überhaupt nicht lernfähig ist. O doch, sie lernt! Nur hat sie eben ihre eigene Art, Anregungen aufzunehmen und kreativ umzusetzen. So wie hier, als sie ein paar Zwergen „interaktiven Kunstunterricht“ gibt und ihnen vorführt, was ein Metaversum ist.

11.12.22. Sind wir schon im Dezember? In diesem letzten Monat ihres Hierseins hat Dora eine neue Fähigkeit an sich entdeckt: die der Reporterin. Alle siebzehn Kandidaten für ihre Nachfolge hat sie aufgesucht und befragt! Jeder ist anders, jede zeigt einen Charakterzug nicht nur des Befragten, sondern auch von Dora. Nehmen wir als Beispiel das Interview mit TheKid. TheKid ist furchtlos – und das ist Dora auch, und so folgt sie TheKid ohne weiteres auf ihren abenteuerlichen Wegen.

Es gibt freilich einen großen Unterschied zwischen den beiden: TheKid verfügt nicht über  göttliche Kräfte, über Magie und eine immer brennende Latüchte, um sich durchzuschlagen. Sie muss auf ihren eigenen Beinen durchs Leben gehen. Und das müssen wir Menschen nun wohl auch lernen, wenn Dora uns verlässt.

Liebe Dora, ich werde noch oft durch diese Seiten blättern, um mich mit dir zu unterhalten. Du warst und bist ein großer Schatz. Danke, mein Liebling. Danke auch dir, Susanne, die du mir vor fast genau fünf Jahren die Schnipsel schenktest, aus denen Dora entstand. Es sind deine sonnigen Farben, die uns alle beglückt haben.

 

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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27 Antworten zu Ein Jahr mit Dora …

  1. Alexander Carmele schreibt:

    Zum Sentimental-Werden … schön, dass es die Blogeinträge mit ihr gibt!

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  2. Mitzi Irsaj schreibt:

    Liebe Gerda, ich habe mein Herz an Dora gehängt und es fällt mir schwer die gehen zu lassen. Aber von allem, was einen eine Weile begleitet hat, bleibt etwas zurück. So auch von Dora, die uns (durch dich) wirklich reichlich beschenkt hat.

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Eine schöne Zusammenfassung. Aber ehrlich, fällt mir der Abschied auch schwer. Da leuchtet so viel Menschlichkeit heraus.

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  4. Lopadistory schreibt:

    Ihr ward ein ideales Team😊

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  5. Verwandlerin schreibt:

    Ja, Dora war eine tolle Jahresbegleiterin. So schön positiv.

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  6. wildgans schreibt:

    „Kunstfigur“, genau das Wort, nach dem ich eben suchte…Gab es da nicht etwas annähernd Solches zu Zeiten der Romantik?
    Nun, sie hat nicht nur dir einfach gut getan…
    Gruß von Sonja

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  7. hannahbuchholz schreibt:

    Vielleicht wird sie ja doch im neuen Jahr wieder auftauchen…?
    Man weiß ja nie, was ihr so alles einfällt… ; ) ❤

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  8. Dora habe ich sehr geschätzt, sie hat deinen Beiträgen wieder einen Fokus beschert, der in der Zeit davor etwas verloren schien. Auf deine neue Begleitung bin ich gespannt!

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  9. Wir werden Dora vermissen, aber du, liebe Gerda, hast sie so auf die Spur gesetzt, dass mir um ihre Zukunft nicht bange ist. Ich bin schon gespannt, wie du im kommenden Jahr ohne sie zurecht kommst. Aber auch da bin sich sehr zuversichtlich.
    Guten Rutsch und ein gutes Neues Jahr wünscht dir und deinen Lieben
    Joachim.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Joachim. Ich wollte, ich würde deine Zuversicht teilen. Irgendwas sagt mir, dass Dora auch im kommenden Jahr auftauchen wird. Denn allein auf mich gestellt, ohne die Schenkende, wird das Leben öde.

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  10. Sie war eine Wohltat, hast Du in einem Kommi geschrieben und ich sage, ist eine Wohltat nicht auch Wahrheit?
    Eine wundervolle Kunstfigur war Dora und Deinem eigenen so kreativen Geist entsprungen, liebe Gerda, und manchmal kam es mir vor, als wäre ich wie Dora *schmunzel*. Du kennst die Menschen und es ist gut, daß es so ist.

    Ganz herzlich, Bruni

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  11. Eva Farniente schreibt:

    Dora war wirklich ein Geschenk. Ich werde sie vermissen und denke gerne an sie und ihre positive Sichtweise zurück. 🤩 Komm gut ins neue Jahr!

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