112 Stufen, 65: Zweifel (Aristoteles, Johannes Buridan und Hans Magnus Enzensberger)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

eine philosophische Streitfrage zirkuliert durch die Jahrhunderte (Legebild-Zeichnung)

Zweifel ist ein zweischneidiges Schwert, das jede Initiative zerstören, aber auch Schneisen ins Gefängnis der Dogmen und falschen Gewissheiten hauen kann. Wenn er sich in zwischenmenschliche Beziehungen einnistet, wirkt er als zehrendes Gift. Genauso schlimm aber ist es, wenn der Zweifler die eigene Existenz in Frage stellt.

Auf Griechisch heißt das Wort „αμφιβολία“ (amphivolia) – und das heißt, mein Pfeil richtet sich auf zwei unvereinbare Ziele gleichzeitig, ich schwanke, komme zu keinem Entschluss. Aristoteles fragte sich in der „Nikomachischen Ethik“: „Wäre der Wille, vor zwei vollständig identische Alternativen gestellt, in der Lage, eine Alternative der anderen vorzuziehen?“ Johannes Buridan, scholastischer Philosoph des 14. Jahrhunderts, antwortete: Nein! Unmöglich! Ein Esel zwischen zwei gleichartigen Heuhaufen würde unweigerlich verhungern.

Seither spricht man von „Buridans Esel“. Dabei ist Buridan an dem Eselsgleichnis ganz unschuldig, denn das stammt von dem persischen Gelehrten Al-Ghazālī (1058–1111) und wurde ideengeschichtlich recyclet, weil es so hübsch ist.

Logisch gesehen mögen die Philosophen recht haben (außer den genannten haben noch etliche mehr das Thema gewälzt), und die seelische Beschaffenheit des ewigen Zweiflers beschreibt das Gleichnis auch recht gut, aber der veritabler Esel würde angesichts zweier gleich leckerer Heuhaufen ganz sicher nicht verhungern, sondern sich sehr schnell für einen entscheiden.

Aber der Mensch? Da bin ich mir nicht so sicher! Wie oft steht er sich mit seiner Zweifelsucht selbst im Weg! Gleicht nicht so mancher Zeitgenosse der Morgensternschen Hausschnecke, die ich hier kürzlich zitierte? Schon bei der Geburt zweifelt so mancher: soll ich – oder soll ich nicht? Ists hier nicht besser als dort? Ists dort nicht besser als hier? Ist es besser, jung zu sterben oder gar nicht geboren zu werden, wie sich Aristoteles fragte? Ist es besser, zu leben oder sich den „stings and arrows of outraged fortune“ entschlossen durch Selbstmord zu entziehen, wie Shakespeares Hamlet sinniert?

Möge der zeitgenössische Philosoph und Dichter Hans Magnus Enzensberger (1929-2022) uns das Thema weiter beleuchten!

Hans Magnus Enzensberger

zweifel

bleibt es, im großen und ganzen, unentschieden
auf immer und immer, das zeitliche spiel
mit den weißen und schwarzen würfeln?
bleibt es dabei: wenig verlorene sieger,
viele verlorne verlierer?

ja, sagen meine feinde.

ich sage: fast alles, was ich sehe,
könnte anders sein. aber um welchen preis?
die spuren des fortschritts sind blutig.
sind es die spuren des fortschritts?
meine wünsche sind einfach.
einfach unerfüllbar?

ja, sagen meine feinde.

die sekretärinnen sind am leben.
die müllkutscher wissen von nichts.
die forscher gehen ihren forschungen nach.
die esser essen. Gut so.

indessen frage ich mich:
ist morgen auch noch ein tag?
ist dies bett eine bahre?
hat einer recht, oder nicht?

ist es erlaubt, auch an den zweifeln zu zweifeln?
nein, euern ratschlag, mich aufzuhängen,
so gut er gemeint ist, ich werde ihn nicht befolgen.
morgen ist auch noch ein tag (wirklich?),
die augen aufzuschlagen und zu erblicken:
etwas gutes, zu sagen: ich habe unrecht behalten.

süßer tag, an dem das selbstverständliche
sich von selber versteht, im großen und ganzen!
was ein triumph, kassandra,
eine zukunft zu schmecken, die dich widerlegte!
etwas neues, das gut wäre.
(das gute alte kennen wir schon…)

ich höre aufmerksam meinen feinden zu.
wer sind meine feinde?
die schwarzen nennen mich weiß,
die weißen nennen mich schwarz.
das höre ich gern. es könnte bedeuten:
ich bin auf dem richtigen weg.
(gibt es einen richtigen weg?)

ich beklage mich nicht. ich beklage die,
denen mein zweifel gleichgültig ist.
die haben andere sorgen.

meine feinde setzen mich in erstaunen.
sie meinen es gut mit mir.
dem wäre alles verziehen, der sich abfände
mit sich und mit ihnen.

ein wenig vergeßlichkeit macht schon beliebt.
ein einziges amen,
gleichgültig auf welches credo,
und ich säße gemütlich bei ihnen
und könnte das zeitliche segnen,
mich aufhängen, im großen und ganzen,
getrost, und versöhnt, ohne zweifel,
mit aller welt. 

(zitiert nach: Universität des Saarlandes, Gedicht des Monats)

philosophische Streifrage, Schnipsel von Susanne Haun

 

 

 

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Dienstagsdrabble: Fata Morgana, kata-strophisch und sehr fraglich

 

Raum – sich (ein)fügen – lustig sind die Wörter, die Heide von der Puzzleblume dieses Mal fürs Dienstags-Drabble ausgesucht hat. Gefragt ist, einen Text von genau 100 Wörtern um diese drei herum zu bauen. Ich reimte wie üblich Kata-Strophen, dieses Mal aber gab ich mir noch eine weitere Regel: Jede zweite Zeile sollte mit einem Fragezeichen enden. Und das kam dabei heraus:

Fata Morgana

                 Als ich durch die Straßen schlurfte,

spät des Nachts – ob ich das durfte?

                 Sah ich ein beleuchtet Fenster

Und dahinter – warns Gespenster?

                 Aus dem Raum ertönte Lachen

Was die wohl für Sachen machen?

                 Als ich lauschte, hört ich Worte

erst leise, doch dann wurd es forte?

                „Lustig, lustig! trallala

Ist bald  Niklausabend da?“

                Zwischendrin, in einer Pause

Kam das wirklich aus dem Hause?

                Hört ich auch noch  andre Laute

Was sich da wohl zusammenbraute?

                 Es ließe sich hier wohl einfügen

Doch sagt ihr dann, ich würde lügen?

                Dass es August war und sehr heiß

Ne Fata Morgana wars, wer weiß?

Das erste Legebild ist aus Hannahs Schnipseln gemacht, das zweite aus irgendwelchen.

 

 

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112 Stufen, 64: Panik in den Zeiten der Cholera (Carl-Christian Elze)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Panik – das Wort entstammt der griechischen Hirtenmythologie: Die Herde rast los, kopflos, selbstzerstörerisch, wenn der Gott Pan sich den Spaß erlaubt, sie zu erschrecken.  Die Herde dreht und wendet sich unruhig, eins beginnt zu rennen, das andere folgt, eine Massenbewegung entsteht, man drängt und drängelt und brüllt, eins bricht zusammen,  die anderen trampeln drüber hinweg, es gibt kein Halten und Erbarmen mehr.

Die Überschrift zu diesem Eintrag habe ich dem Romantitel „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ von Gabriel García Márquez entliehen.

Heute neigen die Medien dazu, den Gott Pan nachzuahmen. Tagtäglich werden die Menschen mit Warnungen vor Katastrophen geängstigt, eine Dunstschicht latenter Panik hat sich über die Gesellschaft gebreitet. Und wie funktioniert das? Frühere traumatische Erfahrungen (oft vorangegangener Generationen) werden zum Echoraum und verstärken das Gewisper und Geflüster über drohende Gefahren in der Gegenwart, bis es in den Ohren dröhnt. Manchmal droht der Zusammenbruch der Gesundheitsdienste, dann wieder der Banken, dann der Wirtschaft, dann der Demokratie, dann des Friedens und der staatlichen Existenz überhaupt, dann des Klimas, dann der westlichen Allianz, dann der menschlichen Arbeit durch KI und Roboter … Und immer ist es der Tod, der unausweichliche, der unter wechselnden Namen auftritt.

IMG_5698qNehmen wir ein Beispiel von vielen:

Corona wurde propagandistisch zur Wiederholung der „(s)panischen Grippe“ hochgepeitscht, so dass sich die Herde ängstlich verkroch und sich mit allerlei nutzlosen Hilfsmitteln gegen den bösen „Virus“ verbarrikadierte. Schon den Kleinen wurde eingeimpft, dass jede Annäherung an den Artgenossen todbringend sein könnte. Die Panik brach schließlich nicht nach außen, sondern nach innen aus und setzte sich dort fest. Das Herz verengte sich (Angst kommt von Enge), die Arterien verschlossen sich, Herzrhythmusstörungen und Infarkte nahmen zu.

Bei meiner heutigen Recherche stieß ich auf einen Gedichtband von Carl-Christian Elze (*1974), der mich neugierig machte. Gelesen habe ich bisher freilich nicht die Gedichte, sondern nur einige Rezensionen. Über den Autor erfuhr ich:

Zur Person_Carl-Christian Elze studierte Medizin, Biologie und Germanistik, außerdem von 2004 – 2009 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2022 erschien sein Roman »Freudenberg« bei Voland & Quist / Edition Azur. Im Verlagshaus Berlin erschienen zuletzt »langsames ermatten im labyrinth« (2019) und »diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde« (2016). Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit einem Stipendium im Deutschen Studienzentrum in Venedig (2016), dem Rainer-Malkowski-Stipendium (2014) und dem Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis (2014). Elze ist Mitbegründer der Leipziger Lesereihe »niemerlang«, Monatsjuror bei »lyrix«, dem Bundeswettbewerb für junge Lyrik, und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Der Klappentext des Verlags verrät nicht allzu viel:

Carl-Christian Elze sucht in seinen Gedichten die großen Schauplätze menschlicher Erfahrung auf und nimmt die Leser*innen mit auf diese Expedition. Es ist ein Kampf zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Panik und Produktion, zwischen Glauben und (Ver-)Zweifeln. »panik/paradies« eröffnet uns ein überbordendes Spektrum an Auseinandersetzungen: Kindheit und Kindheitserinnerung, Familie und Ehe, Liebe und Entfremdung, Tier-Mensch-Beziehungen, Geschichte und wie wir sie erzählen, Politik und ihre Auswirkung auf unser Selbstbild und die Bilder, die wir von anderen haben.
*
Elzes Gedichte sind immer auch Spiegel unserer Empfindungen: Wie begegnen wir dem Schmerz, wie dem Tod?, wie der Trauer?, wie dem immer wiederkehrenden Gefühl der Ohnmacht, der Angst. Es muss doch eine Sprache geben, die die existentiellen Fragen zu fassen vermag? Terzinen, Sonette, Balladen, Zyklen, Listen, Gebete, Beschwörungen – Elze breitet das Besteck des Dichters in fast verzweifelter Vielfalt aus. Gerade in der Vielstimmigkeit, die im Band hörbar und spürbar wird, liegt eine Möglichkeit, eine Sagbarkeit. Es ist Elzes unverwechselbarer Ton, sein Flow, sein Atem. Präzise, aber nie pedantisch – spielerisch, aber nie verspielt – wütend, aber nie verachtungsvoll. »panik/paradies« ist nichts weniger als eine unbedingte, eine schonungslose Hingabe an die Existenz und an die scheinbar unendlichen Fragen, die sie aufwirft.

***

Eine Rezension von Ralf Julke in der Leipziger Zeitung geht da schon dichter an den Inhalt und den Alptraum der Entstehungszeit heran. Ich gebe sie hier in voller Länge wieder

Cover des Gedichtbandes.panikparadies: Gedichte wie eine irre Fahrt durch drei verstörende Jahre

Panikparadies ist natürlich auch Leipzig. Aber nicht nur. Es sind alle diese kleinen und großen Welten, in denen Menschen an ihre Grenzen kommen und nur zu bereit sind, völlig außer Rand und Band zu geraten. Panikparadies waren auch diese zwei, drei Corona-Jahre, die auch Eltern und ihre Kinder an die Grenzen des Kontrollierbaren gebracht haben. Auch Dichter-Väter wie Carl-Christian Elze.

Davon erzählt er gleich im ersten Kapitel: Mysophobia, der Angst vor Deck und Verunreinigung. In dem es eigentlich darum geht, wie ein kleiner Junge versucht, mit den ganzen Alarmmeldungen aus der frühen Corona-Zeit umzugehen, wo alle Kanäle voll waren mit Warnungen vor Ansteckungen und Schmierinfektionen. Ja nicht anfassen!

Carl-Christian Elze sucht in seinen Gedichten die großen Schauplätze menschlicher Erfahrung auf und nimmt die Leser*innen mit auf diese Expedition. Es ist ein Kampf zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Panik und Produktion, zwischen Glauben und (Ver-)Zweifeln. »panik/paradies« eröffnet uns ein überbordendes Spektrum an Auseinandersetzungen: Kindheit und Kindheitserinnerung, Familie und Ehe, Liebe und Entfremdung, Tier-Mensch-Beziehungen, Geschichte und wie wir sie erzählen, Politik und ihre Auswirkung auf unser Selbstbild und die Bilder, die wir von anderen haben.

Andere Menschen meiden, auf jedes Anzeichen der Ansteckung achten. Angst vor einem Virus, das so unbarmherzig tödlich ist. Das überfordert selbst den studierten Vater, der ja eigentlich Naturwisschaftler ist und die Welt nur zu gern rational erklärt.

Aber unsere Vorstellungswelten sind nicht rational. Und wer sich erinnert, weiß, dass viele Menschen gerade in dieser Zeit völlig irrational reagierten – in die eine Richtung genauso wie in die andere. Vom Leugnen bis zur Panik war alles dabei. Aber wie entfaltete sich das in dem kleinen Kosmos der Familie, die ja erst recht aufs „Homeoffice“ verwiesen war? Draußen das unsichtbare Unheil, von dem sich nicht wirklich einschätzen ließ, wie gefährlich es war.

Drinnen die Eltern, die ihre Sorgen nicht mehr hinter reiner Vernunft verstecken können. Und das Kind, das jetzt auf einmal eine Phobie vor jeder Art Verunreinigung entwickelt. Und der Vater im Luftraum, in seiner eigenen Panik: Wie kann er diesem Kind helfen?

das system muss seine lieferketten retten

So intensiv hat bisher kein Dichter diese beklemmende Zeit und das Erleben der Eltern in Worte gefasst, die damit umgehen mussten, selbst im Grunde genauso hilflos wie die Kinder.

Aber sind wir nicht immer so hilflos? Gerade in den Sphären, in denen andere Menschen dafür sorgen, dass es immerfort irrational zugeht, weil Gier, Geiz und Größenwahn sie antreiben? Ein Großteil der Gedichte, die Elze in zehn Kapiteln versammelt hat, erzählen genau davon. Er weiß, dass der Wahnsinn Methode und einen Namen hat. Das zweite Kapitel (Caput II) beginnt er gleich mit einer fast kompletten Systembeschreibung.

Nur dass er mit „System“ nicht das meint, was deutsche Verschwörungstheoretiker in ihre Bärte murmeln, weil sie lieber finstere Kräfte vermuten, wo es um knallharte Profite geht. „das system muss seine lieferketten retten“.

Denn wer die Irrationalität der frühen Corona-Zeit verstehen will, wird nicht mit dem Finger auf „die Politik“ zeigen, sondern sehen, wer da tatsächlich geschont und gehätschelt werden sollte: „das system muss seine lieferketten retten / das system muss sein wachstum retten / das system muss seine investitionen retten / das system muss seinen cashflow retten …“ usw.

Elze liebt dies langen Reihen, in denen er – wie in einer Beschwörung – alles herauskitzelt, was der erste Vers an Möglichkeiten bietet. Ihm werden die Dinge selbst klarer, wenn er schreibt. Jeden Tag schreibt er.

Manchmal voller Trauer, wenn er dem Sterben des Familienhundes zuschaut. Manchmal voller Wärme, wenn er das Kind zu Bett bringt: „er hebt das kind hoch, hält es in die luft / winzig und wunderschön wie es ist“. Nur um dann gleich wieder einen dieser fast automatisch aufploppenden Gedanken hinterher zu schieben: „und spricht vom ende des menschen“. Im nächste Gedicht dann gar schon beginnend mit „die angst kippt ihre eimer“ aus.

Damals, als es noch Menschen gab

Man fühlt sich mit ihm direkt zurückversetzt in alle diese bangen Monate, die Zeit von Ungewissheit, Hoffen und Lakonie. Denn dass es nicht nur um dieses eine Virus geht, das da in Windeseile um die Erde flog (natürlich in vollbesetzten Flugzeugen, wie denn sonst?), das ist dem studierten Biologen nur zu gewärtig. Denn dahinter steckt der systematische Irrsinn einer Menschenwelt, die sich von Gewinnstreben und Machtgelüsten treiben lässt und nicht fähig ist, in diesem Treiben innezuhalten, das Richtige und das Vernünftige zu tun.

Im Jahr 2077 lässt er gar einen „melancholischen Cyborg“ darüber sinnieren, wie das eigentlich war mit den Gefühlen, damals, als es noch Menschen gab.

Von denen ein paar sich sorgten wegen des ausbleibenden Schnees, der Dürre, der „hassmaschinen / die euch so lang wie freunde schienen …“ und dann, wenn sich die Menschen dort sammeln, anfangen, Schlamm zu produzieren. Wobei so mancher Text von Elze mit dem Maschinenmotiv spielt.

Denn wenn Menschen sich zu Teilen einer wuchernden Maschine entwickeln, beginnen sie auch sich so zu verhalten. Dinge zu produzieren, nur weil es die Serie so verlangt. Getrieben von einer bis ins Unsinnige beschleunigten Maschine, die er in „rhyme machine kann nicht mehr stoppen“ parodiert.

Zumindest weiß er noch, dass alle diese auf Krawall Geölten innendrin in ihren Köpfen noch kleine Kinder sind, vielleicht sogar liebenswert: „komm in den hasserfüllten mann und schau: / der löffel gold, der in den windeln steckt / der schnuller eitelkeit …“

komm in den angstverstopften kiez

Denn genau holt sie das System ab: bei ihren ungelebten, unausgesprochenen Gefühlen, ihrem, Nicht-Erwachsen-Werden-Wollen. Dass dem dann auch noch ein paar deftige Trump-Gedichte folgen, überrascht nicht. Der Man ist der Typ der Zeit, der quengelde, von kindischem Geltungsdrang Getriebene, dem egal ist, was er anrichtet. Scheinbar ein einsamer Typ.

Aber bei genauerem Hinschauen laufen diese Typen in Dutzenden herum, nur zu bereit, die Welt in einen Sandkasten der balgenden Bälger zu verwandeln. Auch dieses Leipzig, von dem Elze besonders den Leipziger Osten genauer betrachtet. Und ihm damit ein Denkmal setzt.

Denn solche Gedichte über die Eisenbahnstraße, das Rabet, die ermordete Nicky und Neustadt hat noch keiner geschrieben. Direkt mit Zitaten aus dem wortklingelnden Alltag und dem politischen Tanz ums goldene Kalb. „komm in den angstverstopften kiez und schau“, zitiert er Stefan George und damit auch indirekt den Leipziger Dichterkollegen Thomas Böhme.

Natürlich erwähnt er die Messer,welche die gastweise einfliegenden Medien hier so gern als Angstmacher entdecken. Um dann zu zeigen, was einer sieht, der hier wirklich wohnt. „vergiss auch diese früchteorgien nicht / den zuckerknall in aufgetürmten pyramiden / lebst nicht viel kürzer hier auf eisenschienen / lebst auch nicht länger, pissgesicht!“

Das ist dann deutlich, wird aber die zuständigen Schwarzmaler nicht erreichen. Denn die leben von der Panik und vom Panikmachen. Für die ist eh alles gleich und markiert. Wer die Eisenbahnstraße zur gefährlichsten street in Deutschland erklärt, braucht nichts zu sehen und zu entdecken. Für den ist eh alles gleich.

Nur Menschen wie Elze macht das wütend und deutlich wütender. Denn als dichtender Vater spürt er, was das anrichtet, wie es bis in den Familienalltag hineinwettert und wetterleuchtet, diese künstliche geschürte Unruhe, das Gezeter und Geschrei.

notaufnahme mit herz

Und dabei kann doch schon eine fünftägige Krankheit des Kindes den Vater in die Verzweiflung treiben. Hölle auf Erden. Nur eben real. Die reale Angst, die einen packt, wenn es wirklich um Liebe und Leben geht. Das Mitfiebern, wenn der Junge dann in der Thomaskirche vorsingen darf, weil er sich innigst wünscht, ein Thomaner zu werden. Und dann die Frau, Mutter und Liebste – auf einmal „notaufnahme mit herz“.

So intensiv hat jedenfalls Carl-Christian Elze seine Leser bisher noch nicht an seinem Alltag, seinem Leben und Mitleiden teilhaben zu lassen. Wissend, wie alles Menschsein fortwährend am seidene Faden hängt. So wie 2017, als der Asteroid 2012 TC4 nur „44.000 km an eden vorbei“ raste. Also die Erde nicht traf, dieses Paradies, von dem eine Menge Menschen nicht begriffen haben, dass es das Paradies ist.

Eden ist aber auch der Ort der Kindheit, an den man zwar zurückkehren kann. Aber in der Regel findet man dort nur noch „einen teppich von fliegen im zimmer“. So gesehen geht es die ganze Zeit um ein Behaustsein und einen sicheren Ort in einer Welt, die völlig entgeistert und entfesselt zu sein scheint. Irrelaufend. Als wären sie alle wie aufgezogen und besessen von der Jagd nach irgendwas. „Paläste gefüllt mit wörtern und ängsten / Eine sprache, die die hölle erfindet, möbliert / Abermillionen fiktionen: nationen, religionen, institutionen, geld …“

Das Vergängliche

Da hilft es nichts, wenn man sich absondert. Die Welt ist ja voll davon. Von diesem Gelärme, diesem Rechthabenwollen, dieser Selbstgerechtigeit und diesem verlogenen Bild der Einigkeit: „nirgends einigkeit / einzig der wunsch und alle / kriege des wünschens“. Das Nimmersatte, nimmer zu Sättigende, das nicht Ruhe gibt und immer mehr will. Man ahnt, wie er da am Schreibtisch verzweifelt versucht, diesen Lärm wegzudrücken.

Oder auch auszudrücken, ohne heftig zu werden. Lauschend auf die Nacht und die Atemzüge der Kinder. Denn er weiß ja – und hat selten so intensiv darüber geschrieben – wie sehr einen das Nächste am heftigsten mitreißt und spüren lässt, dass genau das das Leben ist: das Mitfürchten, Mitfühlen und das Gewahrwerden, wie vergänglich alles ist. Auch das eigene Leben.

Da wünscht er sich so sehr, das Kind solle keine Angst haben. Und dann hat es sie doch. Man kann es nicht bewahren vor dieser Welt mit ihren irrationalen Ängsten und der Panik, die überall hervorkriecht, weil Menschen nicht wahrhaben wollen, dass es die ganze Zeit um ihr Leben geht. Nicht um das der anderen. So wie in „hungrige tänze“, wo die Verblüffung den Dichter beim Einatmen der Eisluft geradezu schockt: „mein herz / eine kugel / voller fruchtsaft / die zittert: panik“.

Bis dahin kommen die Meisten noch. Ohne zu merken: Ja, so schockt einen das Leben. Man muss es aushalten wollen und wahrnehmen. Die letzte Zeile also: „paradies“.

Wer das nicht mehr spürt – und Elze weiß das als Dichter nur zu gut – ist tot.

Carl-Christian Elze: „panikparadies“, Verlagshaus Berlin, Berlin 2023, 22,90 Euro.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: gesund schlemmen

Es ist an der Zeit, den sommerlichen Leibesgenüssen etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die habe ich in der letzten Zeit ein wenig vernachlässigt. Und so will ich euch heute mit einem Gericht den Mund wässrig machen, das ich gestern in „unserer“ Taverne verspeiste: mit Reis und Kräutern gefüllte und fein mit Tomatensoße geschmorte Zucchiniblüten! Dieses Gericht gibt es jetzt noch, bald ist die Zeit vorbei. Als sie auf den Tisch kamen, waren es noch mehr, und sie lagen hübsch verschachtelt auf dem Teller. Leider aß ich ein paar, bevor ich dran dachte, ein Foto zu machen.

Die griechische Küche ist reich an solchen frugalen Leckereien, die gefüllten Wachteln und Nachtigallen bei weitem vorzuziehen sind. Leider gibt es nicht mehr viele Gaststätten, die sich die Mühe machen, die saisonalen lokalen Gerichte auf den Tisch zu bringen. Wir haben mit unserer traditionellen Taverne wahrlich großes Glück.

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112 Stufen, 64: Liebeskummer (Friedrich Nietzsche)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die Schnipsel dieses Bildes spendete mir die Berliner Freundin Ruth Lisa Knapp

Liebeskummer – wer kennt ihn nicht? So mancher Dichter hat sich beklagt, dass die Angebetete nicht zur Verfügung stand. So manche Dichterin fand selbstmitleidige Worte, um den Kummer der Versetzten zu beschreiben. Liebeskummer ist offenbar vor allem dies: Selbstmitleid, Wut und Klage, dass ein Idyll sich zerschlug, eine Hoffnung Lügen gestraft wurde, eine Werbung keinen Anklang fand. Man gab sein Herz und mehr hin und sieht sich nun betrogen, ach betrogen!  Verletzt ist das Herz, verloren die Ehre, und man möchte am liebsten sterben.

Für all die Vielen mag das „Lied des theokritischen Ziegenhirts“ stehen, mit dem Nietzsche den leidigen Liebeskummer besingt. Er zeigt das Tragikomische dieses Gefühls, das dem, der davon befallen wird, bitterste Tränen abpresst.  Das Gedicht, wie alle „Lieder des Prinzen Vogelfrei“, wurde 1887 als Anhang der „Fröhlichen Wissenschaft“ veröffentlicht. Es schildert das Leben des Hirten weit weniger idyllisch als der titelgebende griechische Dichter Theokritos, der zwischen 300-260 v. Chr. in Syrakus, Sizilien lebte und als Schöpfer bukolischer Liebeslieder und Schäferidyllen bekannt wurde. (Das Wort „Idylle“ (ειδύλλιο) in seiner heutigen Bedeutung stammt übrigens von ihm.). Durch das realistisch-derbe Hirtenmilieu gelingt es Nietzsche, dem Liebeskummer etwas Lächerliches zu geben und sich von seinen Qualen zu distanzieren

 

Friedrich Nietzsche

Lied eines theokritischen Ziegenhirten.

Da lieg ich, krank im Gedärm, –

Mich fressen die Wanzen.

Und drüben noch Licht und Lärm!

Ich hörs, sie tanzen…

 

Sie wollte um diese Stund

Zu mir sich schleichen.

Ich warte wie ein Hund, –

Es kommt kein Zeichen.

 

Das Kreuz, als sies versprach?

Wie konnte sie lügen?

– Oder läuft sie jedem nach,

Wie meine Ziegen?

 

Woher ihr seidner Rock? –

Ah, meine Stolze?

Es wohnt noch mancher Bock

An diesem Holze?

 

– Wie kraus und giftig macht

Verliebtes Warten!

So wächst bei schwüler Nacht

Giftpilz im Garten.

 

Die Liebe zehrt an mir

Gleich sieben Übeln, –

Nichts mag ich essen schier.

Lebt wohl, ihr Zwiebeln!

 

Der Mond ging schon ins Meer,

Müd sind alle Sterne,´

Grau kommt der Tag daher, –

Ich stürbe gerne.

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2017/08/img_2012.jpg

Ziegenherde bei Karitaina/Arkadien, Griechenland

 

 

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Der August und die Buben der Münzen und Kelche

In den 6.-8. Raunächten zog ich nur Buben aus dem Stapel der Tarotkarten. und zwar am 31.12.2024 für den Juni den „Buben der Kelche“ und am 1.1.2025 für den Juli den „Buben der Münzen“, am 2.1. dann erneut den „Buben der Münzen“, der sich aber, nach genauerem Besehen, erneut als „Bube der Kelche“ entpuppte.

Juli, August, November: Bube der Münzen          Juni, August: Bube der Kelche

In der 6. und 7. Raunacht hatte ich zu den beiden Burschen auch neurografische Zeichnungen gemacht, die freilich eher die Stimmung zu Jahresbeginn als die des Sommers spiegelten. Das ist auch nicht verwunderlich, denn dazwischen lag die Silvesternacht, in der der Brenner unserer Heizung kaputt ging, mein Atelier total verrußte und um ein Haar das Haus abgebrannt und/oder wir an Kohlenmonoxid-Vergiftung erstickt wären. Zum Glück bemerkten wir den Geruch, als wir auf der Turmterrasse standen und dem Neuen Jahr zuprosteten, eilten in den Heizungskeller und verhinderten das Malheur.

Und nun beide noch einmal für den August?? Soll ich im August weiterhin prüfen, wie es mit meinen Ressourcen bestellt ist? Oder soll ich mir „die Weisheiten (seines Vetters) zuflüstern lassen, die mich auffordern, mich dem Wasser, der Kreativität und Sinnlichkeit sanft und widerstandlos hinzugeben“, wie ich zur Juni-Karte schrieb?

Ja, warum nicht beide? Ich zeichnete die in der Nacht als „Bube der Münzen“ begonnene Zeichnung am Tage (am 2.1.) als „Buben der Kelche“ zu Ende. Und jetzt hatte sie auch sommerliche Leichtigkeit.

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2025/01/img_0602-2_edited.jpg

Wohlgefällig betrachtete ich die Zeichnung und schrieb: “

Mit gefällt es sehr, dass diese beiden munteren Buben, die auch Pagen genannt werden, mich erst abwechselnd, dann gemeinsam in den drei Sommermonaten von Juni bis August begleiten werden.

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112 Stufen, 62: Kränkung (Dieter Bonhoeffer)

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und doch wird sie immer und immer wieder angetastet, mit Füßen getreten, zu Boden gestampft. Jeder Gefangene, insbesondere aber der politische, muss diese Kränkung, die über die Entziehung der Freiheitsrechte weit hinaus geht, erdulden. Auch heute! Auch in Deutschland! Sicher, das Maß der Entwürdigung ist in demokratisch verfassten Gesellschaften ein anderes als in totalitären Regimen, aber die Zielrichtung dieselbe: es geht immer darum, den Menschen innerlich zu brechen, indem man seine Würde antastet.

Der Text ist von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), verfasst während seiner Inhaftierung in Berlin. Bonhoeffer war ein tiefgläubiger evangelisch-lutherischer Theologe, kämpferisches Mitglied der „Bekennenden Kirche“ und des Widerstands gegen das NS-Regime. Er wurde im April 1943 wegen „Wehrkraftzersetzung“ inhaftiert, ihm wurde Teilnahme an der Verschwörung zur Ermordung Hitlers vorgeworfen, und im April 1945, also kurz vor Kriegsende, wurde er im KZ Flossenburg nach einem Scheinverfahren ermordet. Dass sich die Todeskandidaten nackt zum Galgen begeben mussten, ist Teil der dem Menschen zusätzlich zugefügten „Kränkung“. Es reicht eben nicht, sie zu ermorden, man muss sie außerdem demütigen, solange noch ein Lebenshauch in ihnen ist.

Veröffentlicht wurde der Text in „Widerstand und Ergebung“ – eine Sammlung von Briefen und Aufzeichnungen aus Bonhoeffers letzten beiden Lebensjahren (Quelle). Gespalten zwischen äußerlicher Ruhe und innerer Verzweiflung versucht er, sich die Frage zu beantworten: Wer bin ich?  „Kränkung“ ist nicht der zentrale Begriff, aber ein zentrales Empfinden: Die Würde des Menschen wird durch das, was ihm angetan wird, zutiefst gekränkt. Seine Selbstdarstellung nach außen ist der Versuch, diese Würde als unangetastbar hinzustellen. Das ist seine Rüstung, mit der er dem Feind begegnet. Sein Inneres aber weiß von der tiefen Verletzung, „zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung“.

„Gekreuzigter“ von Rosy Lilienfeld. um 1928. Jüdisches Museum Frankfurt/Main

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest,

wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

 

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

 

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Die Richter des Standgerichts wurden übrigens von nachkriegsdeutschen Gerichten freigesprochen. 1956 urteilte der BGH, dass das Urteil des SS-Standgerichts dem damaligen Recht entsprochen habe und daher auch weiterhin gültig sei.  Entschädigungsleistungen für die Angehörigen seien daher nicht fällig. Erst durch das „Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege und von Sterilisationsentscheidungen der ehemaligen Erbgesundheitsgerichte“ von 1998 wurde Bonhoeffer nicht mehr als verurteilter Straftäter geführt. 

 

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Der Juli, der Bube der Münzen und was aus ihnen wurde

In den Raunächten des vergangenen Winters zog ich jede Nacht eine Tarotkarte, die ich als besondere Aufgabenstellung für den damit korrespondierenden Monat interpretierte. In der 7. Raunacht zog ich die Karte „Bube der Münzen“ für den Juli. Als Aufgabe ersah ich daraus: Meine Ressourcen – die körperlichen, finanziellen und gesundheitlichen ebenso wie Begabungen, Beziehungen und Qualifikationen – sorgfältig in Augenschein zu nehmen. Sind sie den gesetzten Zielen angemessen? Reichen sie aus? Brauche ich noch weitere Ressourcen, oder sollte ich meine Ziele besser nach unten korrigieren?

Ende Juni begann ich mich mit diesen Fragen zu quälen und machte eine neurografische Zeichnung. Die stellte meine Zuversicht wieder her. Ich interpretierte sie so: Da sieht man mich, wie ich im linken Kreis meine Kräfte sortiere, um zum rechten Kreis – im Zentrum steht „Kreativität“ – vorzustoßen. Dafür musste ich zunächst einen Fluß überqueren („Vertrauen in die eingeborenen Kräfte“), den ich in eine grüne Wiese verwandelte, um leichten Fußes hinüberzuschreiten.

 

Und was ist nun aus alldem geworden? Ich bereitete die 2. Ausstellung der Reihe „Kunst hilft“ vor und führte sie auch mit recht gutem Erfolg durch. Die häufigen Fahrten über die kurvenreiche Strecke nach Kardamili bewältigte ich gut. Die nötigen „Ressourcen“ standen mithin alle zur Verfügung, und eine weitere, die ich gar nicht bedacht hatte – Familie – erwies sich als sehr hilfreich.

Das Ergebnis: Die Hilfskasse weist 905 E mehr auf, einige meiner Bilder werden nun in Paris, London, Genf und Kardamili an freundlichen Wänden hängen, ich kann Menschen in dieser und jener Notlage ein wenig unter die Arme greifen, ohne meine normalen Ressourcen zu strapazieren, und ich habe Mut und Lust, im September noch eine dritte Aktion „Kunst hilft“ zu machen, dieses Mal in Koroni auf dem anderen Finger der Peloponnes, wo ich schon manches Mal ausgestellt habe. Darum werde ich mich jetzt kümmern.

Meine Ressourcen reichten also trotz etlicher Bedenken aus für dieses nicht zu hoch gesteckte Ziel.

Bei alledem blieb sogar noch Zeit für andere Aktivitäten: Erstens habe ich täglich tapfer eine Stufe der Holsteiner Treppe erklommen. Das klingt vielleicht nach wenig, aber wegen der selbstgestellten Aufgabe, die literarischen oder anderen biografischen Erinnerungen abzufragen, die sich bei jedem Wort einstellten, wurde es zu einer echten kleinen Recherche. Außerdem gab es auch Zeit für die sommerlichen Lustbarkeiten, für Schwimmen, Tanzen, Zeichnen, Lesen, Tavernenbesuche, Katzen, Garten, abendliches Zusammensein, Zuschauen, wie der Mond sich rundete, abnahm, verschwand und wieder als feine Sichel erschien, auch fürs Drabbeln und für den sonntäglichen Abstieg ins Archiv. Allerdings kam ich nicht dazu, ein Sommerpausen-Intermezzo zu schreiben, noch nahm ich die Impulse von Myriades Werkstatt auf. Ich hoffe sehr, das im August nachzuholen.

Und so schaue ich ganz optimistisch in den kommenden Monat und sage: Danke, Juli! Sei mir willkommen, August!

 

 

 

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112 Stufen, 61 Eifersucht (Tolstoi, Shakespeare)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Ach und weh! Kaum habe ich die Stufe der „Liebe“ erklommen, muss ich schon weiter und das Lied der „Eifersucht“ singen! Da fallen mir sogleich zwei Texte ein: den einen, Die Kreutzersonate (1889), las ich erst kürzlich, er ist von Tolstoi. Den anderen kenne ich seit meiner frühen Jugend, als ich Shakespeares Dramen verschlang: Othello – der Mohn von Venedig (1604).  Der Grund für die Eifersucht könnte nicht unterschiedlicher sein, doch gibt es auch eine Ähnlichkeit: die Frau wird Opfer einer Intrige.

Der Ich-Erzähler der „Kreutzersonate“ ist ein komplizierter psychologischer Fall: er hasst sich selbst, weil er seine Frau sexuell begehrt. Frauen sexuell zu begehren, bedeutet für ihn, sich selbst zu beschmutzen. Und Eifersucht ist ein schmähliches Gefühl, das er würdelos findet. Also schmiedet er eine Intrige, die ihm den Vorwand bietet,  sich von der ihn quälenden Geilheit und Eifersucht zu befreien, indem er seine Frau tötet.

Und wer ist schuld an seinen Qualen? Ja, lach nur!

„Ja, so wurden also diese englischen Taillen, diese Locken und Tornüren für mich sozusagen zu Fallen. Mich zu fangen, war übrigens leicht. weil ich unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen war, bei denen die verliebten Gefühle wie Gurken im Warmhause aufschießen. Unsere aufreizende, überreichliche Kost bei völliger Enthaltung von körperlicher Arbeit ist ja schließlich nichts anderes als eine systematische Aufreizung unserer Sinnlichkeit.“ 

Kurzum: Schuld daran, dass er zum Mörder an seiner Frau wird, ist, dass er sie begehrt, und er begehrte sie, weil sie eine „englische Taille“ trug. Schon in der Hochzeitsnacht erkennt er seinen Irrtum, was ihn aber nicht hindert, ihr ein Kind nach dem andern zu machen und jeden ihrer Schritte zu überwachen. Schließlich geht es um seine „Ehre“!

Sexualität zum Zwecke der Fortpflanzung ist erlaubt. Verhütungsmethoden sind von Übel, denn dadurch wird die unnatürliche Dauererregung des sexuellen Triebs gefüttert. Der geistige Mensch ekelt sich vor sich selbst und bringt schließlich die Erregerin seiner Geilheit um. Seine Gerichtsstrafe hat er abgesessen (sie war gering, weil er aus „verletzter Ehre“ gehandelt hat). Nun ist er frei!

Othello ist ein Krieger, sehr männlich-stolz, vertrauensvoll und ehrbewusst, und er ist schwarz. Schwer genug hatte er es, sich trotz seiner Hautfarbe zum Befehlshaber der venetianischen Flotte hochzudienen. Er glaubt, er sei durch seine Taten und seine Stellung berechtigt, eine angesehene Venetianerin zu ehelichen, die ihn ihrerseits wegen seines Mutes und seiner Leiden liebt. Die Weißen aber sehen das ganz anders: der Vater der Desdemona, Brabantio, verwünscht seine Tochter, der Rivale Rodrigo lässt sich in eine Intrige einspannen, um die Frau doch noch zu ergattern,  der Untergebene Jago, geldgieriger Intrigant und Rassist reinsten Wassers, hasst und verachtet den „Mohren“ aus ganzem Herzen. Unter Ausnutzung des Charakters und der Herkunft Othellos wird die Falle gebaut, in die Othello blind hineintappt, und als er die Wahrheit erkennt, tötet er sich selbst.

In beiden Fällen, so unterschiedlich sie sind, hat die Frau keine Möglichkeit, sich der Opferrolle zu entziehen. Egal was sie tut: es wird ihr als Beweis ihrer „Verderbtheit“ angerechnet. Dass Frauen (wie übrigens auch die Männer) „verderbt“ sind – das ist aus der Sicht Jagos überhaupt keine Diskussion wert. Also wird er das Gift dieser Vorstellung auch dem harmlosen Othello einflößen.

Jago im Dialog mit dem in Desdemona verliebten Rodrigo:

JAGO
…Es ist undenkbar, daß Desdemona den Mohren auf die Dauer lieben sollte – tu Geld in deinen Beutel! – noch der Mohr sie; es war ein gewaltsames Beginnen, und du wirst sehn, die Katastrophe wird eine ähnliche sein. Tu nur Geld in deinen Beutel; so ein Mohr ist veränderlich in seinen Neigungen; fülle deinen Beutel mit Geld; die Speise, die ihm jetzt so würzig schmeckt wie Süßholz, wird ihn bald bittrer dünken als Koloquinten. Sie muß sich einem Jüngeren zuwenden; hat sie ihn erst satt, so wird sie den Irrtum ihrer Wahl einsehn. Sie muß Abwechslung haben, das muß sie; darum tu Geld in deinen Beutel! Wenn du durchaus zum Teufel fahren willst, so tu es auf angenehmerem Wege als durch Ersäufen. Schaff dir Geld, soviel du kannst! Wenn des Priesters Segen und ein hohles Gelübde zwischen einem abenteuernden Afrikaner und einer überlistigen Venezianerin für meinen Witz und die ganze Sippschaft der Hölle nicht zu hart sind, so sollst du sie besitzen….

Beide Legebilder sind aus Schnittresten, die mir Jürgen Küster zukommen ließ.

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Vier Treppenabsätze im Rückblick

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

IMG_7903Gestern habe ich die letzte Stufe des vierten Abschnitts der Holsteiner Treppe erklommen, und heute habe ich verschnauft. Aber zurückblicken will ich doch noch auf die Schnelle.

Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick (mit Stichwort zum Inhalt):

60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff „Mann-Frau, Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, „weibliche Emanzipation“) – 46 erlauben (Pause)

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma (selbst „Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, „Verliebtheit“) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „Unschuldig“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, „Poseidon“) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel) – 28 friedlich (Bertold Brecht) – 27 beruhigen (Natur) – 26 Freude (Friedrich Schiller) – 25 Verbot (Anatole France) – 24 wappnen (Martin Luther) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh) – 22 Zorn (Roman Herzog/Georg Trakl) – 21 Begeisterung (Hegel) – 20 Bruder (Karl König) – 19 Nähe (Christian Morgenstern) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz) – 17 Lachen (Günter Grass) – 16 Sprechen (Schiller) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch, Leo Tolstoi, Matthäus) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt) – 13 beschützen (Hermann Hesse) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe) – 10 Familie (David Cooper) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium) – 8 Angst (Mascha Kaléko) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche) – 6 Heimat (Theodor Fontane) – 5 Liebkosen (Leo Tolstoi) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky) – 2 Streicheln (John Steinbeck) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe).

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