112 Stufen, 86: Missbrauch (Immanuel Kant)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Der Begriff „Missbrauch“ setzt voraus, dass es einen legalen Gebrauch gibt. Also kann er sich nicht auf Menschen beziehen? Menschen kann man doch nicht legal gebrauchen, oder? Richtig! Menschen sind (so sahen es die Aufklärer) keine Sachen. Aber die Geschlechtsorgane eines Menschen, die kann man ganz legal erwerben und gebrauchen – jedenfalls wenn es nach der Definition der Ehe durch den Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) geht.

Was ist die Ehe? In Kurzform:

Der legale wechselseitige Gebrauch der Geschlechtsorgane. 

Diese Assoziation kam mir, als ich über das Wort „Missbrauch“ nachdachte.

Es ist erhellend, den gesamten diesbezüglichen Abschnitt der „Metaphysik der Sitten“ (1797) zu lesen, in dem Immanuel Kant das Wann, mit Wem und zu welchem Behufe des „Geschlechtsverkehrs“ in schöner Klarheit formuliert. Bemerkenswert ist, dass er die Gegenseitigkeit der Einräumung von Rechten und Pflichten des Ehepaares zum tragenden Begriff des Familienrechts macht.

Kant und die Liebe, mit Brunis Schnipselspende

Kant, Von dem auf dingliche Art persönlichen Recht [*]

Metaphysik der Sitten, Rechtslehre §§ 22 – 30

Des Rechts der häuslichen Gesellschaft
erster Titel: Das Eherecht.
§ 24

Geschlechtsgemeinschaft ( commercium sexuale ) ist der wechselseitige Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht ( usus membrorum et facultatum sexualium alterius ), und entweder ein natürlicher (wodurch seines Gleichen erzeugt werden kann), oder unnatürlicher Gebrauch und dieser entweder an einer Person ebendesselben Geschlechts, oder einem Thiere von einer anderen als der Menschengattung; Welche Übertretungen der Gesetze, unnatürliche Laster ( crimina carnis contra naturam ), die auch unnennbar heißen, als Läsion der Menschheit in unserer eigenen Person durch gar keine Einschränkungen und Ausnahmen wider die gänzliche Verwerfung gerettet werden können.

Die natürliche Geschlechtsgemeinschaft ist nun entweder die nach der bloßen thierischen Natur ( vaga libido, venus volgivaga, fornicatio ), oder nach dem Gesetz. – Die letztere ist die Ehe ( matrimonium ), d. i. die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften. – Der Zweck, Kinder zu erzeugen und zu erziehen, mag immer ein Zweck der Natur sein, zu welchem sie die Neigung der Geschlechter gegeneinander einpflanzte; aber daß der Mensch, der sich verehlicht, diesen Zweck sich vorsetzen müsse, wird zur Rechtmäßigkeit dieser seiner Verbindung nicht erfordert; denn sonst würde, wenn das Kinderzeugen aufhört, die Ehe sich zugleich von selbst auflösen.

Es ist nämlich, auch unter Voraussetzung der Lust zum wechselseitigen Gebrauch ihrer Geschlechtseigenschaften, der Ehevertrag kein beliebiger [Seite 277] sondern durchs Gesetz der Menschheit nothwendiger Vertrag, d. i. wenn Mann und Weib einander ihren Geschlechtseigenschaften nach wechselseitig genießen wollen, so müssen sie sich nothwendig verehlichen, und dieses ist nach Rechtsgesetzen der reinen Vernunft nothwendig.

§ 25

Denn der natürliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den Geschlechtsorganen des anderen macht, ist ein Genuß, zu dem sich ein Theil dem anderen hingiebt. In diesem Act macht sich ein Mensch selbst zur Sache, welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person widerstreitet. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich, daß, indem die eine Person von der anderen gleich als Sache erworben wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe; denn so gewinnt sie wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her. Es ist aber der Erwerb eines Gliedmaßes am Menschen zugleich Erwerbung der ganzen Person, weil diese eine absolute Einheit ist; – folglich ist die Hingebung und Annehmung eines Geschlechts zum Genuß des andern nicht allein unter der Bedingung der Ehe zulässig, sondern auch allein unter derselben möglich. Daß aber dieses persönliche Recht es doch zugleich auf dingliche Art sei, gründet sich darauf, weil, wenn eines der Eheleute sich verlaufen, oder sich in eines Anderen Besitz gegeben hat, das andere es jederzeit und unweigerlich gleich als eine Sache in seine Gewalt zurückzubringen berechtigt ist.

§ 26

Aus denselben Gründen ist das Verhältniß der Verehlichten ein Verhältniß der Gleichheit des Besitzes, sowohl der Personen, die einander wechselseitig besitzen (folglich nur in Monogamie, denn in einer Polygamie gewinnt die Person, die sich weggiebt, nur einen Theil desjenigen, dem sie ganz anheim fällt, und macht sich also zur bloßen Sache), als auch der Glücksgüter, wobei sie doch die Befugniß haben, sich, obgleich nur durch einen besonderen Vertrag, des Gebrauchs eines Theils derselben zu begeben.

Daß der Concubinat keines zu Recht beständigen Contracts fähig sei, so wenig als die Verdingung einer Person zum einmaligen Genuß ( pactum fornicationis ), folgt aus dem obigen Grunde. Denn [Seite 278] was den letzteren Vertrag betrifft: so wird jedermann gestehen, da die Person, welche ihn geschlossen hat, zur Erfüllung ihres Versprechen rechtlich nicht angehalten werden könnte, wenn es ihr gereuete; und so fällt auch der erstere, nämlich der des Concubinats, (als pactum turpe ) weg, weil dieser ein Contract der Verdingung ( locatio-conductio ) sein würde und zwar eines Gliedmaßes zum Gebrauch eines Anderen, mithin wegen der unzertrennlichen Einheit der Glieder an einer Person diese sich selbst als Sache der Willkür des Anderen hingeben würde; daher jeder Theil den eingegangenen Vertrag mit dem anderen aufheben kann, so bald es ihm beliebt, ohne daß der andere über Läsion seines Rechts gegründete Beschwerde führen kann. – Eben dasselbe gilt auch von der Ehe an der linken Hand, um die Ungleichheit des Standes beider Theile zur größeren Herrschaft des einen Theils über den anderen zu benutzen; denn in der That ist sie nach dem bloßen Naturrecht vom Concubinat nicht unterschieden und keine wahre Ehe. – Wenn daher die Frage ist: ob es auch der Gleichheit der Verehlichten als solcher widerstreite, wenn das Gesetz von dem Manne in Verhältniß auf das Weib sagt: er soll dein Herr (er der befehlende, sie der gehorchende Theil) sein, so kann dieses nicht als der natürlichen Gleichheit eines Menschenpaares widerstreitend angesehen werden, wenn dieser Herrschaft nur die natürliche Überlegenheit des Vermögens des Mannes über das weibliche in Bewirkung des gemeinschaftlichen Interesse des Hauswesens und des darauf gegründeten Rechts zum Befehl zum Grunde liegt, welches daher selbst aus der Pflicht der Einheit und Gleichheit in Ansehung des Zwecks abgeleitet werden kann.

§ 27

Der Ehe – Vertrag wird nur durch eheliche Beiwohnung ( copula carnalis ) vollzogen. Ein Vertrag zweier Personen beiderlei Geschlechts mit dem geheimen Einverständniß entweder sich der fleischlichen Gemeinschaft zu enthalten, oder mit dem Bewußtsein eines oder beider Theile, dazu unvermögend zu sein, ist ein simulirter Vertrag und stiftet keine Ehe; kann auch durch jeden von beiden nach Belieben aufgelöset werden. Tritt aber das Unvermögen nur nachher ein, so kann jenes Recht durch diesen unverschuldeten Zufall nichts einbüßen. [Seite 279]

Die Erwerbung einer Gattin oder eines Gatten geschieht also nicht facto (durch die Beiwohnung) ohne vorhergehenden Vertrag, auch nicht pacto (durch den bloßen ehelichen Vertrag ohne nachfolgende Beiwohnung), sondern nur lege : d. i. als rechtliche Folge aus der Verbindlichkeit in eine Geschlechtsverbindung nicht anders, als vermittelst des wechselseitigen Besitzes der Personen, als welcher nur durch den gleichfalls wechselseitigen Gebrauch ihrer Geschlechtseigenthümlichkeiten seine Wirklichkeit erhält, zu treten.

 

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Dienstags-Drabble: Frische Luft! (überhaupt nicht kata-strophisch)

Für das heutige Dienstags-Drabble hat Heide die Wörter

Dunsthülle – sich formen – unbezahlbar

vorgegeben. Ich habe dazu einen Frischluft-Text in ordentlichen Reimen erdichtet.

 

Frische Luft!

In der Dunst- und Nebelhülle

die so manche fleißig weben

siehst Gestalten du in Fülle

und du fragst dich, ob sie leben?

 

Sind wohl Geister, sind Gespenster

Was sich drinnen formen will…

Öffne angelweit das Fenster

Sei’s Oktober, sei’s April.

 

Denn was hilft dir das Orakel

Solcher wabernden Gestalten?

Nichts als lügnerisch Spektakel

Ist΄s, was ihre Stimmen lallten.

 

Achte stets auf klare Sicht

Sie erlaubt dir, zu verstehen

Was real ist und was nicht

Lass dir nicht den Kopf verdrehen!

 

Frische Luft verschafft dir Klarheit

Wenn die Lüge lauthals brüllt,

Unbezahlbar ist die Wahrheit

Die man dir so gern verhüllt.

 

 

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112 Stufen, 85: Verfolgung (Mascha Kaleko)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Rassistische Verfolgung ist schlimmer als politische, denn der, der verfolgt wird, hat nicht die Möglichkeit, einem unerwünschten Aspekt seiner Existenz abzuschwören und dadurch der Verfolgung zu entkommen. Mascha Kaleko ist unter den Bedingungen der rassistischen Verfolgung geboren worden – aufgewachsen – zur Dichterin geworden …

Eine sehr schöne Auswahl ihrer Gedichte, die sich wie eine Autobiografie liest, fand ich hier. Dieser Auswahl habe ich auch das folgende Gedicht entnommen.

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Mascha Kaléko

Überfahrt

Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Nur Gott. Den haben sie mit uns vertrieben.
Von all den Vielen ist nur er geblieben.
Sonst keiner, der in Treue zu uns hält.

Kein Herz, das dort am Ufer um uns weint,
nur Wind und Meer, die leise uns beklagen.
Lass uns dies alles still zu zweien tragen,
dass keine Träne freue unsern Feind.

Sei du im Dunkel nah. Mir wird so bang.
Ich habe Vaterland und Heim verlassen.
Es wartet so viel Weh auf fremden Gassen.
Gib du mir deine Hand. Der Weg ist lang.

Und wenn das Schiff auf fremder See zerschellt,
wir sind einander mit dem Blut verschrieben.
Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Uns bleibt das eine nur: uns sehr zu lieben.

 

 

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Archivbild der Woche (nachgetragen): 24. August 2023

Jeden Sonntag steige ich ins Archiv hinunter, um, wie Puzzleblume angeregt hat, ein Bild hervorzuholen, das ich an einem Tag wie diesem, aber in einem anderen Jahr aufgenommen habe. Gestern kam ich nicht dazu, das „Archivbild der Woche“ zu posten. Und so hole ich es heute nach.

Wunderbarerweise tauchte in den Tiefen des Archivs eines der Tierchen auf, die ich gestern in anderem Zusammenhang nicht so freundlich bedachte (hier). Und da niemand sage, ich würde es diskrimieren, zeige ich es hier in einer Großaufnahme und in seiner ganzen komplizierten Schönheit. („Heupferdchen“, Foto vom 24.8.2023)

 

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112 Stufen, 84: Schrecken (Heuschrecken, Franz Münterfering, Ukraine)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Bei dem heutigen Wort der Holsteiner Treppe „Schrecken“ fallen mir als erstes die „Schrecken des Kriegs“ samt ihren vielfältigen literarischen und künstlerischen Bearbeitungen ein. Aber es fällt mir auch  die Ukraine ein, die nicht nur von den Schrecken des Kriegs, sondern Ende Juli dieses Jahres auch von einer Heuschreckenplage heimgesucht wurde, die die verbliebenen Ernten im Süden des Landes vernichteten.

fonds and other hungry beasts

Heuschrecken – damit meine ich freilich nicht nur die Insekten, die laut Bibel als göttliche Strafe immer mal wieder die Menschheit überfallen, sondern auch die großen Hedge-Fonds und Vermögensverwalter, die seit Beginn des Kriegs massiv in den Kauf der landwirtschaftlichen Nutzflächen der Ukraine mit der berühmten schwarzen Erde eingestiegen sind. „Abertausende Hektar Land haben 2022 und 2023 den Besitz gewechselt. Laut der Studie „Krieg und Diebstahl“ des kalifornischen Oakland Instituts, eines Thinktank für Nahrungssicherheit und Landaneignungen, gehören bereits drei Millionen Hektar fruchtbares Ackerland gerade mal einem Dutzend großer Agrarunternehmen. Oaklands Strategiedirektor Frédérick Mousseau nennt das eine Übernahme der ukrainischen Landwirtschaft durch westliche Konzerne,“ meldete die FR bereits im Oktober 2023.

In einem Blogeintrag von 2015, den ich „Heuschrecken und andere Schrecken“ betitelte und auf die damalige griechische Krise bezog, schrieb ich : „Der Begriff Heuschreckendebatte wurde im April und Mai 2005 geprägt. Auslöser war eine Äußerung des damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Münterfering. Er verglich das Verhalten mancher „anonymer Investoren mit Heuschreckenplagen.

Franz Münterfering gegenüber BILD:

„Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten – sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter.“

„Heuschrecken“ gelten im deutschen politischen Sprachgebrauch seitdem als Metapher für Private-Equity-Gesellschaften und andere Formen der Kapitalbeteiligung mit kurzfristigen oder überzogenen Renditeerwartungen, wie Hedge-Fonds oder sogenannte Geierfonds.

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2015/05/heuschrecken-and-other-funds-eat-up-the-fruits-of-life-copy.jpg

 

 

 

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Kunst hilft: „Familienausflug“ wechselte die Besitzerin

Heute wurde eines der früheren Aquarelle nachgefragt, und ich freute mich. Es handelt sich um das Aquarell (mit Feder) „Familienausflug“, das Eva sich aussuchte.

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112 Stufen, 83. Terror (Maximilien de Robespierre, Joseph-Ignace Guillotin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Robespierre:

„Die Triebfedern der Volksregierung im Stadium der Revolution sind Tugend und Terror zugleich: die Tugend, ohne die der Terror unheilvoll wäre, und der Terror, ohne den die Tugend machtlos ist“.

„Terror ist nichts anderes als rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit. Er ist eine Offenbarung der Tugend. Der Terror ist nicht ein besonderes Prinzip der Demokratie, sondern er ergibt sich aus ihren Grundsätzen, welche dem Vaterland als dringendste Sorge am Herzen liegen müssen.“ (5.2.1794)

Danton:

„Seien wir schrecklich, damit es das Volk nicht zu sein braucht! Dies ist ein Gebot der Humanität.“

under pressure

(Legebild zu Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“)

 

La Terreur – die letzte Phase der Französischen Revolution – war wohl der erste Versuch, große gesellschaftliche Umwälzungen durch Staatsterror zu erzwingen. Auch der Monarchie wurde zuvor, etwa durch Voltaire, Herrschaft par la terreur vorgeworfen, und in den frühen Phasen der Revolution fehlte es nicht an Schrecken, aber erst nach der Hinrichtung Ludwigs XVI (1793) wurde der Terror durch Robespierre institutionalisiert und ideologisch begründet.

Wer war dieser erste große Staats-Terrorist Maximilien de Robespierre (1758–1794), der schließlich selbst Opfer der von ihm errichteten Tötungsmaschinerie wurde? Begonnen hatte er als „Advokat der Armen“, hatte sich gegen die Todesstrafe gestellt und sich den Ruf eines „Unbestechlichen“ erworben. Er wurde Mitglied der 1789 ausgerufenen Nationalversammlung, wo er sich u.a. für Pressefreiheit, Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien und Aufhebung der Todesstrafe einsetzte.

Nach dem Fluchtversuch des Königs – was als Verrat an Frankreich angesehen wurde – stimmte auch er für dessen Tod durch die Guillotine.

Diese Köpfmaschine („Rasiermesser der Nation“) hatte der Arzt Joseph-Ignace Guillotin 1789 als gegenüber der Enthauptung durchs Schwert humanere Tötungsart empfohlen. Ab 1793 wurde sie in immer rasanterem Tempo eingesetzt, um der „Tugend“ zur Herrschaft zu verhelfen. Und da die Revolutionäre nach Robespierres richtiger Erkenntnis durchaus nicht tugendhaft waren, wurden auch sie und schließlich er selbst geköpft. Insgesamt kamen zwischen März 1793 und August 1794 16.594 Menschen durch die Guillotine ums Leben. Als Robespierre und 21 seiner Anhänger am 28. Juli 1794 zur Guillotine gebracht wurden, versammelte sich Tout-Paris, um dem Spektakel jubelnd und lachend beizuwohnen.

Diejenigen, die Robespierre köpfen ließen und damit seiner Schreckensherrschaft ein Ende bereiteten, waren natürlich ihrerseits keineswegs tugendhaft, sondern eifrig bemüht, sich an dem enteigneten Besitz von Klerus und Adel zu bereichern. Und die Guillotine wurde erst 1981 mitsamt der Todesstrafe abgeschafft. (Letzte Hinrichtung per Guillotine: 10. September 1977).

 

 

 

 

 

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112 Stufen: Sechs Treppenabschnitte im Rückblick

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

img_8693Der sechste Treppenabschnitt ist genommen. Der nächste Abschnitt ist dann wieder voller Schrecknisse. Bevor ich mich dem zuwende, mache ich eine Verschnaufpause und blicke zurück auf die 82 Stufen, die ich hinter mir gelassen habe. Es waren diesmal schwergewichtige hochklingende Wörter zu passieren: Würde, Treue, Tiefe, Güte, Klärung, Ausdauer – standhaft, göttlich – überwinden, beistehen – und die Autoren, die ich zu Rate zog, reichten erneut von den Wurzeln unserer abendländischen Kultur bis ins 20. Jahrhundert, d.h. von der griechisch-römischen Epoche (Aristoteles und Cicero) und der Bibel (Evangelien und Paulus) über die deutschen Klassiker (Schiller und Goethe) bis hin zu Nietzsche, Lassalle und Einstein, Brecht und Bachmann.  Auch die Musik war wieder  vertreten mit Gustav Mahler, Carl Orff und Kurt Weill.

 

Der sechste Treppenabschnitt im Rückblick:

82 Würde (Friedrich Schiller, Bertold Brecht et al, Verfassungen) – 81  standhaft (Friedrich Schiller, die Glocke, Bürgertum) – 80 Treue (Carl Orff, Die Kluge) – 79 Tiefe (Friedrich Nietzsche, Gustav Mahler, O Mensch gib Acht!) – 78 göttlich (Johann Wolfgang von Goethe, Edel sei der Mensch) – 77 Güte (Bibel, Bertold Brecht, Ein guter Mensch sein…) – 76 Klärung (Ingeborg Bachmann, Erklär mir, Liebe) – 75 überwinden (Rainer Maria Rilke, Der Schauende) – 74 beistehen (Paulus, Galater, einer trage des anderen Last) – 73 Ausdauer (Albert Einstein, Ausdauer und wegwerfen) –

Der fünfte Treppenabschnitt im Rückblick:

71 verlassen (Eichendorff, „Das zerbrochene  Ringlein“) – 70 Enttäuschung (Luise Büchner, „Höchstes Leid“) – 69 Verzweiflung (Kierkegaard, „Krankheit zum Tode“, Nietzsche) – 68 Weinen (Goethe, „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) – 67 Hass (Ricarda Huch, „Mein Herz, mein Löwe“, Heinrich Heine, „Diesseits und jenseits des Rheins“) – 66 Kurzschluss (Heinz Ehrhardt, „Kurz vor Schluss“, Bertold Brecht „Matrosentango“ aus „Happy End“) – 65 Zweifel (Aristoteles, Buridans Esel, Enzensberger, „Entschlusslosigkeit“) – 64 Panik (Carl-Christian Elze, „PanikParadies“, Pandemie) – 63 Liebeskummer (Nietzsche, „theokritischer Ziegenhirt“) – 62 Kränkung (Dieter Bonhoeffer, „Wer bin ich?“) – 61 Eifersucht (Tolstoi „Kreutzersonate“, Shakespeare „Othello“)

Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick:

60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, Korinther, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff Mann-Frau, „Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, weibliche Emanzipation) – 46 erlauben (Verschnaufpause)

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma („Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, Verliebtsein) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „ohne Schuld“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, Poseidon, Odysseus) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti, „Futuristisches Manifest“) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel, Rede zum Büchner-Preis) – 28 friedlich (Bertold Brecht, „Friedenslied“)) – 27 beruhigen (Natur, erleben) – 26 Freude (Friedrich Schiller, „An die Freude“) – 25 Verbot (Anatole France, Gleichheit vorm Gesetz) – 24 wappnen (Martin Luther, „Ein feste Burg“) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh, Vormärz „Wiegenlied“) – 22 Zorn (Roman Herzog „Aguirre“, Georg Trakl „Grodeck“) – 21 Begeisterung (Hegel, Definition) – 20 Bruder (Karl König, „Bruder Tier“) – 19 Nähe (Christian Morgenstern, „Näherin“) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz „Mächtig ist die Ehrlichkeit“) – 17 Lachen (Günter Grass „Hier wird nicht mehr gelacht“) – 16 Sprechen (Schiller, „Die Bürgschaft“) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch „Mein Herz, mein Löwe“, Leo Tolstoi „Auferstehung“, Matthäus-Evangelium) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt, „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“) – 13 beschützen (Hermann Hesse, „Stufen“, Hölderlin „Hyperions Schicksalslied“) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach, „Weihnachtsoratorium“) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe, Valentin im „Faust“) – 10 Familie (David Cooper, „Tod der Familie“) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium „Verkündigung“) – 8 Angst (Mascha Kaléko, „Jage deine Ängste fort“) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche „Im Süden“) – 6 Heimat (Theodor Fontane „Graf Douglas“) – 5 Liebkosen (Aischilos „Gefesselter Prometheus“, Selbst „Schwanenwege“ // Leo Tolstoi „Anna Karenina“) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert, „Die Küchenuhr“) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky „Mutters Hände“) – 2 Streicheln (John Steinbeck „Of Mice and Men“) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe „Willkommen und Abschied“).

 

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112 Stufen, 82: Würde (Schiller, Brecht, Lassalle, Kant, Aristoteles und ich selbst)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Der als unverbesserlicher Idealist verschrieene Friedrich Schiller hat etwas zur Würde des Menschen gesagt, das eines Bertold Brecht würdig gewesen wäre. Er sagte es nicht in langatmigen Ergüssen, sondern kurz und bündig, in einem berühmten Distichon (Musen-Almanach für das Jahr 1797):

Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen
Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.

Eine Verwandtschaft mit Brechts Diktum aus dem Schlussgesang der Dreigroschenoper ist unverkennbar:

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“*

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Seit Beginn der abendländischen Philosophie wird dem Menschen eine besondere „Würde“ zugesprochen, weil er ein vernunftbegabtes Wesen sei. Diese Auffassung ist unterschwellig bis heute vorhanden, und auch dazu hat Brecht einen deutlichen Ausspruch getan:

Ein Mensch ist kein Tier!**

Und er ist auch kein „Objekt“ – wie Kant formulierte. Wegen der NS-Geschichte heißt es im Grundgesetz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sie ist also als Abwehrrecht gegen die Übergriffigkeit des Staates garantiert. Insbesondere ist es nicht gestattet, Menschen als Objekte des staatlichen Handelns zu instrumentalisieren.

Die Weimarer Verfassung hatte noch den sozialen Aspekt („menschenwürdiges Dasein“) deutlicher im Blick:

Die Ordnung des Wirtschaftslebens muss den Grundsätzen der Gerechtigkeit mit dem Ziele der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle entsprechen“ – eine Formulierung, die auf Ferdinand Lassalle (1825-1864) zurückging.

Schon die erste Verfassung des neugriechischen Staates, die aus der Revolution 1821-29 hervorging, bestimmte übrigens:

„Der Respekt und Schutz der Würde (des Wertes) des Menschen ist die erste Pflicht des Gemeinwesens.“ 

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Doch daneben gab es immer schon einen anderen Aspekt der „Würde“, der nicht von einem Geburtsrecht auf Würde ausging, sondern sie an das Verdienst für die Gemeinschaft band. Beginnend mit Aristoteles konnte man sich Würde (αξία = Wert/ αξιοπρέπια = Würde) verdienen und man konnte sie bei verächtlichem oder verräterischem Verhalten auch wieder verlieren. Dieser Würde-Begriff klingt bis heute im Ausdruck „in Amt und Würden“ nach.

Dass Würdenträger ihre Würde manchmal auch als Bürde erleben, habe ich mal im Kontext der abc-etüden bereimt:

Klage eines Würdenträgers

„Ich ahnt es nicht, dass meine Würde
Mir einmal würd zur schweren Bürde!“
Der Würdenträger seufzte
Und in sein Taschentuch sich schnäufzte.

„Als ich noch jung und lustig war,
so zwischen zehn und zwanzig Jahr
da nahm ich jede Hürde
ganz ohne jede Bürde.

Doch nun, ihr Werten, Lieben,
müsst ihr mich vorwärts schieben,
und in dem speckigen Talar
steh ich gebeugt an dem Altar

und red von würde und von sollte,
weil sonst der liebe Herrgott grollte.
Viel lieber würd ich mit euch tanzen
Und nochmals schultern meinen Ranzen

Ganz ohne Pflicht und Amtstalar
Doch nie kommt wieder, was einst war.“

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*Der Liedtext (aus der Dreigroschenoper)

Ihr Herren, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd‘ und Missetat vermeiden kann
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an
Ihr, die ihr euren Wanst und uns’re Bravheit liebt
Das Eine wisset ein- für allemal
Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten
Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden

Denn wovon lebt der Mensch?

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist

Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein
Der Mensch lebt nur von Missetat allein

Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben
Und ihre Augen einwärts drehen kann
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an
Ihr, die auf uns’rer Scham und eurer Lust besteht
Das Eine wisset ein- für allemal
Wie ihr es immer schiebt und wie ihr’s immer dreht
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden

Denn wovon lebt der Mensch?

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist

Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein
Der Mensch lebt nur von Missetat allein!

Text: Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill

** Der Liedtext (aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, 1930)

Meine Herren, meine Mutter prägte Auf mich einst ein schlimmes Wort: Ich würde enden im Schauhaus Oder an einem noch schlimmern Ort. Ja, so ein Wort, das ist leicht gesagt, Aber ich sage euch: Daraus wird nichts! Das könnt ihr nicht machen mit mir! Was aus mir noch wird, das werdet ihr schon sehen! Ein Mensch ist kein Tier! Denn wie man sich bettet, so liegt man Es deckt einen da keiner zu Und wenn einer tritt, dann bin ich es Und wird einer getreten, dann bist’s du. Meine Herren, mein Freund, der sagte Mir damals ins Gesicht: „Das Größte auf Erden ist Liebe“ Und „An morgen denkt man da nicht.“ Ja, Liebe, das ist leicht gesagt: Aber wenn man täglich älter wird Da wird nicht nach Liebe gefragt Da muß man seine kurze Zeit benützen Ein Mensch ist kein Tier!

Text: Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten. arkadische Sonnenblumen

Für eine Verschnaufpause fuhren wir gestern kurz von der Autobahn Richtung Kalamata ab. So gerieten wir auf eine kleine Landstraße, an der eine Gruppe riesiger, von der Nachmittagssonne durchleuchteter Sonnenblumen stand. Entzückt von dem Anblick hielten wir an und stiegen aus, bemerkten in der Ferne ein ganzes Feld von Sonnenblumen. Da schlich ein altes klappriges Auto heran und herausstieg ein auch schon recht alter klappriger Mann, kam auf uns zu, freudestrahlend. „Gefällt euch mein Garten?“ fragte er. Und so kamen wir ins Gespräch. Als Dankeschön dafür, dass wir seinen Garten bewundert hatten, bekamen wir eine Honigmelone geschenkt, die er eilig aus einem Hüttchen herbeibrachte. Er bewirtschaftet den Garten schon lange nicht mehr, lässt alles wachsen, wie es mag, und freut sich dran. Danke, Andreas, für diese herzerfreuende Begegnung.

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