Der August, die Buben der Münzen und der Kelche, und was daraus wurde

Wie ihr hier Mitlesenden wisst, habe ich in den Raunächten jeweils eine Tarotkarte für den entsprechenden Monat des laufenden Jahres gezogen. Beim August gab es ein merkwürdiges Durcheinander: ich zog einen Buben, den ich für den Buben der Münzen hielt, doch bei späterer Kontrolle entpuppte er sich als der Bube der  Kelche. Diese beiden Buben hatten mich auch schon im Juni und Juli begleitet. Und nun waren beide noch einmal für den August zuständig??

Juli, August, November: Bube der Münzen Juni, August: Bube der Kelche

Ich war unschlüssig: Sollte ich noch einmal meine Ressourcen überprüfen oder sollte ich mich dem Meer, dem Genuss und der Kreativität hingeben? Ich kam zu dem Schluss: Beides! Und zeichnete die in der Nacht vom 1.1.-1.2. 2015 als „Bube der Münzen“ begonnene Zeichnung am folgenden Tag als „Buben der Kelche“ zu Ende.

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Und was wurde nun draus? Genau das Erwartete! In der ersten Augusthälfte war ich noch stark mit der Ausstellung in Kardamili und mit den damit zusammenhängenden Fragen (Verschickung der Bilder, Verwendung des Geldes, Auflösung der Aufstellung, neue Kontakte etc pp) beschäftigt, in der zweiten Augusthälfte kam dann der „Bube der Kelche“ voll zum Zuge, denn unser Sohn besuchte uns…

 

Jeden Morgen gingen wir im herrlichen Meer schwimmen, dann tafelten wir, aßen auch von den Weintrauben, die über unseren Köpfen reiften, wir machten zusammen Ausflüge, er saß mir Modell….  Heute flog er zurück nach Berlin – und damit endete diese schöne gemeinsame Zeit.

Wirklich ähnlich wurden die Kohlezeichnungen nicht. Das Herantasten an ein Gesicht, das ich sehr gut zu kennen meinte, war spannend.  Das nächste Mal wirds besser….

 

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Archivbild der Woche: 31.8.2019 (Hand und Fuß)

An einem Tag wie diesem, vor sechs Jahren, zeichnete ich meine Füße und poste die Zeichnung nun erneut für Puzzleblumes Aktion „Archivbild der Woche„.  Ich zeichnete damals jeden Tag etwas mit dem Kugelschreiber, den ich als Zeichengerät entdeckt hatte.

In der Nacht auf den 1. September 2018 war es dann wieder einmal meine Hand: so…

oder auch anders.

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112 Stufen, 81: Tränen (Paul Verlaine)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das Gedicht von Verlaine (1844 – 1896) habe ich während meiner Schulzeit auswendig gelernt – auf französisch. Wir hatten eine ältliche Französischlehrerin, unverheiratet, klein und mit einem komischen runden Dutt auf dem runden Kopf, der auf einem runden Leib aufsaß. Sie wurde von den Schülern mehr oder weniger liebevoll verspottet. Ich fühlte mit ihr, wenn sie ihr Lieblings-Gedicht rezitierte, und so wurde mir das Gedicht sehr lieb:

Paul Verlaine

Il pleure dans mon cœur

Il pleure dans mon cœur

Comme il pleut sur la ville ;

Quelle est cette langueur

Qui pénètre mon cœur ?

 

Ô bruit doux de la pluie

Par terre et sur les toits !

Pour un cœur qui s’ennuie,

Ô le chant de la pluie !

 

Il pleure sans raison

Dans ce cœur qui s’écœure.

Quoi ! nulle trahison ?…

Ce deuil est sans raison.

 

C’est bien la pire peine

De ne savoir pourquoi

Sans amour et sans haine

Mon cœur a tant de peine !

In der deutschen Übersetzung verliert es viel von seinem Charme, denn es lebt ja weitgehend von den Alliterationen, Wiederholungen und melodischen Lautübergängen. Die Übersetzungen, die ich im Netz fand, gefallen mir nicht. Also gebe ich hier meine eigene möglichst wortgenaue Übersetzung wieder, die auf das Reimschema verzichtet.

Paul Verlaine

Es weint in meinem Herzen

Es weint in meinem Herzen
wie es über der Stadt regnet
Was ist das für eine Trübsal
die mein Herz durchdringt?
Oh sanftes Geräusch des Regens,
auf der Erde und auf den Dächern!
Für ein Herz, dem jemand fehlt
O Gesang des Regens!
Es weint ohne Grund
in diesem Herzen, das angeekelt ist.
Was! Kein Verrat?…
Diese Trauer ist ohne Grund.
Das ist der größte Schmerz
Nicht zu wissen warum.
Ohne Liebe und ohne Hass.
Mein Herz hat so viel Schmerz.

 

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112 Stufen, 90: Rache (Conrad Ferdinand Meyer, Paulus, Karl Barth))

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Unweigerlich fällt mir bei „Rache“ als erstes die große Ballade „Die Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) und darin die letzte Halbzeile: „Mein ist die Rache, redet Gott“ ein. Gegen den fürchterlichen Inhalt der Ballade schützten wir uns als Pennäler mit dem verulkenden Reim „Die Füße im Feuer von Conrad Ferdinand Meyer“. Doch ganz gelang das nicht. Die schauerliche Schilderung der Folterung einer Frau und der Gewissensprüfung ihres Mannes konnte nicht vollkommen an unseren kindlichen Gemütern abprallen – jedenfalls nicht an meinem. Und so blieb mir bis heute fast jede Zeile im Gedächtnis haften.

Conrad Ferdinand Meyer

Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Roß,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann…

»Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!«
»Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmertʼs mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!«
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild…
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft…
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal…
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangtam Herd entsetzt …

Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
»Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sindʼs … Auf einer Hugenottenjagd…
Ein fein, halsstarrig Weib … ›Wo steckt der Junker? Sprich!‹
Sie schweigt. ›Bekenn!‹ Sie schweigt. ›Gib ihn heraus!‹ Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ›Gib ihn heraus!‹ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.«
Eintritt der Edelmann. »Du träumst! Zu Tische, Gast …«

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerißnen Augen an –
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: «Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!» Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr…
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? … Schleicht dort ein Schritt?…
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.

Er träumt. »Gesteh!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
»Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!«
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselʼge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr,

Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!« Der andre spricht:

»Du sagstʼs! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst! … Mein ist die Rache, redet Gott.“

Erstmals veröffentlicht wurde die Ballade 1882, aber bereits 1864 ist eine Erstfassung mit dem Titel „Der Hugenot“ erschienen. Ob der Autor eine autobiographisch bedeutsame Beziehung zu den Hugenotten Frankreichs hatte, weiß ich nicht. Die komplizierten deutsch-französischen Beziehungen aber interessierten (und belasteten) den Schweizer Autor ein Leben lang.

Doch darum geht es nur vordergründig. Die Kernaussage des Gedichts ist die Frage nach der Berechtigung der Rache. Für den französischen Edelmann ist die Sachlage klar:

Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr? /Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.

Dass er die Nacht überlebt, meint er der „Klugheit“ (ergo:  Feigheit, Angst vor den Folgen) des Hugenotten zu verdanken:

Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr, / Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit / Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin.“

Für den Hugenotten aber ist der Verzicht auf Rache die schwerste Prüfung seines Glaubens und verlangt höchste Tapferkeit, die er nur durch seine Glaubenstiefe erreichen kann.

„Mein ist die Rache, redet Gott“, von Apostel Paulus im Römerbrief zitierter Satz aus dem Alten Testament, wird kontrovers ausgelegt. Unter Stufe 62 (Kränkung) erwähnte ich, dass der tiefgläubige Theologe und Verschwörer Dieter Bonhoeffer den Tyrannenmord rechtfertigte. Für ihn war klar: auch der Christ kann, er muss sogar tätig werden, wenn der Antichrist regiert. Der Schweizer Theologe Karl Barth (wichtigster Exeget des Römerbriefes, Mitbegründer der Bekennenden Kirche) hingegen wehrt sich zwar gegen die Forderung der offiziellen Kirche, sich der politischen Stellungnahme zu enthalten, und verteidigt den Kampf der Bekennenden Christen gegen eine „Regierung von Lügnern und Wortbrüchigen, Mördern und Brandstiftern …eine Regierung, die sich selbst an die Stelle Gottes setzen, die die Gewissen binden, die Kirche unterdrücken und sich selbst zur Kirche des Antichrist machen“ will, und schließt, dass Christen „dem Gebet entsprechend, auch handeln müssen“, (1938, zit. nach Andreas Pangritz), hatte aber für die Ambitionen der Attentäter, Deutschland vor der Katastrophe zu retten und neu zu gestalten, keine Sympathie. Für ihn war die bedingungslose Kapitulation Deutschlands der richtige Weg, um für die begangenen Verbrechen zu büßen.

„Mein ist die Rache, redet Gott“ ist damit ein Satz, der das Weltgeschehen zwar nicht der tätigen Gestaltung durch den Menschen entzieht, wohl aber die „Rache“, also  Strafe und Buße in welcher Gestalt auch immer, Gott überantwortet. Der Christ darf auch angesichts der schlimmten Verbrechen nicht zum Rächer werden.

 

 

 

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112 Stufen, 89: Leiden (Hugo von Hofmannsthal)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Zwanzig Jahre alt war Hugo von Hofmannsthal, als er 1896 ein Gedicht schrieb, das mir, als ich selbst zwanzig war, mein Lebensgefühl erklärte. Das bestand im Leiden am Leiden derjenigen, die, an die Ruderbänke des Lebens gekettet, das Schiff voranbringen. „Nicht abtun von meinen Lidern“ kann ich bis heute die Leiden der kolonialisierten Völker. Ihre Schwere ist in meine Leichtigkeit verwoben und drückt mir das Herz ab.

Hugo von Hofmannsthal

Manche freilich

Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.

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112 Stufen, 88: Wahn (Friedrich Schiller)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Schon wieder ein „Klassiker“, schon wieder Schiller. Das ist kein Zufall, denn das, was ich in meiner Schulzeit aufnahm, entstammt weitgehend einem Bildungskanon, in dem die „Klassiker“ die führende Rolle spielten. Und da wiederum stand die große Frage im Mittelpunkt: Ist das als ideal Erkannte – das Wahre, Schöne, Gute – in die Wirklichkeit zu bringen? Es müsse doch möglich sein, die menschlichen Verhältnisse dem Idealen stets etwas mehr anzunähern?

Nein! sagt Schiller. Die Welt ist schlecht, die Bosheit siegt. Das war so und das wird so sein. In seinen historischen Dramen gibt es keinen Sieg des Guten, und auch in seiner  Gegenwart erlebte er die Perversion der Ideale der Aufklärung und der Französischen Revolution erst im „Horreur“ des Robespierre, dann in der Machtanmaßung und den Kriegen Napoleons.

Dennoch!

„Das Schöne, das Wahre“ IST!

Auch wenn wir Menschen es nicht enträtseln, geschweige denn erreichen können, so sollen wir uns doch den Glauben daran erhalten. Wer hofft, es im Außen zu finden, ist einem Wahn erlegen. In unserem Innern aber ist es als Idee lebendig, und aus diesem unserem Inneren  bringen wir es immer neu hervor.

Edle Seele, entreiß dich dem Wahn

Und den himmlischen Glauben bewahre!

Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,

Es ist dennoch, das Schöne, das Wahre!

Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,

Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.

Dies ist die letzte Strophe des Gedichts „Die Worte des Wahns“. Geschrieben hat Schiller es im letzten Jahr des 18. Jahrhnderts. Es ist zugleich Bestätigung des Ideals und Abschied von der Illusion der Aufklärung, dass die Menschheit eine ideale gesellschaftliche Ordnung zu schaffen in der Lage wäre.

Friedrich Schiller

Die Worte des Wahns

Drei Worte hört man bedeutungschwer
Im Munde der Guten und Besten,
Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,
Sie können nicht helfen und trösten.
Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht,
So lang er die Schatten zu haschen sucht.

So lang er glaubt an die Goldene Zeit,
Wo das Rechte, das Gute wird siegen,
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit,
Nie wird der Feind ihm erliegen,
Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei,
Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.

So lang er glaubt, daß das buhlende Glück
Sich dem Edeln vereinigen werde,
Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick,
Nicht dem Guten gehöret die Erde.
Er ist ein Fremdling, er wandert aus,
Und suchet ein unvergänglich Haus.

So lang er glaubt, daß dem irdschen Verstand
Die Wahrheit je wird erscheinen,
Ihren Schleier hebt keine sterbliche Hand,
Wir können nur raten und meinen.
Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort,
Doch der freie wandelt im Sturme fort.

Drum edle Seele, entreiß dich dem Wahn,
Und den himmlischen Glauben bewahre.
Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,
Es ist dennoch, das Schöne, das Wahre!
Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.

Die Schnipsel des Legebilds (oben/unten um 180 Grad gedreht) stammen von Marie Mandarin.

 

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Ausstellung und Ikonen in Alt-Kardamili

Bei unserem gestrigen Besuch im hohen Turm von Alt-Kardamili freute ich mich über eine Ausstellung des maniatischen Künstlers Stavros Kostireas, der in London lebt, im Herzen aber die alte Heimat trägt.

In der Ausstellung wurden schwarzweiße Feder- und Tuschzeichnungen und sehr farbkräftige Gemälde gezeigt. Eine kleine Auswahl:

Feder- und Tuschzeichnungen:

Gemälde mittlerer Größe

Kleinformatige Gemälde:

Die Kirche des Heiligen Spiridon (meine Zeichnung von 2024) …

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war gestern offen, und so konnte ich auch einen Blick auf die figurenreichen Ikonen aus dem 18. Jahrhundert werfen, deren goldrotes Glühen in den Landschaftsbildern des Malers wiederkehrt.

Hier seht ihr einmal, wie sich Kardamili von der Zufahrtsstraße aus gesehen an der zerklüfteten Küste ausbreitet:

Die Mani ist hier als drei Puzzlestücke in hellerem Gelb dargestellt. Kardamili (helle Linie) ist das Verwaltungszentrum der westlichen Mani, in der wir leben. N bedeutet „Notos“ (Süden).

(Exponat im Turm von Alt-Kardamili)

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Tagebuch der Lustbarkeiten: frühmorgendliches Meer

Manche Frühaufsteher gehen schwimmen, bevor die Sonne, die hinter dem Vorgebirge aufgegangen ist, das Meer berührt. Die weite Bucht vor dem Hotel, wo wir uns zum Paneurhythmietanzen treffen, bietet den Früh- und Winterschwimmern ideale Bedingungen. Und es sind durchaus nicht nur sportliche Kraftmenschen, die sich da einfinden – im Gegenteil, denn der Zugang zum Wasser ist bequem. Es fahren sogar kleine Busse in regelmäßigem Abstand vom Zentrum Kalamatas an diesen Strand…

Nach dem Tanzen werde auch ich ins Meer steigen.

(Fotos vom 26.8.2025. 8.30 Uhr)

 

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112 Stufen, 87: Schweigen (Johann Wolfgang von Goethe, Georg Trakl)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Eine unvergleichliche Perle unter den Gedichten fällt mir sogleich zum Wort „Schweigen“ ein. Goethe schrieb es vermutlich am Abend des 6. September 1780 mit Bleistift an die Holzwand einer Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Er war damals 31 Jahre alt. An einem Tag wie heute – am 27. August des Jahres 1831 – suchte er die Hütte erneut auf, um das kleine Gedicht noch einmal zu lesen, und er weinte. So berichtete der Berginspektor und Geologe Johann Christian Mahr, der ihn auf diesem letzten Weg hinauf zur Hütte begleitete. Es war der Tag vor seinem 83. Geburtstag. Ein halbes Jahr später würde er sterben.  

Was ist das Besondere dieses Gedichts? Es lässt den Blick in einem großen umfassenden Bogen schweifen von der hochragenden mineralischen Struktur der Berge hinunter zur lebendigen Welt der Pflanzen und deren Bewohnern, den Vögeln, hin ins Innere der Menschenseele, die die tiefe Verbundenheit mit den drei Naturreichen fühlt und sich dieser Grundstimmung im „du auch“ vergewissert.

Jetzt ist Mitternacht vorbei – und Goethes Geburtstag: der 28. August. Auch ich gehe nun auf meinen Turm, um unter dem Sternenzelt zu ruhen. Gute Nacht allseits!

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Wandrers Nachtlied

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögel schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

 

 

Bevor ich hier nun wirklich Schluss mache, fällt mir noch ein anderes poetisches Juwel zum „Schweigen“ ein, dieses Mal von Georg Trakl: Verklärter Herbst (1913)

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

 

Die Legebilder machte ich für das Kinderbuch Tiu-Tui, das im eichhörnchenverlag erschien (https://gerdakazakou.com/2018/02/20/vorankuendigung-zu-meinem-tui-tiu-kinderbuch/)

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Alt-Kardamili

Wieder einmal waren wir in Kardamili, dieses Mal, um Freunde zu treffen und Alt-Kardamili einen Besuch abzustatten. Es handelt sich um eine festungsartige Anlage aus dem 18.-19. Jahrhundert, die zwischenzeitlich zu Ruinen verfallen war und nun weitgehend wiederaufgebaut ist. Die Makette zeigt, wie der Ort früher aussah.

Heute:

Am eindrucksvollsten ist der hohe Geschlechterturm, in dem ein kleines Museum mit Zeugnissen aus der Geschichte der Mani und eine Kunstausstellung untergebracht sind.

Drei Etagen – drei Ausblicke.

Von oben hat man einen hübschen Überblick über den Teil der alten Stadt, der noch erhalten und nun renoviert wurde. In der Ferne die neue Stadt.

Hochragend auch die Zypressen

Weiteres morgen. Gute Nacht!

 

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