112 Stufen, 30: aggressiv (F.T. Marinetti)

Im Jahre 1909 veröffentlichte der 1876 in Alexandria (Ägypten) geborene Italiener Filippo Tommaso Marinetti in Paris sein Manifesto del Futurismo, das als eine Formulierung des frühen, noch nicht zur Macht gekommenen Faschismus Mussolinis und als künstlerisches Ur-Dokument des deutschen „Nationalsozialismus“ angesehen werden kann.

Der gemeinsame Nenner sämtlicher teils sehr gegensätzlicher antibürgerlicher bzw Anti-Establishment-Bewegungen des Fin de Siecle war die Verherrlichung der Gewalt als wahrer Bewegerin der Geschichte. Ob „Klassenkampf“ oder „Mein Kampf“, ob Krieg oder elan vital (Bergson) oder Übermensch (Nietzsche) – die Zertrümmerung des verachteten Vorfindlichen mit den Mitteln der Gewalt war das Credo einer Avantgarde, die sich zugleich als die neue Jugend verstand, die gegen das Alte rebellierte und ihren Platz in der Weltgeschichte forderte. Ein schwacher Widerschein dieser Zeit lebte in den 68ern wieder auf (siehe „Störfall“ auf der 29, Stufe: Auslöser/Anlass), als man heftig über den Unterschied zwischen „Gewalt gegen Sachen“ und „Gewalt gegen Menschen“ diskutierte, anarchistische Gewalttaten verherrlichte und aus der sich der heutige unverhüllte Militarismus der „Grünen“  gemausert hat. Widersprüche? O ja! Abgründig ist die menschliche Seele.

Das Futuristische Manifest begann mit folgenden elf Thesen (zitiert nach Wikipedia):

  1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
  2. Mut, Kühnheit und Ausdehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
  3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
  4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen …  ist schöner als die Nike von Samothrake.
  5. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer eigenen Bahn dahinjagt.
  6. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein.
  7. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! …  Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.
  8. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt, den Militarismus,  den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
  9. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht (…)
  10. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, welche die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; …. (Auslassungen und Hervorhebungen von mir)

Die hohen Erwartungen, die sowohl Kommunisten als auch Faschisten mit dem technischen Fortschritt verbanden, gipfeln in der sehr aktuell klingenden Forderung nach der „Fusion der Instinkte mit dem, was die Maschine uns geben kann“, um fähig zu werden, „die offenbare Feindschaft, die unser menschliches Fleisch vom Metall der Maschinen“ trennt, zu überwinden. (Manifesto tecnico della letteratura futurista, zitiert nach Wikipedia)

Heute ist man einen großen Schritt auf diesem Weg weitergegangen:  nicht nur mit dem Metall, sondern auch mit dem Denken der Maschine möchte der Mensch fusionieren. In gewisser Weise hat Marinetti auch dies vorausgesehen und begrüßt:

Der Futurismus gründet sich auf die vollständige Erneuerung der menschlichen Sensibilität als Folge der großen Entdeckungen […] Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, daß diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluß auf ihre Psyche ausüben. ( hier )

„Mach kaputt, was dich kaputt macht!“ -Devise der Studentenbewegung der 60er Jahre.

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112 Stufen, 29: Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Aus Anlass des Wortes „Auslöser“, das ich mir als „Anlass“ übersetze (*Anm. ganz unten), möchte ich an eine Rede erinnern, die der Büchner-Preisträger von 1969, Helmut Heißenbüttel, aus Anlass der Verleihung hielt.

Der Rede vorausgegangen war ein „Störfall“: Studenten hatten das Podium der Veranstaltung gestürmt, hatten sich lauthals zu Wort gemeldet, eine Erklärung zu verlesen verlangt (was ihnen schließlich auch gestattet wurde), es gab Geschubse und Geschrei, auch eine Abteilung Polizei wurde herbeizitiert, um für Ordnung zu sorgen…

Auslöser der Störung war die Entlassung eines Lehrers am Georg-Büchner-Gymnasium, der mit seinen Schülern „unangemessene“ Lehr- und Lernmethoden ausprobierte. Solche Experimente und der Versuch der Bildungsbehörden, sie zu verhindern, waren damals an der Tagesordnung. Überhaupt war es eine Zeit, wo jeder Anlass gut für Provokationen war. Der in Berlin losgetretene Bildungs-Aufruhr verbreitete sich blitzschnell in der Bundesrepublik….

Seine Rede zum Dank für die Verleihung des Büchner-Preises hielt Helmut Heißenbüttel natürlich nicht spontan; er hatte sie sorgfältig vorbereitet bzw „aufgesetzt“. Und worüber spricht er? Seine Thematik fasst er am Ende seiner Rede so zusammen:

„Das Konzept der Rede das sich aus dem Anlaß der Rede entfaltet bestimmt den Fortgang der Rede. In ihrem Fortgang schreitet die Rede fort bis zu ihrem Ende. Das Konzept dieser Rede hat sich weniger aus dem speziellen Anlaß dieser Rede entfaltet als aus dem Anlaß einer Rede überhaupt. Überhaupt ist nun diese Rede zuende.“

Wie bitte? Das ist der Inhalt seiner Rede? Nun, nicht ganz. Denn dazwischen, sozusagen als eingebettete Nebensache, arbeitet er sich an einem Büchner-Zitat ab. Wie könnte man, so fragt sich Heißenbüttel, dieses Zitat, in dem es um den unheilbaren Riss zwischen dem gebildeten und dem ungebildeten Teil der Gesellschaft geht, in einer Rede verwenden? Er spielt dann Verwendungsmöglichkeiten durch – im Konjunktiv. Ein aktueller Bezug wäre auf jeden Fall leicht zu konstruieren ….

Aber lies und/oder höre selbst! Ich finde, es lohnt sich! Denn die literarisch-akademische Welt von 1969 führt sich darin vortrefflich selbst vor.

Die gesamte Episode mit der „Störung“ sowie die Reden von Karl Krolov und Helmut Heißenbüttel sind in einem eindrucksvollen Zeitdokument festgehalten.  (hier).

***

Hier der gedruckte Wortlaut der Rede von Helmut Heißenbüttel anlässlich der Verleihung des Büchnerpreises 1969.

Eine Rede ist eine Rede.

Eine Rede ist eine Rede heißt eine Rede ist eine geredete Rede das heißt sie muß geredet das heißt gehalten werden. Nur eine gehaltene Rede ist eine Rede. Eine ungehaltene Rede ist keine Rede sondern ein Aufsatz. Was nicht bedeutet daß eine Rede unaufgesetzt ist. Das Aufsetzen einer Rede heißt das Konzept der Rede. Das Konzept der Rede entwickelt sich aus dem Anlaß der Rede.

Eine Rede ist eine Rede nur wenn sie einen Anlaß hat. Es gibt keine Rede ohne Anlaß. Ohne Anlaß ist eine Rede keine Rede sondern ein Statement oder eine Lesung. Der Anlaß der Rede ist die Ursache der Rede. Die Rede entfaltet sich ursächlich aus ihrem Anlaß. Der Anlaß ist der Ursprung des Konzepts der Rede. Das Konzept der Rede entfaltet sich ursprünglich aus dem Anlaß. Es gibt viele Anlässe für Reden. Es gibt feierliche Anlässe traurige Anlässe fröhliche Anlässe offizielle Anlässe familiäre Anlässe. Es gibt beiläufige gewichtige überraschende unvorhergesehene historische kalendarische Anlässe. Es gibt Anlässe der freundschaftlichen Verbundenheit der verwandtschaftlichen Bindung oder der öffentlichen Ehrung usw.

Das Konzept der Rede das sich aus dem Anlaß der Rede entfaltet bestimmt den Fortgang der Rede. Der Fortgang der Rede ist ihr Fortschritt. Eine Rede muß fortschreiten auch wenn ihr Inhalt nicht fortschrittlich ist. Eine Rede die nicht fortschreitet ist langweilig. Reden sollen nicht langweilig sein. Weil Reden gehalten werden sollen sie nicht langweilig sein. Ein Schwager von mir der sich zu einem beliebten Tischredner entwickelt hat pflegt zu sagen: die Hauptsache ist der Schluß denn wenn man weiß wo man hin will weiß man auch was man zu sagen hat.

Eine Rede ist eine Rede die gehalten werden muß. Jemand muß die Rede halten. Jemand der die Rede hält ist der Redner. Dies ist eine Rede die jemand hält. Jemand bin ich. Ich bin jemand der eine Rede hält. Ich bin jemand der hier eine Rede hält. Ich bin jemand der hier aus einem bestimmten Anlaß eine Rede hält. Der Anlaß aus dem ich hier eine Rede halte ist die Verleihung des Georg-Büchner-Preises: dafür bedanke ich mich. Der Anlaß dieser Rede hängt mit dem deutschen Schriftsteller Georg Büchner zusammen. Wenn sich aus dem Anlaß der Rede das Konzept der Rede entfaltet so müßte sich das Konzept der Rede die ich hier halte aus etwas entwickeln das mit Georg Büchner zusammenhängt.

Soll ich über das Werk Büchners reden?

Soll ich über die Person Büchners reden?

Soll ich über die politischen Überzeugungen Büchners reden?

Soll ich über mein persönliches Verhältnis zum Werk Büchners reden?

(Mit 17 Jahren zum erstenmal eine Büchnerausgabe auf einer Radtour in Heidelberg gekauft 1938 am stärksten beeindruckt vom Lenz.)

Vorläufig ist dies eine Rede über den Anlaß einer Rede.

Ich muß an dieser Stelle eine Abschweifung einfügen. Ich bin tatsächlich ratlos gewesen was ich hier sagen sollte. Ich kannte den Anlaß aus dem diese Rede zu halten war aber der Anlaß wollte sich nicht zu einem Konzept entfalten. Die verschiedensten Gesichtspunkte die verschiedensten Ratschläge die verschiedensten Umfragen gaben nichts her. Die Rede die ich halten kann ist eine Rede über die möglichen Schwierigkeiten einer Rede. Sie ist zugleich eine Rede über die Möglichkeiten einer Rede.

Wenn ich zum Beispiel ein Zitat von Georg Büchner auswähle versuche ich über eine Brücke hinweg den Anlaß der mit Georg Büchner zusammenhängt in ein Konzept zu entfalten. Ich wähle zum Beispiel einige Sätze aus einem Brief den Büchner 1836 aus Straßburg an Karl Gutzkow in Frankfurt schrieb. Diese Sätze: Die Gesellschaft mittels der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell; wären Sie je direkter politisch zu Werke gegangen, so wären Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehört hätte. Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen.

Benutze ich diese Sätze als Brücke so kann ich über den Gegensatz in den Verhaltensweisen und in den politischen Überzeugungen von Büchner und Gutzkow reden über die revolutionäre Einstellung des einen und die reformistische des anderen. Ich kann auch die Überzeugung Büchners als Einsicht in einen gesellschaftlichen Zustand nehmen und das zum Anlaß der Rede nehmen usw. Das Zitat würde möglicherweise für gut geeignet gehalten. Das Zitat würde möglicherweise für sehr aktuell gehalten. Es würde möglicherweise Übereinstimmung darüber bestehen daß mit diesem Zitat die Aktualität Büchners zum Ausdruck gebracht werden könnte und es würde möglicherweise Übereinstimmung darüber bestehen daß dies damit bewiesen werden könnte usw.

Eine Rede ist eine Rede die gehalten werden muß. Ich halte eine Rede. Und wenn ich nun eine Rede halte über die Sätze die Georg Büchner 1836 an Karl Gutzkow geschrieben hat worüber kann ich denn dann tatsächlich reden? Ich kann reden über eine politische Ansicht Einsicht Überzeugung. Ich kann fragen ob die Reform von oben tatsächlich unmöglich ist und weshalb. Ich kann fragen ob es nur zur Zeit Büchners so war oder ob es heute noch so ist und weshalb. Ich kann nach dem Unterschied der gesellschaftlichen Verhältnisse 1836 und 1969 fragen. Usw. Was für eine Rede halte ich wenn ich so rede? Der Fortgang der Rede würde bewirkt durch einen Gedanken zum gesellschaftlich-politischen Fortschritt oder Rückschritt. Wenn der Anlaß dieser Rede auf diese Weise mit Georg Büchner in Zusammenhang gebracht würde würde der Fortgang der Rede sich entfalten aus der politischen Überzeugung Büchners daß die Aufteilung der Gesellschaft in Deutschland und Europa in Gebildete und Ungebildete und das heißt zugleich in Arme und Reiche Privilegierte und Abhängige zu beseitigen ist. Aber das wäre dann bereits die ganze Rede von der die Rede sein könnte.

Ich kann aber auch wenn ich mich dieses Büchnerzitats als Brücke für das Konzept der Rede bediene auf den Riß zwischen dem gebildeten und dem ungebildeten Teil der Gesellschaft selbst hinweisen. Ich kann danach fragen wodurch dieser Riß gekennzeichnet ist und als was er sich schließlich darstellt. Ich kann das Konzept der Rede auf das hinlenken was mich im Grunde interessiert und was auch den Ruhm Büchners ausmacht: auf Literatur. Wenn auch auf einem Umweg. Der Umweg besagt daß der Riß zwischen Gebildeten und Ungebildeten Literatur zum Abzeichen hat. Literatur als Kunst ist Produkt und Orientierungsmarke für die die Bescheid wissen. Der Riß ist da weil nicht alle Gebildete werden können. Weil das Ganze seine Teilung besiegelt hat in dem was herkömmlicherweise Kunst und Literatur heißt. Und wenn wir wie Büchner sagt nicht über den Riß hinauskommen so bedeutet das daß diese Kunst nicht als etwas für alle gedacht werden kann. Aber muß ich sie deshalb abschaffen für tot erklären erniedrigen? Der Riß über den wir nicht hinauskommen ist auch in ihr aufbewahrt. Und auch nicht der Rückzug ins sogenannte abgesunkene Kulturgut in Volkslied Kinderreim Reportage kann als Brücke dienen über den Riß. Sondern der Riß kann vorerst nur indem von ihm die Rede ist sichtbar gemacht und sichtbar zwar nicht überbrückt wohl aber als das erkennbar werden was das Problem das Dilemma das noch Auszuhaltende ist.

Wenn ich eine Rede halte über den Riß zwischen Gebildeten und Ungebildeten rede ich darüber daß das was wir herkömmlicherweise Kunst und Literatur nennen seiner Reaktion überführt werden kann ohne daß es reaktionär wäre an der Sache festzuhalten. Das ist an Büchners Werk abzulesen. Bleibt aber nicht dabei der Gegensatz zwischen politischer Einsicht und literarischer Produktion offen? Was ihn offenhalten würde wäre das Festhalten am überkommenen Begriff der Kunst als Poesie. Indem ich an der Sache festhalte aber nicht an dem Begriff nicht an der Tradition nicht an der unbefragten Reaktion verändere ich mit jedem neuen Versuch das Verhältnis zum Riß versuche ich immer weiter aus dem herauszutreten was dem Riß zum Abzeichen dient. Indem ich das Konzept meiner Rede auf ein solches Heraustreten zu richten versuche richte ich meinen Blick auf ein Ziel. Ich rede davon daß ich eine Möglichkeit sehe.

Wenn Literatur definierbar ist als eine Sonderform der Sprache kann man auch von Sprache allgemein das sagen was Literatur tut: sie bewahrt den Riß auf. Denn die Ungebildeten reden kein Schriftdeutsch. Auch die Sprache ist reaktionär. Sie bewahrt auf und trägt das Aufbewahrte zugleich weiter in neue Zusammenhänge. Wenn ich tatsächlich einen Versuch machen will zumindest redend über den Riß zwischen dem gebildeten und dem ungebildeten Teil der Gesellschaft hinauszukommen muß ich versuchen in der Sprache zu reden die für beide gleich weit weg ist. Das ist nicht das allgemein Verständliche der Sprache. Das allgemein Verständliche der Sprache dient nur den Gebildeten zur Tarnung die in dieser Maske den Riß auch weiter bewahren zu können glauben. Die Sprache die für alle gleich weit weg ist besteht im Prinzipiellen der Sprache in der Sprachkompetenz die jeder hat. Indem ich mich auf das Anonyme und Kollektive verlasse das in der Sprachkompetenz zur Sprache kommt versuche ich zu sprechen als ob ich bereits den Riß überredet hätte. Ich versuche von vorn anzufangen ohne etwas aufzugeben. Ich versuche hier zum Beispiel von vorn anzufangen.

Dies ist eigentlich keine Rede. Denn selbst eine uneigentliche Rede sollte eigentlich zeigen was ich eigentlich zu sagen habe. Ich habe eigentlich nichts zu sagen. Aber wenn ich eigentlich nichts zu sagen habe so bedeutet das nicht daß es überhaupt nichts zu sagen gibt. Es gibt etwas zu sagen. Wenn ich eigentlich nichts zu sagen habe kann ich eigentlich von mir nichts sagen. Was sagbar bleibt ist die Beteiligung an dem was es zu sagen gibt. Ich versuche mich redend an dem zu beteiligen was es zu sagen gibt.

Das Konzept der Rede das sich aus dem Anlaß der Rede entfaltet bestimmt den Fortgang der Rede. In ihrem Fortgang schreitet die Rede fort bis zu ihrem Ende. Das Konzept dieser Rede hat sich weniger aus dem speziellen Anlaß dieser Rede entfaltet als aus dem Anlaß einer Rede überhaupt. Überhaupt ist nun diese Rede zuende.

***

*Anmerkung: Sind Auslöser und Anlass dasselbe? Beide beschreiben nicht das Geschehen selbst und auch nicht die Ursachen des Geschehens. Das Geschehen ist eigentlich schon da, es wartet nur auf einen Auslöser oder … Anlass, um sich zu zeigen. Nehmen wir den 1. Weltkrieg: da wurde der Habsburger Kronfolger in Serajewo erschossen. Und schon gings los. Man hatte den Anlass, um das zu tun, was man eh tun wollte: einen mörderischen Krieg um die Vorherrschaft in Europa entfesseln. Der Schuss des Attentäters war der Auslöser.

Oder nehmen wir einen Mord aus Eifersucht, wie ihn Tolstoi in seiner Erzählung „Kreutzer-Sonate“ beschreibt (ich habs grad gelesen, daher dies Beispiel). Ein Mann denkt darüber nach, seine Frau wegen seiner quälenden Eifersucht zu ermorden, um sich von ihr zu befreien. Aber er braucht einen Anlass. Den konstruiert er sich, indem er ein gemeinsames Musizieren seiner Frau mit einem Geiger organisiert, überzeugt, dass sie ihn mit diesem Geiger betrügen wird. Der Auslöser ist dann ein Mantel, der im Flur hängt….

Der Auslöser ist also eine äußerliche, der Anlass eine innere Voraussetzung, um ein längst geplantes „unausweichliches“ Geschehen in Gang zu setzen. Auslöser haben keine innere Verwandtschaft mit dem Geschehen, sie sind äußerlich und fast zufällig. Drum habe ich das Wort durch „Anlass“ ersetzt.

 

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Impulswerkstatt: Felsen

Zum Abschluss meiner Beiträge zu Myriades Impulswerkstatt und ihrer Felsen-Parade zeige ich eines meiner vielen Bilder, die das Thema „Felsen“ in abstrahierender Weise aufgreifen.

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112 Stufen, 28: Friedlich (Bertolt Brecht)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Muss ich erklären, wer Gisela May war? Kennst du womöglich ihre Stimme nicht mehr? Obgleich ich keine Sympathie für den „real existierenden Sozialismus“ der DDR hatte, liebte ich doch einige der großen Künstler, die am Schiffbauerdamm Brechts Werke aufführten. Ekkehard Schall und Gisela May waren die Magneten, die uns – Eingeladene der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Feier von Karl Marx 150. Geburtstag in Trier – vom SPD-Festredner Ernst Bloch weg in Richtung des Saales lockten, wo ein roter Katafalk und DDR-Symbole das „andere Deutschland“ signalisierten und sozialistische Kampflieder gesungen wurden. Das war im Jahr 1968, und natürlich wurde es nicht gern gesehen, dass wir der Konkurrenz einen Besuch abstatteten.

Ob Gisela May damals das Friedenslied sang? Gut möglich. Bertolt Brecht schrieb es 1951, Hanns Eisler, der 1949 auch die DDR-Hymne komponiert hatte („Auferstanden aus Ruinen…“) vertonte es. Damals tobte der Korea-Krieg (1950-53) und ich war elf. Auch im linkslastigen Milieu meiner Berliner und Frankfurter Zeit (60er und frühe 70er Jahre) war es populär  Die heutige „Linke“ warb nun erneut mit diesem Lied (hier). Ein wenig hilflos, kindlich und altbacken wirkt es angesichts des massiven Aufmarsches der neuen Kriegswilligen.

Friedenslied
(Bertolt Brecht; Hanns Eisler)

Friede auf unserer Erde!
Friede auf unserem Feld,
daß es auf immer gehöre
dem, der es gut bestellt.

Friede in unserem Lande!
Friede in unserer Stadt,
daß sie den gut behause,
der sie gebauet hat.

Friede in unserem Hause!
Friede im Haus nebenan!
Friede dem friedlichen Nachbarn,
daß Jedes gedeihen kann.

Friede dem Roten Platze
und dem Lincoln-Monument!
Und dem Brandenburger Tore
und der Fahne, die drauf brennt!

Friede den Kindern Koreas
und den Kumpels an Neiße und Ruhr!
Friede den New-Yorker Schoffören,
und den Kulis von Singapore!

Friede den deutschen Bauern
und den Bauern im großen Banat!
Friede den guten Gelehrten
eurer Stadt Leningrad!

Friede der Frau und dem Manne!
Friede dem Greis und dem Kind!
Friede der See und dem Lande!
Daß sie uns günstig sind.

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Kleine Beobachtungen: Zitronen zum Bewohnen

Eigentlich ist es nur eine (des Reimes wegen habe ich sie vermehrt), aber was für eine! eine  allerletzte Zitrone aus dem vorigen Jahr hatte sich am Bäumchen gehalten, eingeklemmt in einer Astgabel. Ich erntete sie jetzt, da uns die zugekauften Zitronen ausgegangen waren.

Wie man sieht, hat diese Zitrone die ihr zugedachte Form verlassen und eine Fantasieform ausgebildet. Auch Zitronen haben eben einen eigenwilligen Gestaltungswillen, der sich entwickelt, wenn man sie lange genug am Baum belässt. Als ich sie durchschnitt, sah ich, dass sie sehr dickwandig geworden war. Dahinter aber hatte sie genug Saft gespeichert, um unseren Salat damit zu würzen.

Etwas leid tat es mir ja doch um dieses zinnenbewehrte Zitronenhotel, das, wie ihr vielleicht bemerkt habt, durchaus nicht unbewohnt war. Wer sagt mir, wie das Kerlchen heißt? Ist er vielleicht sogar der Baumeister?

 

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112 Stufen, 27: beruhigen (Natur)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Blicke in die schöne Natur und beruhige dein Gemüt über das Müssende“ (Beethoven)

Es gibt so viele Arten, sich zu beruhigen, aber nur eine, die wirklich hilft: Die Natur selbst.“ (Rilke)

Die NATUR beruhigt das Gemüt – ich glaube, das braucht keinerlei weitere Belege.

Die Natur selbst, die mit ihrer wunderbaren Sprache auch auf mich seit je beruhigend wirkt, soll für die 27. Stufe sprechen. Ein kleiner Text von mir begleitet die sich öffnende Zwiebelblüte.

Erste Zwiebelblüte geöffnet

 

Ist das eine Meldung wert?

Für mich schon. Denn nichts ist beruhigender für die durch allzu viele üble Nachrichten geplagten Nerven und gesünder für das aufgewühlte Gemüt, als einer Pflanze beim Erblühen zuzusehen.

Warum es grad eine Zwiebel ist? Nun, das hat sich so ergeben, und ich bedaure es nicht. Im Gegenteil, ich gratuliere mir jeden Tag zu dieser Wahl.  Denn womit ist die Zwiebel assoziiert? Mit Tränen. Weg damit! Eine Rehabilitation der Zwiebel ist dringend geboten.

Nun also ist die erste Knospe dieses doldenartigen Blütenstandes aufgegangen und zum sechsstrahligen Stern geworden.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: noch ein Lieblingsplatz

Ich habe einen neuen Lieblingsplatz vor meinem Atelier bezogen, der sich besonders für Vormittagsstunden anbietet, denn der vorige liegt jetzt im Juni in der Sonne. Die Blickrichtung ist dieselbe wie zuvor, aber der Bildausschnitt ein wenig anders. Und schon ist es eine andere Welt.

 

 

 

 

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112 Stufen, 26: Freude (Friedrich Schiller)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die von Beethoven vertonte Schillersche Ode „An die Freude“ – wer kennt sie nicht? Ich weiß nicht, wann ich sie zuerst hörte. Und die ich, obgleich sie inzwischen zum EU-Anthem heruntergekommen ist und bei den unpassendsten Anlässen aufgeführt wird, nicht aufhöre zu lieben.

 

Die Musik entbehrt selbst in dieser kastrierten Form nicht ihrer befeuernden Wirkung, der Text ist freilich soundso, und selbst Schiller fand ihn „schlecht“. Die erste Strophe hieß in der ursprünglichen Fassung (1785):

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
was der Mode Schwerd getheilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.

Die Bettler, die durch Freude Brüder von Fürsten werden, hat Schiller dann wohl doch zu peinlich gefunden und durch die heute gültige, 1808 posthum veröffentlichte Fassung ersetzt:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Im Grunde aber mochte Schiller das inzwischen sehr populäre Gedicht nicht gelten lassen. So schrieb er im Oktober 1800 an Theodor Körner:

„Die Freude hingegen ist nach meinem jetzigen Gefühl durchaus fehlerhaft und ob sie sich gleich durch ein gewißes Feuer der Empfindung empfiehlt, so ist sie doch ein schlechtes Gedicht und bezeichnet eine Stufe der Bildung, die ich durchaus hinter mir lassen mußte um etwas ordentliches hervorzubringen. Weil sie aber einem fehlerhaften Geschmack der Zeit entgegenkam, so hat sie die Ehre erhalten, gewissermaaßen ein Volksgedicht zu werden. Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen; aber diese giebt ihm auch den einzigen Werth, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt noch für die Dichtkunst.“ (zitiert nach Wikipedia)

Dieses Urteil des Verfassers bremste freilich die Komponisten nicht, sich des Stoffs zu bemächtigen. Schubert vertonte es 1815, Beethoven erst 1824, als die durch die Französische Revolution und Napoleons Code Civil erzeugte euphorische Stimmung längst verflogen und tiefste Reaktion in Deutschland herrschte.  Neben vielen weniger bedeutenden zeitgenössischen Komponisten griff auch Tschaikovsky den Text 1865 auf.

***

Beethoven verwendete für die Neunte nur Teile des Gedichts der letzten Fassung, die er zudem anders arrangierte. Und in dieser Form ist das Lied „An die Freude“ Teil unserer europäischen Kultur geworden. Es fehlen darin die „Tyrannenketten“ und der „Untergang der Lügenbrut“, gestrichen sind auch die Hinweise auf Leiden und Tod.

„Auferstehung“ mit Maries Schnipseln

Die Texte im Vergleich (Quelle: Wikipedia)

Schiller (1785)

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
was der Mode Schwerd getheilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.
C h o r.
Seid umschlungen Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur  e i n e  Seele
 s e i n  nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!
C h o r.
Was den großen Ring bewohnet
huldige der Simpathie!
Zu den Sternen leitet sie,
Wo der  U n b e k a n n t e  tronet.

Freude trinken alle Wesen
an den Brüsten der Natur,
Alle Guten, alle Bösen
folgen ihrer Rosenspur.
Küße gab sie  u n s  und  R e b e n ,
einen Freund, geprüft im Tod.
Wollust ward dem Wurm gegeben,
und der Cherub steht vor Gott.
C h o r.
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn überm Sternenzelt,
über Sternen muß er wohnen.

Freude heißt die starke Feder
in der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
in der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
die des Sehers Rohr nicht kennt!
C h o r.
Froh, wie seine Sonnen fliegen,
durch des Himmels prächtgen Plan,
Laufet Brüder eure Bahn,
freudig wie ein Held zum siegen.

Aus der Wahrheit Feuerspiegel
lächelt  s i e  den Forscher an.
Zu der Tugend steilem Hügel
leitet sie des Dulders Bahn.
Auf des Glaubens Sonnenberge
sieht man ihre Fahnen wehn,
Durch den Riß gesprengter Särge
 s i e  im Chor der Engel stehn.
C h o r.
Duldet mutig Millionen!
Duldet für die beßre Welt!
Droben überm Sternenzelt
wird ein großer Gott belohnen.

Göttern kann man nicht vergelten,
schön ists ihnen gleich zu seyn.
Gram und Armut soll sich melden
mit den Frohen sich erfreun.
Groll und Rache sei vergessen,
unserm Todfeind sei verziehn.
Keine Thräne soll ihn pressen,
keine Reue nage ihn.
C h o r.
Unser Schuldbuch sei vernichtet!
ausgesöhnt die ganze Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
richtet Gott wie wir gerichtet.

F r e u d e sprudelt in Pokalen,
in der Traube goldnem Blut
trinken Sanftmut Kannibalen,
Die Verzweiflung Heldenmut – –
Brüder fliegt von euren Sitzen,
wenn der volle Römer kraißt,
Laßt den Schaum zum Himmel sprützen:
Dieses Glas dem guten Geist.
C h o r.
Den der Sterne Wirbel loben,
den des Seraphs Hymne preist,
Dieses Glas dem guten Geist,
überm Sternenzelt dort oben!

Festen Mut in schwerem Leiden,
Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königstronen, –
Brüder, gält’ es Gut und Blut –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!
C h o r.
Schließt den heilgen Zirkel dichter,
schwört bei diesem goldnen Wein:
Dem Gelübde treu zu sein,
schwört es bei dem Sternenrichter!

Rettung von Tirannenketten,
Großmut auch dem Bösewicht,
Hoffnung auf den Sterbebetten,
Gnade auf dem Hochgericht!
Auch die Toden sollen leben!
Brüder trinkt und stimmet ein,
Allen Sündern soll vergeben,
und die Hölle nicht mehr seyn.
C h o r.
Eine heitre Abschiedsstunde!
süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Todtenrichters Munde!

 

Beethoven, 9. Sinfonie

O Freunde, nicht diese Töne!
sondern laßt uns angenehmere anstimmen,
und freudenvollere.

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
||: Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt;
alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt. :||

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu sein,
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
||: Ja, wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund. :||

Freude trinken alle Wesen
an den Brüsten der Natur;
alle Guten, alle Bösen
folgen ihrer Rosenspur.
||: Küsse gab sie uns und Reben,
einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott! :||

Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächt’gen Plan,
||: laufet, Brüder, eure Bahn,
freudig, wie ein Held zum Siegen. :||

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
||: Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt;
alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt. :||

||: Seid umschlungen Millionen.
Diesen Kuß der ganzen Welt! :||
||: Brüder! überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen :||
Ihr stürzt nieder Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn über’m Sternenzelt!
||: Über Sternen muß er wohnen. :||

||: Freude schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligtum! :||
Seid umschlungen Millionen!
||: Diesen Kuß der ganzen Welt! :||

||: Freude, Tochter aus Elysium! :||
||: Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt. :||
||: Alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt. :||

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder! über’m Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.
Seid umschlungen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Freude schöner Götterfunken!
Tochter aus Elysium!
Freude, schöner Götterfunken! Götterfunken!

 

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112 Stufen, 25: Verbot (Anatole France)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

In seinem fin-de-siecle-Roman Le lys rouge (Die rote Lilie), 1894 als Fortsetzungsroman in der Revue de Paris erschienen, führt der französische Philosoph und Romancier Anatole France (1844 – 1924)* die elegante und gelangweilte Pariser Gesellschaft vor, wie sie sich mit ästhetischen Finessen, politischem Small-talk, Kunstgenuss und Liebes- und Eifersuchtsdramen den Anschein von Lebendigkeit gibt.

Was geht uns das heute noch an? Nun, so manches hat sich seither nicht geändert. Aus diesem Roman stammt ein auch im Deutschen sehr bekanntes Aperçu, das an Zynismus schwer zu übertreffen ist.

Cela consiste pour les pauvres à soutenir et à conserver les riches dans leur puissance et leur oisiveté. Ils y doivent travailler devant la majestueuse égalité des lois, qui interdit au riche comme au pauvre de coucher sous les ponts, de mendier dans les rues et de voler du pain.

(Für die Armen handelt es sich darum, die Reichen in ihrer Macht und Muße zu erhalten. Sie müssen arbeiten angesichts der majestätischen Gleichheit vor dem Gesetz, die es Reichen wie Armen verbietet, unter den Brücken zu schlafen, in den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen)

Meist wird der Satz verkürzt zitiert als:

Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen, auf Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.

Obdachlose tafeln am Brückepfeiler

Mich erinnert das an eine Passage aus der Biografie Heinrich Heines, von Ludwig Marcuse, die ich kürzlich las (hier).  Die Forderung nach „Egalité„, also nach Gleichbehandlung vor dem Gesetz, stand während der Napoleonischen Zeit und den nachfolgenden Feiheitskämpfen im Zentrum, da es darum ging, dem Bürgertum gleiche Rechte wie dem Adel zu verschaffen. Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit spielte dagegen kaum eine Rolle. Zwar gab es ein paar rhetorische Attacken gegen die Entwurzelung, Verarmung und Ausbeutung der Massen, aber erst gegen Mitte des Jahrhunderts, als die Industrialisierung große Fortschritte machte,  begann auch die „soziale Frage“ die Gemüter ernsthaft zu beschäftigen.

Nun, heute interessiert man sich in politischen, akademischen und literarischen Kreisen kaum noch dafür. „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ („Bundeslied“ von Georg Herwegh, ich zitierte es gestern) – einst Kampflied der SPD  – wirkt heute total überholt. Der „Kommunismus“ ist sowieso erledigt, und vergessen ist die soziale Frage….

***

Anatole France (1844 – 1924), eigentlich François Anatole Thibault, französischer Erzähler, Lyriker, Kritiker und Historiker, Nobelpreisträger für Literatur 1921

Für die Legebilder verwendete ich Schnipsel, die mir Bruni, Ule, Ulli, Susanne B und Jürgen Küster zukommen ließen, sowie ein paar eigene.

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Dienstags-Drabble: Für alles gibts Lösungen (kata-strophisch)

Für das heutige Drabble hat Heide von Puzzleblume die Wörter Kleid – verdorben – verkaufen vorgegeben.

Komm Lieselotte, lass dich herzen

Ich bring dir selbst gemachte Kerzen

Und wünsch dir Frohsinn allezeit

Von Gram und Trübsal sei befreit.

 

Ach Theodor, siehst du denn nicht

Dass es mir grad an Spaß gebricht?

Verdorben ist die gute Laune

Mein Kleid blieb hängen an dem Zaune

 

Nun ist es voller Löcher, grässlich

Es war so hübsch, nun ist es hässlich

 

Ach was, komm her, ich werd es flicken

Mit tollen kunterbunten Stücken

Das wird noch hübscher als es war

Es steht dir ja ganz wunderbar.

 

Wenn du’s nichτ magst, werd ich’s verkaufen

Das Geld werd’n wir dann gleich versaufen.

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