112 Stufen, Wappnen (Martin Luther)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ich bin evangelisch-lutherisch getauft, und obgleich ich schon längst aus der Kirche ausgetreten bin, fühle ich mich dem lutherischen Geist immer noch stark verbunden. Luthers Sprachgewalt und sein „Hier stehe ich und kann nicht anders, Gott helfe mir“ haben noch dieselbe starke Wirkung auf mich, und besonders das Lied „Ein feste Burg“ ist engstens mit meiner Kindheit verbunden insofern, als Mutter und Großmutter und natürlich auch wir Kinder dieses Lied von Herzen mitsangen, wenn die Gemeinde es, unterstützt von der Barockorgel unserer schönen alten Kirche, anstimmte.

Marin Luther

Ein feste Burg

Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind
mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann,
den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan
mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin,
sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.

***

Zur Wirkungsgeschichte des Liedes wusste ich nicht viel, ich las es eben bei Wikipedia nach: Heinrich Heine bezeichnete es als „Marseiller Hymne der Reformation“, Friedrich Engels als „Marseillaise der Bauernkriege“. Auch während der sog. Befreiungskriege gegen die napoleonische Besatzung wurde es als Kampflied benutzt, zB beim Wartburgfest 1817. Während des 1. Weltkriegs wurde es dann vollends national-militaristisch umgedeutet: Das von allen Seiten bedrohte Deutschland wappnete sich gegen die Welt mit „Vertrauen auf Gott und den Kaiser“.

Doch wie dem auch sei: Auch wenn die Welt voll Teufel wäre, lasse ich mir das Lied nicht rauben.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Brotback-Frauenverein besuchen

Gestern machten wir einen Ausflug ins Dorf einer Bekannten. Sie hatte zu einem Brotbackfest eingeladen. Es hieß, man würde zusammen mit Sensen Getreide ernten, es ausdreschen, mahlen, Brotteig kneten und das Brot backen. Also fuhren wir hin. Nun, alles war bereits fertig, und wir durften nur den Grußworten der diversen Veranstalter und Honoratioren lauschen, mit Bekannten plaudern und herum gehen, um zu fotografieren. Später würde es Musik und Volkstänze geben und das gebackene Brot würde an die Besucher verteilt werden. Aber da waren wir schon nicht mehr da, denn die Rückfahrt war recht lang.

Es war also nicht das, was ich mir erhofft hatte, aber trotzden ganz nett. Beeindruckend war die Zahl der Menschen, die zu diesem Fest geeilt war. Autos waren kilometerlang an der Dorfstraße geparkt, und wir fanden mit Mühe ein abenteuerliches Plätzchen auf einem Privatgelände. Die vielen ausgestellten Brotlaiber waren sehr liebevoll dekoriert, die Köche mit hohen weißen Mützen und die in Trachten gekleideten Tänzerinnen ansehnlich… Ich bin zufrieden, mich aufgerafft und diesen Ausflug gemacht zu haben.

 

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112 Stufen, 23: sich-zur-Wehr-setzen oder doch lieber schlafen? (Georg Herwegh)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Der Freiheit eine Gasse!“ Georg Herwegh, 1841

Der Schwerpunkt in Germanistik, den ich für die Magisterprüfung im Jahre 1970 wählte, war der „Vormärz“, so benannt nach der Märzrevolution von 1848. Einer der bekanntesten dieser Poeten und Vorkämpfer gegen den Feudalismus in Deutschland war Georg Herwegh (1817-1875), Sohn Badener Gastwirte, Zögling im Kloster Heilbronn und Stipendiat des Tübinger Stifts. Da flog er aber bereits 1836 raus, was mir im Gedächtnis blieb, weil ich selbst mein Studium 1961 im Tübinger Leibniz-Kolleg begann, es aber  mitsamt fünf anderen unangepassten Kollegiaten im selben Jahr wieder verlassen musste.

Mit 22 floh Herwegh erstmals Richtung Schweiz, um einer Zwangsrekrutierung zu entgehen. Drei Jahre später erschien der erste Band seiner „Gedichte eines Lebendigen“ (1841), dem auch das nachfolgende Gedicht entnommen ist. Es war ein durchschlagender Erfolg und öffnete ihm die Türen zu den Größen des vorrevolutionären Deutschen, darunter Heinrich Heine und Karl Marx.

Das „Wiegenlied“ aus der Sammlung „Gedichte eines Lebendigen“ nimmt als Refrain eine Zeile von Goethes „Nachtgesang“ (s.u.) auf.

Georg Herwegh

Wiegenlied (1841)

Deutschland – auf weichem Pfühle
Mach’ dir den Kopf nicht schwer
Im irdischen Gewühle!
Schlafe, was willst du mehr?

Laß’ jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben;
Schlafe, was willst du mehr?

Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Göthe:
Schlafe, was willst du mehr?

Dein König beschützt die Kameele
Und macht sie pensionär,
Dreihundert Thaler die Seele:
Schlafe, was willst du mehr?

Es fechten dreihundert Blätter
Im Schatten, ein Sparterheer;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?

Kein Kind läuft ohne Höschen
Am Rhein, dem freien, umher:
Mein Deutschland, mein Dornröschen,
Schlafe, was willst du mehr?*

***

Goethes „Nachtgesang“ (1804), das Herwegh ironisch umdichtete, lautet:

O gib vom weichen Pfühle
Träumend, ein halb Gehör
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe! was willst du mehr?

Bei meinem Saitenspiele
Segnet der Sterne Heer
Die ewigen Gefühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Die ewigen Gefühle
Heben mich, hoch und hehr
Aus irdischem Gewühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Vom irdischen Gewühle
Trennst du mich nur zu sehr,
Bannst mich in diese Kühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Bannst mich in diese Kühle,
Gibst nur im Traum Gehör.
Ach, auf dem weichen Pfühle
Schlafe! was willst du mehr?

***

Der deutschjüdische Literaturkritiker Alfred Kerr nahm das Motiv dann in seinem Hoffmann von Fallersleben nachgedichteten bekannten Kinderlied „Wer hat die schönsten Schäfchen“ erneut auf („Diktatur des Hausknechts“, 1931)

Alfred Kerr (1931) „Wer hat die schönsten Schäfchen? und klassische Musik? Wer schläft das tiefste Schläfchen? Eine gewisse, eine gewisse, eine gewisse Republik“. Daher stammt dann auch der zeitgenössische Ausdruck „Schlafschafe“.

***

Nach der Februarrevolution 1848 bildete Herwegh in Paris die „Deutsche Democratische Gesellschaft“, die sich sogleich in drei Richtungen aufspaltete: eine nationalistische um Venedy, eine kommunistische um Karl Marx und eine freiheitlich-republikanische, die er selbst vertrat. Diese Aufspaltung ist bis heute nicht überwunden, denn immer noch heißt es,man müsse sich entscheiden, entweder freiheitlich oder sozial oder national gesinnt zu sein. Herwegh ging es vor allem um Freiheit….

Es gäbe noch etliches zu erzählen über diesen weitgehend vergessenen Mann, der seinen in der Schweiz gegründeten „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ in den ADAV von Ferdinand Lasalle (Gründungsvater der deutschen Sozialdemokratie) überführte, für den er auch das „Bundeslied“ dichtete (von dem er sich später distanzierte, weil er ihm zu reformerisch-angepasst war).

Georg Herwegh, Bundeslied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (1864)

Bet und arbeit ruft die Welt
bete kurz! denn Zeit ist Geld
An die Türe pocht die Not
bete kurz! denn Zeit ist Brot

Und du ackerst und du säst
und du nietest und du nähst
und du hämmerst und du spinnst –
sag mir doch, was du gewinnst

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht
schürfst im Erz- und Kohlenschacht
füllst des Überflusses Horn
füllst es hoch mit Wein und Korn

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Alles ist dein Werk! o sprich
alles, aber nichts für dich
Und von allem nur allein
schmiedest du die Kette dein?

Kette, die den Leib umstrickt
die dem Geist die Flügel knickt
die am Fuß des Kindes schon
klirrt – o Volk, das ist dein Lohn

Menschenbienen, die Natur
gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht
Und erkenne deine Macht
Alle Räder stehen still
wenn dein starker Arm es will

Deiner Dränger Schar erblaßt
wenn du, müde deiner Last
in die Ecke lehnst den Pflug
wenn du rufst: Es ist genug

Brecht das Doppeljoch entzwei
Brecht die Not der Sklaverei
Brecht die Sklaverei der Not
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot

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Archivbild der Woche, 22.6.2015: Der Ring der Herrschaft

Wieder steige ich, wie Puzzleblume anregte. hinab ins Archiv, um ein Bild an die Oberfläche zu holen, das vor zehn Jahren an einem Tag wie diesem entstand. Genau genommen ist es nicht „ein Bild“, sondern eine ganze Legebild-Erzählung, und die Arbeiten stammen aus dem Januar 2015, doch habe ich sie erst am 22. Juni veröffentlicht, da ich vorher keinen Blog hatte.

Mit der Erzählung „Der Volksgeist und der Ring der Herrschaft – eine unendliche Geschichte“ kommentierte ich die politische Situation in Griechenland, im Januar 2015.

Noch ruht der rostige „Ring der Herrschaft“ im Bötchen, in der kleinen Bucht, beschützt vom großen Baum und beleuchtet vom kleinen Mond. Es ist ein Abbild meiner „Lebens-Idylle“.

aus demselben Holz

Die Linke (Syriza) tanzt derweil Tango mit dem „Volksgeist“.

Wahlkampf 3

Mit roten Würmchen wird man das Volk speisen, wie die Vogelmama ihre Kleinen…

Die Linke gewinnt die Wahlen. Welch ein Fest! Der Ring der Herrschaft ist nun in Volkes Hand. Der Volksgeist schwebt hoheitsvoll über der Szene. Doch neben ihm spreizt ein anderer Vogel sein unansehnliches Gefieder. Es ist der Pleitegeier.

Schon hat das Schweizer Taschenmesser seine Klingen ausgefahren! Schneide, schneide, schneide ab, was aus dem Boden sprießt. Das eben noch jubilierende Volk wird böse,  bewaffnet sich mit Knüppeln: „Hej“, ruft es, „so haben wir nicht gewettet!“ Der Regierungsvogel mit den kurzen Beinen (Lügen haben kurze Beine) verliert den Ring der Herrschaft aus dem Schnabel und entflieht.

Was nun folgt, sind schwarze Ahnungen von Aufruhr und Wut, von Brandschatzung und Zerstörung. Die unbarmherzige Kouponschneidemaschine der „Finanzmärkte“ hat sich des Rings der Herrschaft bemächtigt. Sie mäht das Haus des armen Mannes nieder. Der Regierungsvogel, nun ohne rote Schwingen, nimmt fliehend einen Batzen Gold mit. Das Volk tobt und zündelt. Der Volksgeist weint, eine große Träne fällt hinab, tropft ins leere Meer. Die Rättchen reichen sich fröhlich die Hände. Sie werden satt.

Eine solche Entwicklung drohte vor zehn Jahren in Griechenland, doch der „EU-Rettungsschirm“ verhinderte sie zunächst. Heute sind alle Länder Europas davon bedroht, und niemand wird einen „Rettungsschirm“ ausspannen können. Die Kriegsgewinnler aber reiben sich die Händchen: die Aktienkurse weisen steil nach oben… Eine unendliche Geschichte.

(Für die, die meine Methode des Legens nicht kennen: Ich benutze Schnipsel aus zerschnittenen Bildern, lege sie zu einem Bild aus, fotografiere das Bild, zerstöre es und lege das nächste Bild mit demselben Material aus. Diese Recycling-Kunstform habe ich damals angesichts der griechischen Finanzkrise entwickelt, um zu zeigen, dass man aus fast nichts eine Welt erschaffen kann.)

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112 Stufen, 22: Zorn (Roman Herzog, Georg Trakl)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Konquista, Erhaengte

Conquista, zeitgenössische Gravour

„Zorn Gottes“ nannte sich einer der bösartigsten spanischen Eroberer von Mittel- und Südamerika, Aguirre. Grausamkeit und Gier trieben in ihm fürchterliche Blüten. Die rechtfertigte er mit dem katholischen „Bekehrungswerk“, das zugleich mit der Eroberung stattfand. „Gott“ wollte, dass sich das Christentum über den Kontinent ausbreitete, er aber begehrte das Gold von El Dorado (Goldland) und die Herrschaft über die eroberten Gebiete.

Die schreckensvolle Geschichte der Eroberung Mittel- und Südamerikas durch die Conquistadores hat sich mir quälender ins Gemüt eingeschrieben als die von Nordamerika, ich weiß nicht warum. Während mich die meisten US-amerikanischen Eroberungsfilme relativ kalt ließen, brannte sich der Film von Roman Herzog „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) mit Klaus Kinsky in mein Gedächtnis ein.  Zum Film hier.

Später, als ich mit dem Malen begann, drangen innere Bilder der Conquista an die Oberfläche. Da war zuerst ein liebliches Bild: Frauen weben im Lichte des vollen Mondes den Lebensteppich.

1 Bild 4

Über dieses Bild legte sich ein feines Licht-Netz, das die Figuren mehr und mehr einspann.

3 Bild 4, am 2.8.

Darüber breiteten sich Ströme von vergossenem Blut

4 Bild 4, Stand 3.8

Immer dichter legten sich Feuer und Blut über die friedliche Szene

5 Bild 4, Stand 3.8

Als sich der Rauch verzog, erschienen hässliche Gestalten gepanzerter Soldaten. Im Zentrum aber stand der grausam ermordete Inka, dessen Seele ihn sanft an der Hand fasst und ins Jenseits führt.

11

11d

Der spanische Mops hat die Sonne gefressen.

Bild 4 Stand 3.8

Einen „zürnenden Gott“ erblickte Georg Trakl im roten Gewölk, als er, Sanitäter in der kuk Armee , im September 1914 Dienst in Grodek/Ostgalizien (heute Ukraine) tat. Unfähig, den Leidenden zu helfen, brach er seelisch zusammen, kam in ein Militärhospital in Krakau und starb im November 1914 an Herzlähmung. Er lebte nur 27 Jahre.

Georg Trakl

Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Offenbar wurde die obige Bildserie zur Conquista von diesem Gedicht, das ich immer in mir trage, inspiriert. Das merke ich eben, während ich schreibe. Es war mir nicht bewusst.

Ich weiß nicht, worüber ich zorniger bin: über die Verbrechen der Kriege selbst, oder über ihre Rechtfertigung durch angebliche göttliche Weisung und zivilisatorische Überlegenheit. Gerade wieder treten wir in einen neuen Kreislauf von Grauen und Zerstörung ein, und beide Seiten berufen sich: auf „Gott“.  Das ist, meine ich, schwerste Gotteslästerung!

 

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112 Stufen, 21: Begeisterung (Hegel)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Begeisterung (vom Geist beseelt), auch Enthusiasmus (vom Gott bewohnt) sind merkwürdige Wörter in einer Zeit, in der die meisten weder an Gott noch an den Geist glauben. Und doch ist der Ausdruck sehr im Schwange. Alle Welt ist ständig von irgendetwas begeistert: von einem Rezept, einem neuen Freund, einem gadget, einem Krieg, einer Reise…. Ohne Begeisterung komme kein bedeutendes Werk zustande, heißt es, der Begeisterte sei dem nur Tüchtigen überlegen, ohne Begeisterung sei man ein Philister und eigentlich schon halbtot undsoweiter.

Was ist das überhaupt: Begeisterung? Wie entsteht Begeisterung? Worin besteht sie? Kommt sie von außen auf mich zu oder entsteht sie im Innern? Was geschieht einem Menschen, wenn ihn die Begeisterung packt? Ist Begeisterung immer begrüßenswert? Wann wird sie gefährlich?

Da ich vor sehr langer Zeit Filosofie studierte, erinnerte ich mich heute auf der Suche nach einem Text daran, dass Friedrich Hegel in seinen Vorlesungen zur Ästhetik einiges dazu gesagt hat. Ich schaute nach, und tatsächlich, der Abschnitt C1c ist mit „Begeisterung“ überschrieben.  Quelle: Textlog.de. 

von sich selbst begeisterter Künstler

Friedrich Hegel

Die Begeisterung oder „Champagner gibt noch keine Poesie“

Die Tätigkeit der Phantasie und technischen Ausführung nun, als Zustand im Künstler für sich betrachtet, ist das, was man drittens Begeisterung zu nennen gewohnt ist.

α) In betreff auf sie fragt es sich zunächst nach der Art ihrer Entstehung, rücksichtlich welcher die verschiedenartigsten Vorstellungen verbreitet sind.

αα) Insofern das Genie überhaupt im engsten Zusammenhange des Geistigen und Natürlichen steht, hat man geglaubt, daß die Begeisterung vornehmlich durch sinnliche Anregung könne zuwege gebracht werden. Aber die Wärme des Bluts macht’s nicht allein, Champagner gibt noch keine Poesie; wie Marmontel z. B. erzählt, er habe in der Champagne in einem Keller bei sechstausend Flaschen vor sich gehabt, und es sei ihm doch nichts Poetisches zugeflossen. Ebenso kann sich das beste Genie oft genug morgens und abends beim frischen Wehen der Lüfte ins grüne Gras legen und in den Himmel sehen und wird doch von keiner sanften Begeisterung angehaucht werden.

ββ) Umgekehrt läßt sich die Begeisterung ebensowenig durch die bloß geistige Absicht zur Produktion hervorrufen. Wer sich bloß vornimmt, begeistert zu sein, um ein Gedicht zu machen oder ein Bild zu malen und eine Melodie zu erfinden, ohne irgendeinen Gehalt schon zu lebendiger Anregung in sich zu tragen, und nun erst hier und dort nach einem Stoffe umhersuchen muß, der wird aus dieser bloßen Absicht heraus, alles Talentes unerachtet, noch keine schöne Konzeption zu fassen oder ein gediegenes Kunstwerk hervorzubringen imstande sein. Weder jene nur sinnliche Anregung noch der bloße Wille und Entschluß verschafft echte Begeisterung, und solche Mittel anzuwenden beweist nur, daß das Gemüt und die Phantasie noch kein wahrhaftes Interesse in sich gefaßt haben. Ist dagegen der künstlerische Trieb rechter Art, so hat sich dies Interesse schon im voraus auf einen bestimmten Gegenstand und Gehalt geworfen und ihn festgehalten.

γγ) Die wahre Begeisterung deshalb entzündet sich an irgendeinem bestimmten Inhalt, den die Phantasie, um ihn künstlerisch auszudrücken, ergreift, und ist der Zustand dieses tätigen Ausgestaltens selbst – sowohl im subjektiven Innern als auch in der objektiven Ausführung des Kunstwerks; denn für diese gedoppelte Tätigkeit ist Begeisterung notwendig. Da läßt sich nun wieder die Frage aufwerfen, in welcher Weise solch ein Stoff an den Künstler kommen müsse. Auch in dieser Beziehung gibt es mehrfache Ansichten. Wie oft hört man nicht die Forderung aufstellen, der Künstler habe seinen Stoff nur aus sich selber zu schöpfen. Allerdings kann dies der Fall sein, wenn z. B. der Dichter »wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet«. Der eigene Frohsinn ist dann der Anlaß, der auch zugleich aus dem Innern heraus sich selbst als Stoff und Inhalt darbieten kann, indem er zum künstlerischen Genuß der eigenen Heiterkeit treibt. Dann ist auch »das Lied, das aus der Kehle dringt, ein Lohn, der reichlich lohnet«. Auf der anderen Seite jedoch sind oft die größten Kunstwerke auf eine ganz äußerliche Veranlassung geschaffen worden. Die Preisgesänge Pindars z. B. sind häufig aus Aufträgen entstanden, ebenso ist den Künstlern für Gebäude und Gemälde der Zweck und Gegenstand unzähligemal aufgegeben worden, und sie haben sich doch dafür zu begeistern vermocht. Ja, es ist sogar eine vielfach zu vernehmende Klage der Künstler, daß es ihnen an Stoffen fehle, die sie bearbeiten könnten. Eine solche Äußerlichkeit und deren Anstoß zur Produktion ist hier das Moment der Natürlichkeit und Unmittelbarkeit, welche zum Begriff des Talents gehört und sich in Rücksicht auf den Beginn der Begeisterung daher gleichfalls hervorzutun hat. Die Stellung des Künstlers ist nach dieser Seite hin von der Art, daß er eben als natürliches Talent in Verhältnis zu einem vorgefundenen gegebenen Stoffe tritt, indem er sich durch einen äußeren Anlaß, durch ein Begebnis, oder wie Shakespeare z. B. durch Sagen, alte Balladen, Novellen, Chroniken in sich aufgefordert findet, diesen Stoff zu gestalten und sich überhaupt darauf zu äußern. Die Veranlassung also zur Produktion kann ganz von außen kommen, und das einzig wichtige Erfordernis ist nur, daß der Künstler ein wesentliches Interesse fasse und den Gegenstand in sich lebendig werden lasse. Dann kommt die Begeisterung des Genies von selbst. Und ein echt lebendiger Künstler findet eben durch diese Lebendigkeit tausend Veranlassungen zur Tätigkeit und Begeisterung – Veranlassungen, an welchen andere, ohne davon berührt zu werden, vorübergehen.

β) Fragen wir weiter, worin die künstlerische Begeisterung bestehe, so ist sie nichts anderes, als von der Sache ganz erfüllt zu werden, ganz in der Sache gegenwärtig zu sein und nicht eher zu ruhen, als bis die Kunstgestalt ausgeprägt und in sich abgerundet ist.

γ) Wenn nun aber der Künstler in dieser Weise den Gegenstand ganz zu dem seinigen hat werden lassen, muß er umgekehrt seine subjektive Besonderheit und deren zufällige Partikularitäten zu vergessen wissen und sich seinerseits ganz in den Stoff versenken, so daß er als Subjekt nur gleichsam die Form ist für das Formieren des Inhaltes, der ihn ergriffen hat. Eine Begeisterung, in welcher sich das Subjekt als Subjekt aufspreizt und geltend macht, statt das Organ und die lebendige Tätigkeit der Sache selber zu sein, ist eine schlechte Begeisterung. – Dieser Punkt führt uns zu der sogenannten Objektivität künstlerischer Hervorbringungen hinüber.

Künstler als Form für das Formieren von Inhalt

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Wie Katzen ruhen

Wie Katzen zu ruhen, das ist eines der Ideale, die ich nicht leicht erreiche. Heute aber war ich nahe daran. Ich hatte nämlich recht früh mein luftiges Lager auf der Turmterrasse geräumt – eine Fliege und etliche Mücken hatten sich unter das Moskitonetz geschmuggelt und wollten nicht weichen, also wich ich . Auf das abgehakte Netz legten sich sogleich drei meiner Katzen, um zu ruhen.

Ich aber ging ins Haus, legte mich aufs Sofa und schlief selig bis zum Mittag.

Der Kater Lin (sterilisiert) und die Katze Mamsell (schwanger) sind dicke Freunde.

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Sonnenaufgangs- und -untergangspunkt (Kleine Beobachtungen)

Gestern zeigte ich ein Foto vor dem Sonnenaufgang. Am Abend fotografierte ich vom selben Standpunkt aus den Himmel kurz nach Sonnenuntergang.

Vor allem interessierte mich, wie weit der Aufgangs- und Untergangspunkt der Sonne jetzt, an den längsten Tagen des Jahres, auseinanderliegt. Daher machte ich am Abend noch eine Panoramaaufnahme des Küstenstreifens.

Wie man sieht, liegen die am Morgen und am Abend geröteten Himmelsbereiche sehr nah beieinander: am Morgen im Einschnitt zwischen dem Vorland und dem ansteigenden Taygetos-Gebirge, am Abend über der Landzunge des ersten „Fingers“ der Peloponnes.

Falls ich dieser Tage genau bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf der Turmterrasse bin, mache ich noch mal Vergleichsfotos. Der sehr rote Sonnenball wirkte übrigens gestern abend extrem groß, als ich ihn über dem Meer untergehen sah. Mir scheint, Joachim, du hast mal etwas über diese optische Täuschung geschrieben? Falls du das hier liest, lass einen link da, bitte.

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112 Stufen, 20: Bruder Tier (Karl König)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Beim Lesen des Wortes „Bruder“ fiel mir als erstes ein Buch von Karl König mit dem Titel „Bruder Tier“ und dem Untertitel „Mensch und Tier in Mythos und Evolution“ ein. Leider habe ich das schöne Buch nicht hier, sondern in Athen, und kann daher nicht draus zitieren. Doch weiß ich, dass es auch schöne Illustrationen enthält. Ersatzweise meine Fotocollage mit einem mythologischen Seepferdchen, das ich im archäologischen Museum von Kalamata sah.

IMG_3667 Collage

„Karl Königs auf Brüderlichkeit begründetes Denken und Sinnen galt neben dem Menschen gleichermaßen den Tieren. Seine Tierbetrachtungen erlauben einen imaginativen Zugang zur Tierwelt und ein vertieftes Verständnis des Evolutionsgeschehens. Letztlich zeigt sich die unzertrennliche Verbundenheit von Mensch und Tier sowie die Notwendigkeit, das gegenwärtige Schicksal der Tiere in den Blick zu nehmen und deren Würde zu wahren. Daneben bieten die naturnahen Zeichnungen dieser Neuausgabe reichlich Stoff und Motive, Bruder Tier zu begegnen.“ – so der Verlangstext (Verlag Freies Geistesleben, Neuauflage 2021).

Wand in Athen, Monastiraki

Zum Autor: Karl König (1902-1962), in Wien gebürtig, jüdischer Kinderarzt und Heilpädagoge, Anthroposoph und Begründer der internationalen Camphill-Bewegung. Durch Österreichs „Anschluss“ 1938 zur Flucht gezwungen, gelangte er mit Frau und vier Kindern sowie einigen Mitstreitern über die Schweiz und Italien 1939 nach Schottland, wo die Männer bei Kriegsbeginn als „feindliche Ausländer“ interniert wurden. Die Frauen siedelten in Camphill bei Aberdeen, wo nach der Freilassung der Männer im Juni 1940 die erste Camphill Community for Children in Need of Special Care als Arbeits- und Lebensgemeinschaft, und, ab 1955, im nordenglischen Yorkshire, die erste Camphill-Dorfgemeinschaft Botton Village für ältere Pflegebedürftige entstanden. 1964 ging Karl König zurück nach Deutschland (Dorfgemeinschaft bei Überlingen).

„Die für ein Camphill village typische, von Karl König beförderte Lebensform basiert auf dem engen Bezug zur Natur über die gemeinsame Arbeit in Landwirtschaft, Garten, Bäckerei und Küche sowie weiteren Werkstätten…. Die erbrachte Arbeit soll so hochwertig sein, dass sie auf dem Markt bestehen kann.“

Die ideale Haltung der heilpädagogisch Tätigen, so Karl König, „kommt erst dort zustande, wo eine neue Demut im Herzen zu wachsen beginnt, die in jedem Menschenantlitz den Bruder sieht.“

Diese und weitere Informationen fand ich hier: AnthroWiki

mythologisches Haartierchen (eigene Produktion)

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Vor Sonnenaufgang

Seit ich wieder draußen auf der Turmterrasse schlafe, wache ich kurz vor Sonnenaufgang auf, das kommende Licht über den Bergen zu begrüßen.

Der Sonnenaufgangspunkt ist jetzt weit Richtung Norden gewandert. Und da das Land dort recht flach bzw weiter entfernt ist, sind die Tage extralang. Im Winter geht die Sonne hinter dem nahen Vorgebirge des Taygetos auf und bleibt daher länger unsichtbar.

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