Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Im Nachkriegs-Deutschland hat der Schuldbegriff eine ganz besondere Wendung genommen: als Kollektivschuld des gesamten Volkes, in dessen Namen schreckliche Verbrechen begangen wurden. Aber bevor mir das bewusst wurde, kam ein anderer Schuldbegriff in mein Leben:
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.
Immer rätselte ich, was das für „Schuldiger“ sein sollten, denen ich zu vergeben hätte, damit auch mir meine „Schuld“ vergeben werde. Bis ich die griechische Urfassung des Gebets kennenlernte. Da heißt es
καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν, ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφίεμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν·
Und das heißt, wörtlich übersetzt:
„und erlasse uns das, was wir schulden, so wie wir auch das erlassen, was andere uns schulden.“
Das klingt nach Geldschulden und ganz anders als das moralischen Wort „Schuld“ etwa im Harfnerlied: „Ihr lasst die Armen schuldig werden, dann überlasst ihr sie der Pein:/ denn alle Schuld rächt sich auf Erden“ (Goethe, Wilhelm Meister, siehe hier)
Seit Griechenland 2010 in die sog. „Staatsschuldenkrise“ geriet, wurde hier der Begriff der Seisachtheia sehr viel diskutiert. Ein Schuldenerlass oder zumindest ein ordentlicher Schuldenschnitt seien erforderlich, um die griechische Gesellschaft zu entlasten.
Die Seisachtheia (wörtlich: Abschütteln der Bürde) wurde 594 v. Chr. vom attischen Gesetzgeber Solon (638–558) eingeführt. Darunter versteht man drei Gesetze, durch welche 1) die persönliche Schuldknechtschaft aufgehoben und die Freigebung der wegen Schulden in Leibeigenschaft geratenen sowie der Freikauf der nach auswärts verkauften Athener auf Staatskosten angeordnet, 2) durch Herabsetzung des Münzfußes (100 neue Drachmen waren an Silberwert gleich 70 alten) die Rückzahlung der Schulden erleichtert und 3) der Zinsfuß ermäßigt wurde.(zitiert nach Wikisource)
Tatsächlich handelte es sich also nur um Schulden-Erleichterung, nicht um einen vollständigen Erlass. Ziel war, die Bauern, die entweder gegen Abtretung von 1/6 ihrer Ernte oder mithilfe von geliehenem Geld die Ländereien der reichen Athener bestellten, vor extremer Not und Sklaverei zu schützen. Um diese Entlastung zu erreichen, verordnete Solon, dass die silberne Drachme in regelmäßigen Zeiutabständen um ein Viertel verkleinert wurde. Entsprechend justiert wurden die Maße und Waagen. Solon verbot auch die beim Geldverleihen zuvor übliche Formel επί τοις σώματι δανείζεσθαι (du leihst mit deinem Körper als Hypothek), was den freien Bürger oder seine Anverwandten bei Nichtbegleichen der Schulden zum Unfreien machte.
Die Bitte „Vergib uns unsere Schulden“ sowie die Entsprechung „wie auch wir vergeben denen, die uns schulden“ im Vaterunser sind dieser Erfahrung im ökonomisch-menschlichen Zusammenleben nachgebildet. Jesus, der das Gebet stiftete, verwendete auch sonst Gleichnisse aus dem Wirtschaftsleben (zB Du sollst mit deinen Talenten wuchern, nacherzählt hier).
Und wenn wir ehrlich sind: das Erlassen von Schulden oder die Rückzahlung von ererbten Schulden fällt Menschen und Staaten verdammt viel schwerer als sich moralischer Schuld zu stellen. Denn leicht ist gesagt: ich entschuldige mich, und schwer fällt es, Schulden zu begleichen oder zu erlassen. Zum Beispiel: Deutsche Staatshäupter standen mit gesenktem Haupt an Erinnerungsorten, um sich für die Gräuel der NS-Besatzung zu entschuldigen, aber wenns an die Rückzahlung erzwungener Anleihen ging, hieß es: Nix da. Wiedergutmachung? Ach was.
Dasselbe überall. Das Thema ist aus der Nach-Kolonialzeit nicht mehr wegzudenken. Braucht der Globale Süden (wieder) einen Schuldenschnitt? fragt zB die Wirtschaftswoche vom 6.6. dieses Jahres. Und erlassjahr.de erinnert an die Entschuldung der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Londoner Schuldenabkommens (27. Februar 1953), die es der jungen BRD erlaubte, wirtschaftlich wieder auf die Füße zu kommen. Ein Insolvenzverfahren auch für Staaten könnte helfen, dass nicht Generation um Generation in der Schuldenknechtschaft gefangen bleibt und keinen lichten Morgen sieht.

Kleiner Sisyphos -Illustration zur griechischen Staatsschuldenkrise und den Gläubigern)
Über all dem möchte ich den ebenso wichtigen moralischen Schuldbegriff nicht aus dem Auge verlieren. Und so schließe ich hier mit einem Gedicht von Karl Stamm (1890-1919), das ich schon einmal zitierte und kommentierte (hier). Es ist der verzweifelte Ruf eines jungen Menschen, der fürchtet, schuldig zu werden, indem er einen anderen jungen Menschen tötet.
Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind
Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind!
Du streutest milde Worte über Land,
dir neigten sich die Lilien, Frauen, Ähren –
uns drückten sie die Waffen in die Hand.
Und sind doch Kinder, zucken manchmal irr –
Was soll in meinen Händen das Gewehr?
Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
verhält die bittre Tränenflut nicht mehr.
Und über mir der harte, dumpfe Zwang. …
Bin ich nur Tier, gespannt in hartes Joch?
Zerstampfe auf Befehl? O Herz, erwach!
Wir taumeln, zögern – und marschieren doch.
Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
O nimm zurück den hingegebnen Sohn!
Erspare mir die Schuld und dir die Qual!
Du kannst nur weinen? Weinen lacht mir Hohn.
O Feind, mein Feind! Ich fleh aus tiefster Not:
Geliebter Feind, daß ich nicht schuldig sei
ermorde mich! Erlöse mein Gewissen!
So nimmst du von mir meiner Seele Schrei.
Du zauderst, senkst den schon erhobnen Arm?
Entflieht aus deinem Leib des Kämpfers Kraft?
Ist’s Furcht vor eigner, drohend naher Schuld?
Ruft dich die Seele auf zur Bruderschaft?
Entwaffnet steh ich vor dir, blicke weit
und bin verkämpft in Sinn und Widersinn:
Es glaubt das Herz nicht, was das Auge schaut,
weil ich noch nicht zum Kind geworden bin.
O brich aus mir, ersehntes Bruder-Ich!
Erschwing, ersinge dich und werde Ton.
Es steigt das Kreuz unendlich auf ins Licht.
Durch seine Himmel schwebt der Menschensohn.















Die Tarotkarte, die ich am 3. Januar, der 9. Raunacht, für den neunten Monat dieses Jahres, den September, zog, war „Der Stern“. Die Karte stand auf dem Kopf, aber das störte mich nicht: Wie unten so oben, sagten schon immer die Weisen, und ob wir nun das Wasser aus der Tiefe heraufpumpen oder es uns von oben herabströmt – es ist immer dasselbe Wasser, seit dem Beginn aller Tage.
















