112 Stufen, 82: Schuld (Vaterunser, Karl Stamm)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Im Nachkriegs-Deutschland hat der Schuldbegriff eine ganz besondere Wendung genommen: als Kollektivschuld des gesamten Volkes, in dessen Namen schreckliche Verbrechen begangen wurden. Aber bevor mir das bewusst wurde, kam ein anderer Schuldbegriff in mein Leben:

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Immer rätselte ich, was das für „Schuldiger“ sein sollten, denen ich zu vergeben hätte, damit auch mir meine „Schuld“ vergeben werde. Bis ich die griechische Urfassung des Gebets kennenlernte. Da heißt es

καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν, ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφίεμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν· 

Und das heißt, wörtlich übersetzt:

„und erlasse uns das, was wir schulden, so wie wir auch das erlassen, was andere uns schulden.“ 

Das klingt nach Geldschulden und ganz anders als das moralischen Wort „Schuld“ etwa im Harfnerlied: „Ihr lasst die Armen schuldig werden, dann überlasst ihr sie der Pein:/ denn alle Schuld rächt sich auf Erden“ (Goethe, Wilhelm Meister, siehe hier)

Seit Griechenland 2010 in die sog. „Staatsschuldenkrise“ geriet, wurde hier der Begriff der Seisachtheia sehr viel diskutiert. Ein Schuldenerlass oder zumindest ein ordentlicher Schuldenschnitt seien erforderlich, um die griechische Gesellschaft zu entlasten.

Die Seisachtheia (wörtlich: Abschütteln der Bürde) wurde 594 v. Chr. vom attischen Gesetzgeber Solon (638–558) eingeführt. Darunter versteht man drei Gesetze, durch welche 1) die persönliche Schuldknechtschaft aufgehoben und die Freigebung der wegen Schulden in Leibeigenschaft geratenen sowie der Freikauf der nach auswärts verkauften Athener auf Staatskosten angeordnet, 2) durch Herabsetzung des Münzfußes (100 neue Drachmen waren an Silberwert gleich 70 alten) die Rückzahlung der Schulden erleichtert und 3) der Zinsfuß ermäßigt wurde.(zitiert nach Wikisource)

Tatsächlich handelte es sich also nur um Schulden-Erleichterung, nicht um einen vollständigen Erlass. Ziel war, die Bauern, die entweder gegen Abtretung von 1/6 ihrer Ernte oder mithilfe von geliehenem Geld die Ländereien der reichen Athener bestellten, vor extremer Not und Sklaverei zu schützen. Um diese Entlastung zu erreichen, verordnete Solon, dass die silberne Drachme in regelmäßigen Zeiutabständen um ein Viertel verkleinert wurde. Entsprechend justiert wurden die Maße und Waagen. Solon verbot auch die beim Geldverleihen zuvor übliche Formel επί τοις σώματι δανείζεσθαι (du leihst mit deinem Körper als Hypothek), was den freien Bürger oder seine Anverwandten bei Nichtbegleichen der Schulden zum Unfreien machte.

Die Bitte „Vergib uns unsere Schulden“ sowie die Entsprechung „wie auch wir vergeben denen, die uns schulden“ im Vaterunser sind dieser Erfahrung im ökonomisch-menschlichen Zusammenleben nachgebildet. Jesus, der das Gebet stiftete, verwendete auch sonst Gleichnisse aus dem Wirtschaftsleben (zB Du sollst mit deinen Talenten wuchern, nacherzählt hier).

Und wenn wir ehrlich sind: das Erlassen von Schulden oder die Rückzahlung von ererbten Schulden fällt Menschen und Staaten verdammt viel schwerer als sich moralischer Schuld zu stellen. Denn leicht ist gesagt: ich entschuldige mich, und schwer fällt es, Schulden zu begleichen oder zu erlassen. Zum Beispiel: Deutsche Staatshäupter standen mit gesenktem Haupt an Erinnerungsorten, um sich für die Gräuel der NS-Besatzung zu entschuldigen, aber wenns an die Rückzahlung  erzwungener Anleihen ging, hieß es: Nix da. Wiedergutmachung? Ach was.

Dasselbe überall. Das Thema ist aus der Nach-Kolonialzeit nicht mehr wegzudenken. Braucht der Globale Süden (wieder) einen Schuldenschnitt? fragt zB die Wirtschaftswoche vom 6.6. dieses Jahres. Und erlassjahr.de  erinnert an die Entschuldung der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Londoner Schuldenabkommens (27. Februar 1953), die es der jungen BRD erlaubte, wirtschaftlich wieder auf die Füße zu kommen. Ein Insolvenzverfahren auch für Staaten könnte helfen, dass nicht Generation um Generation in der Schuldenknechtschaft gefangen bleibt und keinen lichten Morgen sieht.

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Kleiner Sisyphos -Illustration zur griechischen Staatsschuldenkrise und den Gläubigern)

Über all dem möchte ich den ebenso wichtigen moralischen Schuldbegriff nicht aus dem Auge verlieren. Und so schließe ich hier mit einem Gedicht von Karl Stamm (1890-1919), das ich schon einmal zitierte und kommentierte (hier). Es ist der verzweifelte Ruf eines jungen Menschen, der fürchtet, schuldig zu werden, indem er einen anderen jungen Menschen tötet.

Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind

Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind!
Du streutest milde Worte über Land,
dir neigten sich die Lilien, Frauen, Ähren –
uns drückten sie die Waffen in die Hand.

Und sind doch Kinder, zucken manchmal irr –
Was soll in meinen Händen das Gewehr?
Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
verhält die bittre Tränenflut nicht mehr.

Und über mir der harte, dumpfe Zwang. …
Bin ich nur Tier, gespannt in hartes Joch?
Zerstampfe auf Befehl? O Herz, erwach!
Wir taumeln, zögern – und marschieren doch.

Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
O nimm zurück den hingegebnen Sohn!
Erspare mir die Schuld und dir die Qual!
Du kannst nur weinen? Weinen lacht mir Hohn.

O Feind, mein Feind! Ich fleh aus tiefster Not:
Geliebter Feind, daß ich nicht schuldig sei
ermorde mich! Erlöse mein Gewissen!
So nimmst du von mir meiner Seele Schrei.

Du zauderst, senkst den schon erhobnen Arm?
Entflieht aus deinem Leib des Kämpfers Kraft?
Ist’s Furcht vor eigner, drohend naher Schuld?
Ruft dich die Seele auf zur Bruderschaft?

Entwaffnet steh ich vor dir, blicke weit
und bin verkämpft in Sinn und Widersinn:
Es glaubt das Herz nicht, was das Auge schaut,
weil ich noch nicht zum Kind geworden bin.

O brich aus mir, ersehntes Bruder-Ich!
Erschwing, ersinge dich und werde Ton.
Es steigt das Kreuz unendlich auf ins Licht.
Durch seine Himmel schwebt der Menschensohn.

 

 

 

 

 

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Im September mit Farben (2) Oleanderrot

Einfach nur um Farben geht es in Amoraks neuem Challenge. Doch sind Farben jemals „einfach“? Heute sah ich mir das Oleanderrot genauer an.

Ich verglich es mit anderen Rottönen, die sich in unserer Wohnung befinden. Nichts kommt ihm gleich!

 

Zur diesmal musikalischen Erweiterung ein beliebtes Volkslied aus dem Epiros (NW-Griechenland): stis pikrodafnis ton antho (die Blüte des Oleanders). Pikrodafni – das griechische Wort für Oleander – bedeutet wörtlich „Bitterer Lorbeer“. Der Text ist volkstümlich, mit Anspielungen, schwer zu übersetzen.

Στης πικροδάφνης τον ανθό                                               Des bitteren Lorbeers Blüte
έγειρα ν‘ αποκοιμηθώ                                                           brach ich um einzuschlafen
άντε λίγο ύπνο για να πάρω                                                Na, um ein wenig Schlaf zu bekommen
κι είδα όνειρο μεγάλο                                                           und ich sah einen großen Traum

Παντρεύουν την αγάπη μου                             Sie verheirateten meine Liebe
για πείσμα για γινάτι μου                                  um mich zu kränken
άντε και της δίνουν τον εχθρό μου                  Na und sie geben ihr meinen Feind
για το πείσμα το δικό μου                                  um mich zu kränken

Στο γάμο τους με προσκαλούν                         Sie laden mich zur Hochzeit ein
και για κουμπάρο με καλούν                            und wollen, dass ich der Trauzeuge bin
για να πάω να στεφανώσω                               dass ich gehe und sie bekränze
δυο κορμάκια να ενώσω                                    die zwei Körper vereine.

Περνώ τα στέφανα χρυσά                                Ich kreuze die goldenen Kränze
βαστά καημένη μου καρδιά                             Halte durch, mein armes Herz!
άντε με λαμπάδες απ‘ ασήμι                            Wenn schon, mit silbernen Leuchtern
να υπάρχει εμπιστοσύνη                                   damit es Vertrauen gibt

Στης πικροδάφνης τον ανθό                            Des bitteren Lorbeers Blüte
έγειρα ν‘ αποκοιμηθώ                                       brach ich, um einzuschlafen

Gezeichnet habe ich das Blattwerk des Oleander:

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Farben im September (1): Septemberblau (Amorak)

Bei Heide von der Puzzleblume stieß ich heute auf Yuziskas neueste Challenge: Im September mit Farben.

Ich habe Lust, da mitzumachen, doch wie? Heide zeigt einen einfarbigen Gegenstand (hier), und das finde ich auch für mich die richtige Herangehensweise: Jeden Tag einer Farbe ein Post zu widmen.

Heute also Blau wie in „blauer September“. Schon stutze ich… Wie ist dieses September-Blau denn wohl?

Blau wie die Bluse, die ich heute trage? Wie die Wäschebehälter, die Gießkanne, die Thermosflasche, das Meer von Südamerika auf dem Plakat an der Küchenwand?

Nein, nein, das sind Chemiefarben, die treffen es nicht.

Blau wie die Kritzeleien, die ich mit meinen beiden blauen Buntstiften fabriziere?

Auch nicht! In den Attischen Himmel musst du schauen, wenn du das Septemberblau suchst! (Sofern ein Foto einen Eindruck davon geben kann.)

attischer Himmel, 1. September 2025, 12 Uhr mittags

Dieses Blau, das sich freilich erst aus dem Nebel herausschälen muss, meint wohl auch Möricke in seinem schönen Septembergedicht:

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Und auch Hesse scheint von diesem Blau zu träumen:

Mittag im September

Es hält der blaue Tag
Für eine Stunde auf der Höhe Rast.
Sein Licht hält jedes Ding umfaßt,
Wie man’s in Träumen sehen mag:
Daß schattenlos die Welt,
In Blau und Gold gewiegt,
In lauter Duft und reifem Frieden liegt. (…)

Das Septemberblau bedarf der Komplementärfarbe Gold – und so schaue ich, Stunden später, erneut in den Attischen Himmel. Und ja: da ist es, das warme Gold! Vielleicht ein wenig feuriger als das, das die deutschen Dichter im Sinne hatten, aber nun: Hier ist Griechenland.

Attischer Himmel,1. September 2025, 20.17 Uhr

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Der September und „der Stern“ (auf dem Kopf stehend)

Die Tarotkarte, die ich am 3. Januar, der 9. Raunacht, für den neunten Monat dieses Jahres, den September, zog, war „Der Stern“. Die Karte stand auf dem Kopf, aber das störte mich nicht: Wie unten so oben, sagten schon immer die Weisen, und ob wir nun das Wasser aus der Tiefe heraufpumpen oder es uns von oben herabströmt – es ist immer dasselbe Wasser, seit dem Beginn aller Tage.

Ich war sehr zufrieden mit der gezogenen Karte und schrieb beinah dithyrambisch: Der „Stern“ also soll meinem September leuchten, und das stimmt mich fröhlich. Denn wie auch immer im einzelnen interpretiert – der Stern strahlt klar, hell, verheißend, er visualisiert eine Zukunft, die als „Wasserfrau-Zeitalter“ wie ein Zauberbild über allem Heutigen schwebt. Hier liegt alles nackt und klar vor Augen, nichts braucht verhüllt und verschwiegen zu werden, nichts liegt miteinander im Streit. Ah, blauer September! Genau so kenne ich dich, genau so liebe ich dich vor allen anderen Monaten. Du bist Fruchtbarkeit und Ernte, Bläue und Licht. Tag und Nacht halten sich die Waage und beleuchten sich gegenseitig mit ihren Gestirnen.

Ich machte auch eine verheißungsvolle neurographische Zeichnung dazu.

Und fügte die Erwartung hinzu, dass wir Menschenkinder es einst schaffen werden, das, was jetzt noch Kopfgeburt ist (Freiheit, Gleichheit und brüderlich-schwesterliches Teilen), wirklich zu machen – also die Idee des Guten auf feste Füße zu stellen.

Nun sehe ich die Karten ja nicht als Prophetie, sondern als Aufgabenstellung. Welcher  Schwerpunkt ergibt sich aus dieser Karte für mich? Die Karte „Stern“ bedeutet Hoffnung, Inspiration, und dass der Stern über mir leuchten wird. Und wenn sie auf dem Kopf steht? Dann bedeutet sie: Standhalten, nicht verzweifeln, wenn sich Hoffnungen zerschlagen, Inspiration ausbleibt und kein Leitstern über mir leuchtet. Oder, auf die Weltverhältnisse bezogen: Wenn sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – anstatt dass wir ihnen näher kommen, in immer weitere Fernen entrücken, DENNOCH zu sagen wie Schiller in dem Gedicht, das ich auf der Treppenstufe „Wahn“ zitierte.  “

Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,

Es ist DENNOCH, das Schöne, das Wahre!

Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,

Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.

 

Tarotkarte „Der Stern“ als Legebild (hier)

Ich finde, das ist ein guter Vorsatz. Denn gerade in schwierigen Momenten ist es gut, keinen Widerstand aufzubauen, sondern sich dem Fluss anzuvertrauen, dabei den Kopf oben zu behalten, Kraft in sich selbst zu fühlen und, wenns nötig ist, kräftig schwimmend das Ufer zu erreichen. Natürlich hoffe ich, dass der September hält, was er verspricht an diesem ersten seidig-blauen Tag. Wenn aber nicht – dann kann ich auch das durchstehen und kann daran wachsen. Und so will ich mir weiter keine Gedanken machen und ruhig schauen, wie sich alles entwickelt.

(Blauer September. Legebild mit Schnipseln von Ulli Gau)

 

 

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Der August, die Buben der Münzen und der Kelche, und was daraus wurde

Wie ihr hier Mitlesenden wisst, habe ich in den Raunächten jeweils eine Tarotkarte für den entsprechenden Monat des laufenden Jahres gezogen. Beim August gab es ein merkwürdiges Durcheinander: ich zog einen Buben, den ich für den Buben der Münzen hielt, doch bei späterer Kontrolle entpuppte er sich als der Bube der  Kelche. Diese beiden Buben hatten mich auch schon im Juni und Juli begleitet. Und nun waren beide noch einmal für den August zuständig??

Juli, August, November: Bube der Münzen Juni, August: Bube der Kelche

Ich war unschlüssig: Sollte ich noch einmal meine Ressourcen überprüfen oder sollte ich mich dem Meer, dem Genuss und der Kreativität hingeben? Ich kam zu dem Schluss: Beides! Und zeichnete die in der Nacht vom 1.1.-1.2. 2015 als „Bube der Münzen“ begonnene Zeichnung am folgenden Tag als „Buben der Kelche“ zu Ende.

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2025/01/img_0602-2_edited.jpg

Und was wurde nun draus? Genau das Erwartete! In der ersten Augusthälfte war ich noch stark mit der Ausstellung in Kardamili und mit den damit zusammenhängenden Fragen (Verschickung der Bilder, Verwendung des Geldes, Auflösung der Aufstellung, neue Kontakte etc pp) beschäftigt, in der zweiten Augusthälfte kam dann der „Bube der Kelche“ voll zum Zuge, denn unser Sohn besuchte uns…

 

Jeden Morgen gingen wir im herrlichen Meer schwimmen, dann tafelten wir, aßen auch von den Weintrauben, die über unseren Köpfen reiften, wir machten zusammen Ausflüge, er saß mir Modell….  Heute flog er zurück nach Berlin – und damit endete diese schöne gemeinsame Zeit.

Wirklich ähnlich wurden die Kohlezeichnungen nicht. Das Herantasten an ein Gesicht, das ich sehr gut zu kennen meinte, war spannend.  Das nächste Mal wirds besser….

 

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Archivbild der Woche: 31.8.2019 (Hand und Fuß)

An einem Tag wie diesem, vor sechs Jahren, zeichnete ich meine Füße und poste die Zeichnung nun erneut für Puzzleblumes Aktion „Archivbild der Woche„.  Ich zeichnete damals jeden Tag etwas mit dem Kugelschreiber, den ich als Zeichengerät entdeckt hatte.

In der Nacht auf den 1. September 2018 war es dann wieder einmal meine Hand: so…

oder auch anders.

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112 Stufen, 81: Tränen (Paul Verlaine)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das Gedicht von Verlaine (1844 – 1896) habe ich während meiner Schulzeit auswendig gelernt – auf französisch. Wir hatten eine ältliche Französischlehrerin, unverheiratet, klein und mit einem komischen runden Dutt auf dem runden Kopf, der auf einem runden Leib aufsaß. Sie wurde von den Schülern mehr oder weniger liebevoll verspottet. Ich fühlte mit ihr, wenn sie ihr Lieblings-Gedicht rezitierte, und so wurde mir das Gedicht sehr lieb:

Paul Verlaine

Il pleure dans mon cœur

Il pleure dans mon cœur

Comme il pleut sur la ville ;

Quelle est cette langueur

Qui pénètre mon cœur ?

 

Ô bruit doux de la pluie

Par terre et sur les toits !

Pour un cœur qui s’ennuie,

Ô le chant de la pluie !

 

Il pleure sans raison

Dans ce cœur qui s’écœure.

Quoi ! nulle trahison ?…

Ce deuil est sans raison.

 

C’est bien la pire peine

De ne savoir pourquoi

Sans amour et sans haine

Mon cœur a tant de peine !

In der deutschen Übersetzung verliert es viel von seinem Charme, denn es lebt ja weitgehend von den Alliterationen, Wiederholungen und melodischen Lautübergängen. Die Übersetzungen, die ich im Netz fand, gefallen mir nicht. Also gebe ich hier meine eigene möglichst wortgenaue Übersetzung wieder, die auf das Reimschema verzichtet.

Paul Verlaine

Es weint in meinem Herzen

Es weint in meinem Herzen
wie es über der Stadt regnet
Was ist das für eine Trübsal
die mein Herz durchdringt?
Oh sanftes Geräusch des Regens,
auf der Erde und auf den Dächern!
Für ein Herz, dem jemand fehlt
O Gesang des Regens!
Es weint ohne Grund
in diesem Herzen, das angeekelt ist.
Was! Kein Verrat?…
Diese Trauer ist ohne Grund.
Das ist der größte Schmerz
Nicht zu wissen warum.
Ohne Liebe und ohne Hass.
Mein Herz hat so viel Schmerz.

 

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112 Stufen, 90: Rache (Conrad Ferdinand Meyer, Paulus, Karl Barth))

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Unweigerlich fällt mir bei „Rache“ als erstes die große Ballade „Die Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) und darin die letzte Halbzeile: „Mein ist die Rache, redet Gott“ ein. Gegen den fürchterlichen Inhalt der Ballade schützten wir uns als Pennäler mit dem verulkenden Reim „Die Füße im Feuer von Conrad Ferdinand Meyer“. Doch ganz gelang das nicht. Die schauerliche Schilderung der Folterung einer Frau und der Gewissensprüfung ihres Mannes konnte nicht vollkommen an unseren kindlichen Gemütern abprallen – jedenfalls nicht an meinem. Und so blieb mir bis heute fast jede Zeile im Gedächtnis haften.

Conrad Ferdinand Meyer

Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Roß,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann…

»Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!«
»Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmertʼs mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!«
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild…
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft…
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal…
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangtam Herd entsetzt …

Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
»Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sindʼs … Auf einer Hugenottenjagd…
Ein fein, halsstarrig Weib … ›Wo steckt der Junker? Sprich!‹
Sie schweigt. ›Bekenn!‹ Sie schweigt. ›Gib ihn heraus!‹ Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ›Gib ihn heraus!‹ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.«
Eintritt der Edelmann. »Du träumst! Zu Tische, Gast …«

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerißnen Augen an –
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: «Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!» Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr…
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? … Schleicht dort ein Schritt?…
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.

Er träumt. »Gesteh!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
»Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!«
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselʼge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr,

Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!« Der andre spricht:

»Du sagstʼs! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst! … Mein ist die Rache, redet Gott.“

Erstmals veröffentlicht wurde die Ballade 1882, aber bereits 1864 ist eine Erstfassung mit dem Titel „Der Hugenot“ erschienen. Ob der Autor eine autobiographisch bedeutsame Beziehung zu den Hugenotten Frankreichs hatte, weiß ich nicht. Die komplizierten deutsch-französischen Beziehungen aber interessierten (und belasteten) den Schweizer Autor ein Leben lang.

Doch darum geht es nur vordergründig. Die Kernaussage des Gedichts ist die Frage nach der Berechtigung der Rache. Für den französischen Edelmann ist die Sachlage klar:

Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr? /Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.

Dass er die Nacht überlebt, meint er der „Klugheit“ (ergo:  Feigheit, Angst vor den Folgen) des Hugenotten zu verdanken:

Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr, / Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit / Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin.“

Für den Hugenotten aber ist der Verzicht auf Rache die schwerste Prüfung seines Glaubens und verlangt höchste Tapferkeit, die er nur durch seine Glaubenstiefe erreichen kann.

„Mein ist die Rache, redet Gott“, von Apostel Paulus im Römerbrief zitierter Satz aus dem Alten Testament, wird kontrovers ausgelegt. Unter Stufe 62 (Kränkung) erwähnte ich, dass der tiefgläubige Theologe und Verschwörer Dieter Bonhoeffer den Tyrannenmord rechtfertigte. Für ihn war klar: auch der Christ kann, er muss sogar tätig werden, wenn der Antichrist regiert. Der Schweizer Theologe Karl Barth (wichtigster Exeget des Römerbriefes, Mitbegründer der Bekennenden Kirche) hingegen wehrt sich zwar gegen die Forderung der offiziellen Kirche, sich der politischen Stellungnahme zu enthalten, und verteidigt den Kampf der Bekennenden Christen gegen eine „Regierung von Lügnern und Wortbrüchigen, Mördern und Brandstiftern …eine Regierung, die sich selbst an die Stelle Gottes setzen, die die Gewissen binden, die Kirche unterdrücken und sich selbst zur Kirche des Antichrist machen“ will, und schließt, dass Christen „dem Gebet entsprechend, auch handeln müssen“, (1938, zit. nach Andreas Pangritz), hatte aber für die Ambitionen der Attentäter, Deutschland vor der Katastrophe zu retten und neu zu gestalten, keine Sympathie. Für ihn war die bedingungslose Kapitulation Deutschlands der richtige Weg, um für die begangenen Verbrechen zu büßen.

„Mein ist die Rache, redet Gott“ ist damit ein Satz, der das Weltgeschehen zwar nicht der tätigen Gestaltung durch den Menschen entzieht, wohl aber die „Rache“, also  Strafe und Buße in welcher Gestalt auch immer, Gott überantwortet. Der Christ darf auch angesichts der schlimmten Verbrechen nicht zum Rächer werden.

 

 

 

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112 Stufen, 89: Leiden (Hugo von Hofmannsthal)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Zwanzig Jahre alt war Hugo von Hofmannsthal, als er 1896 ein Gedicht schrieb, das mir, als ich selbst zwanzig war, mein Lebensgefühl erklärte. Das bestand im Leiden am Leiden derjenigen, die, an die Ruderbänke des Lebens gekettet, das Schiff voranbringen. „Nicht abtun von meinen Lidern“ kann ich bis heute die Leiden der kolonialisierten Völker. Ihre Schwere ist in meine Leichtigkeit verwoben und drückt mir das Herz ab.

Hugo von Hofmannsthal

Manche freilich

Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.

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112 Stufen, 88: Wahn (Friedrich Schiller)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Schon wieder ein „Klassiker“, schon wieder Schiller. Das ist kein Zufall, denn das, was ich in meiner Schulzeit aufnahm, entstammt weitgehend einem Bildungskanon, in dem die „Klassiker“ die führende Rolle spielten. Und da wiederum stand die große Frage im Mittelpunkt: Ist das als ideal Erkannte – das Wahre, Schöne, Gute – in die Wirklichkeit zu bringen? Es müsse doch möglich sein, die menschlichen Verhältnisse dem Idealen stets etwas mehr anzunähern?

Nein! sagt Schiller. Die Welt ist schlecht, die Bosheit siegt. Das war so und das wird so sein. In seinen historischen Dramen gibt es keinen Sieg des Guten, und auch in seiner  Gegenwart erlebte er die Perversion der Ideale der Aufklärung und der Französischen Revolution erst im „Horreur“ des Robespierre, dann in der Machtanmaßung und den Kriegen Napoleons.

Dennoch!

„Das Schöne, das Wahre“ IST!

Auch wenn wir Menschen es nicht enträtseln, geschweige denn erreichen können, so sollen wir uns doch den Glauben daran erhalten. Wer hofft, es im Außen zu finden, ist einem Wahn erlegen. In unserem Innern aber ist es als Idee lebendig, und aus diesem unserem Inneren  bringen wir es immer neu hervor.

Edle Seele, entreiß dich dem Wahn

Und den himmlischen Glauben bewahre!

Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,

Es ist dennoch, das Schöne, das Wahre!

Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,

Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.

Dies ist die letzte Strophe des Gedichts „Die Worte des Wahns“. Geschrieben hat Schiller es im letzten Jahr des 18. Jahrhnderts. Es ist zugleich Bestätigung des Ideals und Abschied von der Illusion der Aufklärung, dass die Menschheit eine ideale gesellschaftliche Ordnung zu schaffen in der Lage wäre.

Friedrich Schiller

Die Worte des Wahns

Drei Worte hört man bedeutungschwer
Im Munde der Guten und Besten,
Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,
Sie können nicht helfen und trösten.
Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht,
So lang er die Schatten zu haschen sucht.

So lang er glaubt an die Goldene Zeit,
Wo das Rechte, das Gute wird siegen,
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit,
Nie wird der Feind ihm erliegen,
Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei,
Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.

So lang er glaubt, daß das buhlende Glück
Sich dem Edeln vereinigen werde,
Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick,
Nicht dem Guten gehöret die Erde.
Er ist ein Fremdling, er wandert aus,
Und suchet ein unvergänglich Haus.

So lang er glaubt, daß dem irdschen Verstand
Die Wahrheit je wird erscheinen,
Ihren Schleier hebt keine sterbliche Hand,
Wir können nur raten und meinen.
Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort,
Doch der freie wandelt im Sturme fort.

Drum edle Seele, entreiß dich dem Wahn,
Und den himmlischen Glauben bewahre.
Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,
Es ist dennoch, das Schöne, das Wahre!
Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.

Die Schnipsel des Legebilds (oben/unten um 180 Grad gedreht) stammen von Marie Mandarin.

 

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