Draußen hat sich ein Unwetter niedergelassen und verspricht nun, den ganzen Tag zu bleiben. Schon donnert es gewaltig, und feiner Regen strömt aus dem grauen Gewölk. Jetzt wird der Regen kräftiger, jetzt prasselt er schon, und dazwischen grollt der Donner. Eine gute Zeit, um sich Geschichten zu erzählen. Also entzünde ich eine Kerze und den Kamin – denn bei solchem Wetter fällt der Strom leicht aus, und dann funktioniert auch die Heizung nicht -, setze mich mit Philippe auf den bequemsten Sessel und lasse mir Geschichten erzählen.
Erzähl mir von deinen Reisen, lieber Philippe, sage ich. Ein paar Geschichten kenne ich ja, die hat dein Autor aufgeschrieben und gedruckt. Aber sicher gibt es noch mehr, oder?
Welche kennst du denn? fragt Philippe, der das Buch von Saint-Exupery nicht gelesen hat.
Na, die vom König mit der Ratte und die vom Laternenanzünder, die vom Geschäftsmann und die vom Geometer, und dann noch die vom Säufer…
Ach, die kennst du? unterbricht mich Philippe. Die war schrecklich traurig. Der Arme wohnt ganz allein auf dem Planeten. Er ist ganz bunt angezogen und trägt eine Krone, also ist er wohl eigentlich reich und mächtig, aber das hat er vergessen. Er hat einfach vergessen, was er für Möglichkeiten hat, sitzt da und trinkt Flaschen leer, wovon er genug hat. Manchmal steht er auch auf, seine Augen triefen, seine Nase läuft, er wandelt herum und schluchzt und weint. Es ist zu traurig. 
Warum weint er denn?
Das habe ich ihn auch gefragt. Und was meint du, hat er geantwortet? „Ich schäme mich.“
Und? Wofür schämt er sich denn? Hat er was Schlimmes getan?
Er schämt sich, dass er säuft.
Und weshalb säuft er?
Um zu vergessen, dass er sich schämt.
O weh, rufe ich, der Arme! Der sitzt wirklich in einer Falle. Ich weiß da auch eine Geschichte, die ist von einem anderen Autor, Dostojewsky heißt der, und das Buch heißt „Schuld und Sühne“. Da gibt es einen Mann, Semyon Zakharovich Marmeladov heißt er, der versäuft das ganze Geld der Familie und schämt sich schrecklich dafür. Er ist ganz aufgedunsen und hässlich von der Sauferei und hält, wenn er betrunken ist, große Reden. Er redet darüber, dass er ein schlechter Kerl ist und sich schämt, und gerade weil er diese Scham nicht aushalten kann, immer weiter säuft. Es ist zu traurig. Am Ende wird er von einem Fuhrwerk überfahren. Und seine arme Tochter Sonia, die für seine Sauferei und für die kleinen Geschwister auf den Strich geht, die muss nun…
Was bedeutet: auf dem Strich gehen? fragt mich Philippe. Auf was für einem Strich?
Wie bitte? Ach, die Sonia, ja, so heißt sie, die … , aber das ist kompliziert, Philippe. Es hat was mit der Liebe der Erwachsenen zu tun, also mit der der Männer.
Und? Warum sagst du es mir nicht?
Es ist so … beschämend, stottere ich. Wie soll ich dir das erklären? Du bist so jung und unschuldig.
Philippe sitzt da mit großen Augen und wartet auf meine Antwort. Eine Frage, die er einmal gestellt hat, vergisst er nie. Ich seufze.
Ich glaube, der Regen hat aufgehört, sage ich. Es donnert auch nicht mehr. Lass uns einen Bummel machen, Philippe, ja? Und dann erklär ich dir auch, was das bedeutet: auf dem Strich gehen. Ich will es jedenfalls versuchen.
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Dann starb Tito, und ich musste allein gehen.


















