
Heute Nacht habe ich die Biographie des Joseph Knecht, Held des Romans „Glasperlenspiel“, zuende gelesen – noch ohne den Anhang mit seinen Hinterlassenschaften. Als ich das Buch um halb vier Uhr morgens schloss, war ich zornig. Ich musste, ganz ähnlich dem Ordensmeister im Buch, erst mal tief durchatmen und meine inneren Aufwallungen beruhigen, bevor ich schlafen konnte. Was für ein Blödsinn! Was für ein hirnverbrannter Blödsinn! wollte ich schreien.
Ich bitte alle Liebhaber Hesses und des Glasperlenspiels um Verzeihung, aber für mich ist das Buch der erhabenste Schwindel, dem ich jemals aufgesessen bin.
An zwei entscheidenden Punkten fühle ich mich durch den Autor verraten.
Hesse lässt durch seinen Erzähler über dreihundertfünfzig Seiten hin die Figur des Joseph Knecht vor mir entstehen: ein Kind zunächst, das jung in das System der Eliteschulen Kastaliens aufgenommen wird und darin einen modellhaften Aufstieg zum Magister des Glasperlenspiels hinlegt. Als er alles erreicht hat, überkommt ihn die Sehnsucht nach „Wirklichkeit“, die es in dem künstlichen System Kastaliens nicht gibt. Er verfasst ein „Rundschreiben“ an seine Kollegen, in dem er ihnen klarmacht, dass Kastalien nur eine kleine Welt in der großen Welt und daher gefährdet sei, und bittet um Entlassung aus dem Orden.
Auf diese Entwicklung hatte ich lange warten müssen. Endlich! dachte ich. Endlich begreift der Held, dass er in einem Elfenbeinturm sitzt, wo er seine Talente vergeudet. Endlich begreift er, dass es auch noch ein anderes Leben „da draußen“ gibt, das ihn und sein Elitedasein ermöglicht, das ihn einfordert, dem gegenüber er Pflichten hat.
Knechts Befreiungsschlag ließ mich hoffen, dass nun die große Wende käme. Das Buch hat ja noch viele Seiten. Jetzt wird Hesse das immer wieder angedeutete Versprechen einlösen und zeigen, wie sich die „Welt des Geistes“ und die „Wirklichkeit“ versöhnen lassen.
Pustekuchen! Daraus wird nichts. Magister Joseph Knecht tritt zwar aus dem Orden aus, nimmt sein Flötchen und macht sich auf die Socken zu einem alten Bekannten, dessen Sohn Tito sein erster Zögling „in der Welt“ sein soll. Tito hat durch seine gesellschaftliche Stellung die richtigen Voraussetzungen, um aus ihm einen tüchtigen „Herrn“ zu machen – einen Führer der Menschheit oder so. Zuerst aber muss man den Knaben seiner Mutter abschwatzen, die ihn nicht adäquat zu erziehen weiß. Sie ist übrigens die einzige Frau, die im Roman vorkommt. Bis zu einem Eigennamen bringt auch sie es nicht. Sie ist abwechselnd „Ehefrau, Mutter, Dame“.
Ach nein, falsch! Es kommt auch noch eine namenlose „Magd“ vor, die den Magister und seinen Zögling in einer Berghütte versorgen wird. Oder richtiger: versorgen würde. Denn dazu kommt es nicht mehr. Der Magister ertrinkt, bevor er sein erzieherisches Werk beginnen kann, in einem Gletschersee, in den er gesprungen ist, um seinem Zögling zu imponieren. Seine erste Begegnung mit der „Wirklichkeit“ verläuft tödlich. Und so wird es nichts mit der Versöhnung der Welten der Materie und des Geistes.
Als ich das Buch an dieser Stelle zuklappte, war ich zornig. Wozu das Ganze? Wozu all die Bildung und Feinsinnigkeit, wozu die Seelenschmerzen und Entschlüsse des Menschen Joseph Knecht, wenn alles, was er der Welt zu bieten hat, ist, in einem entlegenen Bergsee zu ertrinken? Was will Hesse damit bekunden? Dass die „Wirklichkeit“ mörderisch ist?
Natürlich bin ich ungerecht. Ich habe zahlreiche kluge Stellen im Buch angestrichen, die mir Stoff zum Nachdenken bieten. Es gibt sehr schöne poetische Passagen. Der geistige Raum Kastaliens ist in all seinen Fazetten in mir lebendig geworden und wirkt nach. Es ist ein fein duftender, klingender Raum, in dem das Beste unserer Kultur versammelt und quasi zu ätherischen Ölen destiliert ist.
Der tiefere Grund für meinen Zorn ist natürlich, dass ich eine Frau bin. Und dass ich wieder einmal empfand, dass wir Frauen gefälligst als „Mutterboden“ dienen sollen, auf dem die zartbesaiteten Männer ihre Kulturleistungen erbringen und ihre Elfenbeintürme errichten. Frauen haben da nichts zu suchen, sie gehören der grob materiellen Welt an, in der sich auch die nichtgeistigen Männer bewegen, um ihre Instinkte und Lüste auszuleben und ihre Kriege zu führen. Im Grunde gehören wir nicht einmal zur „Wirklichkeit“, die der Herr Magister sucht, denn auch da sind wir irgendwie nur Störenfriede. Man halte uns fern, wenn das Erziehungswerk gelingen soll.
Nein, ich will keineswegs in Hesses Elite-Orden eintreten. Ich will nur, dass geistig hochstehende Männer wie er aufhören, die Eine-Welt auseinanderzudividieren in „geistige“ und „materielle“ Welten, wobei „Materie“ – aus „mater“, Mutter, hergeleitet – uns Frauen zugewiesen wird. Wir sind ganze Menschen und die Welt ist eine! Körper, Seele und Geist sind uns allen zu eigen – egal welchem Geschlecht, welcher Rasse oder Weltgegend wir angehören.
