112 Stufen,14: Gewissen (Degenhardt)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die Zeit der sogenannten „Studentenbewegung“ der 68er Jahre war ein Anfang a la Hesse (siehe hier), dem ein Zauber innewohnte. Die „bleiernen Jahre“ der Nachkriegsjahre waren vorbei, und die ideologischen Grundlagen der Wirtschaftswunderjahre, die die Bundesrepublik in die Spitzengruppe der Industrienationen katapultiert hatten, wurden nun heftig in Frage gestellt. Militarismus, Neokolonialismus und Imperialismus mit ihren verheerenden Folgen für Afrika, Asien und Südamerika rückten ins Zentrum der Kritik, die Befreiungsbewegungen ins Zentrum der Hoffnung. Schluss mit den Kriegen und der Ausplünderung der sogenannten „Dritten Welt“. Hồ Chí Minh, Che Guevara, Mao Tse-tung  waren die neuen Helden.

Das  gesellschaftlich vorgegebene „gut und böse“, „erlaubt und verboten“ wurde massiv hinterfragt, als verlogen und scheinheilig verworfen. Neue Lebenskonzepte, neue Formen des Zusammenlebens und des Lernens wurden ausprobiert.

Es war die große Zeit der politischen Barden. Einer der bekanntesten war Franz Joseph Degenhardt. Auch in unserer Kinderladenwelt war er ein Star,  „Rumpelstielzchen“ oder „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ oder „Wenn der Senator erzählt“  waren hits.

Seine „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ von 1972 habe ich in einem Fache meines Gedächtnisses gefunden und hervorgeholt. Es klingt immer noch frisch und neu und aktueller denn je.

Dies ist eine life-Aufzeichnung von 2018.

 

 

 

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112 Stufen, 13: beschützen (Hermann Hesse – Friedrich Hölderlin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Hermann Hesse

Stufen

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 

der uns beschützt und der uns hilft zu leben. 

Diese Zeilen des berühmten Hessegedichts sind zuerst erschienen im Rahmen des Glasperlenspiels. Sie wurden seither endlos zitiert.

Wieso beschützt uns der Zauber des Anfangs? Und wovor?

Die Hoffnung, dass in jedem Vergehen, in jeder Katastrophe und auch im eigenen Sterben ein Keim zu neuem Leben verborgen liegt, und dass dieser Keim sich wird entwickeln können zu neuer schöner Form, beschützt uns vor der Verzweiflung, so dass wir leben können. (Verzweiflung – so Kierkegaard – sei „die Krankheit zum Tode“).

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden…

 

Nichts als eine tröstliche Illusion, die uns über die Tatsache hinweghelfen soll, dass es mit uns Sterblichen rettungs- und hoffnungslos abwärts und zuende geht?

Friedrich Hölderlin

Hyperions Schicksalslied

….

Doch uns ist gegeben,
   Auf keiner Stätte zu ruhn,
     Es schwinden, es fallen
       Die leidenden Menschen
         Blindlings von einer
           Stunde zur andern,
            Wie Wasser von Klippe
              Zu Klippe geworfen,
               Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Friedrich Hölderlin, Hyperions Schicksalslied, aus: „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“, 2. Band, erschienen 1799.

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Vielleicht handelt es sich aber bei Hesse nicht nur um Hoffnung und Illusion, sondern um den allem Lebendigen eingeborenen Willen, immer wieder hinaufzusteigen und Gipfel zu erklimmen, egal, wie oft es uns schon hinabgeschleudert hat…

 

 

 

 

 

 

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Impulswerkstatt: Bild 4 (Geheimschrift der Natur)

„Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magnet her, und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls, erblickt. In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift, die Sprachlehre derselben, allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen. Ein Alkahest scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein. Nur augenblicklich scheinen ihre Wünsche, ihre Gedanken sich zu verdichten. So entstehen ihre Ahndungen, aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder, wie vorher, vor ihren Blicken.“

So beginnt der unvollendete Roman „Die Lehrlinge zu Sais“ von Novalis, entstanden am Ende des 18. Jahrhunderts (1798-1799) und posthum 1802 erstmals veröffentlicht. Immer kommen mir diese Sätze in den Sinn, wenn ich die Rätselschrift der Natur zu entziffern versuche, wie hier auf Myriades Foto 4 zur Impulswerkstatt.

Überall stoßen wir auf die Wunderschrift der Natur, aber vergeblich suchen wir sie zu entziffern. Und da heißt es dann oft: es gibt nichts zu entziffern, irgendwelche Insekten haben sich hier durch den Bambus, den Granatapfel gefressen und etwas hinterlassen, was Schriftzeichen ähnelt, aber ein Sinn steckt nicht dahinter.

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Und doch ziehen mich – und viele andere – die Zeichen der Natur magisch an, als verberge sich dahinter eine Chiffrenschrift, die, wenn wir sie nur verstünden, uns Auskunft geben würde über all die Geheimnisse der Natur und unserer Existenz als Menschen.

So sammelte ich erstarrte Schlänglein aus dem Staub meines Ateliers und betrachtete sie lange.

Ich legte mir die Schlänglein zu immer neuen Sätzen zusammen:

Dieses bildet das Ewigkeitszeichen nach.

Und jene?

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Würde sie mir ihr Geheimnis offenbaren, wenn ich sie in ein Lichtzeichen verwandelte?

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In einem Text deutete ich die nun immer mehr anwachsende Reihe der Schlänglein als „Geheimschrift der Toten“.

Vermögt ihr, Verstorbene, uns eure Gedanken zu schicken?

Eine Geheimschrift vielleicht, in der ihr uns sagt,

was uns erwartet, was wir dann endlich erblicken

und kennenlernen, wonach wir vergebens gefragt?

Wie ist eure Sprache, und wie sind die Zeichen

Die ihr uns, den Lebenden, sendet, von dort?

Sinds Blumen? Sinds Wolken? Oder die bleichen

Gesichter der Menschen, die vernommen das Wort?

Ich fand einst im Staube zehn Schlänglein, erstarrten,

was brachte sie um? Was wars für ein Gift?

Und aus ihren Leibern, den wundervoll zarten

Da formte sich mir eine heilige Schrift.

Darin kann ich lesen

Was wird und gewesen.

(Dienstags-Drabble vom 8.4.2025)

In allen Kulturen werden Formen der Natur als Zeichen gedeutet. Der Ouroboros („Schwanzverschlinger“, also die Schlange, die sich vom Schwanz her selbst verschlingt) gilt als Zeichen der Einheit des Alls: Werden und Vergehen, Individualisierung und All sind nur verschiedene Zustände ein und desselben. Alles ist eins. Oder richtiger: Eins ist alles, „Eins das All“.  Ἓν τὸ πᾶν

(Illustration aus der „Chrysopoeia der Kleopatra“. Ἓν τὸ πᾶν ((Wikipedia: Uroboros)

„Lichtschrift“ ist die wörtliche Übersetzung von „Photografie“ aus dem Griechischen: ich schreibe mit Licht. Richtiger aber wäre zu sagen: das Licht schreibt sich ein in die Dinge, manchmal spielerisch, dann wieder hart und genau, enthüllend, verhüllend.

Es schreibt sich ein in die leichte Bewegung der Wellen

Gaslampe, Horn des Ziegenschädels, Gläser mit Pinseln werden mir hier zu Chiffren einer noch unentzifferten Schrift.

oder hingeworfene Zeichen und Linien verdichten sich zu menschlichen Figuren, scheinen lesbar zu werden.

Alles ist Zeichen … oder Unsinn.

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112 Stufen, 12: Jauchzen (Johann Sebastian Bach)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
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Matis der Maler, genannt Grünewald: Isenheimer Altar,Engelskonzert

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage,
rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!

Diese erste Strophe des Weihnachtsoratoriums, die 1743 erstmals in Leipzig erklang, erfüllt mein Herz noch heute mit Jubel. Das liegt natürlich nicht an dem Text selbst, den Bach aus etlichen anderen für diesen Zweck zusammengeschustert hat, sondern an der überwältigenden Freude der Musik.

Als ich eben nach dem genauen Text googelte, sah ich, dass morgen, am 14. Juni, das Weihnachtsoratorium auf dem Spielplan des Leipziger Bachfestes „Transformation“ steht. Und nicht nur das! Ich erfuhr auch, dass

„es wirklich ein außergewöhnliches Orchester (ist), das gemeinsam mit dem GewandhausChor Leipzig die ersten drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach aufführt: Das Galilee Chamber Orchestra, sesshaft in Nazareth, ist das erste professionelle Ensemble in Israel, das sich sowohl aus jüdischen als auch aus arabischen Musiker*innen zusammensetzt. Ein weiteres Markenzeichen des von Saleem Ashkar geleiteten Orchesters ist die gute Mischung aus jungen und aus erfahrenen Musiker*innen, die gemeinsam auf höchstem Niveau spielen. Die Musik von Johann Sebastian Bach führt somit in Leipzig auf ganz besondere Weise jüdische, christliche und arabische Künstler zusammen.

So las ich hier.

Ein wenig Freude in diesen finsteren Zeiten! Sehr gerne möchte ich an ihr teilhaben und auch dich dazu einladen, diese Freude übers Ohr in dein Herz strömen zu lassen!

Hier eine Aufnahme der Netherlands Bach Society, vom 17.12.2024

 

 

 

 

 

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112 Stufen, 11: Ehre (Goethe, Valentin und Gretchen)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Über das Thema der Frauenehre zerriss man sich in meiner Jugend noch die Münder – und tut es in den meisten Kulturen bis heute. Es sind nicht die betroffenen Frauen selbst, sondern ihre Umwelt, um deretwillen Frauen ihre Jungfräulichkeit und danach ihre eheliche Untadeligkeit „wie ihren Aufapfel“ hüten sollen. Denn daran hängt die „Ehre“ der ganzen Sippe. Gerade habe ich „Anna Karenina“ von Tolstoi beendet, die an diesem Konflikt zugrundegeht, und fühle noch den Nachhall in mir.

Den ersten prägenden Eindruck davon, welche Anmaßung im Ehrbegriff, dem die Frauen unterworfen werden, steckt, hinterließ mir in jungen Jahren eine Szene in Goethes Faust:  Gretchens Bruder Valentin beklagt sich bitter, dass Gretchen ihm sein Leben versaut habe: er kann sich beim Wein nicht mehr vor seinen Kumpanen rühmen, das tugendhafteste aller Mädchen zur Schwester zu haben.

Valentin:

Wenn ich so saß bei einem Gelag,
Wo mancher sich berühmen mag,
Und die Gesellen mir den Flor
Der Mägdlein laut gepriesen vor,
Mit vollem Glas das Lob verschwemmt,
Den Ellenbogen aufgestemmt,
Saß ich in meiner sichern Ruh,
Hört all dem Schwadronieren zu
Und streiche lächelnd meinen Bart
Und kriege das volle Glas zur Hand
Und sage: »Alles nach seiner Art!
Aber ist eine im ganzen Land,
Die meiner trauten Gretel gleicht,
Die meiner Schwester das Wasser reicht?«
Topp! Topp! Kling! Klang! das ging herum;
Die einen schrieen: »Er hat recht,
Sie ist die Zier vom ganzen Geschlecht.«
Da saßen alle die Lober stumm.
Und nun! – um’s Haar sich auszuraufen
Und an den Wänden hinaufzulaufen! –
Mit Stichelreden, Naserümpfen
Soll jeder Schurke mich beschimpfen!
Soll wie ein böser Schuldner sitzen
Bei jedem Zufallswörtchen schwitzen!
Und möcht ich sie zusammenschmeißen
Könnt ich sie doch nicht Lügner heißen.

Die persönliche Kränkung führt ihn dazu, Faust aufzulauern. Er ist bereit, ihm den „Schädel zu spalten“ und täte es auch, wenn Mephisto Faust nicht die Hand führen würde. Und so stirbt er selbst.

Geht es um die Schwester? Fragt er nach ihren Wünschen, ihren Qualen? Bedauert er sie vielleicht gar? O nein, ganz und gar nicht. Es geht nur um ihn selbst und seinen Ruf bei dem Kumpels. Der Tod beeindruckt ihn nicht, nur der Ehrverlust. Sterbend verflucht er sie.

Ich sterbe! das ist bald gesagt
Und balder noch getan.
Was steht ihr Weiber, heult und klagt?
Kommt her und hört mich an! (Alle treten um ihn.)
Mein Gretchen, sieh! du bist noch jung,

Bist gar noch nicht gescheit genung,
Machst deine Sachen schlecht.
Ich sag dir’s im Vertrauen nur:
Du bist doch nun einmal eine Hur,
So sei’s auch eben recht!

Du fingst mit einem heimlich an
Bald kommen ihrer mehre dran,
Und wenn dich erst ein Dutzend hat,
So hat dich auch die ganze Stadt.

Seine männlichen Ehrvorstellungen, die er mit der ganzen Gesellschaft teilt, machen ihn bitter und herzlos. Seine Schwester – eine Hure, eine Metze – verdient nichts als Verachtung, Ächtung und endlosen Jammer.

Ich seh wahrhaftig schon die Zeit,
Daß alle brave Bürgersleut,
Wie von einer angesteckten Leichen,
Von dir, du Metze! seitab weichen.
Dir soll das Herz im Leib verzagen,
Wenn sie dir in die Augen sehn!
Sollst keine goldne Kette mehr tragen!
In der Kirche nicht mehr am Altar stehn!
In einem schönen Spitzenkragen
Dich nicht beim Tanze wohlbehagen!
In eine finstre Jammerecken
Unter Bettler und Krüppel dich verstecken,
Und, wenn dir dann auch Gott verzeiht,
Auf Erden sein vermaledeit!“

Valentins letzte Worte sprechen Gretchen schuldig an seinem Tod. Er selbst fühlt sich im Recht und erwartet, dass Gott es genauso sieht wie er.

Ich sage, laß die Tränen sein!
Da du dich sprachst der Ehre los,
Gabst mir den schwersten Herzensstoß.
Ich gehe durch den Todesschlaf
Zu Gott ein als Soldat und brav.

Die Ehre des Soldaten Valentin


In dieser Welt wuchsen wir heran. Die Männer schlugen sich „ehrenhaft“ in Kriegen die Köpfe ein, und für die Frauen war nichts schlimmer, als mit einem „Liebhaber“ erwischt zu werden oder gar einen „Bastard“ zur Welt zu bringen.

Dieser lächerliche heuchlerische und bösartige Ehrbegriff der patriarchalischen Gesellschaft ist purer Terror und hat uns Frauen schlimmer deformiert als alles, was uns sonst angetan wurde. Denn viele von uns haben ihn verinnerlicht, leiden an ihm und geben ihn dienstbereit weiter an ihre Töchter und Söhne.

 

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112 Stufen, 10: Familie (David Cooper)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Als ich mich 1967 der Sozialpädagogik zuwandte, war Cooper, radikaler Kritiker der psychiatrischen Institutionen, in antiautoritären, „revolutionären“ Kreisen up-to-date. In jenem Jahr erschien sein Buch Psychiatry and Anti-Psychiatry und wurde von unserer Generation mit begeisterter Zustimmung aufgenommen. 1967 organisierten er und seine Mitstreiter auch den inzwischen legendären Kongress Dialectics of Liberation in London. Na, kennst du die damaligen Vordenker einer vom Kapitalismus und seinen Plagen befreiten Welt noch? Schau mal hier!

Cooper, der den Begriff „Anti-Psychiatrie“ prägte, und andere Vordenker jener Zeit revolutionierten die Lehre von den psychischen Erkrankungen. Psychosen seien Ergebnis der gesellschaftlichen Verhältnisse, und die Institution, die die Individuen entsprechend zurichte und konditioniere, sei die Familie. Und so war es nur konsequent, den Tod der Familie zu fordern. 1971 erschien dann das Buch „The Death of the Family“, und ja, auch ich fand, dass es im Großen und Ganzen ins Schwarze traf. Von ganzem Herzen begrüßte ich die damals aufkommende anti-autoritäre Erziehung und beteiligte mich 1971 am Aufbau eines Kinderladens, den mein Sohn im Alter von 2-7  mit großer Freude besuchte. Für mich war diese Initiative die Rettung, denn nur durch sie konnte ich Arbeit und Familie in Einklang bringen.

Den ideologischen Überbau, der in manchen Kinderläden zu endlosen Debatten und rigorosen Forderungen führte, fand ich freilich schon damals ärgerlich. Ist es nicht besser, beides – die Qualitäten der Familie und des selbstorganisierten freien Miteinanders der Kinder – zu nutzen, anstatt sie gegeneinander auszuspielen? Genau das taten wir in unserer Gruppe, und so habe ich dieses Experiment in dankbarer Erinnerung.

 Frankfurter Kinderladen, 1974, Aquarell nach Foto.

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Dienstags-Drabble: Aufforderung

 

Strand-ideal-leuchten sind die drei sommerlichen Wörter, die Heide von der Puzzleblume fürs heutige Drabble vorgegeben hat. Ich habe sie in einem gereimten Text von genau 100 Wörtern untergebracht.

Aufforderung

 

Kannst du den kühlen Abendhauch wohl spüren

während helle Wellen leicht den Strand berühren

und die Wellenzungen deinen Zeh befeuchten

während Sonnenstrahlen dir noch wärmend leuchten?

 

Bleib so liegen, lass das Grübeln mal

schließ die Augen, denke ideal.

Denke, dass die Welt im Wechselspiel

Stets bewegt ist und gar nie am Ziel.

 

Ganz wie immer schon Gezeiten

Flut dem einen bringt, während die weiten

Küsten sich der andern plötzlich leeren

Und die Menschen leiden und entbehren.

 

Bald schon zieht die Welle sich zurück

Lässt am Strande Schwemmgut nur zurück

Dann steh auf und denk der andern

Die an Wellenrändern wandern.

 

 

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112 Stufen, 9: Erschrecken (Lukas)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Der Evangelist Lukas schildert in einer eindrucksvollen Szene, wie der Erzengel Gabriel zu einer jungen Frau namens Maria tritt und ihr verkündet, dass sie den Thronfolger von König David zur Welt bringen wird. „Wie soll das zugehen“, fragt sie, „da ich doch von keinem Manne weiß?“

Maria erschrickt.  Das kann ich gut verstehen. Ich stelle mir vor, wie ich das aufgenommen hätte als junge Frau, wenn plötzlich ein gewaltiger Engel in meinem Zimmer stünde und mir Ungeheuerliches verkündete. Ich werde schwanger, aber nicht von meinem Mann? Mein Sohn soll das Erbe des Throns eines Königreiches antreten, das es längst nicht mehr gibt? Palästina steht ja seit sechzig Jahren unter römische Herrschaft. Der von Rom eingesetzte Statthalter, König Herodes, der das Gebiet mit eiserner Faust regierte, ist tot. Überall gärt es, es kommt zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen werden. Die wildesten Prophezeiungen machen die Runde… Und nun erfahre ich, eine junge Frau, dass ich demnächst schwanger sein werde und Mutter des Königs und Reichserben….

Das Erschrecken dieser jungen Frau steht am Anfang dessen, was wir unser „christliches Abendland“ nennen und in dessen Tradition auch ich stehe. Und so habe auch ich in meiner Kindheit diesen Text immer wieder gehört und in mir aufbewahrt.

(Ich nehme den Text in der Übersetzung von Luther, der sich mir tief eingeprägt hat. Die neueren Übersetzungen mag ich nicht so.)

Verkündigung von Ustjug. Russische Ikone, 12. Jahrhundert.

Russische Ikone, anonym. Tretyakov Gallery, Wikimedia

Die Ankündigung der Geburt Jesu

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Leonardo da Vinci, um 1472–1475, Uffizien (Wikipedia)

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Früchte aufsammeln

Wie in vielen der hiesigen Gärten fallen auch in unserem Garten Früchte zu Boden und bleiben unbeachtet liegen. Dies sind wilde Orangen, die wir nicht ernten, weil sie bitter und voller Kerne sind.

Als ich diese Bescherung nun sah, überlegte ich, ob ich nicht doch einen Kompott aus den Schalen und dem Saft zubereiten könnte, und sammelte sie ein.

Der Aprikosenbaum trägt nie viele Früchte, die wenigen aber sind unvergleichlich köstlich, wenn man sie sonnenreif isst. Der Baum wirft die Früchte einzeln ab, manche zerplatzen, und ich bin sogleich da, um sie aufzulesen, denn auch die Ameisen lieben sie sehr.

Die Granatäpfel, die zu Boden fallen, sind irgendetwas auf dem Weg von der Blüte zur Frucht. Sie sind sehr hübsch, finde ich, aber für die Küche weiß ich keine Verwendung.

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Archivbild der Woche 23, 8. Juni 2019: Synchrones

Mein heutiger Beitrag zu Heides Projekt „Archivbild der Woche“:

Dazu schrieb ich an einem Tag wie diesem vor sechs Jahren:

„Die Kombination Zeichnen und mich gleichzeitig politisch Bilden hat mir heute wieder ein doppeltes Ergebnis beschert: einerseits brachte ich eine recht komplexe, geduldige Zeichnung meines Schreibtisches mit Tischlampe und Zimmerecke zustande, andererseits ließ ich mir meine Ansichten über die Unrechtmäßigkeit von Kriegen im allgemeinen und des US-gestützten Yemenkriegs der Saudis im besonderen bestätigen. Der Redner, Dr. Daniele Ganser, Schweizer Historiker und Friedensforscher, ist natürlich allen Kriegstreibern ein Dorn im Auge, mir aber Labsal. Wer ihn nicht kennt: einfach mal reinschauen.“

Und heute? Die wachsende Bereitschaft, Kriege jedweder Art nicht mehr als unrechtmäßig, sondern als eine irgendwie unausweichliche Fortsetzung der Politik anzusehen, macht mir zu schaffen. In diesen Strudel werden immer mehr Staaten hineingerissen, obgleich sie als Mitglieder der UNO jeder Gewaltanwendung gegen andere Staaten abgeschworen haben. Die meisten Menschen meinen, Partei ergreifen zu müssen für die eine oder andere Seite in den endlosen Kriegen, die auf der Erde wüten. Sie fühlen sich gut und im Recht, wenn sie die einen als Helden und Opfer, die anderen als Schweine und Verbrecher bezeichnen. Sie streiten sich wie die Kinder auf dem Schulhof über die Frage: wer hat angefangen? Der da? Dann hau ihn in die Fresse. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Wer aber ergreift Partei gegen den Krieg und sorgt für Frieden?

Fast unhörbar im lauten Kriegsgeschrei ist heute die Stimme derjenigen, die blutige Tränen weinen über das, was sich die Menschen gegenseitig antun.

(Das Legebild „Gib dem Frieden eine Chance“ ist 2015 entstanden)

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