Dienstags-Drabble: Frische Luft! (überhaupt nicht kata-strophisch)

Für das heutige Dienstags-Drabble hat Heide die Wörter

Dunsthülle – sich formen – unbezahlbar

vorgegeben. Ich habe dazu einen Frischluft-Text in ordentlichen Reimen erdichtet.

 

Frische Luft!

In der Dunst- und Nebelhülle

die so manche fleißig weben

siehst Gestalten du in Fülle

und du fragst dich, ob sie leben?

 

Sind wohl Geister, sind Gespenster

Was sich drinnen formen will…

Öffne angelweit das Fenster

Sei’s Oktober, sei’s April.

 

Denn was hilft dir das Orakel

Solcher wabernden Gestalten?

Nichts als lügnerisch Spektakel

Ist΄s, was ihre Stimmen lallten.

 

Achte stets auf klare Sicht

Sie erlaubt dir, zu verstehen

Was real ist und was nicht

Lass dir nicht den Kopf verdrehen!

 

Frische Luft verschafft dir Klarheit

Wenn die Lüge lauthals brüllt,

Unbezahlbar ist die Wahrheit

Die man dir so gern verhüllt.

 

 

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112 Stufen, 85: Verfolgung (Mascha Kaleko)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Rassistische Verfolgung ist schlimmer als politische, denn der, der verfolgt wird, hat nicht die Möglichkeit, einem unerwünschten Aspekt seiner Existenz abzuschwören und dadurch der Verfolgung zu entkommen. Mascha Kaleko ist unter den Bedingungen der rassistischen Verfolgung geboren worden – aufgewachsen – zur Dichterin geworden …

Eine sehr schöne Auswahl ihrer Gedichte, die sich wie eine Autobiografie liest, fand ich hier. Dieser Auswahl habe ich auch das folgende Gedicht entnommen.

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Mascha Kaléko

Überfahrt

Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Nur Gott. Den haben sie mit uns vertrieben.
Von all den Vielen ist nur er geblieben.
Sonst keiner, der in Treue zu uns hält.

Kein Herz, das dort am Ufer um uns weint,
nur Wind und Meer, die leise uns beklagen.
Lass uns dies alles still zu zweien tragen,
dass keine Träne freue unsern Feind.

Sei du im Dunkel nah. Mir wird so bang.
Ich habe Vaterland und Heim verlassen.
Es wartet so viel Weh auf fremden Gassen.
Gib du mir deine Hand. Der Weg ist lang.

Und wenn das Schiff auf fremder See zerschellt,
wir sind einander mit dem Blut verschrieben.
Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Uns bleibt das eine nur: uns sehr zu lieben.

 

 

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Archivbild der Woche (nachgetragen): 24. August 2023

Jeden Sonntag steige ich ins Archiv hinunter, um, wie Puzzleblume angeregt hat, ein Bild hervorzuholen, das ich an einem Tag wie diesem, aber in einem anderen Jahr aufgenommen habe. Gestern kam ich nicht dazu, das „Archivbild der Woche“ zu posten. Und so hole ich es heute nach.

Wunderbarerweise tauchte in den Tiefen des Archivs eines der Tierchen auf, die ich gestern in anderem Zusammenhang nicht so freundlich bedachte (hier). Und da niemand sage, ich würde es diskrimieren, zeige ich es hier in einer Großaufnahme und in seiner ganzen komplizierten Schönheit. („Heupferdchen“, Foto vom 24.8.2023)

 

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112 Stufen, 84: Schrecken (Heuschrecken, Franz Münterfering, Ukraine)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Bei dem heutigen Wort der Holsteiner Treppe „Schrecken“ fallen mir als erstes die „Schrecken des Kriegs“ samt ihren vielfältigen literarischen und künstlerischen Bearbeitungen ein. Aber es fällt mir auch  die Ukraine ein, die nicht nur von den Schrecken des Kriegs, sondern Ende Juli dieses Jahres auch von einer Heuschreckenplage heimgesucht wurde, die die verbliebenen Ernten im Süden des Landes vernichteten.

fonds and other hungry beasts

Heuschrecken – damit meine ich freilich nicht nur die Insekten, die laut Bibel als göttliche Strafe immer mal wieder die Menschheit überfallen, sondern auch die großen Hedge-Fonds und Vermögensverwalter, die seit Beginn des Kriegs massiv in den Kauf der landwirtschaftlichen Nutzflächen der Ukraine mit der berühmten schwarzen Erde eingestiegen sind. „Abertausende Hektar Land haben 2022 und 2023 den Besitz gewechselt. Laut der Studie „Krieg und Diebstahl“ des kalifornischen Oakland Instituts, eines Thinktank für Nahrungssicherheit und Landaneignungen, gehören bereits drei Millionen Hektar fruchtbares Ackerland gerade mal einem Dutzend großer Agrarunternehmen. Oaklands Strategiedirektor Frédérick Mousseau nennt das eine Übernahme der ukrainischen Landwirtschaft durch westliche Konzerne,“ meldete die FR bereits im Oktober 2023.

In einem Blogeintrag von 2015, den ich „Heuschrecken und andere Schrecken“ betitelte und auf die damalige griechische Krise bezog, schrieb ich : „Der Begriff Heuschreckendebatte wurde im April und Mai 2005 geprägt. Auslöser war eine Äußerung des damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Münterfering. Er verglich das Verhalten mancher „anonymer Investoren mit Heuschreckenplagen.

Franz Münterfering gegenüber BILD:

„Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten – sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter.“

„Heuschrecken“ gelten im deutschen politischen Sprachgebrauch seitdem als Metapher für Private-Equity-Gesellschaften und andere Formen der Kapitalbeteiligung mit kurzfristigen oder überzogenen Renditeerwartungen, wie Hedge-Fonds oder sogenannte Geierfonds.

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2015/05/heuschrecken-and-other-funds-eat-up-the-fruits-of-life-copy.jpg

 

 

 

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Kunst hilft: „Familienausflug“ wechselte die Besitzerin

Heute wurde eines der früheren Aquarelle nachgefragt, und ich freute mich. Es handelt sich um das Aquarell (mit Feder) „Familienausflug“, das Eva sich aussuchte.

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112 Stufen, 83. Terror (Maximilien de Robespierre, Joseph-Ignace Guillotin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Robespierre:

„Die Triebfedern der Volksregierung im Stadium der Revolution sind Tugend und Terror zugleich: die Tugend, ohne die der Terror unheilvoll wäre, und der Terror, ohne den die Tugend machtlos ist“.

„Terror ist nichts anderes als rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit. Er ist eine Offenbarung der Tugend. Der Terror ist nicht ein besonderes Prinzip der Demokratie, sondern er ergibt sich aus ihren Grundsätzen, welche dem Vaterland als dringendste Sorge am Herzen liegen müssen.“ (5.2.1794)

Danton:

„Seien wir schrecklich, damit es das Volk nicht zu sein braucht! Dies ist ein Gebot der Humanität.“

under pressure

(Legebild zu Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“)

 

La Terreur – die letzte Phase der Französischen Revolution – war wohl der erste Versuch, große gesellschaftliche Umwälzungen durch Staatsterror zu erzwingen. Auch der Monarchie wurde zuvor, etwa durch Voltaire, Herrschaft par la terreur vorgeworfen, und in den frühen Phasen der Revolution fehlte es nicht an Schrecken, aber erst nach der Hinrichtung Ludwigs XVI (1793) wurde der Terror durch Robespierre institutionalisiert und ideologisch begründet.

Wer war dieser erste große Staats-Terrorist Maximilien de Robespierre (1758–1794), der schließlich selbst Opfer der von ihm errichteten Tötungsmaschinerie wurde? Begonnen hatte er als „Advokat der Armen“, hatte sich gegen die Todesstrafe gestellt und sich den Ruf eines „Unbestechlichen“ erworben. Er wurde Mitglied der 1789 ausgerufenen Nationalversammlung, wo er sich u.a. für Pressefreiheit, Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien und Aufhebung der Todesstrafe einsetzte.

Nach dem Fluchtversuch des Königs – was als Verrat an Frankreich angesehen wurde – stimmte auch er für dessen Tod durch die Guillotine.

Diese Köpfmaschine („Rasiermesser der Nation“) hatte der Arzt Joseph-Ignace Guillotin 1789 als gegenüber der Enthauptung durchs Schwert humanere Tötungsart empfohlen. Ab 1793 wurde sie in immer rasanterem Tempo eingesetzt, um der „Tugend“ zur Herrschaft zu verhelfen. Und da die Revolutionäre nach Robespierres richtiger Erkenntnis durchaus nicht tugendhaft waren, wurden auch sie und schließlich er selbst geköpft. Insgesamt kamen zwischen März 1793 und August 1794 16.594 Menschen durch die Guillotine ums Leben. Als Robespierre und 21 seiner Anhänger am 28. Juli 1794 zur Guillotine gebracht wurden, versammelte sich Tout-Paris, um dem Spektakel jubelnd und lachend beizuwohnen.

Diejenigen, die Robespierre köpfen ließen und damit seiner Schreckensherrschaft ein Ende bereiteten, waren natürlich ihrerseits keineswegs tugendhaft, sondern eifrig bemüht, sich an dem enteigneten Besitz von Klerus und Adel zu bereichern. Und die Guillotine wurde erst 1981 mitsamt der Todesstrafe abgeschafft. (Letzte Hinrichtung per Guillotine: 10. September 1977).

 

 

 

 

 

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112 Stufen: Sechs Treppenabschnitte im Rückblick

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

img_8693Der sechste Treppenabschnitt ist genommen. Der nächste Abschnitt ist dann wieder voller Schrecknisse. Bevor ich mich dem zuwende, mache ich eine Verschnaufpause und blicke zurück auf die 82 Stufen, die ich hinter mir gelassen habe. Es waren diesmal schwergewichtige hochklingende Wörter zu passieren: Würde, Treue, Tiefe, Güte, Klärung, Ausdauer – standhaft, göttlich – überwinden, beistehen – und die Autoren, die ich zu Rate zog, reichten erneut von den Wurzeln unserer abendländischen Kultur bis ins 20. Jahrhundert, d.h. von der griechisch-römischen Epoche (Aristoteles und Cicero) und der Bibel (Evangelien und Paulus) über die deutschen Klassiker (Schiller und Goethe) bis hin zu Nietzsche, Lassalle und Einstein, Brecht und Bachmann.  Auch die Musik war wieder  vertreten mit Gustav Mahler, Carl Orff und Kurt Weill.

 

Der sechste Treppenabschnitt im Rückblick:

82 Würde (Friedrich Schiller, Bertold Brecht et al, Verfassungen) – 81  standhaft (Friedrich Schiller, die Glocke, Bürgertum) – 80 Treue (Carl Orff, Die Kluge) – 79 Tiefe (Friedrich Nietzsche, Gustav Mahler, O Mensch gib Acht!) – 78 göttlich (Johann Wolfgang von Goethe, Edel sei der Mensch) – 77 Güte (Bibel, Bertold Brecht, Ein guter Mensch sein…) – 76 Klärung (Ingeborg Bachmann, Erklär mir, Liebe) – 75 überwinden (Rainer Maria Rilke, Der Schauende) – 74 beistehen (Paulus, Galater, einer trage des anderen Last) – 73 Ausdauer (Albert Einstein, Ausdauer und wegwerfen) –

Der fünfte Treppenabschnitt im Rückblick:

71 verlassen (Eichendorff, „Das zerbrochene  Ringlein“) – 70 Enttäuschung (Luise Büchner, „Höchstes Leid“) – 69 Verzweiflung (Kierkegaard, „Krankheit zum Tode“, Nietzsche) – 68 Weinen (Goethe, „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) – 67 Hass (Ricarda Huch, „Mein Herz, mein Löwe“, Heinrich Heine, „Diesseits und jenseits des Rheins“) – 66 Kurzschluss (Heinz Ehrhardt, „Kurz vor Schluss“, Bertold Brecht „Matrosentango“ aus „Happy End“) – 65 Zweifel (Aristoteles, Buridans Esel, Enzensberger, „Entschlusslosigkeit“) – 64 Panik (Carl-Christian Elze, „PanikParadies“, Pandemie) – 63 Liebeskummer (Nietzsche, „theokritischer Ziegenhirt“) – 62 Kränkung (Dieter Bonhoeffer, „Wer bin ich?“) – 61 Eifersucht (Tolstoi „Kreutzersonate“, Shakespeare „Othello“)

Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick:

60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, Korinther, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff Mann-Frau, „Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, weibliche Emanzipation) – 46 erlauben (Verschnaufpause)

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma („Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, Verliebtsein) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „ohne Schuld“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, Poseidon, Odysseus) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti, „Futuristisches Manifest“) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel, Rede zum Büchner-Preis) – 28 friedlich (Bertold Brecht, „Friedenslied“)) – 27 beruhigen (Natur, erleben) – 26 Freude (Friedrich Schiller, „An die Freude“) – 25 Verbot (Anatole France, Gleichheit vorm Gesetz) – 24 wappnen (Martin Luther, „Ein feste Burg“) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh, Vormärz „Wiegenlied“) – 22 Zorn (Roman Herzog „Aguirre“, Georg Trakl „Grodeck“) – 21 Begeisterung (Hegel, Definition) – 20 Bruder (Karl König, „Bruder Tier“) – 19 Nähe (Christian Morgenstern, „Näherin“) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz „Mächtig ist die Ehrlichkeit“) – 17 Lachen (Günter Grass „Hier wird nicht mehr gelacht“) – 16 Sprechen (Schiller, „Die Bürgschaft“) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch „Mein Herz, mein Löwe“, Leo Tolstoi „Auferstehung“, Matthäus-Evangelium) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt, „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“) – 13 beschützen (Hermann Hesse, „Stufen“, Hölderlin „Hyperions Schicksalslied“) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach, „Weihnachtsoratorium“) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe, Valentin im „Faust“) – 10 Familie (David Cooper, „Tod der Familie“) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium „Verkündigung“) – 8 Angst (Mascha Kaléko, „Jage deine Ängste fort“) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche „Im Süden“) – 6 Heimat (Theodor Fontane „Graf Douglas“) – 5 Liebkosen (Aischilos „Gefesselter Prometheus“, Selbst „Schwanenwege“ // Leo Tolstoi „Anna Karenina“) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert, „Die Küchenuhr“) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky „Mutters Hände“) – 2 Streicheln (John Steinbeck „Of Mice and Men“) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe „Willkommen und Abschied“).

 

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112 Stufen, 82: Würde (Schiller, Brecht, Lassalle, Kant, Aristoteles und ich selbst)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Der als unverbesserlicher Idealist verschrieene Friedrich Schiller hat etwas zur Würde des Menschen gesagt, das eines Bertold Brecht würdig gewesen wäre. Er sagte es nicht in langatmigen Ergüssen, sondern kurz und bündig, in einem berühmten Distichon (Musen-Almanach für das Jahr 1797):

Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen
Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.

Eine Verwandtschaft mit Brechts Diktum aus dem Schlussgesang der Dreigroschenoper ist unverkennbar:

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“*

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Seit Beginn der abendländischen Philosophie wird dem Menschen eine besondere „Würde“ zugesprochen, weil er ein vernunftbegabtes Wesen sei. Diese Auffassung ist unterschwellig bis heute vorhanden, und auch dazu hat Brecht einen deutlichen Ausspruch getan:

Ein Mensch ist kein Tier!**

Und er ist auch kein „Objekt“ – wie Kant formulierte. Wegen der NS-Geschichte heißt es im Grundgesetz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sie ist also als Abwehrrecht gegen die Übergriffigkeit des Staates garantiert. Insbesondere ist es nicht gestattet, Menschen als Objekte des staatlichen Handelns zu instrumentalisieren.

Die Weimarer Verfassung hatte noch den sozialen Aspekt („menschenwürdiges Dasein“) deutlicher im Blick:

Die Ordnung des Wirtschaftslebens muss den Grundsätzen der Gerechtigkeit mit dem Ziele der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle entsprechen“ – eine Formulierung, die auf Ferdinand Lassalle (1825-1864) zurückging.

Schon die erste Verfassung des neugriechischen Staates, die aus der Revolution 1821-29 hervorging, bestimmte übrigens:

„Der Respekt und Schutz der Würde (des Wertes) des Menschen ist die erste Pflicht des Gemeinwesens.“ 

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Doch daneben gab es immer schon einen anderen Aspekt der „Würde“, der nicht von einem Geburtsrecht auf Würde ausging, sondern sie an das Verdienst für die Gemeinschaft band. Beginnend mit Aristoteles konnte man sich Würde (αξία = Wert/ αξιοπρέπια = Würde) verdienen und man konnte sie bei verächtlichem oder verräterischem Verhalten auch wieder verlieren. Dieser Würde-Begriff klingt bis heute im Ausdruck „in Amt und Würden“ nach.

Dass Würdenträger ihre Würde manchmal auch als Bürde erleben, habe ich mal im Kontext der abc-etüden bereimt:

Klage eines Würdenträgers

„Ich ahnt es nicht, dass meine Würde
Mir einmal würd zur schweren Bürde!“
Der Würdenträger seufzte
Und in sein Taschentuch sich schnäufzte.

„Als ich noch jung und lustig war,
so zwischen zehn und zwanzig Jahr
da nahm ich jede Hürde
ganz ohne jede Bürde.

Doch nun, ihr Werten, Lieben,
müsst ihr mich vorwärts schieben,
und in dem speckigen Talar
steh ich gebeugt an dem Altar

und red von würde und von sollte,
weil sonst der liebe Herrgott grollte.
Viel lieber würd ich mit euch tanzen
Und nochmals schultern meinen Ranzen

Ganz ohne Pflicht und Amtstalar
Doch nie kommt wieder, was einst war.“

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*Der Liedtext (aus der Dreigroschenoper)

Ihr Herren, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd‘ und Missetat vermeiden kann
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an
Ihr, die ihr euren Wanst und uns’re Bravheit liebt
Das Eine wisset ein- für allemal
Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten
Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden

Denn wovon lebt der Mensch?

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist

Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein
Der Mensch lebt nur von Missetat allein

Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben
Und ihre Augen einwärts drehen kann
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an
Ihr, die auf uns’rer Scham und eurer Lust besteht
Das Eine wisset ein- für allemal
Wie ihr es immer schiebt und wie ihr’s immer dreht
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden

Denn wovon lebt der Mensch?

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist

Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein
Der Mensch lebt nur von Missetat allein!

Text: Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill

** Der Liedtext (aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, 1930)

Meine Herren, meine Mutter prägte Auf mich einst ein schlimmes Wort: Ich würde enden im Schauhaus Oder an einem noch schlimmern Ort. Ja, so ein Wort, das ist leicht gesagt, Aber ich sage euch: Daraus wird nichts! Das könnt ihr nicht machen mit mir! Was aus mir noch wird, das werdet ihr schon sehen! Ein Mensch ist kein Tier! Denn wie man sich bettet, so liegt man Es deckt einen da keiner zu Und wenn einer tritt, dann bin ich es Und wird einer getreten, dann bist’s du. Meine Herren, mein Freund, der sagte Mir damals ins Gesicht: „Das Größte auf Erden ist Liebe“ Und „An morgen denkt man da nicht.“ Ja, Liebe, das ist leicht gesagt: Aber wenn man täglich älter wird Da wird nicht nach Liebe gefragt Da muß man seine kurze Zeit benützen Ein Mensch ist kein Tier!

Text: Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten. arkadische Sonnenblumen

Für eine Verschnaufpause fuhren wir gestern kurz von der Autobahn Richtung Kalamata ab. So gerieten wir auf eine kleine Landstraße, an der eine Gruppe riesiger, von der Nachmittagssonne durchleuchteter Sonnenblumen stand. Entzückt von dem Anblick hielten wir an und stiegen aus, bemerkten in der Ferne ein ganzes Feld von Sonnenblumen. Da schlich ein altes klappriges Auto heran und herausstieg ein auch schon recht alter klappriger Mann, kam auf uns zu, freudestrahlend. „Gefällt euch mein Garten?“ fragte er. Und so kamen wir ins Gespräch. Als Dankeschön dafür, dass wir seinen Garten bewundert hatten, bekamen wir eine Honigmelone geschenkt, die er eilig aus einem Hüttchen herbeibrachte. Er bewirtschaftet den Garten schon lange nicht mehr, lässt alles wachsen, wie es mag, und freut sich dran. Danke, Andreas, für diese herzerfreuende Begegnung.

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112 Stufen, 81: Standhaft (Schiller)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das Lied von der Glocke gehörte zu meiner Schulzeit noch unangefochten zum Bildungskanon, und so fielen mir bei „standhaft“ die Anfangszeilen ein:

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.

Für mich ist dieses Großgedicht der Inbegriff des deutschen Bürgertums, das sich zu der Zeit, als Schiller es (1799) veröffentlichte, aus dem zerfallenden feudalen Staat herauslöste und eine eigene unverwechselbare Physiognomie ausbildete. Nun ist auch dieses Bürgertum längst im Zerfall begriffen. Meine Generation („68er“) arbeitete fleißig daran mit, ihm weitere Risse zuzufügen, und ich kann immer noch nur einzelne Züge der sich daraus hervorarbeitenden Form erkennen.

Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat’s erfüllt,

Der Meister kann die Form
zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!

Das Gedicht ist zweigeteilt: Da gibt es einerseits die Arbeitsstrophen, in denen Schiller die vorindustrielle Technik des Glockengießens liebevoll und kenntnisreich beschreibt – da gibt es andererseits die Betrachtungsstrophen, in denen er die jeweilige Phase des Glockengießens ins Allgemein-Menschliche erweitert. Während die erste Abteilung wenig beachtet wurde, vermutlich, weil schon bald niemand mehr am Glockengießen interessiert war, wurde die zweite Abteilung zur Bibel der Bourgoisie und zum Spott so mancher  Zeitgenossen. So mokierte sich Friedrich Schlegel (1772-1829): „Ach wie gefällt die „Glocke“ dem Volk und „die Würde der Frauen“! Weil im Takt da klingt alles, was sittlich und platt.“ 

Wenn ich an die „Glocke“ denke, denke ich an meine Oma Martha („Martha, Martha, du entschwandest, und mit dir mein Portemonnaie“), die voller Kalauer war, die an ihrem Mädchen-Lyzeum zirkulierten (sie wurde 1885 geboren). „Die Glocke“ bot sich mit ihren platt verallgemeinernden Sittensprüchen herrlich für derlei Verballhornungen an.  „Er zählt die Häupter seiner Lieben /und sieh, es sind statt sechse sieben / das siebte hat vergangne Nacht / der Klapperstorch dazu gebracht.“ Im Grunde aber teilten die  bürgerlichen Mädchen und Frauen durchaus das Menschenbild, das Schiller in dem Gedicht entwickelt.

Das Gedicht ist zu lang, um es hier ganz zu zitieren, aber die in meiner Schulzeit zirkulierende Kurzform reicht mir auch nicht.

Loch in Erde,
Bronze rin.
Glocke fertig,
bim, bim, bim.

Ein paar charakteristische Stellen, die in meiner Kindheit quasi zu Alltags-Sprüchen gehörten und teilweise wohl immer noch gehören, müssen noch sein.

Wohlthätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht…

Gefährlich ist’s den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken
Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis,
Ehrt den König, seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.

Wo rohe Kräfte sinnlos walten / da kann sich kein Gebild gestalten.

Da werden Weiber zu Hyänen / und treiben mit Entsetzen Scherz

Oder auch die Einzeiler:

  • „Denn das Auge des Gesetzes wacht“
  • „Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben“
  • „Ach! die Gattin ist’s, die Theure!“
  • „Die Jahre fliehen pfeilgeschwind“
  • „Doch der Segen kommt von oben“
  • „Es schwelgt das Herz in Seligkeit“
  • „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken“
  • „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten Liebe goldne Zeit“
  • „Von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiß“
  • „Wehe, wenn sie losgelassen!“
  • „Wo rohe Kräfte sinnlos walten“
  • „Drinnen waltet die züchtige Hausfrau“
  • „Errötend folgt er ihren Spuren“
  • „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet“
  • „Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang“
  • „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten“

Im Jahre 1966 – ich war damals 24 – erschütterte Hans Magnus Enzensberger die Gemüter: er hatte „Die Glocke“ aus der Insel-Edition einer Auswahl von Schillers Gedichten verbannt. Seine Begründung: „Zwischen dem eigentlichen Glockengießerlied und jenem Teil des Gedichts, den ich ‚Kommentar‘ nenne, zeigt sich, formal und substantiell, ein extremes Niveaugefälle. Auf der einen Seite äußerste Ökonomie, auf der anderen uferlose Sprüche; feste rhythmische Form, lustlose Reimerei; strikte Kenntnis der Sache, unverbindliche Ideologie; verschwiegene Einsicht, plakatierte Trivialität; Größe in der Beschränkung, aufgehäufter Plunder. An der Unvereinbarkeit des einen mit dem andern scheitert das Gedicht.“ (zitiert nach Wikipedia)

Nun, wie auch immer. Es gibt kaum ein deutsches Gedicht, das dem deutschen Gemüt und Sprachgefühl des 19. Jahrhunderts so gut gedient hat wie dieses Gedicht. Und so möchte ich Reich-Ranicki Recht geben, wenn er Enzensbergers Wahl kritisierte: „‚Die Glocke‘ oder ‚die Bürgschaft‘, Dichtungen also, aus denen das deutsche Bürgertum seine Lebensmaximen anderthalb Jahrhunderte lang zu beziehen gewohnt war, haben es – wie immer man diese Verse beurteilen mag – auf jeden Fall verdient, dem zweiten oder, meinetwegen, dem hundertsten Blick ausgesetzt zu werden. Ein Herausgeber, der diese und ähnliche Balladen kurzerhand entfernt, macht sich, befürchte ich, seine Aufgabe zu leicht: Statt das überkommene Schiller-Bild zu korrigieren, ignoriert er es. Statt zu revidieren, liquidiert er.“

 

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