Vier Treppenabsätze im Rückblick

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

IMG_7903Gestern habe ich die letzte Stufe des vierten Abschnitts der Holsteiner Treppe erklommen, und heute habe ich verschnauft. Aber zurückblicken will ich doch noch auf die Schnelle.

Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick (mit Stichwort zum Inhalt):

60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff „Mann-Frau, Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, „weibliche Emanzipation“) – 46 erlauben (Pause)

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma (selbst „Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, „Verliebtheit“) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „Unschuldig“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, „Poseidon“) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel) – 28 friedlich (Bertold Brecht) – 27 beruhigen (Natur) – 26 Freude (Friedrich Schiller) – 25 Verbot (Anatole France) – 24 wappnen (Martin Luther) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh) – 22 Zorn (Roman Herzog/Georg Trakl) – 21 Begeisterung (Hegel) – 20 Bruder (Karl König) – 19 Nähe (Christian Morgenstern) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz) – 17 Lachen (Günter Grass) – 16 Sprechen (Schiller) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch, Leo Tolstoi, Matthäus) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt) – 13 beschützen (Hermann Hesse) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe) – 10 Familie (David Cooper) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium) – 8 Angst (Mascha Kaléko) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche) – 6 Heimat (Theodor Fontane) – 5 Liebkosen (Leo Tolstoi) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky) – 2 Streicheln (John Steinbeck) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe).

Veröffentlicht unter Dichtung, Erziehung, Geschichte, Kunst, Leben, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Musik, Mythologie, Natur, Psyche, Stufen Blog-Challange | 2 Kommentare

In der Zeichenschule: Portraitieren

Heute war in der Zeichenschule wieder Modellzeichnen, und ich sagte alle anderen Termine ab, denn das sind leider seltene Gelegenheiten.

Stavroula. große Kohlezeichnung, 31.7.2025

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Meine Kunst, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , | 3 Kommentare

112 Stufen, 60: Liebe (Paulus, Petros Gaitanos)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Nun bin ich auf der letzten Stufe des vierten Abschnitts der Holsteiner Treppe angekommen, und das dort eingravierte Wort heißt „LIEBE“.  Tausende von Texten fallen mir da ein, aber zuerst und an oberster Stelle steht der 1. Paulus-Brief an die Korinther, dessen Kernstück als Hohelied der Liebe bezeichnet wird.

Am schönten ist natürlich der Urtext. In der Luther-Übersetzung (die ich der sogenannten „Einheitsübersetzung“ vorziehe) heißt es:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1 Kor 13,1ff. LUT)

Landschaft bei Korinth (Fehlfarben)

Einmal, viele Jahre sind seither vergangen, lauschte ich im Stadion außerhalb von Korinth Petros Gaitanos, dem großen Psalten, der das „Hohelied der Liebe“ vortrug – eine Vertonung des Briefes, den Paulus an die  frühchristliche Gemeinde von Korinth, die er persönlich gegründet hatte, schrieb: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle….“. An diesem Ort!! Ich werde es nie vergessen.

Die eigentliche Botschaft des Christentums ist die allumfassende, bedingungslose, Leben spendende und erhaltende, den Tod überwindende Liebe. Alles andere wird vergehen, die Liebe aber wird bleiben.

Zu Beginn rezitiert Gaitanos den Text. Der Gesang beginnt bei 4.01

https://youtu.be/pa_oRcWPjbU

 

Veröffentlicht unter alte Kulturen, Autobiografisches, Leben, Musik, Natur, Philosophie, Psyche, Stufen Blog-Challange, Trnsformation | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

112 Stufen, 59: zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Victor Hugo)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Zusammenkommen? Automatisch fallen mir die drei Hexen aus Shakespeares Macbeth ein – und damit zugleich auch Fontanes „Die Brück‘ am Tay“ mit dem hämmernden Resümee:

Tand Tand ist das Gebilde von Menschenhand

Ihr kennt diese Ballade sicher alle, und auch die Entstehungsgeschichte ist hier im Blog und anderswo schon erzählt worden. Christiane hat sie in ihrer Balladenwoche von 2017 besprochen (hier). Ich erspare mir daher weitere Ausführungen und erinnere nur noch mal an die ersten Verse:

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“
„Um die siebente Stund, am Brückendamm.“
„Am Mittelpfeiler.“
„Ich lösche die Flamm.“
„Ich mit.“
„Ich komme vom Norden her.“
„Und ich vom Süden.“
„Und ich vom Meer.“
„Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.“
„Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund?“
„Ei, der muß mit“
„Muß mit.“
„Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand!“

Zusammentreffen ist etwas anderes als Zufall – im Griechischen σύμπτωση („Zusammenfall“) – insofern, als beim Zusammentreffen eine Absicht unterstellt wird, die dem Zufall fehlt. Und doch ist dieser Unterschied bei genauerem Hinsehen nicht wirklich aufrechtzuerhalten. Denn ist es nicht oft genug das unkontrollierbare „Zusammenkommen“ von Umständen, das den Gang der Geschichte bestimmt?

Gerade lese ich „Les miserables“ (die Elenden) von Victor Hugo und dort seine Beschreibung der Schlacht von Waterloo. Der Ausgang war für Napoleon bekanntlich katastrophal. Doch warum fiel ihm der Sieg nicht zu? Wegen des Zusammentreffens verschiedener kleiner, unbedeutender Umstände – beginnend mit dem für die Jahreszeit ungewöhnlichen Regen über das Vorhandensein einer zugewachsenen Mauer und einen nicht beachteten Hohlweg bis hin zur Wegweisung der Blücherschen Heers durch einen Hirtenknaben. War’s der „Zufall“, die „Vorsehung“ oder der „Herrgott“ persönlich, der die Dinge und Menschen so und nicht anders zusammentreffen ließ? Hugo kann sich nicht entschließen, wie er dieses Phänomen benennen soll. Er spricht auch vom „Gott gesandten Zufall“ oder auch vom „Odem Gottes“ (S.299 bzw 298 meiner Ausgabe). Die Niederlage Napoleons, so Hugo, kann man zwar als eine Reihe von Begebenheiten – Begegnungen, Täuschungen, Zufällen – beschreiben, wie es die Geschichtswissenschaft tut, aber seine Niederlage lasse sich so nicht erklären, denn sie habe einen anderen Grund:

„War es möglich, dass Napoleon die Schlacht gewann? Wir antworten: Nein! Nicht weil er Wellington oder Blücher, sondern weil er Gott zum Feinde hatte. – Ein Sieg Bonapartes bei Waterloo hätte zu einer Entwicklung und Umwälzung, die das neunzehnte Jahrhundert bringen sollte, nicht gepasst. Es war Zeit, dass der Ungeheure fiel. Er wog zu schwer in der Waagschale der Weltgeschichte… Der höchste Richter musste Abhilfe schaffen. Wahrscheinlich beschwerten sich die Mächte, von denen die moralische Ordnung abhängt, über das viele Blutvergießen. Auf diese Anklage hin wurde Napoleons Sturz beschlossen. Er fiel, weil er dem Herrgott im Wege war.“ (S. 287-8)

Diese Vorstellung, dass unsichtbare Mächte – seien es Hexen wie in der Ballade von der „Brück am Tay“, seien es geistige Hüter der Weltentwicklung oder der Herrgott höchstpersönlich – das Zusammenkommen von Menschen und Ereignissen arrangieren, ist offenbar weit verbreitet, und auch ein Aufklärer wie Hugo mag nicht an das blinde Walten des Zufalls glauben.

Es ist eben eine menschliche Eigenschaft, im Chaos Sinn stiften zu wollen, und was vor Ort oft nicht gelingen will, gelingt doch fast immer post hoc (nachdem etwas eingetreten ist). Da sagt man dann: „Es musste so kommen!“ Und vielleicht ist es ja auch so.

Beide Bilder sind mit Schnittresten gelegt, die mir Jürgen Küster einst schenkte.

 

Veröffentlicht unter Dichtung, Geschichte, Legearbeiten, Meine Kunst, Mythologie, Psyche, Stufen Blog-Challange, Welttheater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Dienstags-Drabble: nomen est omen?

Lanze – erwidern – streng sind die drei Wörter, die Heide von der Puzzleblume fürs heutige Drabble ausgesucht hat. In den dazu erdichteten Kata-Strophen spiele ich mit Namen: Gerda ist zusammengesetzt aus Ger und da bedeutet ungefähr: „die mit der Lanze Dastehende“, Germanen sind die Lanzenträger und die Deutschen sind, ausgehend vom englischen Wort Germans, das, was man heute ein „kriegstüchtiges Volk“ nennt.

Der folgende Dialog spielt sich zwischen einer griechischen Pygmalia (Faustkämpferin) und mir (Gerda) ab.

Legebild mit Leelas Schnipseln

 

„Hej Gerda, alte Lanzenträgerin,

Hast du Lust auf einen Streit?

Ich bin’s, Pygmalia, mit Fäusten Schlägerin,

Stell dich zum Kampf bereit!“

 

Doch ich erwiderte ihr ganz gelassen

Versuchte auch, Pygmalias Hand zu fassen:

 

„Nicht Lanzenträger waren die Germanen

Sie trugen Gere, die man warf

Das Wort ererbte ich von meinen Ahnen

Und man verwendet es noch heute nach Bedarf

 

Für Namen, auch für Völkerschaften

Für Gerhard, Gerda, Gertrud und Gerlinde

Der Ger blieb uns im Namen seither haften

Doch gibt man ihn nur selten noch dem Kinde.

 

Heut ruft man: Waffen nieder!

Der Krieg ist aus! und: Krieg nie wieder!

Veröffentlicht unter alte Kulturen, Drabble, Katastrophe, Krieg, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

112 Stufen, 58: Verführen (Don Juan, Bertold Brecht)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Legebild mit Schnipseln von Ulli Gau

Natürlich kam mir als erster wieder Faust in den Sinn, der Gretchen verführt. Doch eine andere Figur wird dem Archetypen des Verführers noch mehr gerecht: Don Juan. Er ist (wie Faust) weder ein Autor noch eine literarische Gestalt noch eine eindeutige historische Person. Don Juan ist ein Archetyp, eine Sage, ein Mythos. Und was ist ein Mythos? Eine Erzählung mit einem unveränderlichen Kern, die an den Rändern immer wieder variiert werden kann.

Don Juan existierte schon lange, bevor er im frühen 17. Jahrhundert (1613) durch den spanischen Mönch Gabriel Tellez (1579 – 1648), der sich Tirso de Molina nannte, zur literarischen Gestalt wurde.  „El burlador de sevilla et convidado de piedra“ (Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast) war eines von 400 Stücken von de Molinas Hand. 82 Stücke sind noch vorhanden, und etliche werden weiterhin auf den Bühnen der Welt gespielt.

Worum geht es? Um die Verführung von Frauen, natürlich. Nur darum? Nein, vor allem geht es um Tugend und Gotteslästerlichkeit („Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt“, sagt Iwan, einer der Karamasov-Brüder).  Der erklärte Atheist Don Juan testet die Werte der Gesellschaft bis zum Extrem aus. So ziemlich jedes Tabu seiner Zeit tritt er mit Füßen: Ehe? Nonnengelöbnis? adliger Verhaltenskodex? Treue? Wahrheitsliebe? Kirche? Glauben? – ihm gelten sie nichts. Das einzige, was für ihn zählt, ist die Befriedigung seiner egoistischen Impulse.  Sein Ende wird ihm schließlich nicht von einem der aufgebrachten männlichen Verwandten der verführten Damen bereitet, sondern durch überirdisches (bzw unterirdisches) Eingreifen eines „steinernen Gastes“, der ihn mit sich in die Hölle zieht.

Die Thematik ist charakteristisch für die Übergangsepoche von Renaissance zu Barock: der selbstbewusste, sich erstmals als Ich hoch aufrichtende Renaissancemensch wird in der Gegenreformation bis zur Karikatur entstellt: er ist nun ein sittenloses zynisches Wesen, dem nichts heilig ist, da es nur an sich selbst und nicht mehr an die liebe Kirche glaubt. Wer sich so als Mensch überhebt, wird übel enden.

Seit 1630, als de Molinas „Verführer von Sevilla und der steinerne Gast“ erstmals im Druck erschien, ist der Stoff endlos variiert worden.  Französisch und „stubenrein“ wurde er in Molieres gleichnamigem Lustspiel (1665 uraufgeführt). Molieres Landsmann und Zeitgenosse Thomas Corneille setzte es in Reime. Carlo Goldoni brachte den Stoff nach Italien zurück (1736 in Venedig uraufgeführt), doch wurde der tödliche „steinerne Gast“ nun zum altbewährten „Blitzstrahl“.  Christoph Willibald Gluck brachte den Stoff als erster mit dem Ballett Don Juan auf die Musikbühne (1761 in Wien uraufgeführt). Es folgten etliche andere, die Krönung war dann Mozarts „Don Giovanni“ (1787).

War damit nun endlich Schluss? Weit gefehlt. Jetzt ging es erst richtig los. Ein paar der vielen Namen seien noch erwähnt, aber ich habe jetzt keine Lust, die Daten nachzuschlagen (die komplette Liste findet sich bei Wikipedia): 19. Jahrhundert: E.T.A. Hofmann, Lord Byron, Grabbes „Don Juan und Faust“,  Alexander Puschkins „Steinerner Gast“, Charles Baudelaires „Don Juan aux enfers“, Richard Strauß‘ Tondichtung „Don Juan“ (nach Nikolaus Lenau, der auch ein Don-Juan-Drama schrieb).

20. Jahrhundert: Shaws „Man and Superman“, Apollinaires Roman Les exploits d’un jeune Don Juan, Alexander Blok, Ödön von Horvarth: Don Juan kommt aus dem Krieg (1937), Max Frisch: Don Juan oder die Liebe zur Geometrie, Henry de Motherlants Roman Don Juan, Gottfried Benns Gedicht Don Juan gesellte sich zu uns, Ernst Bloch: Don Giovanni, allen Frauen und die Hochzeit, George Sand: „Verflucht seist du, Don Juan“, Albert Camus: Der Don-Juanismus.

21. Jahrhundert:  Peter Handtkes Erzählung Don Juan (erzählt von ihm selbst), Jim Jarmushs Film „Broken flowers“ usw, usf.

Zu Don Juan trat Anfang des 19. Jahrhunderts ein anderer selbsternannter Verführer in Konkurrenz: Giacomo Casanova….

Uff! Ich gebe zu, dass mich das Thema der Verführung ohne Liebe im Grunde anwidert.

Und so möchte ich mit einem Brecht-Gedicht von 1925 schließen. Brecht, wie Don Juan Atheist und Hedonist, wird zwar nicht durch einen Glauben an ein „morgen“, wohl aber durch sein soziales Gewissen vor Exzessen des Egoismus geschützt.

Bertold Brecht

Gegen Verführung

Laßt Euch nicht verführen!
Es gibt keine Wiederkehr.
Der Tag steht in den Türen,
ihr könnt schon Nachtwind spüren:
Es kommt kein Morgen mehr.

Laßt Euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in vollen Zügen!
Es wird Euch nicht genügen,
wenn Ihr es lassen müßt!

Laßt Euch nicht vertrösten!
Ihr habt nicht zu viel Zeit!
Laßt Moder den Erlösten!
Das Leben ist am größten:
Es steht nicht mehr bereit.

Laßt Euch nicht verführen
Zu Fron und Ausgezehr!
Was kann Euch Angst noch rühren?
Ihr sterbt mit allen Tieren
und es kommt nichts nachher.

Legebild mit Schnipseln von Jürgen Küster

 

 

 

Veröffentlicht unter Dichtung, Kunst, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Musik, Psyche, Stufen Blog-Challange | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

112 Stufen, 57: schmachten (Matthias Claudius)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Gestern öffnete der verhinderte Dichter Balduin Bählamm spaltbreit ein Erinnerungskästchen, heute darf er das Wort „schmachten“ vertreten. Wilhelm Buschs Dichter-Kreatur, der arme Poet, dem die krude Realität so böse Streiche spielt und der seine heilige Pflicht dennoch keinen Augenblick verrät, muss hier einfach einmal in Erscheinung treten. Denn um Dichtung handelt es sich ja bei diesem Treppenaufstieg vor allem. Möge der Mond der Poeten auch mir die Stufen beleuchten!

Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich,
So treffend, weil es rund und weich –
Wer wäre wohl so kaltbedächtig,
So herzlos, hart und niederträchtig,
Daß es ihm nicht, wenn er es liest,
Sanftschauernd durch die Seele fließt? –

Das Dörflein ruht im Mondenschimmer,
Die Bauern schnarchen fest, wie immer.
Es ruhn die Ochsen und die Stuten,
Und nur der Wächter muß noch tuten,
Weil ihn sein Amt dazu verpflichtet,

Der Dichter aber schwärmt und dichtet.

 

Illustration der Szene durch Wilhelm Busch

O weh! Balduin Bählamm schwärmt, aber er schmachtet nicht! Da hat mich mein Gedächtnis doch glatt betrogen. Wieder muss ich Balduin zurück in den Erinnerungskasten sperren (ja, dem Armen gelingt wirklich gar nichts!) und jemand anderen hier hersetzen. Doch wen?

Da fällt mir ein: Es gibt doch noch andere als die ewig unglücklich-glücklich verliebten Poeten, die schmachten! Die Erde! Das Vieh! Sie schmachten nach Regen. Ich weiß, ihr schmachtet grad nach Sonne, bei uns aber, hier im mediterranen Raum, ist es der Regen, der fehlt. Und so singe ich auf dieser Stufe aus vollem Halse das Regenlied von Matthias Claudius (1740-1815). Der Dichter stammte aus Holstein, starb schließlich in Hamburg – dürfte sich also mit Regen bestens auskennen. Und doch!

Christiane hat dies Lied auch schon mal veröffentlicht, und zwar am 25. Juli 2022 (hier), denn vor drei Jahren jammerten sogar die Hamburger, dass es zu trocken sei. Ich sags ja: Das Wetter ist mal so, mal anders!

Ein Lied um Regen

Der Erste:
Regen, komm herab!
Unsre Saaten stehn und trauern,
Und die Blumen welken.
Der Zweite:
Regen, komm herab!
Unsre Bäume stehn und trauern!
Und das Laub verdorret.
Der Erste:
Und das Vieh im Felde schmachtet,
Und brüllt auf zum Himmel.
Der Zweite:
Und der Wurm im Grase schmachtet,
Schmachtet und will sterben.
Beide:
Laß doch nicht die Blumen welken!
Nicht das Laub verdorren!
O, laß doch den Wurm nicht sterben!
Regen, komm herab!

 

 

„Schamanischer Regen“, neurografische Zeichnung

 

Das Gedicht steht im „Wandbecker Boten“. Ich zitiere nach dem wunderbaren Projekt Gutenberg, das mir viele mir sonst schwer zugängliche Texte frei Haus liefert. Für die literaturgeschichtlichen Hintergrundinformationen verlasse ich mich mal wieder auf Wikipedia:

„Der Wandsbecker Bothe war die von Heinrich Carl von Schimmelmann in Wandsbeck (bis zum Jahre 1879 noch mit „ck“ geschrieben, heute: Wandsbek) herausgegebene Zeitung, die als Nachfolgerin des populären Wandsbecker Mercurius von 1770 bis 1775 von Matthias Claudius als einzigem Redakteur geschrieben wurde.“ 

 

 

 

 

.

 

Veröffentlicht unter Dichtung, Leben, Natur, neurografisches Zeichnen, Psyche, Stufen Blog-Challange, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Archivbild der Woche: Kleiner Harfe Zitterklänge (27.7.2017)

Am 27.7.2017 machte ich eine Zeichnung, die ich langsam verwandelte und dazu auch einen kleinen Text schrieb. Den Eintrag fand ich heute, als ich, der Aufforderung von Heide von der Puzzleblume folgend, mich hinab in die Archive begab. Ich weiß, es soll immer nur ein Bild veröffentlicht werden – aber wäre es nicht schade um die Verwandlungen und den Text, an den sich nach acht Jahren sicher niemand mehr erinnert? Hier also: Es beginnt mit einer Kohlezeichnung auf Papier von der Rolle.

Kleiner Harfe Zitterklänge …

wuchsen Flügel, wollten fliegen …

fielen auf das Wasser nieder …

trübten es mit feinen Rinnen

Kam ein Schneider, trug sie fort.

Dachte sich ein Kleid zu machen

aus den Zitterharfen-Klängen

doch in seinen groben Händen

klumpten sie und welkten hin

Rötlich wurde das Gewebe

wie die Blätter, wenn im Herbste

in das Laub die Stürme fegen

und es von den Bäumen reißen

hierhin, dorthin, zu dir hin.

Lieber Random, du hast am 13. Juli dieses Jahres unter https://randomrandomsen.wordpress.com/2025/07/13/ eine  „Wassermusik“ gepostet, die mir gerade recht kommt.

Algues
Bernard Andrès

Ich fand noch eine andere, sehr kraftvolle Interpretation der Suite durch Oboe und Harfe.

Veröffentlicht unter Dichtung, Kunst, Leben, Malerei, Meine Kunst, Musik, Psyche, Spuren, Trnsformation, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

112 Stufen, 56: Verlieben (Joseph Freiherr von Eichendorff)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Verliebtsein ist fast wie das Zahnweh des verhinderten Dichters Balduin Bählamm, nur schöner

Wilhelm Busch:

Und aus ist’s mit der Weltgeschichte,
Vergessen sind die Kursberichte,
Die Steuern und das Einmaleins.
Kurz, jede Form gewohnten Seins,
Die sonst real erscheint und wichtig,
Wird plötzlich wesenlos und nichtig.

Joseph Freiherr von Eichendorff hat den Zustand der Verliebtheit wunderbar in Worte gefasst: die Welt ist ganz und gar verzaubert, wenn das Herz verliebt ist, und nichts, nichts anderes als das geliebte Du kann Anspruch auf Aufmerksamkeit erheben.

 

Sehnsucht nach dem Geliebten (Legebild mit Ulli Gaus Schnipseln)

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

Glück

„Wie jauchzt meine Seele
Und singet in sich!
Kaum, dass ich’s verhehle
So glücklich bin ich.

Rings Menschen sich drehen
Und sprechen gescheut,
Ich kann nichts verstehen,
So fröhlich zerstreut. –

Zu eng wird das Zimmer,
Wie glänzet das Feld,
Die Täler voll Schimmer,
Weit herrlich die Welt!

Gepresst bricht die Freude
Durch Riegel und Schloss,
Fort über die Heide!
Ach, hätt ich ein Ross! –

Und frag ich und sinn ich,
Wie so mir geschehn?: –
Mein Liebchen herzinnig,
Das soll ich heut sehn.“

fröhlich-verliebtes Scherbenmännchen

Dieses Gedicht führt zurück auf die erste Stufe der Holsteiner Treppe: „Glück“. Das war Goethe der glücklich Verliebte (hier). Aber halt! Ich werde doch nicht etwa wieder zum Anfang zurückkehren? Was wartet denn auf der nächsten Stufe auf mich?

Veröffentlicht unter Allgemein, Dichtung, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Natur, Psyche, Stufen Blog-Challange | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 7 Kommentare

Ausstellung fortgesetzt (2)

Auch heute wechselte ein großes Bild die Besitzerin, und ich eilte hocherfreut zur Ausstellung, um Ersatz zu bringen. Witzig und irgendwie auch typisch war, dass sich eine Frau, die mich die Tänzerinnen zum Auto tragen sah, anhielt und hoch interessiert war, es zu erwerben… Dasselbe ist mir bei anderen Ausstellungen passiert: kaum verkauft man mal was, gibt es Anwärter auf dasselbe Bild.

Die Tänzerinnen gehen nach Paris, das Männerportrait geht nach England. Als Ersatz brachte ich ähnliche Motive aus der gleichen Epoche in gleicher Größe mit. Nun bin ich gespannt. ob sich dafür auch noch Liebhaber finden…

 

Veröffentlicht unter ausstellungen, Kunst, Leben, Malerei, Meine Kunst | Verschlagwortet mit , , , , | 7 Kommentare