Dezember 2011 – Verfassungsplatz in Athen. Ein Rückblick.

Lampe 8 Quadrat b An einem Tag wie dem heutigen – graues Gewölk türmt sich über Athen, das sonst so gern im blauen Licht leuchtet -, hatte ich im Stadtzentrum zu tun. Ich überquerte, leicht fröstelnd, den Verfassungsplatz, dessen dominierendes Gebäude das Parlament ist. Gebaut wurde es als Stadtschloss für den ersten griechischen König, der kam aus Bayern und hieß Otto I.  Die sogenannten Signatarmächte (Briten, Franzosen, Russen) hatten ihn den republikanisch gesinnten Griechen 1828 aufs Auge gedrückt.

Die Griechen haben nie die Monarchie als Regierungsform akzeptiert, sie war ihnen wesensfremd. Daher rissen die Versuche nicht ab, sich ihrer zu entledigen. Erstmals gelang das 1924. König Konstantin I – verschwägert mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II – hatte 1923 mit seiner großspurigen Kriegsführung die „Kleinasiatische Katastrophe“ ausgelöst. In einem Artikel der NZZ heißt es dazu: „Im Osmanischen Reich lebten mehr Griechen als im unabhängigen Königreich Griechenland, fast 1,8 Millionen davon in Kleinasien. Smyrna wetteiferte mit Athen und Konstantinopel um den Rang der ersten unter den griechischen Metropolen. Wenige Jahre später sollte diese griechische Welt östlich der Ägäis völlig verschwunden sein. 3000 Jahre griechischer Präsenz fanden in der «Kleinasiatischen Katastrophe» ein tragisches und unwiderrufliches Ende.“

Die meisten der 1,8 Millionen Vertriebenen kamen in erbarmungswürdigem Zustand in Athen an. Das Schloss wurde umfunktioniert und diente als Auffanglager für Flüchtlinge und als provisorisches Krankenhaus.

1935 tagte das Parlament erstmals in den Räumen des ehemaligen Schlosses. Bis heute tagt es dort – aber dazwischen gab es schmerzhafte Unterbrechungen. Der König kehrte zurück, es folgten die Vorkriegsdiktatur von General Metaxas, die verheerende deutsche Besatzung 1940-44, die Diktatur der Obristen 1967-1974 …

Während der deutschen Besatzung und der Wirtschaftsblockade der Alliierten retteten sich viele Bewohner der griechischen Inseln vor dem Hungertod – nach Syrien. Sie zogen weiter nach Ägypten, wo sich die provisorische griechische Regierung installiert hatte, und kehrten nach Kriegsende in die Heimat zurück.

Und da bin ich also, an einem stürmischen Tag Ende 2011, auf dem Verfassungsplatz. 2, rushing to the Metro Menschen eilen vorüber, verschwinden in der Metrostation. Der Veteran aller Demonstrationen befindet sich wie immer an seinem Platz.

4, veteran of Syntagma Square Ein Einsamer hat sich ein Pappschild umgehängt, auf dem er vor dem nahen Ende der Welt warnt.

5, on the steps to the Parliament building  6 lonely demonstrator for God

Von einer der Straßen klingt rhythmisches Rufen herüber. Die Rufe werden lauter. Fahnen. Demonstranten, die ein großes Transparent tragen, drängen zwischen PKWs, Taxen und einem bunten Sightseeing-Bus vorwärts Richtung Parlament.

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Ich lese (auf Griechisch): „Das Blut der Märtyrer fließt nicht vergebens“.

9, the blood of the martyrs will not be shed in vain Ich denke: so haben wir damals, 1967 in Kiel, auch demonstriert, gegen die Obristendiktatur in Griechenland. Wir waren wenige, keiner beachtete uns, keiner wusste Bescheid. Auf dem Transparent der Griechen stand: „Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne, es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt“ (Bertold Brecht). Jemand fragte neugierig: „Wird ein neues Stück von Brecht aufgeführt?“ (Das wäre eine Sensation gewesen, damals, denn das meiste von Brecht stand auf dem westdeutschen Index).  Ich denke: was diese wohl für welche sind? Wofür oder wogegen marschieren sie auf das Parlamentsgebäude der Griechen zu?

Der Himmel reißt kurz auf, und goldenes Licht fällt auf das Parlamentsgebäude, fällt auch auf den Randstreifen des Bürgersteigs. Ich fotografiere und nenne das Ergebnis „Demokratie – Hoffnung der Völker“. Denn so schlecht Demokratie auch ist – besser als Diktatur dünkt sie mich allemal.

Oder irre ich mich? Gibt es Schlimmeres als den Mangel an Demokratie? Krieg, Bürgerkrieg, Bombenhagel, Flucht, Hunger, Chaos, Tod, Heimatlosigkeit? Und frage mich: Was ist aus der Hoffnung dieser Menschen geworden?  Denn ihr habt schon verstanden, wer diese hier sind: ein paar Syrer,  Dezember 2011, damals, als viele vom „arabischen Frühling“ schwärmten, auf dem Athener Verfassungsplatz.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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