Dora zum SiebtenZweiten: relative Kata-Strophen (abc-etüde)

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/02/06/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-22-wortspende-von-kain-schreiber/abc.etüden 2022 06+07 | 365tageasatzaday

Heute morgen zeigte ich Dora Gerhards Relativitäts-etüde (hier). Die fand sie ausgezeichnet und auf sich selbst passend, denn sie ärgert sich ein bisschen, dass ich sie wie eine Zwergin darstelle. Eigentlich sei sie ja sehr groß, übergroß sogar. Denn „Wer ist größer als eine Wunscherfüllerin und Allesschenkende wie ich?“

„Na ja“, wage ich einzuwenden, „du magst zwar in gewisser Weise eine Riesin sein, aber körperlich kommt das nicht zum Ausdruck. Ich jedenfalls sehe dich als meine niedliche Begleiterin, mein Summsebienchen, das mich kein bisschen beschwert, wenn es mir auf der Schulter hockt.“

„Papperlapapp!“ schreit Dora. „‚Körperlich kommt das nicht zum Ausdruck! Das ist nicht nur geschnörkelt, es ist falsch. Ich sag dir, wie es richtig ist!“ Und sie stellt sich vor mich hin und spricht wie eine gelernte Kata-Strophen-Dichterin die folgenden Worte.

Von Riesen und Zwergen

Zypressen ragen so hoch, so steil

in die Bläue des Himmels hinein

Da fühl ich mich wie ein Zwergelein, weil

Ich bin dort nur winzig klein.

*

Doch hüpf ich zur Spitze und kreuz und quer

Und lande im Palmenwipfel

Dann bin ich ein Riese und schau bis zum Meer

Und hinüber zum Bergesgipfel

*

Der Standpunkt macht meine Größe aus

Er gibt mir den Überblick

Und willst du selber mal hoch hinaus

Dann lerne aus meinem Trick.

 

Und begeistert über ihre neu erworbenen Talente hüpft sie, hebt ab und landet auf meiner Schulter. Bravo, Dora, nun hast du mir sogar eine Etüde geschenkt und ich brauche nicht selbst zu dichten. Danke!

(254 Wörter)

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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11 Antworten zu Dora zum SiebtenZweiten: relative Kata-Strophen (abc-etüde)

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Der Standpunkt ists,
    der erhöht.
    Doch wer erklärt diesen
    zum höheren
    denn Grösse in sich allein kann kein Maßstab sein.
    Das Blümche ein paar Meter weiter
    den Berg hinauf
    ist höher als die Zypresse
    wohl
    und schaut auf sie hinab
    die sich da dünkte
    überlegen zu sein.

    Gefällt mir

  2. Gisela Benseler schreibt:

    Wunderbar in jeder Weise!

    Gefällt 2 Personen

  3. Christiane schreibt:

    Überblick zu bekommen, zu haben, zu behalten ist von Vorteil – und nicht zwangsläufig Frage von Größe, das ist klar … 🤔
    Ich habe das Gefühl, ich erkenne den Punkt nicht, der dir wichtig ist. 😬
    Nachdenkliche Abendgrüße 😉🌧️🍵🥘👍

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Och, Christiane, und ich dachte, das Gedicht wäre sonenklar! Nun warte ich erst mal mit dem Erklären ab, vielleicht ist ja ein Leser, eine Leserin so nett, den Gedanken dahinter zu erklären. Wenn nicht, hole ich es nach.

      Gefällt 1 Person

      • gkazakou schreibt:

        Also gut, liebe Christiane: .
        Hochgestellte Persönlichkeiten kennen die größeren Zusammenhänge, nicht weil sie körperlich größer sind, sondern aufgrund ihrer Position. Sie stehen oben in der Pyrramide der Macht. Man erkennt sie übrigens an der Größe ihres Büros und ihres Schreibtisches, ihrer Villa, ihrer Autos, ihrer Yacht und ihres Bankkontos.

        Wegen ihrer höheren Position wissen sie besser (sagen sie), was uns kleinen Leuten frommt. Sie sehen (sagen sie) schon den Feind anrücken und rüsten gegen ihn, während wir uns noch über die richtige Zubereitung des Frühstückseis streiten.

        Warum will jemand hoch hinaus? Damit er von oben begucken kann, was da unten herumwuselt. Kleine Leute wie du und ich, die sich mit einem eingeschränkten Blickwinkel begnügen müssen, denken, die da oben seien irgendwie größer als wir und dürfen daher auch mehr beanspruchen, und uns nach Maßgabe ihrer größeren Weisheit Freiheiten geben oder vorenthalten. Weil sie den Überblick haben, der uns fehlt.

        Weiteres hier: https://gerdakazakou.com/2017/10/11/zwergenvolk-2/

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  4. Werner Kastens schreibt:

    Wer am flachen Boden steht (Strand, Palmen) hat den Blick in die Weite und nach oben; wer die Zypressen sucht, sucht in den Bergen und schaut von oben heran ins Tal. Für mich beides schön. Ein tieferer Sinn entgeht mir auch.

    Gefällt 2 Personen

  5. Kain Schreiber schreibt:

    Welch wunderbare kleine Mär. Gefällt mir sehr!

    Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.22 | Wortspende von Gerda Kazakou | Irgendwas ist immer

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