Nach den Steinmännchen (hier) wende ich mich nach rechts, wo ich in der Ferne ein Frau stehen sehe. Sie hat, wie ich beim Näherkommen sehe, lange dunkle Locken und liest in einem alten bebilderten Buch. Das ist nicht gerade alltäglich, und dass sie beim Lesen steht, auch nicht. Neugierig trete ich näher. Sie zeigt mir das Buch, hat es gefunden, blättert es erklärend durch. Es geht um die Naturgeschichte der Erde. „Vielleicht steht da auch was über die geologische Geschichte des Mittelmeerbeckens drin?“, frage ich sie, denn darüber hatte ich zuvor mal wieder nachgedacht, einen Stein aufhebend.
„No, I dont think so“, antwortet sie bereitwillig und natürlich auf Englisch, obgleich ich sie auf Griechisch angesprochen hatte. Das tun sie fast alle. Und so ist das auch unser nächstes Thema: wie gut/schlecht können Deutsche, Engländer, Franzosen…, die lange Zeit in Griechenland leben, die Sprache? Als nächstes tauschen wir unsere Namen aus. Schnell erweitert sich der Themenkreis. Es stellt sich heraus, dass sie nicht allein ist. Ein schwarz-weißer Hund, der Sorte, die man hier überall sieht, kommt angewedelt. Glyka, Süße heißt sie, eine Hündin, gefunden und adoptiert. „Ich hatte auch einen, der hieß Tito,“ sage ich, und sie macht ein mitfühlendes Gesicht. Jetzt kommt ein großer ruhiger Junge mit einem kleinen an, der wild mit einem Holzschwert fuchtelt. Ich erfahre auch deren Namen. Ein kleines rosa Prinzesschen kommt angerannt, es ist die Schwester des wilden Ritters, der Große ist ihr Halbbruder von einem anderen Vater…
Ihr Mann liegt weiter weg unter einem Baum, auch er wird mir vorgestellt. Den kenne ich sogar, allerdings als Ex-Mann einer Nordeuropäerin, die in die Heimat zurückkehrte. Als ich Abschied nehme, bin ich über die formalen Familienverhältnisse bestens informiert, ich kenne ihren Beruf und ihre jetzige Tätigkeit, ich weiß, wo ihre Eltern gearbeitet (Zigarettenfabrik) und wohin sie ausgewandert (Venezuela) sind, dass sie nicht mehr leben, und wie sie, das einzige Kind, empfangen wurde, wir haben unsere gemeinsamen Freunde und Bekannten herausgefunden (es sind nicht wenige), und noch vieles mehr. Lachend umarmen wir uns, sie wischt noch einmal ein paar Haare aus meinem Gesicht, winkt mir nach, als ich gehe.
Wie lange dauerte die Unterhaltung? Zehn Minuten? So ist das hier. So kann es sein. So liebe ich es.
Ich aber wandere am Strand entlang, mache ein paar Tanzschritte nach der Musik der Paneurhythmie, setze mich auf die Stufen einer Holztreppe und schaue zu, wie eine schön gefiederte Wolke diesen ersten Tag des Jahres 2025 auslöscht.
Der Bogen, den der Tag von den Rußbildern bis zur Federwolke bisher zog, gefällt mir sehr. Wie wird es wohl weitergehen? Es ist erstaunlich, was alles in einen solchen Ersten Tag hineinpasst, selbst wenn man eigentlich gar nichts tut. Oder vielleicht dann erst recht?



























