Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Über das Thema der Frauenehre zerriss man sich in meiner Jugend noch die Münder – und tut es in den meisten Kulturen bis heute. Es sind nicht die betroffenen Frauen selbst, sondern ihre Umwelt, um deretwillen Frauen ihre Jungfräulichkeit und danach ihre eheliche Untadeligkeit „wie ihren Aufapfel“ hüten sollen. Denn daran hängt die „Ehre“ der ganzen Sippe. Gerade habe ich „Anna Karenina“ von Tolstoi beendet, die an diesem Konflikt zugrundegeht, und fühle noch den Nachhall in mir.
Den ersten prägenden Eindruck davon, welche Anmaßung im Ehrbegriff, dem die Frauen unterworfen werden, steckt, hinterließ mir in jungen Jahren eine Szene in Goethes Faust: Gretchens Bruder Valentin beklagt sich bitter, dass Gretchen ihm sein Leben versaut habe: er kann sich beim Wein nicht mehr vor seinen Kumpanen rühmen, das tugendhafteste aller Mädchen zur Schwester zu haben.
Valentin:
Wenn ich so saß bei einem Gelag,
Wo mancher sich berühmen mag,
Und die Gesellen mir den Flor
Der Mägdlein laut gepriesen vor,
Mit vollem Glas das Lob verschwemmt,
Den Ellenbogen aufgestemmt,
Saß ich in meiner sichern Ruh,
Hört all dem Schwadronieren zu
Und streiche lächelnd meinen Bart
Und kriege das volle Glas zur Hand
Und sage: »Alles nach seiner Art!
Aber ist eine im ganzen Land,
Die meiner trauten Gretel gleicht,
Die meiner Schwester das Wasser reicht?«
Topp! Topp! Kling! Klang! das ging herum;
Die einen schrieen: »Er hat recht,
Sie ist die Zier vom ganzen Geschlecht.«
Da saßen alle die Lober stumm.
Und nun! – um’s Haar sich auszuraufen
Und an den Wänden hinaufzulaufen! –
Mit Stichelreden, Naserümpfen
Soll jeder Schurke mich beschimpfen!
Soll wie ein böser Schuldner sitzen
Bei jedem Zufallswörtchen schwitzen!
Und möcht ich sie zusammenschmeißen
Könnt ich sie doch nicht Lügner heißen.
Die persönliche Kränkung führt ihn dazu, Faust aufzulauern. Er ist bereit, ihm den „Schädel zu spalten“ und täte es auch, wenn Mephisto Faust nicht die Hand führen würde. Und so stirbt er selbst.
Geht es um die Schwester? Fragt er nach ihren Wünschen, ihren Qualen? Bedauert er sie vielleicht gar? O nein, ganz und gar nicht. Es geht nur um ihn selbst und seinen Ruf bei dem Kumpels. Der Tod beeindruckt ihn nicht, nur der Ehrverlust. Sterbend verflucht er sie.
Ich sterbe! das ist bald gesagt
Und balder noch getan.
Was steht ihr Weiber, heult und klagt?
Kommt her und hört mich an! (Alle treten um ihn.)
Mein Gretchen, sieh! du bist noch jung,
Bist gar noch nicht gescheit genung,
Machst deine Sachen schlecht.
Ich sag dir’s im Vertrauen nur:
Du bist doch nun einmal eine Hur,
So sei’s auch eben recht!
…
Du fingst mit einem heimlich an
Bald kommen ihrer mehre dran,
Und wenn dich erst ein Dutzend hat,
So hat dich auch die ganze Stadt.
Seine männlichen Ehrvorstellungen, die er mit der ganzen Gesellschaft teilt, machen ihn bitter und herzlos. Seine Schwester – eine Hure, eine Metze – verdient nichts als Verachtung, Ächtung und endlosen Jammer.
Ich seh wahrhaftig schon die Zeit,
Daß alle brave Bürgersleut,
Wie von einer angesteckten Leichen,
Von dir, du Metze! seitab weichen.
Dir soll das Herz im Leib verzagen,
Wenn sie dir in die Augen sehn!
Sollst keine goldne Kette mehr tragen!
In der Kirche nicht mehr am Altar stehn!
In einem schönen Spitzenkragen
Dich nicht beim Tanze wohlbehagen!
In eine finstre Jammerecken
Unter Bettler und Krüppel dich verstecken,
Und, wenn dir dann auch Gott verzeiht,
Auf Erden sein vermaledeit!“
Valentins letzte Worte sprechen Gretchen schuldig an seinem Tod. Er selbst fühlt sich im Recht und erwartet, dass Gott es genauso sieht wie er.
Ich sage, laß die Tränen sein!
Da du dich sprachst der Ehre los,
Gabst mir den schwersten Herzensstoß.
Ich gehe durch den Todesschlaf
Zu Gott ein als Soldat und brav.
In dieser Welt wuchsen wir heran. Die Männer schlugen sich „ehrenhaft“ in Kriegen die Köpfe ein, und für die Frauen war nichts schlimmer, als mit einem „Liebhaber“ erwischt zu werden oder gar einen „Bastard“ zur Welt zu bringen.
Dieser lächerliche heuchlerische und bösartige Ehrbegriff der patriarchalischen Gesellschaft ist purer Terror und hat uns Frauen schlimmer deformiert als alles, was uns sonst angetan wurde. Denn viele von uns haben ihn verinnerlicht, leiden an ihm und geben ihn dienstbereit weiter an ihre Töchter und Söhne.


Als ich mich 1967 der Sozialpädagogik zuwandte, war Cooper, radikaler Kritiker der psychiatrischen Institutionen, in antiautoritären, „revolutionären“ Kreisen up-to-date. In jenem Jahr erschien sein Buch Psychiatry and Anti-Psychiatry und wurde von unserer Generation mit begeisterter Zustimmung aufgenommen. 1967 organisierten er und seine Mitstreiter auch den inzwischen legendären Kongress Dialectics of Liberation in London. Na, kennst du die damaligen Vordenker einer vom Kapitalismus und seinen Plagen befreiten Welt noch? 















