Will.ie über Afrika, Max und Prinkipissa

Will.ie ist grad ziemlich schwer auszuhalten. Seit sie zurück ist, liegt sie rum und antwortet nur einsilbig  auf meine Fragen. „Wo bist du gewesen?“ – „In Niger, weißt du doch.“ – Sonst nirgends?“ – „Auch mal in Nigeria und in Mali“. „Und sonst noch wo?“  – „In Libyen,  Burkina Faso, Tschad, Benin – halt da herum.“ – „Und? Wie war es? Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen“, sage ich aufmunternd. – „Das war keine Reise“. – „So, was war es denn?“ – „Ich habe dort gelebt. Meine Jahre verbracht.“

Erschrocken rechne ich nach. Wahrhaftig, seit sie aufbrach – das war zur Tag- und Nachtgleiche, am 21. März – sind schon 26 Tage vergangen, fast ein Monat! und das bedeutet für Will.ie achteinhalb Jahre!  Als sie ging, war sie grad erwachsen geworden, und jetzt ist sie fast dreißig!

„Ja, also“, stottere ich, „wenn du da gelebt hast, dann weißt du doch erst recht was zu erzählen. Ich kenne ja nur, was ich mir im internet zusammensuche. Und weil du in Niger warst, habe ich darüber das eine und andere nachgelesen. Aber ich war ja nie da.“ – „Besser so.“ – „War es denn so schlimm? Klar, war sicher kein Honigschlecken. Ich habe auch gelesen, dass sich da in den Flüchtlingslagern und Städten viele Flüchtlinge aufhalten, ne Viertel Million waren es, glaube ich, die aus anderen Ländern nach Niger kamen, und noch mehr, die innerhalb des Landes vertrieben wurden, davon mehr als die Hälfte Frauen. Aber das waren Zahlen, bevor die Europäer die Grenzen dicht machten. Wieviele sind es denn jetzt? Erzähl doch mal. Und wie geht es mit Corona? „.

„Was denkst du eigentlich, wie es in Afrika zugeht?“ faucht sie mich an. Und dann bricht es aus ihr heraus. „Denkst du, es macht Spaß, davon zu berichten? Ihr lest die großen Zahlen, Nummern. Zahlen sind nix! Menschen sind das, jeder anders, mal schlimmer, mal besser! Hast du schon mal neben einer x mal vergewaltigten Frau gelegen, die keine Milch für ihren Säugling hat? Was glaubst du, warum ich einen so großen Busen gekriegt hab? Um ihren verhungernden Säugling zu nähren, darum!“

Darum also. Sonst wirkt sie ja eher männlich. Als Mann, so denke ich mir, konnte sie besser kämpfen. Vielleicht auch die Frau mit dem Säugling schützen. Flüchtlinge auf den Weg bringen.  Ich frage danach, aber Will.ie mag nicht mehr reden, steht auf, setzt ihren komischen Hut und ihre Sonnenbrille auf, bindet die Maske um, geht raus. „Ich guck mal nach Max!“ sagt sie noch. Später sehe ich sie auf der Gartenbank sitzen. Sehr aufrecht. Neben ihr liegt Max. „Er ist tot“. sagt Will.ie. „Ich fand ihn auf der Straße. Verletzungen hat er nicht.“

Max ist tot.  Max mit dem weichen Bäuchlein, das immer hungrig war und sich so gern streicheln ließ. Mein Max! Ich möchte weinen. Aber ich sehe Will.ies starre Figur und denke daran, was sie wohl alles erlebt hat. Und dass sie nun auch noch Kummer um Max hat. Sie tut mir so leid. Ich möchte ihr Elpis schicken, die Hoffnung, die sie damals zurückließ. Aber wo ist Elpis? Der Narr ist mit ihr unterwegs. A, da kommt er ja schon angerannt!

Und was sehe ich, als ich traurig ins Haus zurückgehe? „Will.ie, Will.i“, rufe ich begeistert und stürze in den Garten. „Prinkipissa hat Junge! Ich ahnte es ja, aber nun hat sie sie gebracht! Max ist tot, aber seine Kinder leben! Schau nur, wie schön sie sind. Aber Vorsicht, Prinkipissa ist sehr scheu.“

Und das ist alles wahr.

 

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Erziehung, Flüchtlinge, Fotocollage, Leben, Legearbeiten, Politik, Psyche, Reisen, Tiere, Willi abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

31 Antworten zu Will.ie über Afrika, Max und Prinkipissa

  1. Karin schreibt:

    Fast alles sehr traurig, kaum fassbar und doch blanke Realität. Der Schluss versöhnt – mögen sie bleiben die Mutter und die Kleinen. Leben ist grausam schön.

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  2. lyrifant schreibt:

    Der ewige Kreislauf von Tod und Leben – traurig und tröstlich zugleich.

    Gefällt 1 Person

  3. Christiane schreibt:

    Es ist nicht möglich (glaube ich), Katzenkindern gegenüber ungerührt zu bleiben, von daher sorge ich mich nicht um die Schreihälse.
    Aber das mit Max tut mir leid zu lesen.
    Traurige Abendgrüße 🐈🍷🥨👍

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, Christiane. Ich war sehr traurig, aber dann auch sehr gerührt und froh. Jetzt liegt die Mama mit ihren zwei Kleinen immer noch dort, wo ich sie fotografierte, zwischen Balkontür und Gitter. auf einem Kissen. Ich schleiche manchmal hin und freue mich.

      Gefällt 3 Personen

  4. elsbeth weymann schreibt:

    Danke Gerda…traurig-froh. Wie das Leben… und wie die Kleine von Prinkipissa schaut…unfassbar schön !

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  5. wildgans schreibt:

    Liebe Gerda, bitte bei der Antwort auf Karins Kommentar noch ein kleines l einfügen;-)
    Oooooch, wie total niedlich, das Katzenkind!

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  6. finbarsgift schreibt:

    Berührend in Wort und Bild. Die Dinge des Lebens … auf einfühlsame Art beschrieben und dargestellt.
    Das mit Afrika geht mir immer besonders nah. Da zittert das Herz und der Geist dreht sich…
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

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  7. Leela schreibt:

    haben die kleinen Kätzchen schon einen Namen?

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  8. Karin schreibt:

    Wenn ein weibliches dabei ist, müßte es Maxi heißen zur Erinnerung an den Papa.

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  9. Johanna schreibt:

    Alles Vergängliche
    Ist nur ein Gleichnis;
    Das Unzulängliche,
    Hier wird’s Ereignis;
    Das Unbeschreibliche,
    Hier ist’s getan;
    Das Ewig-Weibliche
    Zieht uns hinan.
    🌱

    Gefällt 2 Personen

  10. Johanna schreibt:

    Dies kam mir beim Lesen Deines Blogs heute in den Sinn … das Leben ist oftmals noch wunderbarer als jede Fiktion 🙏

    Gefällt 3 Personen

  11. So viel Schlimmes und dann auch noch der tote MAX, liebe Gerda
    Wie gut, daß Prinkipissa (den Namen hatte ich von Dir noch gar nicht gehört) mitsamt den Kleinen zu Euch kam! Im großen Kummer kam die kleine Freude zu Euch. Wie wunderschön ist das.

    Gefällt 1 Person

  12. Ich trug nur die Jungen zurück, liebe Gerda. Die Mama-Katze natürlich nicht, da hätte sie gebissen, auch wenn sie mich noch so gut kannte. Katzen ziehen ihre Grenzen und lassen sich nicht dreinreden.

    Gefällt 1 Person

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