O Himmel! (kleine Beobachtungen und ein Lied zum Tag)

Fortsetzung von gestern.

Heute Morgen fielen Tropfen aus dem tief eingetrübten Himmel, nicht genug, um Feuchtigkeit unter der Pinie zu verbreiten, aber dicht genug, um an die Büsche funkelnde Tropfen zu hängen. Einen Regenbogen konnte die getrübte Sonne nicht erzeugen.

Eine Stunde später sah ich sie am trüben, aber nun nicht mehr weinenden Himmel ihre Kurven drehen. Überall, im Norden, Süden, Westen, Osten waren sie unterwegs.

 

Ich weiß, sie üben ja nur. Es gibt rationale Erklärungen. Der Militärflughafen bei Kalamata wurde erweitert, wird neuerdings von anderen Nationen mitbenutzt, um ihre Piloten auszubilden. Kinder, tollkühne Männer, sie dröhnen am Himmel, ich höre ihr Dröhnen.

Lass sie doch.  Sie üben ja nur – für den nächsten Krieg.

Nebenher sorgen sie auch dafür, dass es nicht zu trocken wird. Und dass ich Kopfschmerzen habe, mein Atem schwer geht und ich mir die Augen reibe, als sei Sand darin  – nein, das hat andere Ursachen. Vermutlich wieder mal der Staub aus Libyen. Woher bläst eigentlich der Wind? Nirgendwoher. Windstille. Es ist halb eins Sommerzeit.

Ein Lied kam mir in den Sinn, ein frommes Sehnsuchtslied, gedichtet von Friedrich Spee (1591–1635)

Wikipedia: Friedrich Spee gilt heute als der vehementeste innerkirchliche Kritiker der Hexenprozesse seiner Zeit, der mit seiner 1631, neun Jahre nach O Heiland, reiß ebenfalls anonym veröffentlichten Schrift Cautio Criminalis entscheidend zum Ende des Hexenwahns in Deutschland beigetragen habe. … Leitartikel von Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung, Weihnachten 2016: „Das Lied ist kein Klingeling. Es ist der bittere Ruf nach Gerechtigkeit. (… ) Sie ist der Versuch, sich zu wehren gegen kollektiven Wahn. Spee flieht nicht, auch nicht in simple Antworten. Er konnte den Terror nicht stoppen; aber er konnte tun, was ein Einzelner tun kann: ihn anklagen. Das hat er getan: Er hat es nicht bei Forderungen an den himmlischen Heiland belassen; er wurde zum Widerständler, zum Whistleblower des 17. Jahrhunderts. Sein Trostschrei-Lied ist an Weihnachten 2016 so erschütternd wahr wie 1622.“

oder auch Friedrich Schneider in der von ihm 2018 verfassten Geschichte hinter einem bekannten Adventslied (zitiert nach Wikipedia):  „Er sollte die zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilten Frauen auf ihrem letzten Weg begleiten. Er bekommt Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten dieses Irrsinns und veröffentlicht schließlich […] ein Buch, in dem er die Methoden und den Sinn der Hexenverfolgungen kritisiert. […] Der Dichter hält es kaum aus: Gott, komm nur nicht zu spät! Es wird dringend Zeit!“

Also hören wir es in der Vertonung von Brahms, gesungen unter Corona-Abstands-Bedingungen.

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
dass Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.

 

Die Sonne abends um 6 Uhr Sommerzeit

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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12 Antworten zu O Himmel! (kleine Beobachtungen und ein Lied zum Tag)

  1. Leela schreibt:

    irgendwie stimmt es schon: ein Einzelner kann etwas tun. Das immer wieder darauf Hinweisen wirkt ähnlich wie die Corona-Inzidenz-Schleifen. Es ruft zurück und zurück, verfestigt sich und lenkt den Blick. Eine Gefahr dabei ist, den Blick für das Schöne zu verlieren, das ja auch noch da ist. Jeden Moment davon möchte ich aufsaugen, wer weiß wie lange noch…
    Euer Himmel wird mächtig eingesaut. Im Gefolge von Übungen, könnte sein. Ein ungutes Gefühl, Experimentierfeld zu sein… Für mich sieht das, wie es dir geht, wie ein Beweis aus. Ich wünsche dir, dass sie bald aufhören mit dem Üben sonst musst du noch freiwillig so einen Pestschnabel tragen.

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Unglaublich großartig und herrlich, diese Musik von Johannes Brahms! Und Friedrich Spee gehört längst zu den Textdichtern, die ich bewundere. Und nun hebst Du dies ganz neu an uns heran. Da fehlen einem ja alle Worte.

    Gefällt 1 Person

  3. Johanna schreibt:

    Oh wie wunderbar ist diese Musik und wie liebte ich schon immer dieses Lied, welches ich als Weihnachtslied dachte. Dieser neue Zusammenhang macht es noch viel ernster und Deine Worte und Beobachtungen wiegen schwer. Ich denke an Dich.

    Gefällt 1 Person

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