Montags ist Fototermin: Sonnenblume, El Alamein und die Schwanenwege.

Knallblau ist der Himmel, der Wind hat das Meer dunkelblau mit weißen Schaumkronen gefärbt. Nach dem morgendlichen Schwimmen mache ich einen kleinen Rundgang ums Haus. Es ist nichts Dramatisches, was sich da dem Auge bietet: eine kleine Sonnenblume auf hohem Stängel, eine Hibiskusblüte, die an langem Stil im Blau schwankt,  ein rostiges Objekt, das ich einst heimschleppte in der Meinung, es sei ein Kunstwerk, und, im Flur und im Bad, zwei Nester, Kunstwerke auch sie, geschaffen  und aufgegeben vielleicht von Wespen.

Im Moment bleiben, im Augenblick leben. So sagen alle Ratgeber. Bleib im Realen, im Hier und Jetzt. Doch der Moment, was ist das? Er dehnt und weitet sich in alle denkbaren Richtungen.  Sonnenblume  ich denke an: „Blinde Sonnenblumen“ – diesen bemerkenswerten Roman von Alberto Méndez  über das Ende des Spanischen Bürgerkriegs, da war ich noch nicht geboren. Und ich denke: „Unternehmen Sonnenblume“ – das war das Codewort für das Eingreifen deutscher Truppen in den Afrikakrieg der Italiener -, denke an den Juli 1942 und die Schlachten von El Alamein.  Da war ich zwei Monate alt.

Ich war tatsächlich mal da – in El Alamein. Und ich schrieb über diese Schlacht, schon bevor ich da war.  In meinem Romanfragment „Schwanenwege“: Der Vater von Elisabeth – ist dort umgekommen. Gehören solche Assoziationen zum Moment? Darf eine Sonnenblume nicht einfach nur eine Sonnenblume sein,  mühsam genug ist das Leben für sie in diesem Sturm und bei dieser Hitze, der Boden ist auch ärmlich, und ich bin froh, dass sie es geschafft hat zu blühen.

Doch El Alamein setzt sich in meinem Kopf durch. Das westliche Ägypten, die schier endlose Ödnis, durch die ich vor Jahren fuhr. Und drüben Libyen, wo heute die Armseligen Afrikas leiden und hoffen auf eine Überfahrt. Die darauf warten, dass sich in meinem Herzen ein Anker findet, um daran festzumachen.

Doch nicht sie sind es, es ist der längst vergangene Krieg in der Wüste, der diesen meinen Gegenwartsmoment weitet.

 

 

Wer Lust hat, liest nun hier weiter im Romanfragment „Schwanenwege“, 5. Tag.  Auch da geht es um die Kontexte, in die die Protagonisten ihre Erlebnisse einstellen: März 2005  – ein Krankenhaus in Genua, eine Mutter (Elisabeth, 76), ein sterbender (Swen, 32) und ein ihr beistehender Sohn (Harald, 43).

Elisabeth und der Vater

Harald traf seine Mutter am Krankenbett. (…) Ihre Augen, die sie flüchtig dem Eintretenden zuwandte, hatten einen merkwürdigen Glanz, der wie eine fremde Haut über der blassen Iris lag.
Harald zog sich einen Stuhl ans Bett. Swens Zustand schien unverändert ernst zu sein. Manchmal flackerten seine Lider und es kam Harald vor, als blitzte ein Wiedererkennen in den Augen auf. Doch dann drehten sie sich wieder weg, die von roten Adern durchzogenen Augäpfel erschienen zwischen flackernden Lidern, der Mund zuckte und bewegte sich in einer lautlosen Sprache. (…….)

(In Harald steigen Erinnerungen an die Mutter auf)

Es konnte vorkommen, dass er aus dem Internat heimkam und sie ihn umarmte und auf das Sofa neben sich zog, ihn anstrahlte und mit ihrer leicht Wienerisch gefärbten, melodischen Stimme aufforderte: „Erzähl, Harald, was gibt es Neues in der großen weiten Welt?“. Dann fühlte er sich behaglich und wichtig und sein Herz wollte ihm aufgehen. Doch schon nach wenigen Sätzen spürte er, dass sie gar nicht bei der Sache war. Mitten im Satz konnte sie aufstehen und ans Fenster treten, um hinauszustarren, oder, noch schlimmer, einfach weggehen, und wenig später hörte er dann den Flügel im Musikzimmer, auf dem sie einen schwierigen Lauf wieder und wieder übte, bis sie mit wütender Hand in die Tasten griff, eine Serie von Missklängen hineinhämmerte und den Deckel geräuschvoll schloss. Danach war es dann still, und sie erschien auch nicht wieder. Er war vergessen und nahm seine Reisetasche, um sie auf sein Zimmer zu tragen.
Jetzt saß diese Frau, seine Mutter, neben ihm und hielt ihren gläsernen Blick auf den kleinen Bruder gerichtet, dessen mühsamen Atem sie ängstlich verfolgte. Ob sie wohl auch so besorgt wäre, wenn er da läge? (…..)

Unwillkürlich seufzte er ein zweites Mal und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Elisabeth sah flüchtig zu ihm hin, wie fragend; doch ohne eine Antwort abzuwarten wandte sie sich wieder dem Kranken zu. Harald hatte schwere Sorgen, ja Panik in ihrem Blick gelesen. Sollte es tatsächlich so schlecht um Swen stehen, oder steigerte sie sich gerade mal wieder in eine ihrer tragischen Rollen hinein? Es war vielleicht gut, ihre Stimmung zu versachlichen, sie auf andere Gedanken zu bringen. Doch womit nur?
Da fiel ihm seine gestrige Frage ein, und in ihren ihm zugewandten Rücken hinein fragte er: „Sag mal, Mutter, war Vater eigentlich als junger Mann in Ägypten?“

(Zur Erklärung: Harald hat zuvor die Information erhalten, dass sich Swens verschollene Zwillingsschwester Swantje  in Ägypten befindet….)

Elisabeth fuhr herum, starrte ihn einen Moment verständnislos an: „Vater? Wie kommst du da drauf!“
„Mir kam heute Nacht so eine Erinnerung, als ich etwas über Carsten Niebuhr, einen deutschen Forscher in dänischen Diensten, nachlas. Der war zu einer Expedition in der arabischen Welt..“
„Kenn ich nicht. Kann mich zumindest nicht erinnern. Ich war ja noch ganz klein, als Vater starb.“
Jetzt war es an Harald, verwirrt zu sein. Doch ja, natürlich, sie sprach von ihrem Vater. Von diesem Großvater hatte er gar keine Vorstellung. Wann war er gleich gestorben? Und wie alt war sie da gewesen? Vor Harald tat sich ein Riss auf, auf den er nicht gefasst war. Mutter lebte in ihrer Vergangenheit, geradeso wie er, ja, wie er in der seinen. „Vater“, das war für sie ein ganz anderer als für ihn, das war ein Fremder, der in weit zurückliegender Zeit gestorben war. Gestorben oder gefallen? Nicht einmal das wusste er mit Sicherheit, wie er beschämt feststellte. Sollte er nachfragen? Jetzt?
„Wie alt warst du eigentlich, als dein Vater starb?“, fragte er schließlich in ihren Rücken.
Jetzt drehte sie sich ihm endlich voll zu. „Elf“, sagte sie. Sie sagte nichts als „elf“, und sah ihn dabei mit einem Blick an, den er sich nicht zu deuten wusste. Ein wilder Vorwurf lag darin, und eine Qual.
Vor diesem Blick senkte Harald die Augen, schaute dann hilfesuchend zu Swen hinüber, der aber weiterhin in seiner Alptraumwelt befangen war. Sein Mund, die spröden, weiß geränderten Lippen arbeiteten, als wollten sie dringend etwas mitteilen. Seine freie Hand fuhr gestikulierend hin und her, die andere, in die Seren tropften, war mit einer Binde ans Bett gefesselt. Wieder riss etwas in Haralds Brust, und ein warmes Mitgefühl für den kleinen Bruder, für seine unbekannte Agonie ergriff ihn und trat ihm in die Augen, mit denen er die Mutter suchte.
Elisabeth blickte immer noch in seine Richtung, aber es war jetzt mehr ein Starren, als täte sich vor ihr der Abgrund einer fernen Zeit auf. Dann fing sie an zu sprechen, erst zögernd, dann immer hektischer. „Du willst wissen, ob Vater in Ägypten war? Nein, ganz bis hin hat er es nicht geschafft. Im Mai einundvierzig haben sie ihn eingezogen und auf die Schnelle zum Panzergrenadier ausgebildet. Er kam dann an die Afrikafront. Seine Arbeit als Musiker hat ihn nicht mehr geschützt, ich weiß nicht, warum. Mutter sagte, er sei dem Regime nicht genehm gewesen. Ich erinnere mich aber gar nicht, dass zu Haus viel von Politik die Rede war“.
Sie schwieg, stand abrupt auf, trat ans Fenster. Sie legte ihre Stirn an die Scheibe, starrte hinaus. Harald kannte das. O wie gut er das kannte!
„Im Juni zweiundvierzig war er dann das letzte Mal auf Heimaturlaub bei uns.“
Harald hatte Mühe zu verstehen, die Wörter kamen wie verwaschen aus ihrem Mund.
„Von seinen Erlebnissen an der Front erzählte er sonst nichts, nur am letzten Tag, da ging er mit mir im Schönbrunner Tiergarten spazieren. Plötzlich blieb er stehen, atmete tief durch und sagte ganz glücklich: ‘Welch herrliche Luft, es duftet so schön nach Gras und Sommerwind’.“
Elisabeths schmale Schultern hoben und senkten sich. Ihr Atem beschlug die Fensterscheibe. Dann drehte sie sich um und starrte Harald an. Er hatte nicht den Eindruck, dass sie ihn sah.
„Dann sagte er noch, ich kann mich fast an den Wortlaut erinnern, vielleicht, weil es das letzte Mal war, dass wir zwei so beisammen waren: Das Schlimmste am Krieg in der Wüste, musst du wissen, das ist nicht der Feind mit seinen Bomben und Kanonen. Das Schlimmste ist der Staub, das verschlägt einem schon den Atem. Unsere Panzer zerwühlen die Straßen, die oft nur Sandpisten sind, und wenn dann der Sturm dreinfährt, ist es kaum zum Aushalten. Dieser feine Wüstenstaub geht in die Augen, er verstopft die Ohren und verklebt Nase und Mund. Dazu der Schweiß. Du würdest deinen Papa gar nicht erkennen mit all dem Staub auf seinem Gesicht und in den Haaren. Da sehen alle gleich aus, Menschen und Fahrzeuge und Gerät, alles mit einer dicken Schicht Staub überkrustet. Wegen der Staubwolken kann man auch nicht weit sehen, nur ein paar Meter.“
Wieder verstummte Elisabeth und begann, unruhig im Raum umherzuwandern. „Ich fand das irgendwie beruhigend“, flüsterte sie, als spräche sie zu sich selbst oder vielleicht auch zu dem Toten, „mit all dem Staub, sagte ich, kann euch der Feind nicht entdecken. Vater lachte und legte seinen Arm um mich. Bist mir eine ganz Gescheite, sagte er, ja, der Rommel, der Fuchs, hat den Sand wohl extra bestellt, zur Tarnung.“
Elisabeths Stimme wurde eindringlich. Den Kranken schien sie ganz vergessen zu haben. „Als dann die Bombardierung von Wien anging und sich alles in Staub verwandelte, da fiel’s mir wieder ein. Wenn dann der Sturm in die Trümmer fuhr, war das Atmen schwierig, grad wie in der Wüste, dacht ich. Und gegen die Tiefflieger half es auch nicht. Hat auch dem Vater nichts geholfen. Im Wüstenstaub haben sie ihn begraben“. Ihr Mund war bitter. „Später haben sie die Knochen eingesammelt, die sahen sich nun wirklich alle gleich, aber man hat sie doch umgebettet und über die einen ein teutonisches Denkmal getürmt und über die anderen ein italienisches oder ein britisches, und all die Namen der Gefallenen eingemeißelt in die Wände. Tausende und Tausende.“
Ihre Stimme brach ab, Stille breitete sich aus, in das nur das gequälte Atmen des Kranken klang. Doch Elisabeth hörte es nicht, sie war in Wien, damals, vor dreiundsechzig Jahren. Sie war ein kleines Mädchen, das zwischen Vater und Mutter ging, an jenem letzten Abend, bevor der Vater für immer aus ihrem Leben verschwand. Sie gingen ins Kino, in den neuen Mozart-Film, der gerade in den Kinos angelaufen war. Harald Holt war in der Hauptrolle zu sehen, die Wiener Philharmoniker spielten. Wen die Götter lieben, hieß der Film. Wen die Götter lieben, den rufen sie früh zu sich, das war auf Mozart gemünzt, er wurde ja nur 35. Der Vater starb schon mit 34, und vielleicht stimmte es ja, dass die Götter ihn geliebt hatten, denn was dann noch alles kam, all das Elend und die Kälte und die vielen Toten immerzu, das musste er jedenfalls nicht miterleben.
Plötzlich begann Elisabeth wieder zu reden, das Gesicht bleich und verzerrt. Harald hatte Mühe, den Zusammenhang zu finden. Sie sprach von den Wiener Philharmonikern, zu denen auch ihr Vater gehört hatte. „Die taten ja so, als wäre alles Bestens. Musik war alles, das andere zählte überhaupt nicht. Musik war das A und das O. Noch vierundvierzig feierten sie mit Pomp und großen Reden den Achtzigsten von Richard Strauß, und Karl Böhm dirigierte den Rosenkavalier. Mutter war auch geladen, als Kollegenfrau und Heldenwitwe, sie nahm mich mit und zeigte mir die Bonzen, die da in der ersten Reihe saßen, alle in Gala-Uniform. An den Schirach erinnere ich mich, und an den Herrn Bürgermeister Blaschke, der war bei der SS. Ich glaube, ich habe sie damals richtig gehasst, all diese Leute, die lebten, und mein Vater war tot. Tot und im Wüstensand verscharrt!“
Abrupt und für Harald erschreckend drehte sie sich um. Mit großer anklagender Gebärde wies sie auf Swen: „Und jetzt stirbt dieser hier! Auch er ein Götterliebling, und ist noch nicht mal dreiunddreißig. Ich wollt, die Götter würden ihn weniger lieben!“ Sie ballte die Fäuste: „Ich hasse euch und eure mörderische Liebe! Ich geb ihn nicht her, diesen nicht! Den Vater habt ihr mir genommen, jetzt wollt ihr auch den Sohn? Ihr sollt verflucht sein!“
Sie wandte sich zu Harald, ihr Gesicht eine tragische Maske: „Dein Vater fand den Satz ja herrlich, wie alles Griechische! ‘Am besten, nicht geboren zu sein, am zweitbesten, jung zu sterben’ – das gefiel ihm! Gefiel ihm!! Wozu habe ich fünf Kinder in diese Welt gesetzt, unter Schmerzen und Qual? Wozu wird man Mutter? Wär ich doch umgekommen damals im Bombenhagel, aber nein! Ich lebte, unser Haus blieb verschont, während alles ringsum zu Staub wurde, und Großmutters Flügel stand heil und glänzend in der Stube.“
Die Knöchel ihrer Hände, mit denen sie die Stuhllehne umklammerte, traten weiß hervor: „Der Flügel. Der war ja Papas Vermächtnis. Papa hatte mir die ersten Töne drauf beigebracht und gesagt: Der ist für dich, meine geliebte kleine Tochter. Seine Mutter hatte drauf gespielt, und er sollte ihn dann erben, aber er liebte die Oboe weit mehr, das war ihr großer Kummer. Die Wiener Oboe speziell hatte es ihm angetan, von Kind an schon. ‘Wer wird nach mir auf dem Flügel spielen? jammerte sie. Ja, das bist nun du, meine kleine Tochter, du wirst ihm Ehre machen, nicht wahr?’ Ach Papa, ich hab’s ja versucht, aber dann kamen die Kinder, und ich hab dich verraten, und nun stirbt mir dieser hier, und es war alles vergebens.“
Elisabeths Lippen bebten, und große Kindertränen füllten ihre Augen. Sprach sie mit ihrem toten Vater? Sie schien ihn anzuflehen, sie zu sich zu nehmen. Sie wimmerte und klagte sich an. Immer wieder dies „Verrat“, „ich hab dich verraten, verzeih mir“. Was sollte er nur tun? Warum war sie nur hergekommen, das hielten ihre Nerven ja gar nicht aus! Er konnte doch nicht einfach auf seinem Stuhl sitzen bleiben, er musste etwas unternehmen! Einen Arzt rufen? Die Schwester?
Ratlos stand er auf, da gaben seine Knie nach, und er umschlang Elisabeth, legte seine Wange an ihre, wisperte ihr Sinnlos-Tröstliches ins Ohr: „Ist ja gut. Alles wird gut. Sch, sch. Ich bin ja hier, bei dir. Es wird alles gut, du wirst schon sehen“. Und wie er sie so in seinen Armen hielt, quoll eine Seligkeit in ihm auf, dass es schmerzte und ihm Tränen in die Augen trieb.
Eine Ewigkeit hätte er so bleiben mögen, doch der Moment ging schnell vorüber. Elisabeth machte sich frei und versteifte den Rücken. „Bitte, Harald“, murmelte sie, „da in meiner Handtasche hab ich Taschentücher und meine Pillen, sei so gut und gib sie mir“.
Er richtete sich etwas unbeholfen auf, reichte ihr das Gewünschte, goss auch ein Glas Wasser ein. Setzte sich wieder auf seinen Stuhl, steif nun auch er, die Hände auf den Knien zusammengenommen. Peinlich, dieser Ausbruch von Intimität, peinigend auch das erschöpfte Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete. Der unruhige Atem von Swen, sein Stammeln, das stete Tropfen der Seren und das Surren der Apparaturen klangen gespenstisch in die Stille hinein.
Wenig später erschien die Krankenschwester und erlöste sie. Die Besuchszeit war beendet.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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29 Antworten zu Montags ist Fototermin: Sonnenblume, El Alamein und die Schwanenwege.

  1. Myriade schreibt:

    „Den Gegenwartsmoment weiten“ ist ein sehr schöner Ausdruck für „denken an die Vergangenheit“ 🙂

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  2. Elke H. Speidel schreibt:

    Ein beklemmendes Fragment. Wegen des Gesagten und auch wegen des Ungesagten. Der sterbende Sohn ist irgendwie nur Mittel zum Zweck, nur das Medium einer Retraumatisierung. Ist der ganze Roman so düster? Seit dem Tod meines Mannes lese ich gern fiktionale Texte über Tod, Sterben und Trauer, aber dieser Text lädt irgendwie nicht zur Trauerbewältigung ein. Was ist sein Anliegen? Sicher nicht das Generieren von Albträumen? (Ich hoffe, ich werde heute Nacht davon verschont.)

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Elke, ich hoffe sehr, dass Sie eine ruhige Nacht hatten, wenn Sie dies lesen. Wie kann ich aber auf Ihre Fragen antworten? Zunächst: Jeder Mensch hat mit Erfahrungen von Tod und Trauer zu tun, da gibt es keine Ausnahme. Dann: Der Roman ist nicht düster, und es geht nicht um Retraumatisierung sondern um die Überwindung von eingefrorenen Gefühlen,um Verlebendigung. Die Szene ist für den Sohn (Harald) eines der vielen Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Absturz des Bruders, die ihn aus seiner depressiv-sich selbstbemitleidenden Erstarrung herausführt.
      Sicher schreibe ich nicht, um bei Trauerbewältigung zu helfen. Das tue ich in meiner therapeutischen Arbeit. Die aber setzt ein ganz anderes zwischenmenschliches Verhältnis voraus als das zwischen Autor und Leser eines Romans, das ja ganz anonym bleibt.
      Mit herzlichem Gruss

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  3. kopfundgestalt schreibt:

    Der „Metallpappe“ Deiner Fotocollage wäre ich mit dem Makro nahegerückt, fürwahr!
    Sicher eine Fundgrube!

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  4. www.wortbehagen.de schreibt:

    Sonnenblumen sind hartnäckige Geschöpfe, geschaffen zum Überleben, aber eine kleine Hilfe hatte sie … El Alamein las ich und grübelte, dann im Text fand ich den Zusammenhang und ich wußte es wieder. Du schreibst einfach packend und sehr intensiv, liebe Gerda. Selbst bei einem Fragment macht es sich sehr schnell bemerkbar

    Herzliche späte Grüße von Bruni an Dich

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  5. kunstschaffende schreibt:

    Liebe Gerda,
    die Ablehnung der Mutter gegenüber Harald ist herzzerreissend! Damit hat er bestimmt in seinem ganzen Romanleben zu kämpfen. Sowas prägt und sicher ist er auf ewiger Suche nach Liebe.
    Gibt es die Chance, diesen fantastischen Roman einmal als gebundenes Werk in den Händen zu halten, hoffentlich!!!!

    Gut, dass es Titolinus wieder besser geht, freue mich für Euch!

    ❤liche Grüße Babsi

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Babsi, ich denke nicht, dass die Mutter ihren Sohn Harald „ablehnt“. Sie ist einfach zu sehr mit ihrem eigenen Drama beschäftigt (sie hat ihre Karriere als Konzertpianistin aufgegeben – das ist der „Verrat“, von dem sie in dieser Szene spricht) und sieht die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht.

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      • kunstschaffende schreibt:

        Aus der Sicht der Mutter schon verständlich, aber sieht das Harald auch so! Ich hatte eher den Eindruck, dass er sehr verletzt ist, denn die Kindheitserinnerungen, mit der Nicht Achtung der Mutter für seine Person, macht ihm schon schwer zu schaffen. Ein Kind versteht die Nöte der Erwachsenen doch eher schwerlich und bezieht all zu oft auf sich selbst. Es kann ein lebenslanges Traumata sein.
        Sicher war es keine Absicht der Mutter, doch ihr Verhalten hat eben auch wieder negative Folgen!

        Ja so sehe ich es oder empfinde ich es, wenn ich Deine Romanfragmende lese!

        LG Babsi

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, so ist es, liebe Babsi. In gewisser Weise sind wir ja alle immer auch Kinder und sehen die Welt aus der Perspektive des Kindes, egal wie alt wir sind. Harald ist 43, seine Mutter ist 76, doch beide sind in dieser Szene Kinder. Elisabeth ist ein Kind von elf, das zum letzten Mal mit dem Papa spazieren geht, und Harald ist ein vielleicht 14jähriger Internatsschüler, der sich nach der Zuwendung der Mutter sehnt.

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  6. wildgans schreibt:

    Gelesen habe ich den Text. Finde keine Worte. Vielleicht einandermal. Getroffene Hunde bellen, oder so…
    Gruß in windige Hitzen von Sonja

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  7. gkazakou schreibt:

    Danke Sonja, herzlich Gerda

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  8. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, „Schwanenwege“ will ich in Ruhe lesen, nicht jetzt, ich bin schon etwas müde, aber ich will dir flugs erzählen, dass ich für dich Schwanenbilder mitgebracht habe … bald zeige ich sie dir (und den anderen)!

    Mich berühren diese Zeilen von dir sehr:“Und drüben Libyen, wo heute die Armseligen Afrikas leiden und hoffen auf eine Überfahrt. Die darauf warten, dass sich in meinem Herzen ein Anker findet, um daran festzumachen.“

    herzliche Abendgrüße
    Ulli

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