Neue Rubrik: Blog-Resonanzen, auch zum Weiterspinnen 1). Engel

Ich verwende recht viel Zeit auf das Lesen von Blogs. Warum tue ich das? Es gibt mir vielfältige Eindrücke davon, womit sich andere Menschen (insbesondere in Deutschland) befassen, was sie ängstigt, was sie erhoffen, wie sie Eindrücke verarbeiten, in welcher Weise sie selbst am Weltgeschehen mitwirken… Ich kann ein Stück mit anderen reisen, werde mit Geschichten, Gedichten, Künstlern, Ansichten, Absonderlichkeiten und Absurditäten bekanntgemacht und vieles mehr. Manchmal notiere ich etwas davon in mein „normales“ Tagebuch, aber das meiste geht vorbei, ohne tiefere Spuren zu hinterlassen.

Nun habe ich mir überlegt, ab und zu das, was mir besonderen Eindruck machte, hier in meinem Blog wiederzugeben – samt der Resonanz, das in es mir auslöste. Mal sehen, womit ich heute beginne….

Also, am besten beginne ich heute mit etwas Erfreulichem.

Ich freute mich heute besonders über eine Bildserie von Susanne Haun aus Cadiz (hier). Denn Susanne erzählt dort in Bildern von einer Stadt, die ich im Oktober 2023 selbst besuchte. Natürlich stiegen mir eigene Erlebnisse aus der Erinnerung herauf, und ich suchte nach eigenen Fotos von damals (hier und hier und hier)

Da fiel mir ein, dass ich damals, als ich in Cadiz herumspazierte, auch an Susanne und ihre Engel dachte. Ich schrieb: „Eine geniale Engelmalerin ist Susanne Haun. Ihr letzter Engel hält ein Stundenglas. An Susanne musste ich auf meiner Andalusienreise oft denken, wenn ich vor einem der vielen Engel stand. Wie würde sie sie mit ihrer immer geschmeidigen, manchmal ins Groteske gehenden Linie auf Papier bannen?“ (hier)

Einige der Engel, die ich in Cadiz fotografierte:

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Susanne kommentierte unter meinem Blogeintrag: „...Ja, im Moment erscheinen mir die Engel als ein Thema, an das ich mich wieder einmal abarbeiten möchte. Angesichts der Weltlage erschien mir gerade der Engel mit dem Stundenglas passend.“ 

Das nun wieder löst bei mir eine ganze Gedankenkette aus. Denn seit dem Oktober 2023 ist ja vieles geschehen und hat uns fast überrollt. Der Sand rinnt mit beschleunigtem Tempo, so scheint mir oft, in den unteren Teil des Stundenglases, und enger wird der Spielraum, der uns Menschen geblieben ist, um uns zu besinnen. Aber sollen wir uns deshalb der Verzweiflung überlassen?

Kopie und digitale Bearbeitung von Dürers Engel Melancholia

O nein!

abc-etüde (Dezember 2018)

Der Engel mit dem Bogen

Wenn finstre Wolken dir das Licht
der schönen Sonne fast verdecken
Wenn trüb dein Auge und du nicht
Mehr aufrecht gehst, willst dich verstecken
Vor all dem Unheil, das dein Haus
In letzter Zeit betroffen hat
Und wenn du schon, als wie die Maus
Den Kater um das Ende bat,
dein blutend Herz legst in die Hand
der Göttin, seufzend: „Bitte nimm mich!
Nimm fort mich, fort von diesem Land
Von dieser Stadt und dieser Erde!
Vielleicht dass ich, wenn schon nicht hier
Im Himmelsreiche glücklich werde.“

Wenn das so ist, erschein ich dir!

Ich komme mit meinem Bogen
Auf transparenten Wogen
Heiter zu dir geflogen.
Spinne den Regenbogen.

Hab ein Knäuel lichter Farben
lass ihn gleiten durch die Hand
sieben zarte Fäden zieh ich
Dass sie Mensch und Tier entzücke
spinne sie wie goldne Garben
spanne sie wie eine Brücke
die dein Himmelsstück umspannt.

Bin der Engel dieser Brücke
Der dein Herz, das schon in Stücke
Fast zerbrochen war,
heilet ganz und gar.

Meinen Bogen spann ich selig
Wo die dunklen Wolken dräuten
Angst und Bange ward den Leuten
Doch du siehst mich und wirst fröhlich
Hast vergessen alle Schmerzen
Die dich marterten im Herzen.

„O“, so rufst du, „es gibt Hoffen
Alle Wege stehn mir offen!
Überm Haus, ach, welches Glück
Steht ein Bogen wie ne Brück!
Ist ein Bogen, der das Licht
bunt in allen Farben bricht!
Welche Freude, welch Genuss
Mit der Trübsal ist jetzt Schluss“

Angesichts der Dummheit und kriegerischen Gesinnung der Menschen sind Engel, die uns beschützen, unabdingbar. Schön ist die Vorstellung, dass jeder seinen eigenen Engel habe. Diese Engel (von griechisch αγγελος, Bote) halten die schützende Hand über einen jeden. Sie unterscheiden nicht nach Freund und Feind oder nach Verdienst.  Chrinolo malte kürzlich einen solchen Engel (hier), zu dem sie schreibt: „Ob Engel oder andere schützende Wesen – sie symbolisieren den menschlichen Wunsch nach Geborgenheit und Unterstützung in einer oft unberechenbaren Welt. Gerade in turbulenten Zeiten kann dieser Glaube Kraft schenken und das Gefühl vermitteln, nie allein zu sein. So wird der Schutzengel zu einem wertvollen Begleiter auf unserem Lebensweg.“

Engel, gemalt von Chrinolo

Und wie es so geht, wenn man auf einer Fährte ist, so komme ich auch an einem Eintrag von Joachim Schlichtung vorbei (hier), in dem er vom Diestelsamen erzählt, der wie Engelshaar am Wegesrand aufleuchtete. Und so erinnerte ich mich daran, dass Engel nicht der Logik des aufgeklärten Menschen folgen, sondern die Drei auch gerade sein lassen können.

„...Wenn man sie kennENGELernt hat, wird einem klar, was so alles noch zwischen, über, unter, neben, auf, in, vor und hinter den Dingen haust und west (sein Wesen treibt). Lichtenberg hat auch dies in einer Sudelbucheintragung bedacht, wenn er notiert: „Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube es müßten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13.“**

 

Als Glasscherbenbild habe ich einen solchen unter dem Titel „Mein Engel und ich“ gezeigt.

Wenns ganz schlimm kommt, ist ein drachentötender Engel zur Stelle. Er wird uns schon von den Übeln, die wir selbst geschaffen haben, befreien! Hier erscheint er in einem digital bearbeiteten Legebild.

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Weit und immer weiter will mich der Engelspfad führen. Aber hier breche ich erstmal ab.

Was meinst du zu den Engeln? Sprichst du manchmal mit dem deinen? Hast du vielleicht einen Beitrag zu Engeln veröffentlich, den ich hier verlinken darf?

 

Avatar von Unbekannt

About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Responses to Neue Rubrik: Blog-Resonanzen, auch zum Weiterspinnen 1). Engel

  1. „Chrinolos“ gemalter Engel gefällt mir besonders gut.

    Gefällt 3 Personen

  2. Avatar von Stefan Kraus Stefan Kraus sagt:

    Schöner Beitrag. Vor langer, langer Zeit habe ich mich intensiv mit dem Thema „Engel“ auseinandergesetzt. Manchmal kehrt es irgendwie zurück. So habe ich in der Tat vor Kurzem etwas dazu veröffentlicht: https://stefankrauskomponist.wordpress.com/2025/11/27/entia-lucis/

    Gefällt 4 Personen

  3. Avatar von Christiane Christiane sagt:

    Ich hätte ein bisschen Rilke für dich, liebe Gerda, falls du möchtest …

    Immer noch Engel


    Abendgrüße ❄️🎶🛋️🍵

    Gefällt 2 Personen

    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Danke von Herzen, liebe Christiane, für den link. Ich kopiere den Tex von Rilke hier rein, um ihn greifbar zu haben.Vielleicht wollen ihn auch andere hier mitlesen:

      Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur
      Heilige hörten: daß sie der riesige Ruf
      aufhob vom Boden; sie aber knieten,
      Unmögliche, weiter und achtetens nicht:
      so waren sie hörend. Nicht daß du Gottes ertrügest
      die Stimme, bei weitem. Aber das Wehende höre,
      die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.

      (Rainer Maria Rilke, aus „Duineser Elegien. Die erste Elegie“)

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  4. Avatar von Leela Leela sagt:

    hat nicht geklappt, wollte nur den Engel auf dem blauen Bild. Liebe Gerda, am besten löschen. Kann ich leider nicht…

    Gefällt 1 Person

  5. Engel sind ein wirklich großes Thema. Man stelle sich vor, statt dem Menschen mit der Hölle zu drohen, hätte die Kirche verkündet, nach dem Tode würde jeder Schutzengel eines lebenden Menschen, welchen er sich jedoch nicht selbst aussuchen könne. Wie hätte sich das auf das Verhalten der Lebenden ausgewirkt? Schutzengel zu sein ist kein Spaß. Schutzengel eines schlechten Menschen zu sein noch weniger. Ich hätte vor dieser Aussicht einen höllischen Respekt.

    Gefällt 3 Personen

    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Das ist ein sehr guter Gedanke, finde ich, liebe Christa! Schon in diesem Leben ist es gut, sich als Schutzengel für einen (weder verwandten noch befreundeten) Menschen zu üben und standhaft zu bleiben, auch wenn sich dieser Mensch in keiner Weise dankbar zeigt. Ich hab da so ein kleines Mädchen und seine Mutter, die ich von Ferne betreue – aber als Schutzengel habe ich mich bisher nicht verstanden.Das ist doch noch eine andere Qualität. Ich werde drüber nachdenken.

      Gefällt 2 Personen

  6. Avatar von sonnenspirit sonnenspirit sagt:

    Ich dachte bei den Engeln spontan an Maria von Blumencron. https://youtu.be/DUow9oW-fEM?si=9bTHuVAxwmirGq9v mit ihren Gebeten und Themen.

    Gefällt 1 Person

  7. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Wie schön, dass du dieses Thema aufgegriffen hast, liebe Gerda. Dein Beitrag ist wunderbar und die Kommentare dazu sehr interessant. Sie laden dazu ein, noch weiter zu denken. Und natürlich spreche ich mit meinem Schutzengel. Einmal ist er mir sogar im Traum begegnet ….. ich mache einen Blogeintrag darüber 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Bist du es, Chrinolo? Auf jeden Fall: Danke! Ich möchte das Thema gern noch einmal aufgreifen.

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      • Avatar von Chrinolo Chrinolo sagt:

        Ja, das war ich, aber keine Ahnung, warum das wieder anonym angekommen ist. Vielleicht klappt es jetzt. Ich habe zwischenzeitlich einen Beitrag zum Thema in meinem Blog geschrieben. Über den Engel Michael 😀

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      • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

        Danke, Chrinolo. Ich habe deine schöne herzberührende Geschichte gelesen. Sicher werde ich das Thema Engel noch einmal aufgreifen. Und du auch.

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  8. Es gibt meinen Engel in wortbehagen, liebe Gerda. Im Juli 2025 steckt er

    Der Engel meiner Fantasie

    Mein Engel hat keine Flügel
    Das schrieb Ulli vom Café Weltenall vor einigen Wochen schon
    und ich versuche nun mal, meinen Engel aus meinem Kritzelbuch
    zu befreien, denn da steckt er und ich bemerke, daß ihm dieses
    Eingesperrtsein gar nicht bekommt …

    Und ich überlegte
    wo MEIN kleiner Engel
    seine Flügelchen versteckt haben könnte

    Und schon kommt mir die Erkenntnis
    und sie kommt nicht von weit
    Sie ist um mich und mitten in mir

    Sie steckt in allen meinen Gliedern

    Manchmal flattern sie ein wenig herum
    schnuppern an sommerbunten Blüten
    und gräsergrünen Kräutern

    Leuchten wie die Sonne im Morgenlicht
    sitzen unter meiner Haut
    und ich zeige sie kaum

    Mein größter Schatz sind sie
    meine unsichtbaren Flügel
    die der Vernunft die Stirne bieten
    um dann mit einem lustigen Hopser
    in die Weite zu fliegen
    ins Reich meiner gelegentlich leicht
    eingerosteten Fantasie  …

    Ein gutes Gefühl, endlich zu wissen, wo sie stecken und sie gelegentlich um Hilfe zu bitten

    Gefällt 2 Personen

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