Dora zum SechstenFünften: Feuer (Geschichten und tägliches Zeichnen)

Noch einmal zünde ich das abendliche Kaminfeuer an. Genug Holz vom Olivenschnitt ist ja da, und das lebendige Feuer tut der Seele und den alten Knochen gut. Zwei Weingläser, ein Teller auf dem runden schwarzen Metalltisch. Der Schein der Flammen huscht darüber hin.

„Das Feuer“, meint Dora, „gehört eigentlich dazu, das muss drauf aufs Bild.“ Mitzeichnen? Aber wie? Unruhig sind die Linien der Zeichnung ja, man kann schon, mit ein bisschen Fantasie, auch das Feuer dazu denken.

„Soll ich die Zeichnung etwa anzünden?“ frage ich schließlich. „Hihi!“ Dora ist amüsiert. „Gar keine so schlechte Idee! Aber lass man, ich hab noch eine bessere!“ Und schwupps steht sie auf dem Zeichenblatt und gießt elektronische Flammen drüber. Die Linien der Zeichnung sehen gleich aus wie verkohlt.

Heutige Kids wie Dora können, so scheint es, das uralte Feuer mit der modernen Technologie verschmelzen. Hoffentlich verstehen sie dennoch den Unterschied zwischen beiden.

„Du verstehst schon, dass dein elektronisches Feuer keine Ähnlichkeit mit dem wirklichen Feuer hat?“ frage ich vorsichtshalber. „Wieso keine Ähnlichkeit?“ fragt Dora und runzelt die Stirn. „Es ist doch dasselbe, oder?“

Ist es dasselbe? Sicher nicht, denn an den elektronischen Flammen kannst du dich nicht wärmen, und kannst auch deine Seele nicht baumeln lassen. Eher machen sie nervös und hippelig. Aber liegen sie nicht doch auf einer Linie mit dem Feuer, das einst Prometheus den Menschen brachte? Man sagt ja, er habe uns Menschen das Feuer der Intelligenz gebracht, so wie der andere, der Luzifer, auch. Und so seien wir überhaupt in die Lage versetzt worden, uns zu Herren und Herrinnen der Erde aufzuschwingen.

Manches gilt jedenfalls für die Elektronik genauso wie fürs uranfängliche Feuer. So warnt Friedrich Schiller in der großen Ballade, in der er die Technologie des Glockengießens beschreibt:

Wohltätig ist des Feuers Macht,
 Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
 Und was er bildet, was er schafft,
 Das dankt er dieser Himmelskraft;
 Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft…

Da hört dann die Ähnlichkeit auch schon auf. Denn was geschieht, wenn das Feuer der Kontrolle entgleitet? Dann folgt es seiner eigenen Natur.

 Einhertritt auf der eignen Spur,
 Die freie Tochter der Natur.

Wem aber folgt die Elektronik, wenn sie der menschlichen Kontrolle entgleitet? Wem gehorcht sie, wenn der Mensch mithilfe seiner Intelligenz den „Homo Deus“ (Yuval Moses Harrari) geschaffen hat? Nun, vermutlich diesem Gott. Dumm nur, wenn der Strom ausfällt. Dann sitzen wir, sofern wir Holz haben, wieder an der alten Feuerstelle.

Dora aber erzähle ich lieber, so am Feuer sitzend, das Märchen vomFischer un syner Fru„, das folgendermaßen endet:

„Na wat will se den?“ sed de But. – „Ach! sed he, se will warden as de leve Gott.“ – „Gah man hen, se sitt all wedder in’n Pißpott.“ (Hochdeutsch: Was will sie denn? sagt der Butt. – Ach, sie will werden wie der liebe Gott – Geh man hin, sie sitzt schon wieder in ihrem alten Pisspott.)

Dora sieht mich nachdenklich von der Seite an. „Dieser Butje hat es, glaub ich, nicht richtig gemacht. Man darf nicht alles schenken, was sich die Leute so wünschen. Wozu brauchte die Frau einen Palast? Wozu wollte sie Papst werden? Wenn man ihr das alles gibt, glaubt sie am Ende tatsächlich, sie wäre Gott.“

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Dora zum SechstenFünften: Feuer (Geschichten und tägliches Zeichnen)

  1. Werner Kastens schreibt:

    Sehr tiefsinnig die verschiedenen Geister verbunden! Danke, Gerda!

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Dora ,mitten im elektronischen Feuer, findet dennoch weise Worte😊

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Dein Fisch ist phantastisch, Gerda!

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  4. Ich mag das Feuer, welches uns wärmt, aber ich habe eine Abneigung gegen diese seltsamen künstlichen Flammen, die Gemütlichkeit vortäuschen sollen und doch nur Kaltes versprühen…
    Dein Fisch ist ganz wundervoll, liebe Gerda. Hoffentlich kein Legebild, das sofort nach dem Fotografieren schon vom Blatt gefegt wird!

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  5. pflanzwas schreibt:

    Der Fisch ist traumhaft schön!

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