Kunst am Sonntag: Eine Woche tägliches Zeichnen

Heute ist Sonntag, kommentierte Werner. Also ist nicht Fotografie angesagt, sondern…. Kunst. Nun haut mich bitte nicht, ihr lieben Fotografen. Ich bin keine Fotokünstlerin, wie ihr wisst, aber das bedeutet nicht, dass ich eure Kunst nicht zu schätzen weiß. Ich hingegen zeichne. Und habe in den letzten Tagen nicht aufgehört zu zeichnen oder genauer, dies und das zu skizzieren, was sich mir unterwegs zeigte.

Ob das nun Kunst ist? Egal. Es ist, was es ist.

Heute möchte ich ein wenig darüber sprechen, was ich mir so bei der Zeichnerei denke.

Da sind zum Beispiel zwei Skizzen aus einem verwilderten Orangenhain. Der eine Orangenbaum ist, obgleich stark verwachsen, voller Blätter und Früchte, der andere ist nur noch ein trauriger Baumrumpf, der von seinen einst lieblichen orangen Früchten träumt. Wenn du dieses Träumen wahrnehmen kannst, dann sind die Skizzen gelungen.

Ganz anders ist die zeichnerische Aufgabe angesichts des Chaos auf dem und rund um das Kamintischchen. Da geht es darum, eine Struktur hineinzubringen, ohne die Dinge zu verrücken. Gläser, Flaschen, Körbe, Stühle, Zeitungen, Vase, Obstkörbchen, Pinienzapfen, Eule, Kamin, Gemälde, Rücken des Mannes, Mauerwerk, Eisentisch und was nicht noch alles drängt sich auf kleinster Fläche zusammen. Nichts ist besonders wichtig, nichts überflüssig. Alles existiert, ist da, beansprucht eine Rolle wie im Leben, so auf dem Bild.

Die Skizzen von gestern habe ich bereits gezeigt. Hier ist die zeichnerische Aufgabe wieder eine andere: ich habe vor mir eine offene architektonische Struktur. Was interessiert mich daran? Nun, in erster Linie sind es die Rundbögen der Fenster und Türen, die entweder fast schwarz ins Innere von Räumen führen oder sehr hell sind, weil sie nichts als den Himmel oder eine lichtdurchflutete Landschaft einfangen. An zweiter Stelle interessiert mich die Brüchigkeit der Mauern, die dennoch standhalten und wehrhaft erscheinen. Insgesamt ist das Thema der Raum, der durch das Bauen aus dem Weltganzen herausgeschnitten wird. Bei Ruinen – anders als bei geschlossenen Häusern, ist dieser Vorgang anschaulich.

 

Ebenfalls von gestern ist die Zeichnung des Gebirges. Hier ging es mir vor allem darum, die Masse wiederzugeben. Das Problem bei Bergen ist ja, dass sie aufgrund der Entfernung nicht größer als unser Fingernagel zu sein scheinen, und doch wissen wir um ihre gewaltigen Ausmaße und darum, wie ihre Schlünde und Schrüfte uns Menschlein unüberwindbarer sind als der Baumstamm der Ameise. Das auf einem kleine Stück Papier herauszuarbeiten, ist eine besondere Herausforderung.

Im Gegensatz zur gewaltigen Masse des Gebirges ging es bei den Hafenbildern um die leichte, zerrende Bewegung des Wassers an den vertäuten Schiffen. Bei der ersten Zeichnung ist das offenkundig. Bei der zweiten wirken die Boote im Vordergrund stabil, denn sie liegen an einer geschützen Kaimauer, im Hintergrund sind Gebäude und Bäume angedeutet.  Die unruhige Stimmung ist auf die entfernten nur angedeuteten Boote übergegangen.

In der vergangenen Woche entstanden auch die bereits gezeigten kleinen Studien von Avocado und Pinienzapfen. Hier ging es darum, das „Wesen“ dieser Früchte zu erfassen: die eine birnenförmig-geschlossen mit pockennarbiger fester Haut, die andere ein offenes schuppiges Gebilde, das Licht und Schatten aufnimmt.

Wieder anders ist die Aufgabe, wenn das einzelne Element eingebaut wird in ein Umfeld und auf diese Weise Teil eines Stilllebens wird. Da tritt es in Beziehung zu andersartigen Elementen, die seine Wirkung steigern oder einen Kontrast bilden oder es liebevoll begleiten können – grad so wie es bei menschlichen Verhältnissen auch ist.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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27 Antworten zu Kunst am Sonntag: Eine Woche tägliches Zeichnen

  1. michaelcarljohanns schreibt:

    Ich sage Dir Du kannst was was ich nicht kann. Ich finde Deine Zeichnungen toll. Das ist Kunst.

    Grüße von Michael aus Hamburg

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  2. felsenquell schreibt:

    Was für ein schöner, vielfältiger, kluger, interessanter Wochenrückblick!

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  3. Johanna schreibt:

    Ich liebe besonders die Stillleben… sie sind so greifbar… und wie Ordnung in die Gegenstände kommen. Keins ist wichtig und doch alle. Sie bringen mir Dich und Deinen Alltag nahe.

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  4. wildgans schreibt:

    Auf einem kleinen Stück Papier das Gebirge derart plastisch herauszuarbeiten: Was für eine Gabe! Jetzt nur mal beispielsweise,die anderen Dinge meine ich auch…
    Abendgruß von Sonja

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  5. elsbeth weymann schreibt:

    Mir gefallen Deine Zeichnungen ALLE sehr!! Ein schönes, lebendiges Tagebuch einer Woche. Besonders mag ich die vertäuten Schiffe im Hafen. Die gestraffte Ordnung der Taue bringt etwas wie ein rhythmisches „Klingen“ ins Bild. Wunderschön ! Das Gebirge hat dagegen eher Klang…hmm.. mehr wie ein weiter Atem. Oje…die Wörter ??? schaffen das wohl nicht so ganz. Also : mir gefällt´s !!!

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  6. linienspiel schreibt:

    Ein interessanter und feiner Augenspaziergang!

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  7. TeggyTiggs schreibt:

    …was mir auffiel, dass der scheinbar tote Stamm des Orangenbaumes oben von einer waagerechten Linie gehemmt ist…vielleicht ist dort irgend etwas über ihm, was ihn am Wachsen behindert hat und nicht will, dass er Früchte trägt…?

    (jetzt kann ich auch nicht mehr like bei Dir, da ist auch etwas, was mich hemmt…oder den Ordinateur)

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    • gkazakou schreibt:

      Die waagrechte Linie gehört zum Hintergrund, ist der Abschluss des Grundstücks, und in Wirklichkeit sogar noch ausgepägter, weil sich da andere sehr große Bäume und ein paar Wohnhäuser befinden. Der Baumstumpf steht frei. Er ist abgestorben.
      Warum du nicht liken kannst? Vielleicht mag WP mich nicht? 😦

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      • TeggyTiggs schreibt:

        …die Linie erkannte ich als Horizont…aber sie ist ja nicht zufällig dort, vielleicht gibt es da einen unbewussten Zusammenhang zum Baum?

        …WP mag Dich, sicher, das muss an meinem Laptop liegen, das Dumme ist nur, dass es schlimmer wird, ich kann kaum noch linken und bei jedem Kommentar muss ich mich neu einloggen…irgendwie wird es zunehmend lästig…

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  8. Karin schreibt:

    Liebe Gerda, Du weißt, dass ich ein Fan Deiner (unbearbeiteten) Zeichnungen bin und dass Du mich jetzt außerdem lehrst, warum Du was und wie skizziert hast, öffnet meinen Blick zusätzlich und ich würde mich freuen, wenn Du es weiter so machst.
    Warum sollte das keine Kunst sein? selbst mit Übung gelänge mir so etwas nicht !
    Lieber Gruß zu Dir aus dem immer noch Regen hier, Karin

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Karn, herzlichen Dank! Ich möchte meine eigene Vorgehensweise nicht ständig kommentieren, damit noch ein bisschen Spielraum für Selbstentdeckungen bleibt. Sonst wird nur noch gelesen und nicht mehr geschaut, fürchte ich. Manchmal kommen schöne stimmige Kommentare, zB bei den Booten im Hafen, von en LeserInnen. Was ich tun könnte, wäre, meine Überlegungen in nachträglichen Zusammenfassungen zu bringen, wie jetzt.
      Heute stecken wir auch in einer Wolke, aber auf der Meeresseite hebt sich das Grau bereits und erscheint ein wenig Blau. So ist es hier meistens, die tagelange feste Wolkendecke kommt kaum vor, wofür ich dankbar bin.
      Liebe Grüße! Gerda

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  9. Was soll Kunst sein, wenn Deine fantastischen Zeichnungen keine wären liebe Gerda! Klar ist gerade das Zeichen Übungssache, dennoch besitzt nicht jede/jeder so eine Gabe! Die Räume im Freien und auch innerhalb der Wände perspektivisch richtig zu erkennen und umzusetzen ist eine Kunst!
    Du beherrscht das außerordentlich gut! Zu dem hast Du einen super Zeichenstil, sofort kann ich erkennen, daß Du sie gemacht hast!

    Liebe Grüße Babsi

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  10. Die Zeichnung des Gebirges sieht für mich ein wenig so aus wie ein sitzender etwas nach vorn gebeugter Mensch. Ich habs halt mit Paradolien. 😉

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  11. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Gerda,
    wie fleißig du die Woche über warst. Ich mag besonders das Kamintischen. Es vermittelt Ruhe, Besinnlichkeit und Genuss. 🙂
    Liebe Grüße aus Berlin von Susanne

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  12. Liebe Gerda, wie fleißig hast Du skizziert. Tag für Tag und sicherlich Stunde um Stunde.
    Ich sehe, daß der Orangenbaum träumt, aber ich sehe in meiner Fantasie nicht die orangenen Früchte, die er einst trug. Vielleicht weil sie inzwischen alle verspeist sind? 🙂

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  13. Ach nein, das war ja der Mandarinenbaum…

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