Athen, historische Bröckchen (Fotografien und Texte): 1. Die Kirche „Ag Eleftherios“

Athen – das ist aufgeblätterte Geschichte. Manche Seiten herausgeputzt, eingerahmt, nur mit Eintrittskarte oder gar nicht zu betreten, andere unbeachtet, eingerissen, beschmutzt, oft auch neu überschrieben. Schicht um Schicht Zeugnisse so vieler Epochen unter- und übereinander, nebeneinander, gleichzeitig. Wie in einem viel zitierten aber wenig gelesenen Buch konzentriert sich die Aufmerksamkeit der vielen auf weniges, der Rest ist nur den Experten bekannt oder völlig in Vergessenheit geraten.

Ich bin keine Expertin, sondern eine Herumstreifende, deren Aufmerksamkeit von Merkwürdigkeiten gefangen genommen wird. Hier ein Wort, dort ein Halbsatz, manchmal auch ein ganzes Kapitel. Wobei mich immer wieder – wie in meinen letzten Raum-Zeit-Collagen – der geschichtliche Echoraum fasziniert. Was ich heute sehe, weckt Echos aus früheren Epochen, und mir ist manchmal, als wandelte ich, während ich durch die Räume der Gegenwart streife, durch Zeiten ganz anderer Art.

Heute möchte ich damit beginnen, ein paar der „historischen Bröckchen“, die ich bei meinen Streifzügen so nebenbei aufsammele, mit Kurzinfos und Fotos zu dokumentieren. Es sind keine tief grabenden Analysen, auch keine literarischen Schmuckstücke, sondern nur Bemerkungen über das, was mir auffiel:  frei schweifende Assoziationen, gelegentlich durch kleine Recherchen ergänzt. Raum-Zeit-Collagen der anderen Art.

No. 1

Die kleine byzantinische Kirche neben der großen Kathedrale im Zentrum von Athen.

Ihr heutiger Name ist Ag. Eleftherios, doch in den Jahren nach ihrer Erbauung (irgendwann zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert) war sie zunächst „Maria der Schnellhelfenden“ gewidmet. Was mich nicht wundert, denn sie wurde auf einem antiken Tempel errichtet, der der göttlichen Geburtshelferin Ilithia (Ειλειθυία) geweiht war. Der heutige Name der Kirche „Hl. Eleftherios“ (Αγ Ελευθέριος) ist nichts anderes als die maskuline Form von Eleftheria (ελευθερία, Freiheit). Καλή Ελευθερία – gute Freiheit – wünscht man einer Schwangeren vor der Entbindung. Ach ja, heute ist die Kirche mit ihren männlichen Amtsinhabern, die nichts von Geburtshilfe verstehen, zuständig für die seit je gleichen Sorgen der Frauen, wenn es ans Gebähren geht. Das erinnert mich doch sehr an die Verdrängung der „weisen Frauen“ (Hexen und Zauberinnen)  durch die männlichen Ärzte (solide aufgeklärte Wissenschaftler).

Eine schöne Kirche! Viel schöner als die kalte protzige Kathedrale daneben, deren erste Pläne übrigens von demselben dänisch-österreichischen Architekten Theofil Hansen stammen, der auch die Universität entwarf (ich zeigte sie gestern). Das war zur Zeit von König Otto, dem Bayern auf dem griechischen Königsthron. Erbaut wurde die Kathedrale zwischen 1842-1864.

Doch zurück zur kleinen byzantinischen Kirche daneben. Da ich nicht in die Kirche hineingehen, sondern nur hineinschauen konnte, machte ich einen Rundgang und inspizierte die Außenwände – Ausschau haltend nach Spolien.  Die Kirchen wurden in frühen Zeiten ja nicht nur auf dem Fundament alter Tempel, sondern auch mithilfe des alten Baumaterials errichtet. Man sieht es oft als sorgfältig bearbeitete Marmorstücke (Spolien) zwischen den ansonsten eher grob behauenen Blöcken der Kirchenwände. Die „heidnischen“ Symbole wurden gewöhnlich rausgehauen und durch neue christliche Symbole ersetzt. Leicht verblüfft bemerkte ich daher den bekränzten Stierkopf an der Fassade dieser sehr zentralen Kirche. Haben die Kirchenleute nicht bemerkt, welche Spolie man da eingebaut hatte?  Es ist der geschmückte Kopf eines Opferstiers – Bucranium genannt! Zur Zeit Alexanders d. Gr. (4. Jh. v. Chr) und bis weit hinein in die römische Epoche war dieses Schmuckelement sehr üblich. Ein besonders schönes Beispiel sah ich in Samothrake am Tempel der Arsenoe (4. Jahrhundert v. Chr.) – einer ptolemäischen Kaiserin in Alexandria/Ägypten, die der kleinen nordägäischen Insel sehr verbunden war. Anmerkung für Rom-Reisende: Man fand solche Deko auch im Grabmal der Caecilia Metella an der Via Appia, und so heißt der ganze Bezirk bis heute Capo di Bove.

Unbeantwortet bleibt mir die Frage, wie dieses Bucranium in die Kirchenwand geriet. Vom Tempel der Geburtshelferin Ειλειθυία dürfte es kaum stammen. Da wäre es genauso fehl am Platze gewesen wie an dieser christlichen Kirche. Doch wie auch immer: meine Freude, durch diesen Stein zurückgeworfen zu werden nach Samothrake, wo ich zwanzig lange meist glückliche Sommer verlebte, wird dadurch kein bisschen verringert.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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15 Antworten zu Athen, historische Bröckchen (Fotografien und Texte): 1. Die Kirche „Ag Eleftherios“

  1. bekerode schreibt:

    Sehr spannend, liebe Gerda. Die neue Reihe werde ich aufmerksam verfolgen. Das detektivische Eintauchen in die Tiefen der Geschichte, auch mit kritischem Auge, finde ich äußerst bereichernd.
    Beste Grüße, Beke

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    • gkazakou schreibt:

      Vielen Dank, Beke. Es soll eine lockere Reihe werden, ganz nach Gefühl und Wellenschlag. Deine Beiträge – wo, bitte? – vermisse ich. Mit herzlichem Gruß Gerda
      ps. Ah, jetzt sehe ich, ich muss nicht den Gravator, sondern deinen Namen antippen, um zu dir zu gelangen!

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  2. wildgans schreibt:

    Die Verdrängung der weisen Frauen, da sagst du was…
    Ich überlege grad, in welcher Stadt ich mich gern so treiben lassen würde…
    Gruß von Sonja

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  3. felsenquell schreibt:

    Dieses wunderschöne byzantinische Kirchlein im Zentrum Athens habe ich, so meine ich mich zu erinnern, in früheren Jahren einmal gesehen. und war glücklich über dieses Juwel. Damals aber mußte man einige Stufen abwärts gehen zum Eingang, die Fundamente aus dem frühen Mittelalter liegen ja tiefer als die heutige Straßenhöhe. Und so schnieke restauriert war das Kirchlein auch nicht. Die Maria mit dem Kind als zentrales Bild in der Kuppel macht ja deutlich, daß es sich hier um eine Marienkirche handelt. Und die moderne Geistlichkeit hat sich den uralten Namen der Eileithia, der antiken Geburtshelferin, deren christliche Nachlfolgerin Maria ist, einfach angeeignet:dem heiligen Elefterios geweiht. Das ist eine tolle Geschichte. Die Spolien habe ich damals nicht beachtet. Antike Stierköpfe als Schmuckelement eines Marienkirchleins, das ist schon verrückt.Da hat jemand nicht aufgepaßt wie Du! Führ uns weiter, schlendere und finde.

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Hella, schön, dein Mitgehen! es ist möglich, dass du diese Kirche mal gesehen hast – es gibt allerdings in Athen viele und sogar noch viel ältere byzantinische Kirchlein. diese ist wahrscheinlich erst im 12. Jh gebaut worden.
      Die Böden der alten Kirchen (und Tempel) liegen, wie du sagst, tatsächlich weit tiefer als das heutige Straßenniveau. Und so steigt man irgendwie immer hinab in eine tiefere Schicht. Das fühlt sich sehr richtig an.

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  4. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, ich mag sehr dein erstes Foto von Maria und dem Kind, das hinter der Säule zu verschwinden scheint, so, wie die Frauen, ihre Kräfte, ihr Wissen mehr und mehr hinter den ehernen Säulen der Männlichkeit zu verschwinden hatten.
    Ich habe gerade ein sehr aktuelles und schonungslos Buch über männliche Gewalt in allen erdenklichen Spielarten gelesen. Diese nimmt seit einiger Zeit vehement zu, je mehr die Frauen zu ihren Rechten stehen und diese auch einfordern.
    Die beiden Stierkoepfe umrahmen eine achtblaettrige Blüte, auch diese ist ein vorchristliches Symbol, leider habe ich vergessen wofür sie steht.
    Liebe Grüße
    Ulli 🌼

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, Ulli! Ich habe eben „8-blättrige Blüte“ gegoogelt, da gibt es einiges von Sumer bis Ägypten und Kreta, auch Indisches nachzulesen….Aber das sind für mich nur irgendwelche Wissensbröckchen ohne Lebensbezug.

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      • Ulli schreibt:

        Ich habe ein Buch über christliche Symbolik, ich meine, dass es dort eine Rolle gespielt hat, in Bezug auf Maria, aber ich habe keine Zeit nachzuschlagen. Mehr und mehr wandert in die Kisten.

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  5. Sehr eindrucksvoll! Das gibt Lust nach Athen zu reisen und sich von den „Bröckchen“ faszinieren zu lassen.

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  6. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Ganz wudervoll, Dein intetessanter Streifzug durch Athens Gegenwart unf Vergangenheit und für mich eine wahre Fundgrube an Eindrücken durch Dich.
    Dann werde ich also meiner Tochter zur Entbindung Ελευθερία – gute Freiheit – wünschen, denn so sollte sie die Geburt ihrer noch winzigen Tochter empfinden, als gute Freiheit, so gebähren zu können, wie sie es möchte. Danke, liebe Gerda

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