Ausblenden und Einblenden (2). Blick nach Süden. (Skizzen und Bearbeitungen)

Wieder auf der Turmterrasse sitzend, diesmal nach Süden blickend, habe ich skizziert, was sich da zeigte. Die Entscheidung fiel mir etwas schwer, denn in der Richtung gibt es vor allem Bäume von oben gesehen, und jede Baumkrone hat unendlich viele Blätter, die ich natürlich nicht alle zeichnen kann. Ein Teil der Sicht wird zudem durch das Laub des Aprikosenbaums bestimmt, was noch mehr Blätter bedeutet. Und dann die Natursteinmauer….

Aber kneifen gilt nicht. Der hohe Strommast aus einem Zypressenstamm gab mir einen senkrechten Akzent. Ein kleiner Strommast ganz links, durch eine schräg übers ganze Bild laufende Leitung mit dem großen rechts zusammengespannt, hält die Balance. Ein blattloser Zweig der Aprikose im Zentrum, die dicken Ästen der Olive rechts und die dunklenen Bäume der Küstenlinie in der Ferne ranken sich mit ihrem natürlichen Zickzack-Verlauf  um das Achsenkreuz von  Lichtmasten und Horizontlinie.

Die Skizze enthält also ein „gemischtes Programm“ von Natur und Technik, wobei „Natur“ überwiegt, zumal der dominante Lichtmast als Baumstamm zu erkennen ist. Weitere technische Elemente wie das begrenzende Balkongitter und einen Draht, der als Wäscheleine dient, habe ich zunächst ausgeblendet.

Wie die Skizze wohl mit diesen in der Realität vorhandenen Elementen aussähe? Nun, so:

Noch einmal die beiden Varianten nebeneinander zum einfacheren Vergleichen:

Beim Bearbeiten der ersten Fassung vereinheitlichte ich die unterschiedlichen Formen weiter, entweder, indem ich die Technik wie Natur oder die Natur wie Technik behandelte.

 

Bei der zweiten Fassung wollte ich die Spannung zwischen den Elementen sogar noch steigern.

 

Die extremste Lösung ist,  die Naturelemente möglichst ganz auszublenden und nur die technischen gelten zu lassen. Hier verschwindet die ursprünglich noch als Natur interpretierte Landschaft zugunsten der rein technischen Konstruktion.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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19 Antworten zu Ausblenden und Einblenden (2). Blick nach Süden. (Skizzen und Bearbeitungen)

  1. finbarsgift schreibt:

    Interessante Varianten deiner Skizzen. Die Grüne sticht mir dabei besonders ins Auge …
    Feines Herausarbeiten diverser Perspektiefen im Wechselspiel von Natur und Technik.
    Herzliche Abendgrüße
    vom Lu

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  2. kunstschaffende schreibt:

    Eine sehr interessante Bildreihe ist das liebe Gerda!
    Das letzte Bild zeigt sehr deutlich, wie trist es ist ohne die Natur! Eine nichtssagende kalte Ansicht! Das passt sehr gut zu dem omnipräsenten Thema Umweltschutz!
    Diese unterschiedlichen Varianten, wandeln diese eine Zeichnung jedes Mal in neue Perspektiven!
    Das Ausblenden und Einblenden von Details und die damit veränderten Perspektiven, kann man auch auf Lebenssituationen übertragen!
    Ein super Beitrag liebe Gerda!

    Grüßle Babsi

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    • gerda kazakou schreibt:

      Ganz herzlichen Dank, Babsi, besonders auch für deinen Gedanken, dies Ein- und Ausblenden auf andere Lebenssituationen zu beziehen. Genau darum geht es mir ja. Wir selegieren ja ständig nach einem uns meist unbekannten Schema. Manche Menschen sehen dann nur noch das Pech, das sie anscheinend ständig trifft, andere freuen sich an ihrem Glück. Dabei hat jedes Leben, sogar jedes Ereignis alles, es kommt eben darauf an, was man ein- oder ausblendet. Heute bin ich hingefallen – Pech gehabt – mir ist nichts passiert – Glück gehabt – das Glas vom iphone ist gesprungen – Pech gehabt – das iphone funktioniert weiterhin – Glück gehabt 🙂

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  3. kopfundgestalt schreibt:

    bzgl. des letzten Bildes: Das erinnert mich an Folgendes:
    Es gibt die Anwendung, das von dem Audioformat eines Musikstücks hin zur MP3-Komprimierung Weggeschnittene aufzubewahren und es als eigenes „Musikstück“ darzubieten.
    Interessant ist , was es da zu hören gibt.

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  4. derdilettant schreibt:

    Liebe Gerda, ein spannendes Thema, diese Entscheidung darüber, was ins Bild aufgenommen wird und was ausgeblendet bleibt. Ich habe oft schon gedacht, dass unser (teilweise) verklärter Blick auf die Vergangenheit durch (gemalte) Bilder begünstigt wird, die selbstverständlich immer schon eine – nach der jeweiligen Ästhetik der Zeit – geschönte Version der Wirklichkeit darboten. Also Landschaft und mehr noch: Stadtlandschaft ohne störenden Unrat, Müll und wovon auch immer die Menschen schon in früheren Zeiten umgeben waren, was aber einfach nicht ins Bild „gehörte“. Deine alternativen Bildentwürfe zeigen wunderbar, wie sich dadurch die Wahrnehmung unserer Umgebung verändert!

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    • gerda kazakou schreibt:

      danke, lieber Dilettant. Was du über die Ästhetik der Vergangenheit sagst – und was sie mit uns macht, nämlich unsere Illusion zu nähren, dass die „gute alte Zeit“ wunderschön gewesen sei – finde ich interessant. Inzwischen scheut sich Kunst ja nicht mehr, jede Hässlichkeit hervorzukehren, häufig in der Absicht, sie anzuprangern. Ich bemühe mich darum, weder das eine noch das andere zu tun.

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  5. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Sehr interessant und verblüffend, wie Du das Geländer unterbrichst, liebe Gerda, und Durchblick zur Natur gewährst.
    Ich dachte zuerst, das Geländer hätte mich nicht gestört, aber bei mehrmaligen Hinsehen erkannte ich sehr wohl, daß es viel zu viel Raum für sich beanspruchte.
    Hättest Du mit Farben gearbeitet, hätte der Betrachter es leicht gehabt, aber nun ist er gefordert, sich zu beschäftigen. Natur, die sich *breit* macht und Technik, die sie begrenzt.
    Ein schwieriger Blick für einen Zeichner, aber Du bist nicht zurückgeschreckt. Du fühltest dich herausgefordert.
    In Deiner letzten Bearbeitung läßt Du die Natur verschwinden, die Technik darf bleiben und ich stelle fest, daß mir das Ergebnis sehr gefällt.
    Was mir ein wenig zu viel war, ist nicht mehr zu sehen und es bleibt der begrenzte Raum, die technische Konstruktion.
    Hinter dem begrenzten Raum kaum noch etwas, sehr wenig blieb, aber es reicht mir.
    Schon seltsam, wie sich das Auge auf das Neue einstellt, überprüft und einordnet…, alles aber sehr subjektiv…

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    • gerda kazakou schreibt:

      Ganz herzlichen Dank, Bruni, für deinen tief und weit schauenden Blick. Ja, es ist wohl merkwürdig, wie wir im Kopf ein paar Linien einordnen und daraus eine Realsituation ableiten, sie mit Emotionen und Gedanken füllen, neuen und altbekannten. Unten schreibt Ule von dem Gefühl der Gefahr, ohne Gitter abzustürzen.
      Euch beiden gefällt das letzte karge Bild (mir auch), es schreckt uns nicht, dass sich eine Art Wüste ausbreitet, wo einst Natur in Überfülle war, Hauptsache wir haben die Übersicht und den nötigen Halt. Die Technik ist menschengemacht und scheint daher beruhigend zu wirken. Auch das ist merkwürdig, finde ich.

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      • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

        Technik beruhigt mich zwar, wenn sie zu menschenwüdigen Zwecken geschaffen wurde, beunruhigend finde ich die weiterführenden Ideen, deren Sinn sich mir verschliesst und Technik, die zu Einseitigkeit führt. Z.b., nur noch Spiele am PC oder elektrische Zahnbürsten, die ich so unnötig finde wie auch eine Mikrowelle 😔

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  6. wechselweib schreibt:

    Herrlich! Entspannt mich schon beim Ansehen!

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  7. Ule Rolff schreibt:

    Beim Betrachten deiner ersten Variante, liebe Gerda, empfinde ich ein deutliches Unbehagen: da ist ein Abgrund, ich könnte fallen, es entsteht diese Mischung aus Schwindel und Furcht. Das technische Element des Geländers gibt mir Sicherheit zurück, als befände ich mich in der Realität.
    Die klare, aufgeräumte letzte Variante bildet nach der Fülle der üppigen Natur einen angenehmen Ruhepunkt zum Abschluss.

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    • gerda kazakou schreibt:

      danke, Ule, für deine wieder so tolle Rückmeldung. Dann ist der Höhenunterschied also trotz skizzenhafter Notierung gelungen. Als der Rohbau stand, also ohne Gitter und Fenster, empfand ich die unbehinderte Weite als sehr wohltuend, aber ich ging wohl nicht so nah an den Rand der Turmterrasse wie gestern beim Zeichnen.

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