Ausblenden oder einblenden? Blick von der Turmterrasse (Skizze 2019-07-28)

Sehr oft, wenn ich spazieren gehe, blende ich aus, was mich stört. Überall gibt es solche Störungen – der Fotograf weiß ein Lied davon zu singen. In Griechenland ist es meist der Müll, aber auch die Willlkürbauten zerstören oft die Harmonie der Landschaft.

Nun aber habe ich seit einiger Zeit den Drang, alles abzubilden, was sich mir in einem Realitäsausschnitt darbietet. Es begann im vergangenen Sommer mit Fotos zum Stichwort „Natur und Technik“ (zB hier oder hier). Anstatt Störendes auszublenden, anerkannte ich es als Bestandteil unserer Menschenwelt und erforschte die unterschiedliche Formensprache von Natur und Technik. Bei den Zeichnungen der letzten Zeit verzichtete ich absichtlich auf jedes Arrangement und bildete die Welt ab, wie sie sich mir „zufällig“ darbot.

Heute setzte ich mich auf die Turmterrasse, um den Blick von oben übers Olivenland und Meer zu zeichnen. Im ersten Anlauf beschränkte ich mich auf das, was einem solchen Motiv frommt, und blendete aus, was normalerweise als störendes Beiwerk angesehen wird und was auch Fotografen möglichst nicht im Bild haben möchten. Immerhin blieb ich bei der Wirklichkeit, zeichnete nicht nur Zypressen, sondern auch Strommasten und im Vordergrund eine Terrasse mit Sonnenkollektoren sowie einen Handwerker, der die Terrasse weißt.

Bei den Bearbeitungen ließ ich die technischen Formen wie Häuser und Masten aufgehen in den bewegten Naturformen von Oliven und Meer.  Ein „klassisches Motiv“ wurde zum abstrakten Formenspiel.

Dann aber überzeichnete ich die Skizze mit dem, was sich tatsächlich im Vordergrund befand und was ich ausgeblendet hatte: Balkongitter, Treppe, eine hohe Drahtrolle, mt der wir nachts den Eingang versperren.

Wenn du magst, vergleichst du diese beiden Versionen: ausgeblendeter und eingeblendeter Vordergrund.

Und welche Lösungen fand ich beim Bearbeiten? Der Weg führte mich von der realistischen über die technische Zeichnung zur „gefärdeten Idylle“.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Architektur, die schöne Welt des Scheins, elektronische Spielereien, Kunst zum Sonntag, Leben, Meine Kunst, Methode, Natur, Serie "Mensch und Umwelt", Umwelt, Zeichnung, Zeichnung, Zwischen Himmel und Meer abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Ausblenden oder einblenden? Blick von der Turmterrasse (Skizze 2019-07-28)

  1. mmandarin schreibt:

    Spannend und gerade ein Thema, das mich umtreibt. Ein befreundeter Künstler schrieb neulich, er könne den Stift nicht in die Hand nehmen, weil ihn der Dreck dieser Stadt so stört. Er hat resigniert. Ich habe ihn ermuntert, trotzdem zu zeichnen, quasi dagegen an zu malen. Und nun sehe ich bei dir, wie du Schönes aus dem scheinbar hässlichem schaffst. Mir drängt sich das Bild der perfekten Lotosblume auf, die im Schlamm ihre Wurzeln hat und so Wunderbares hervorbringt. Deine Zeichnungen sind wieder wunderbar. Liebe Grüße, Maria

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    • gerda kazakou schreibt:

      Danke, Marie, für deinen feinen Kommentar. Möge der dir bekannte Künstler Mut fassen! wir brauchen die Umwandlung des Hässlichen in Schönheit (oder die Erkenntnis, dass nichts hässlich ist) mehr denn je.

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  2. PPawlo schreibt:

    Das finde ich sehr interessant! Bei meiner Landschaftmalerei klammere ich tatsächlich alles Störende aus, male nie die konkrete Landschaft, sondern aus dem Gedächtnis eine Art harmonisch, zusammenfassende Urform. Es sind auch selten Menschen darin. Bei dir dagegen, auch wenn du Störendes mitmalst , bleibt hier die Landschaft weiterhin schön, und sie wirkt auf mich sogar lebendiger und konkreter. Sicher gibt es Aussichten, die nichts mehr davon in sich bergen. Würdest du sie auch malen?
    Allerdings schließt der Zaun in den letzten Bildern den Betrachter aus der Schönheit aus. Seine Stellung so ganz vorne im Bild wirkt wie eine Barriere, ein einengendes Stop für mich. Würde der Zaun anders verlaufen, z.B. entlang der Pinien , würde das nicht der Fall sein. Spannend!

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    • gerda kazakou schreibt:

      Liebe Petra, herzlichen Dank! Natürlich habe ich Landschaften auch so wie du gemalt, und es ist ja auch die „klassische“ Art der Landschaftsmalerei – was so nicht ganz stimmt, denn die Klassiker und Romantiker haben immer auch Menschen, Fuhrwerke, Bild- und Bauwerke hineingesetzt – und davor gab es eigentlich keine Landschaftsmalerei, sondern die Landschaft war nur ein Zierrat historischer oder religiöser Szenen. Offenbar haben wir in einer Welt, in der das Menschenwerk wenig harmonisch in die Landschaft hineingesetzt wurde, zunehmend das Bedürfnis, es ganz auszuklammern. „Im Leben“ tue ich das auch immer noch, aber beim Zeichnen versuche ich es nun anders.
      Zu deiner Frage: ich glaube nicht, dass es Ausblicke gibt, die ich nicht zeichnen würde. Alles kann verlebendigt werden.
      Das Gitter: ja es ist tsächlich eine Barriere. Es trennt. dafür wurde es ja geschaffen. ebenso die Drahtrolle. Sie soll trennen. Aber ich werde noch andere Ausblicke zeichnen, in denen mehr von der Treppe zu sehen ist, die etwas Verbindendes hat. Mal sehen, wie sich das anfühlt.

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      • PPawlo schreibt:

        Das Thema ist so spannend, weil es ja einerseits um Verehrung und (romantische) Bewunderung der Schönheit der Natur geht. und andererseits eben auch um ihre Nutzung bis hin zur aktuellen Zerstörung , die diese Zivilisation anrichtet und auch die hoffnungsvoll-düstere Prognose, dass die Natur den Menschen überlebt.
        Ich erinnere mich dabei an ein Statement von dir, dass der Mensch die Natur verschönert. Ich glaube, es ging um deine Umgebung. Auch das kann ja auch geschehen und gemalt werden.

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    • gerda kazakou schreibt:

      Danke, Petra. Ja, in die Richtung denke ich auch. dass die Menschen die Erde nicht nur verschandeln sondern auch verschönern können. Hier sind es die großen Olivenplatagen, die der Landschaft ihren besonderen Reiz geben. Dies silbrige Wogen, diese zarte Bewegung oberhallb des salzigen Meeres. Alllerdings haben sie die Nachteile alller Monokulturen. Oder auch die Gärten, die in der Sommerhitze mit Farben prangen, die in der freien Natur schon längst verschwunden sind, da sie sich zusammenzieht auf winzigste Blüten. Oder auch schöne Gegenstände, Krüge aus Erde, die Steinmauern und steinernen Stufen….. Es ist eben immer eine Frage des richtigen Maßes, des Sinnes für Harmonie. Hab einen harmonischen Tag in deinem herrlichen Garten!

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  3. Susanne Haun schreibt:

    Ich finde, liebe Gerda, dass der Vordergrund der Zeichnung eine größere Tiefe gibt. So gefällt es mir persönlich besser. Übrigens, ich habe gerade mit mehreren Bleistiften mein heutiges Selbstportrait im Kalender gezeichnet. Das hat viel Spaß gemacht 🙂

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    • gerda kazakou schreibt:

      Danke, Susanne. das Einengende des Vordergrunds führt tatsächlich zum Gefühl einer größeren Tiefe der Landschaft dahinter. Die unbehinderte Landschaft ist viel weiter, weshalb man weniger das Gefühl der Tiefe hat. sie breitet sich nach alllen Seiten hin aus. Ich schau mal nach deinem Portrait. Die Zeichnerei mit verschieden dicken Filzis könnte mich auch reizen, irgendwann später.

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      • Susanne Haun schreibt:

        Liebe Gerda,
        ich werde die Bleistiftzeichnungen erst im Lauf der Woche hochladen, ich habe gerade sehr viel auf meinem Schreibtisch und die Hitze lässt mich alles langsamer angehen. 🙂
        Auf jeden Fall bleibe ich am Bleistift erst mal im Kalendertagebuch dran! und werde gleich mein heutiges Portrait zeichnen. Für heute habe ich weitere Skizzenbuchseiten aus meinem Markerstiftebuch eineplant. 🙂
        Liebe Grüße von Susanne

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  4. wildgans schreibt:

    Als Romantikerin mag ich die Zeichnungen lieber, wenn das „Zeug“ ausgeblendet wird!
    Wie geschockt war ich damals, als wir einen Flug nach Tunesien gewonnen hatten. Hatte doch eine Freundin gemeint: Schon beim Aussteigen aus dem Flieger weht dir der Duft Afrikas entgegen! – Und es roch nach Müll, und die Straßen waren teilweise auf Müll gebaut, der unten herausdrang…

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    • gerda kazakou schreibt:

      Logisch, liebe Sonja, wer mag schon gern wahrnehmen, was wir Menschen mit der Natur anstellen. und nun gar in der Kunst… Es gibt da ja heftige Bildwerke, die den Finger heben und sagen so geht es nicht weiter. zb dieses hier: https://gerdakazakou.com/2017/02/22/kunst-gegen-muell-noch-einmal-helen-escobedo-fuer-finbar/
      Meine Skizzen heben keinen Zeigefinger, sondern sagen einfach: das sehe ich, das ist da. Ob es mir so gefällt? Wenn nicht, muss ich es in der Wirklichkeit korrigieren, nicht in der Fantasie.
      Na, jedenfalls ist das gegenwärtig mein Bemühen: Wahrnehmen, was ist. esmuss ja nicht so blleiben. Und es muss nicht grad der Müll sein, obgleich ich den auch schon künstlerisch aufgearbeitet habe. Aber der elektrische Strom, der mir viele Annehmlichkeiten bereitet, oder die vielen Gitter, oder der Sonnenkollektor – das sind Merkmale unserer Gegenwart wie früher die Postkutsche und die Petroleumlampe….
      Hab einen feinen Wochenbeginn, liebe Sonja!

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  5. kowkla123 schreibt:

    „heiße“ Grüße kommen von mir zu dir, Klaus

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  6. Ule Rolff schreibt:

    Interessant zu sehen, wie du die Idylle schrittweise zerbröseln lässt in abstrakte Trümmer – in diesem Prozess sehe ich die gefährdete Idylle stärker ausgedrückt, als in dem zugefügten Geländer etc.
    Die Drahtrolle allerdings empfinde ich als einzigen wirklichen Störfaktor in der erweiterten Fassung. Es erinnert mich an Grenzanlagen und Straßenbarrikaden, in denen solche Rollen aus (dann aber Stachel-) Draht eingesetzt werden.
    Das Zeigen solcher Symbole für Wehrhaftigkeit deutet das Vorhandensein einer Notwendigkeit an, gegen die sie benötigt werden – und das gibt dem kompletten Inhalt jenseits von ihnen eine veränderte, bedrohliche Konnotation.
    Dies ist ein starkes Beispiel dafür, wie ein einziges Detail alles, wirklich alles, verändern kann.

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    • gerda kazakou schreibt:

      Wieder verblüffst du mich mit der Genauigkeit deiner Wahrnehmung. Ja, die Drahtrolle ist es, die den Inhalt auf den Kopf stellt. Bedrohung, Abwehr – allerdings ist sie eingerollt, ein Vorsichtsmaßnahme nur, sie lässt den Blick auf die „Idyllle“ unbehindert zu. In Wirklichkeit bleibt sie meist eingerolllt. Wir haben sie angeschafft, um Tito an seinen nächtlichen Spaziergängen zu hindern, wenn eine läufige Hüdin in der Nähe ist, also nicht aus Angst vor Einbrechern, sondern vor Ausbrechern. 😉

      Durch ihre Höhe assoziierte ich eine Art Vorbereitung für einen Betonbau, der schließlich immer höher wächst, ähnlich den hier so verbreiteten „anamones“ (Erwartende“) – Eisenstäbe, die aus dem Betonskelett herausragen, um weitere Stockwerke aufzunehmen, sobald das Geld fürs Weiterbauen da ist.

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      • Ule Rolff schreibt:

        Diese Assoziation des Angefangenen, Weiterzubauenden hatte ich zwar nicht, sie leuchtet mir aber ein. Hier wird so schnell gebaut, dass du schon dabei stehen bleiben musst, wenn du ein bestimmtes Stadium sehen möchtest.

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  7. sonnenspirit schreibt:

    Sehr interessant, die Versionen und die sich daraus ergebende Überlegung zu unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit. Fast könnte ich sagen, vieles ist schon so lange ausgeblendet, dass wir es tatsächlich nicht mehr sehen. So geht es wohl den Menschen die in Städten leben. Hier im Norden sind es die Windmühlen, die die Landschaft erheblich verändern. Es ist auch Energie, die hier hinter dem Sichtbaren völlig andere Qualität annimmt. Nun, wir sind in einem Umsturz der Realitäten, vielleicht immer…

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    • gerda kazakou schreibt:

      danke! Die Windmühlen sind ein gutes Beispiel. Ich kann sie bei meinen sehr seltenen Besuchen in meiner alten Heimat nicht ausblenden, sie stören mich maßlos. denn ich kenne diese Welt ohne die eisernen Gestelle, die den Himmel zerhacken. so ist es wohl auch den Menschen ergangen, als sie plötzlich überall Strommasten sahen, oder als asphaltierte Straßen an die Stellle der Landstraßen traten, oder als die Automobile die Kutschen verdrängten. Die, die bei diesem Prozess dabei waren, bemerkten ihn kaum, die aber, die plötzlich damit konfrontiert wurden, erlitten einen Schock.

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  8. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Einblenden, Ausblenden, oh ja, wie verführerisch istr doch das Ausblenden, wenn man Hässliches nicht sehen möchte. Es ist die rosarote Brille, die ich meist aufsetze und oft sehr unsanft in die Realität gestoßen werden muß. Beim Autofahren ist es höchst gefährlich und ich brauche meinen ganzen Willen, den Blick auf dem Autoverkehr zu lassen und nicht in die wundervolle Landschaft abzutriften. Manchmal tut das Einblenden weh, aber wenn man sich entschließt, auch dem scheinbar so Hässlichen eine Chance zu geben, sieht man oft doch auch hier Schönes, Bizarres,
    Verrücktes, Aufmerksamkeit Verdienendes .
    Du hast es bei Deinen Zeichnungen wieder wundervoll gelöst und spontan fand ich die erste Skizze, ohne Balkongitter und Drahtrolle, gefälliger, feiner, leichter und weich präsentierte sich mir die Landschaft. Ich mochte aber auch die erste Bearbeitung mit dem blauen Pünktchen.

    Dann kam Deine zweite Skizze mit der Einschränkung. Balkongitter, Drahtrolle (wichtig zu Titos und Eurer Sicherheit, unverzichtbar und so provisorisch, daß sie schnell wieder weggeräumt werden kann und das erst mal Unschöne verschwindet , der Blick wird schon ein wenig freier)
    Und doch entdeckte ich, vor allem in der allerletzten Bearbeitung, daß ich auch das Abgrenzende mag, weil ich weiß, es ist da und wird gezeigt. Jezt fügt es sich auch in die Landschaft ein, man muß sich nur dazu anhalten, es zu erkennen 🙂

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