Lyrik am Sonntag. Noch einmal Kavafis: Die Stadt

Fast ebenso berühmt wie das am vorigen Sonntag veröffentlichte Gedicht „Ithaka“ ist ein anderes: „Die Stadt“. Wieder habe ich es selbst übersetzt, denn mir scheint, die Versuche anderer Übersetzer, die im Gedicht angedeuteten Endreime im Deutschen wiederzugeben, gehen allzu sehr auf Kosten der Sprache. Falls ihr die gereimte der wortgetreuen Version vorzieht – ich bringe sie am Ende des Beitrags, so wie sie im Internet kursiert (leider ohne Angabe des Übersetzers).

Konstantinos Kavafis

Die Stadt

Du sagtest, „Zu anderer Erde werde ich gehen, zu anderen Meeren. / Eine bessere Stadt wird sich finden als diese hier, / allen meinen Anstrengungen ist das Scheitern bestimmt, / und ist mein Herz – wie tot – begraben. / Bis wann wird mein Verstand in diesem Verfall aushalten. / Wohin  sich mein Auge wendet, wohin ich auch blicke, / Schwarze Ruinen meines Lebens sehe ich hier, / wo ich so viele Jahre verbracht und ruiniert und verschwendet habe.“

andere Meere werde ich finden (c) Gerda Kazakou

Neue Orte wirst du nicht finden, nicht finden andere Meere. / Die Stadt wird dir folgen. In denselben Straßen / Wirst du herumgehen. In denselben Nachbarschaften wirst du altern / Und in eben diesen Häusern wird dein Haar weiß werden. / Immer wirst du in dieser Stadt ankommen. Auf das Woanders – hoffe nicht – / Kein Schiff gibt es für dich, keinen Weg. / So wie du dein Leben hier ruiniert hast, / in dieser kleinen Ecke hier, hast du es auf der ganzen Erde verdorben.

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Übersetzung aus dem internet

Die Stadt

Du sprachst: „Ich gehe in ein anderes Land, an eine andere Küste.
Es findet sich die andere Stadt, die besser ist als diese eben.
Jeder meiner Mühen ist das Scheitern vorgegeben;
und es ist mein Herz – als sei es tot – begraben.
Wie lange noch verharren hier in Ödnis die Verstandesgaben.
Wohin ich mein Auge wende, wohin ich auch schau‘,
hier sehe ich nur meines Lebens schwarzen Trümmerbau,
welches ich soviele Jahre führte und verheerte und verwüste.“

Du findest keinen neuen Platz, findest keine anderen Küsten.
Dir folgt die Stadt. Durch die Straßen streifst du, unveränderlich
dieselben. Und in selben Vierteln kommt das Alter über dich;
und es wird in selben Häusern weiß dein Haar.
Dein Ziel liegt stets in dieser Stadt. Nach anderen Orten – Hoffnung fahr –
gibt es kein Schiff für dich und gibt es keine Straße.
Wie du dein Leben hier verheert hast, in dem Maße
dieses kleinen Ecks, so mußtest du es in der ganzen Welt verwüsten.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Dichtung, die griechische Krise, Flüchtlinge, Leben, Malerei, Psyche, Reisen, Vom Meere abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Lyrik am Sonntag. Noch einmal Kavafis: Die Stadt

  1. Myriade schreibt:

    Großartiger Text ! Unglaublich, dass mir Kavafis noch nie untergekommen ist. Vielen Dank für den Hinweis und deine Übersetzung , die ich wesentlich besser finde, als dieses gereimte Ding mit den an den Haaren herbeigezogenen Reimen eben – vorgegeben, begraben – Verstandesgaben, furchtbar ….

    Gefällt 2 Personen

  2. Maren Wulf schreibt:

    Ja, sich selbst entflieht keiner. Ich danke dir sehr für diese Zeilen, liebe Gerda, die mich in deiner großartigen Übersetzung, begleitet von den eindrücklichen Bildern schier umhauen. Zusammen

    Gefällt 2 Personen

  3. Ulli schreibt:

    Wohin der Weg auch führt, man nimmt sich immer mit. Deine Bilder und der von dir übersetzte text sind schichtweg grandios! Danke dir und herzliche Grüsse zur späten Stunde
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  4. Martina Ramsauer schreibt:

    Wunderschön sind diese starken Worte über unsere Unentrinnbarkeit zusammen mit deinen Bildern. Danke, liebe Gerda.

    Gefällt 1 Person

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