Dora zum NeunzehntenZweiten: Zimmerreise

Neugierig ist Dora, und so ist sie, kaum dass wir ankommen, in unserer Athener Wohnung unterwegs. Alles muss sie begutachten und kommentieren. Ich habe freilich auch noch anderes zu tun, als ihre Kommentare mitzuschreiben: Blumen gießen und schauen, was überlebt hat, Gießanlage kontrollieren, mitgebrachte schmutzige Wäsche in die Waschmaschine füllen, gewaschene Wäsche aufhängen, Maschine neu befüllen, Nachbarn begrüßen, grünen Bohneneintopf kochen, den Computer in Gang setzen und was derlei Dinge mehr sind.

Mache ich eine Tür auf, ist Dora schon hindurchgeschlüpft und inspiziert, was sich dahinter verbirgt. Der lange Flur zwischen Wohnzimmer und Küche wird zur Rollerbahn.

Am meisten aber interessiert sie sich für die Regalwand in meinem Zimmer. „Was ist dies? Wer ist das?“ verlangt sie zu wissen. Und da stehe ich nun und versuche mich zu besinnen.

„Das bunte Katzenvieh, das haben wir aus Mexiko mitgebracht, und den gefilzten Schwan hat Johanna gemacht und mir geschenkt… “ – „Mexiko, wo ist das und warum warst du dort? Wer ist Johanna? Was ist Filzen? Ist das dasselbe wie Flitzen? “ – „Langsam, eins nach dem anderen, Dora. Also, die Frau auf dem Foto daneben, das war ich mal und …

die Eulen, ach, Dora, es sind so viele, wie soll ich noch wissen, woher jede einzelne stammt? Wer sie mitgebracht hat?  Die beiden langen hölzernen Kerle, die an den Büchern lehnen, die kommen aus Afrika, aus Zimbabwe, die hat …“

Aber nun hat Dora das Pfeifenköpfchen und deren tollen Schatten entdeckt. Den Schatten muss sie gleich selbst ausprobieren. Die Strohpuppen auf dem Foto dahinter interessieren sie nicht. Ich aber erinnere mich: Ja, das waren Flüchtlinge, die Helen Escobedo, meine mexikanische Freundin, vor vielen Jahren (1997) in Hamburgs Park Moorweide installierte. Wind und Wetter zerstörten sie, es blieben nur die Kreuze und ein paar Fetzen. Aber eines Tages, als Helen sie wieder einmal besuchte, um ihren Zustand zu dokumentieren, sah sie, dass junge Menschen diese armseligen Kreuze mit bunten Bändern und Blumen geschmückt hatten und um sie herum einen Feentanz aufführten. Das machte sie froh.

Danke, Dora, dass du mich mit all deiner neugierigen Fragerei  hierher geführt hast, so dass ich mich nun so lebhaft an Helen und unsere Reise nach Mexiko  erinnern kann. Und ja, das bunte Katzentier oben im Regal haben wir damals gekauft, als wir sie besuchten.

Vielleicht erinnert sich der eine und die andere noch ans Pfeifenköpfchen und an die beiden langen afrikanischen Kerle und an die Eulen und an den gefilzten Schwan… – ich habe sie ja alle schon mal gezeichnet und hier, auf diesen Seiten, vorgestellt. Wenn du Lust hast, schau zB mal hier und hier und hier.

Flötentöne

Mit einmal bin ich es müde, ein Mensch zu sein.
Mit einmal trete ich ein in Schneidereien und Kinos,
undurchdringlich und welk wie ein Schwan aus Filz,
treibe ich hin auf einem Wasser von Ursprung und Asche.

Pablo Neruda.

(Übersetzung zitiert nach http://www.planetlyrik.de/pablo-neruda-der-grosse-gesang/2012/09/)

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu Dora zum NeunzehntenZweiten: Zimmerreise

  1. Ingrid Spieker schreibt:

    Und wie froh ich bin * diese wertvollen Erinnerungsstücke aus nah und fern schon mal live gesehen oder sogar angefasst zu haben * Bin gespannt was noch hinzu kommt * Grüße an die zum Glück so neugierige Dora * an dich und Panos *

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  2. Alexander Carmele schreibt:

    Die Sache mit den Strohpuppen hat mich sehr gerührt. Sehr schöne Anekdote – etwas zum inneren Verweilen, dass den Zerstörungen der Erinnerung etwas entgegengesetzt wird.

    Gefällt 1 Person

  3. Klausbernd schreibt:

    Hi Gerda,
    die Strohskulpturen sind besonders. Einesteils eine tolle Idee, auf der andere Seite von der Symbolik her äußerst zwiespältig, da Stoh das Wert- und Inhaltslose symbolisiert (wohingegen das Korn das Wertvolle ist). Deswegen spricht man im Deutschen vom Stroh im Kopf. Außerdem ist es bei Ovid bereits das Symbol des Kurzanhaltenden, jenes Strohfeuers.
    Mit lieben Grüßen vom kleinen Dorf am großen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Ja, Klausbernd, das ist richtig. Flüchtlinge sind leere Hülsen, das Wesentliche ist ihnen geraubt, sie sind nur mehr ephemere, flüchtige Gestalten, Schatten ihrer selbst. Drum redet man meist nur im Plural von ihnen, oft genug sogar in sehr großen Zahlen. „Millionen werden aus der Ukraine fliehen“ – las ich grad. Menschen gut für die Strohfeuer unserer Politiker, um ihre Eitelkeit einen Augenblick lang zu wärmen..

      Gefällt 3 Personen

  4. Ich erinnere mich an so vieles bei Dir, aber an den Schwan im Moment leider nicht.

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