Montags ist Fototermin (und ein bisschen Zeichnen, in Brauron).

Gestern, 3. Februar. Ein leicht dunstiger Frühlingstag, milde, wie hingegossen die Natur, fruchtbare Erde. Die Überschwemmung hat sich zurückgezogen. Im wieder geöffneten Ausgrabungsgelände von Brauron die charakteristischen Säulen – nein, es ist kein Tempel, es sind die Überbleibsel der Π-förmigen „Stoa der Arktoi“ (Bärinnen-Halle) aus dem 5. Jahrhundert, an die sich  kleine quadratische Räume mit 99 Klinen, also hölzerne Ruhebetten, angliederten. Bärinnen waren 10-12jährige Mädchen, die hier geschützt waren vor vorzeitigen Verehelichungen und auf dem Platz davor tanzten, um die Wette liefen und das Weben lernten. Am Ende stand ein Initiationsritual, die Arkteia. Bei den vierjährlich ausgerichteten sehr beliebten „Brauronia“ führten sie Kulttänze und die „heilige Jagd“ der Artemis auf.

Mit der Freundin streifen wir durch das Gelände, auch zum frühchristlichen Kirchlein, das vermutlich auf den Fundamenten des ersten Artemis-Tempels gebaut wurde. Mich zieht es zum „Grab der Iphigenie“ – einem verwunschenen Ort, wo Iphigenie nach ihrer Rückkehr aus Taurus der Legende nach beerdigt wurde. Die dunkelroten eingetrockneten Früchte des Feigenkaktus, das leuchtende Grün, die Fülle der Gänseblümchen und erste Anemonen – es ist ein Traum. Hier habe ich vor vielen Jahren eine archetypische Aufstellung koordiniert, bei der es um die Entwicklung der Mann-Frau-Beziehung ging. Der kaum merkliche Anstieg des Geländes kam mir damals in meiner Rolle vor, als müsste ich den Mount Everest besteigen. Daran und an das unrühmliche Ende unserer Aufstellung (die Polizei war gerufen worden, da wir „Verbotenes“ trieben) erinnere ich mich dort, am Grab der Iphigenie.

Braubon war in der Antike eine Hafenstadt. Hier wurde Iphigenie von ihrem Vater Agamemnon geopfert, damit ein tüchtiger Wind seine Flotte nach Troja trug. Artemis rettete das Mädchen, das dachte, es sei zu seiner Hochzeit mit Achill hergebracht worden, und stattdessen auf einem Opferstein landete, um einen Krieg zu ermöglichen. Die Göttin führte das Mädchen in einer Wolke fort, und auf dem Altar lag ein Opfertier. … Aber das kennt ihr sicher alles.

Inzwischen ist der Hafen längst versandet, die Küste hast sich verschoben (letztes Foto oben), und dort, wo einst die Stadt lag, wachsen heute Schilfwälder. An ihrem Rande liegen kleine Parzellen, darunter auch ein Feld mit uralten Feigenbäumen, die allen Überschwemmungen standgehalten haben. Die alten Bäume sind nur noch bleiche ausgehöhlte Stämme, doch neben ihnen, aus demselben schlammigen Grund, haben sich junge Bäume hervorgearbeitet.

Einen dieser knorzeligen Feigenstamm-Großväter habe ich doppelseitig in mein kleines Skizzenbuch gezeichnet.

Hier noch ein paar Bearbeitungen….

Und zum Abschluss eine Strandskizze: die Freundin watet ins kalte Wasser (bearbeitet).

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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31 Antworten zu Montags ist Fototermin (und ein bisschen Zeichnen, in Brauron).

  1. Ich rechte mit den Göttern nicht, allein der Frauen Schicksal ist beklagenswert..

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  2. Maren Wulf schreibt:

    Was für ein spannender Ort. Ob der Feigenstamm-Großvater deshalb bald wie eine Eule, bald wie ein sitzender Frauenkörper ausschaut? 😉

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    • gerda kazakou schreibt:

      danke, Maren, ja, es ist einer der schönsten Orte von Attika. Da das Meer einigermaßen weit entfernt ist, wurde er von der übl(ich)en Zersiedelung verschont. Der Feigenbaum-Großvater hat viele Gesichter….

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  3. Ulli schreibt:

    Was für ein zauberhafter Ort, immer wieder, nur beim Anschauen schon, wie muss es erst sein wirklich über dieses Stück Erde zu wandeln, an der Tempelruine und auf Iphegenies Grab innezuhalten und nachzuspüren?!
    Ich sehe neben dem knorzeligen Feigengroßvater eine junge Tänzerin, als hätte sich ein Teil der Historie in deine Zeichnung hinein inkarniert!
    Sehr gefällt mir die Zeichnung, bzw. die Bearbeitung deiner Freundin, die ins kalte Wasser steigt, wunderbar minimalistisch und doch alles da.
    Liebe Grüße am sonnigen Mittag an dich
    Ulli

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    • gerda kazakou schreibt:

      Danke von Herzen, Ulli! Ja, dem Ort wohnt ein großer Zauber inne. Die Tänzerin sehe ich natürlich auch, man kann sogar eine Schlange oder ein schlangenartiges Tuch sich um sie winden sehen. Und der Großvater macht Musik dazu, vielleicht auf einem Dudelsack, oder er trommelt auf einer Tambourla, pfeift auf einer Pansflöte, je nachdem…..
      T (du kennst sie) ging zwar ins Wasser, aber es war ihr dann doch zu kalt. Ich meine, man sieht ihr Frösteln. 😉

      Nebenbei: es ist kein Tempel, sondern eine Art Pension für kleine Mädchen, genannt „Bärinnen“.
      „BÄr“ ist im Griechischen weiblich: die Arkuda. …. (so wie auch Fuchs, im Deutschen und Griechischen die Ziege, Schildkröte, Ameise, Amsel, Katze….) und die männliche ist die abgeleitete Form. So als würde man „die Mensch“ sagen, und männliche Menschen hießen dann eben Menschenmann oder Menscher, so wie Ziege und Ziegenbock, Katze und Kater. Und nicht umgekehrt wie bei Hund und Hündin.

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  4. wechselweib schreibt:

    Großartige Bilder voller Kraft. Sowohl die Fotos als auch die Zeichnungen.

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  5. mynewperspective schreibt:

    Liebe Gerda, mit fällt immer wieder auf, dass ich Deine Baum Skizzen wesentlich lebendiger empfinde als die lebenden Originale. Die Fotos sind schöne Fotos, Deine Skizzen jedoch erzählen für mich die wahren Geschichten.

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  6. Mitzi Irsaj schreibt:

    Ein schöner Ort. Baum Großväter haben ihren eigenen Zauber. Dort stehend, aber auch in deinem Notizbuch. Besonders heute wo hier alles so tief verschneit ist, gefällt es mir mit dir ein Stück durch den beginnenden Frühling zu laufen. Es macht mir immer Freude, seit der nächste Griechenland besuch geplant ist, ganz besonders.

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  7. Susanne Haun schreibt:

    Besonders die vorletzte Skizze gefällt mir, liebe Gerda, die Bäume sehen aus wie ein Nashorn. LG Susanne

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  8. Karin schreibt:

    Ich mag Deine Art Geschichten zu erzählen sehr, auch wenn man es aus anderen Quellen kennt, es sind neue Lese- und Augenerfahrungen und Deine letzte Zeichnung ist für mich das i-Tüpfelchen zu diesem Beitrag. Habe Dank dafür, Karin

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  9. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Er ist so liebenswert schön, Dein knorzeliger Feigenstamm-Großvater, liebe Gerda, und die Bearbeitung des Bildes von Deiner Freundin, erinnert mich an einen Holzschnitt.
    An einem wunderschönen, ganz besonderen Ort wart Ihr da und ich hatte vergessen, daß Iphigenie von Artemis gerettet wurde und wie. Wie gut, es jetzt wieder bei Dir zu lesen.
    Mir scheint, es war eine sehr moderne Einrichtung dort, die Mädchen, Bärinnen genannt, wurden geschützt und durften Dinge erlernen, die ihnen später mit Sicherheit sehr zustatten kamen. Ich war ganz verblüfft, als ich es las.

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    • gerda kazakou schreibt:

      Liebe Bruni, wie es genau war mit diesem Pensionat für kleine Mädchen, wissen wir wohl nicht. Doch gab es eine Zeit im 5. Jahrhundert, wo alle kleinen Athenerinnen aus gutem Hause als Bärinnen eine Weile dort lebten. ich vermute auch, dass es eine recht „moderne“ Einrichtung war insofern, als man gezielt versuchte, dem üblichen Mißbrauch gegenzusteuern, denen die Mädchen ausgesetzt waren, sobald sie in die Pubertät kamen (oder sogar vorher).
      Die Geschichte der Iphigenie ist für mich eine Schlüsselepisode der Menschheitsgeschichte. Denn Iphigenia war die „thigatera“, die erstgeborene Tochter der Klythaimnestra und insofern die Erbberechtigte. Ihre Opferung war nicht nur der Beginn des trojanischen Kriegs (der auch als Mutter aller Kriege bezeichnet wird), sondern zugleich das Ende des Matriarchats. Klythaimnestra versuchte es zu verteidigen, indem sie einen anderen Mann nahm und den Tod der Tochter rächte, indem sie Agamemnon tötete. Aber ihr Sohn Orest erschlug sie, die Mutter. Schließlich wurde er freigesprochen, und die Rachegeister des Mutterrechts (Erynnien) wurden in Eumeniden verwandelt, die Frauen als dienstbares Personal in die Küche und ins Bett verbannt.
      Im Krieg, der wegen Helena entbrannte, geht es ebenfalls um das matriarchale Erbrecht. Denn Helena (Schwester der Klythaimnestra) war mit Menelaos (Bruder von Agamemnon) verheitrat. Die beiden Brüder hatten Macht nur, weil sie mit diesen Frauen verheiratet waren. Klythaimnestra war die Herrscherin von Mykene, und Helena von Sparta. Ohne Helena hatte Menelaos kein Recht auf den Königstitel. Aber Paris, der Helena „raubte“, hatte nun das Recht auf den Königstitel …..
      Iphigenia wurde zwar gerettet, aber zugleich unschädlich gemacht, denn sie wurde eine Priesterin der Artemis und nicht die Herrin von Mykene. Das Erbe trat ihr Bruder Orest an.

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      • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

        *schmunzel*, und ich Dummchen dachte immer, es sei nur um die Liebe gegangen, in die Paris für Helena erntbrannt war und Helena war halt mit Menelaos verheiratet, dem Bruder des Agamemnon. Also hätte Paris und damit Troja nun diese mächtigen Herren samt Streitmacht gegen sich gehabt.
        Dein Wissen ist so umfassend und tief, liebe Gerda, daß ich es sehr bewundere.

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    • gerda kazakou schreibt:

      Na ja, in der griechischen Mythologie und in den diversen Interpretationen kenne ich mich einigermaßen aus, auch habe ich mir selbst schon etliche Gedanken gemacht und eins und eins zusammengerechnet. Hab die Helena auch für meine „Schwanenwege“ herangezogen. Denn sie ist ja eine Schwanengeborene (Tochter der spartanischen Prinzessin Leda und des Zeus in Gestalt eines Schwans)

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  10. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Leda und Zeus, oh ja! Danke für alle diese kostbaren Wissensschätze, liebe Gerda

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