Was ich im EMST sah (5): Masken und Moderne

documenta 14, Athen

Ethno-afrikanisch wirkt auf mich der große Saal im Erdgeschoss des Museums für zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen. Ausdrucksstarke bunte und weiße Masken, angeordnet in Kreisen, eine riesige angestrahlte Maske über allem schwebend.

Ich bin ein wenig irritiert, denn ich denke: Will man uns so Afrika präsentieren? Will man die Kunst Afrikas erneut auf native Ausdrucksformen reduzieren? Eben noch hatte ich kleine Bilder des südafrikanischen Künstler Ernest Mancoba bewundert, die 1990 entstanden sind: feine Zeichnungen mit Tinte und Pastell. Und war tief beeindruckt. Und schaute nach, wer dieser Künstler sei.

Mancoba (1904-2002) ist ein Pionier der Moderne und wohl der erste Schwarze Südafrikas, der sich ganz von den  traditionell „schwarzen“ Ausdrucksformen lossagt. Er ist bereits ein renommierter Holzschnitzer, als er 31jährig loszieht, um in Paris Kunst zu studieren. Während der deutschen Besatzung wird er interniert, danach geht er mit seiner Frau nach Dänemark und wird Mitbegründer der Bewegung Cobra. Später zieht er zurück nach Paris, wo er fast hundertjährig stirbt.

Ich wundere mich also und bin ein wenig irritiert, als ich den großen Saal mit den Masken betrete.  Bis ich feststelle: Es handelt sich gar nicht um einen afrikanischen Künstler, dessen Werk hier gezeigt wird.

Beau Dick hieß er, lebte von 1955 bis zum März 2017, starb also einen Monat vor Eröffnung der Documenta 14. Er stammte aus British Columbia, im Westen Kanadas und war  ein Kwakwaka’wakw. Schon seine Vorfahren waren Holzschnitzer, er wuchs auf in dieser Tradition, integrierte sie in sein Schaffen. Wurde zum Aktivisten für die Rechte der indigenen Bevölkerung und weit über seine Heimat hinaus bekannt.

Es bedarf schon eines genaueren Hinschauens, um diese Maskenwelt in der zeitgenössischen Kunst zu verorten. Anders als der indische Künstler Subramanyan, von dem ich hier berichtete, dekonstruiert Beau Dick die Welt seiner Ahnen nicht, sondern er überformt sie, macht sie geradezu global. Er lässt sich beeinflussen durch älteste und gegenwärtigste Ausdrucksweisen, seien es die Noh-Masken der Japaner oder die kommerziellen Halloween-Masken in den USA, die afrikanischen Tiermasken oder die Masken expressionistischer Künstler des 20. Jahrhunderts. Sucht er das Verbindende in all diesen Gebilden? Aber was ist das Verbindende? Und kommt es in seinem Werk zum Tragen?

Ja und nein, sage ich.

Ja: der Künstler hat, so scheint mir, etwas wie die Maske geschaffen, die befreit ist von den speziellen orts- und zeitgebundenen Inhalten. Die Maske an sich.

Genau das ist aber auch ihre Schwäche. Denn es fehlt seinen Masken das, was eine Maske von einem anderen Kunstgegenstand unterscheidet:  Magie, Beschwörung, Transzendenz. Beau Dicks Masken wirken auf mich wie leere Formeln, die nichts mehr beschwören. Sie sind eindrucksvoll, aber nicht „faszinierend“ (Faszination bedeutet Behexung, Verzauberung). In mir regt sich inmitten des Waldes von Masken nichts als eine gewisse Neugierde: wie sind sie wohl gemacht? Aha: aus Zedernholz, Akryllfarbe, Rinde, Kautchuk, Stoff, Federn, Pferdehaar und anderem Material.

Ich denke nach über das Verhältnis von indigener Kunst und Moderne. Es ist ja bekannt, dass  sich die Moderne der starken Ausdrucksformen afrikanischer und asiatischer „primitiver“ Kunst bemächtigte und davon einen enormen Schub erhielt hin zu einer bis dahin in Europa nicht bekannten Formsprache. Picassos „Mademoiselles d’Avignon“ (1907) war ein Fanal, das die Moderne zutiefst prägte.

Doch wie steht es mit den Künstlern, die ihrerseits den „Naturvölkern“ zugerechnet wurden und werden? Mancobas abstrakte Bilder – zeigen sie einen Bezug zu den Masken, die die europäischen Künstler so stark beeindruckten? Und Beau Dicks Masken – werden sie nun zu einem international verständlichen zeitgenössischen Kunstausdruck?

In einem Artikel über eine Ausstellung von Werken Mancobas im Münchner „Haus der Kunst“ (hier) lese ich, dass seine abstrakten Bilder bezug nähmen auf die Kota-Reliquiarfiguren, die in Gabun (Zentralafrika) hergestellt wurden. Diese Figuren, die dem Ahnenkult dienen, seien „Wächter und physisches Erinnerungsbild von Reliquien“ (Zitat). Sie werden aus flachem Metall geformt und sind streng geometrisch. In die Rückseite mancher dieser Reliquiare sind Dreiecke und Rauten als magische Schutz- und Fruchtbarkeitssymbole eingeschnitten. Abstrakte Zeichen sind es – die von den Uranfängen der menschlichen Bildsprache den Bogen spannen zu den modernsten Kunstschaffungen.

Beau Dick hingegen bleibt, so meine ich, stecken in der Folklore, die er modern aufputzt. Aber das ist natürlich nur mein ganz privates Urteil.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Was ich im EMST sah (5): Masken und Moderne

  1. ralphbutler schreibt:

    Hat dies auf Blütensthaub rebloggt.

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  2. Susanne Haun schreibt:

    Sehr interessant, Gerda. Dein Bericht hinterlässt mich aber auch erst einmal ratlos. Wie sind heute auf der documenta und damit in der zeitgenössischen Kunst Masken verortet? Sie sind leer, ihrer ursprünglichen Bestimmung entfremdet, schreibst du. Magielos!
    Was sind die neuen Masken unserer Zeit, frage ich mich. Die Gesichter der Modells, die alle steriotyp aussehen?
    Ich denke weiter darüber nach.

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  3. eulenschwinge schreibt:

    Auch ich denke über die Masken nach und empfinde, dass ihnen etwas fehlt (?)…

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  4. afrikafrau schreibt:

    ein aufgesetztes Etikett???? ein afrikanisches entfremdetes Etikett….bin sehr irritiert…das Thema der Masken, speziell der afrikanischen Masken wird mich wieder und wieder beschäftigen….
    läßt mich nicht los……

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  5. wildgans schreibt:

    Masken machen mir Angst. Hat sicher mit meinem kindlichen Gemüte zu tun.
    Vielen Dank für diese feinen Kunstsachen, man kann ein wenig teilnehmen!

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  6. Maren Wulf schreibt:

    Sehr anregend, wie du durch die Klippen des „Naiven“ einerseits und des „Dekorativen“ andererseits steuerst, Gerda. Ich stimme dir zu: Diesen Masken fehlt der Zauber, sie sind flach.

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  7. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Die Arbeiten von Mancoba haben bei mir, außer denen von Maria Lai, auch den größten Eindruck hinterlassen.

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  8. bruni8wortbehagen schreibt:

    Masken und Moderne, tja, was drücken sie wirklich aus?
    Sehe ich Beau Dicks helle Masken, sehe ich das Dekorative sehr im Vordergrund. Sehe ich dagegen die dunklen, die in der Reihe unter den hellen kommen, dann bin ich doch sehr beeindruckt, da weht mich der Wind von Magie an. Warum nur wollen wir das Afrikanische in seinen Masken sehen? Sind sie nicht einfach Kunst Stücke, die den Ausdruck des Künstlers aus seiner Welt in die heutige Welt der Künste tragen? Mit seiner Hand hat er ihnen Magisches mitgegeben. Was sagte er selbst denn zu diesen Masken? Ist es bekannt?

    Toll, wie Du Deinen Text aufgebaut hast. Ich finde so viele gute und sehr nachdenkliche Gedanken in ihm. Ist Kunst nicht schon fast dann Kunst, wenn sie uns Rätsel aufgibt?

    Liebe Grüße aus der Sonne von Bruni an Dich, liebe Gerda

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, danke herzlich für deinen anregenden Kommentar. Sehr gefällt mir deine Bemerkung, der Künstler trage seinen Ausdruck aus seiner Welt in die Welt der Kunst von heute. Ich will auch gar nicht daran herummäkeln, wie es dieser Künstler versucht hat. Es ist ein eindrucksvolles Werk und lehrt mich etwas darüber, wie ein Mensch die Symbole aus seinem ureigensten „indigenen“ Kulturkreis hinüberführt und übersetzt in die vorherrschende Kultur. (Einen anderen Weg zum selben Ziel beschritt der indische Künstler Subramanyan, von dem ich vorher schrieb).
      Der „indogene“ Mensch nimmt den Masken und Göttern, mit denen er aufgewachsen ist, ihre ursprüngliche Magie, um sie kompatibel mit der gegenwärtig vorherrschenden Kunst zu machen. Dieser Weg aus dem Eigenen („Indigenen“) ins „Westliche“ (Weltberrschende) scheint mir schwieriger zu sein als der umgekehrte, den so viele europäische Künstler gegangen sind: sie integrierten in ihre schon entwickelte moderne Kunst die älteren Symbole, die sie auf Reisen oder in Volkskundemuseen fanden, und gaben damit ihrer eher flachen Kunst eine magische Tiefe (zB Picasso in den „Demoiselles“)..
      Ich weiß nicht, ob ich ich verständlich mache?

      Ganz anders die starke „magische“ Wirkung von gesammelten Figuren, die ich in Lübeck sah und über die ich er unter https://gerdakazakou.com/2016/06/23/afrika-is-on-my-mind/ schrieb.

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  9. bruni8wortbehagen schreibt:

    Die Masken sind zu steril aufgebaut. Das nimmt ihnen einen Teil ihres Geheimnisses.
    Es entblößt sie, macht sie gewissermaßen nackt …

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  10. bruni8wortbehagen schreibt:

    Ich weiß genau, was und wie Du es meinst, liebe Gerda.
    Leider kann ich Deine Fotos aus Lübeck nicht öffnen, um sie mir auch anzusehen.
    Ein altes Symbol in neue Kunst mit einzuarbeiten, ist sicherlich sehr geschickt und wirkungsvoll,
    aber ich glaube, hier haben wir es mit intensiverer Maskenkunst zu tun, in die viel Herz mit eingeflossen ist und deshalb finde ich sie falsch dargestellt in der Sterilität der Ausstellung.
    Aber es ist mein ureigenes und laienhaftes Empfinden.

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