Farb-Kraft-Felder

Heute fand ich bei lz eine rote Wand (https://derverstecktepoet.wordpress.com/2016/05/14/die-rote-wand/). Eine wirkliche Wand, stark rot gestrichen. lz hat seine künstlerischen Pläne damit, und ich bin gespannt.

Aber wie das so ist,  purzelten über dem Betrachten seines ersten Fotos – eines silbergolden verpackten Osterhasen vor der roten Wand – allerlei Assoziationen und Erinnerungen durch meinen Hirnkasten.  Eine davon war: Vor vielen Jahren hatte ich mit „4-Farb-Kraft-Feldern“ experimentiert. Ich teilte eine Leinwand in vier gleichgroße Felder, färbte ein Feld hellocker, ein anderes starkrot, ein drittes hellblau und ein viertes gelb. In jedes Feld malte ich dasselbe sitzende Modell. Ich wollte herausfinden, wie die jeweilige Farbe auf mich wirkte und wie die Figur sich vor dem Hintergrund behaupten würde. Heute suchte und fand ich eine Leinwand (70 x 100 cm), die ich 1992 gemalt und im Goethe-Institut in Athen ausgestellt hatte („Gestalten“ in der Reihe „Wechselwirkungen“). Ich nannte das Bild „4-Farb-Kraft-Felder (männlich)“ (es gab auch ein weibliches Pendant).

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Das helle Ocker, so fand ich, erlaubte mir eine fast klassische Darstellung. Mit ein paar hellen Höhungen und dunkleren Schattenpartien konnte ich die Figur aus dem Hintergrund herausarbeiten. So verfuhren im Prinzip die meisten klassischen Maler (Alternativ zum Ocker wurde auch grau grundiert).

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Ganz anders das Rot, das eine sehr aktive, auf der Fläche sich vor- und zurückbewegende, lichtschwache Farbe ist. Ich brauchte fast schwarze Umrisslinien und schwere Schatten, um den Eindruck von 3-Dimensionalität zu erreichen. Das wird in der Schwarz-Weiß-Fassung sogar noch deutlicher.

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Und wie steht es mit dem Hellblau? Blau ist die Himmelsfarbe, und für unser Empfinden weicht sie zurück, entfernt sich.  In meiner Skizze löst sich die Figur darin auf, verflüchtigt sich fast und wird nur von einer Konturlinie gehalten. Gelb wirkt genau entgegengesetzt: es drängt nach vorn. Und so scheint mir, dass die Figur nach vorne und fast aus der Bildebene herausgedrängt wird.

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In der Schwarz-Weiß-Fassung sieht das dann so aus:

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu Farb-Kraft-Felder

  1. teggytiggs schreibt:

    …ganz eindeutig bevorzuge ich die rote Variante..die blaue empfinde ich auch in Auflösung begriffen, aber interessant, fast verführt sie mich, sie ergründen zu wollen in ihrer Geheimnishaftigkeit, aber zu wenig fassbar, sie entzieht sich zu sehr…die gelbe zu konkret auf mich zugehend, zu präsent, da fühle ich mich fast bedrängt…die ockerfarbene erscheint mir zu gewöhnlich – verzeih – die rote ist es, die mich anzieht, voller Aktivität, energiegeladen, bewegt, konkret und doch nicht völlig erfassbar, interessant und reizvoll…

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  2. kunstschaffende schreibt:

    Mir gefällt die hellblaue Version sehr gut, da sie unaufdringlich, dezent und nachdenklich auf mich wirkt. Die schwarz/weiß Variante weckt meine größte Aufmerksamkeit. Alle samt sind jedoch sehenswert!

    Grüße Babsi

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  3. Mion schreibt:

    Ich finde Oker am attraktivsten. Auf dem gelben Bild erscheint mir, der männliche Darstellern, fast weiblich. Rot finde ich fast zu kantig zu aggressiv. Hellblau erscheint mir traurig und ein wenig depressiv.
    Eine sehr gute Inszenierung von Farben. Hat mir gefallen die Bilder zu studieren.

    Grüne Grüße
    Mion

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  4. juergenkuester schreibt:

    Liebe Gerda!
    Es geht um malerische Fragen, richtig? Daher habe ich mich sogleich gefragt: wohin haben Dich die Ergebnisse Deines Experimentes geführt? Was folgte danach? Was ist mit den gewonnen Erkenntnissen geschehen?
    Liebe Grüße Juergen

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    • gkazakou schreibt:

      das sind gute Fragen, Jürgen, für die ich herzlich danke.
      Tatsächlich hatte ich den Beitrag mit dem selbstkritischen Satz beschlossen, dass ich diese Experimente dann leider nicht weiter verfolgt habe, so dass ich nicht sicher bin, ob meine Eindrücke von der Wirkung der Farbgründe sich halten lassen. Dieser Satz schien mir dann aber zu resignativ, denn immerhin lebe ich ja noch und kann, wenn ich möchte, heute weiter forschen. Also strich ich den Satz aus.
      M.a.W.: Es gibt keine Ergebnisse, nur erste Eindrücke und offene Fragen. Vielleicht hat ja jemand Lust, den Faden aufzunehmen?

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  5. karfunkelfee schreibt:

    Die erste Variante wirkt auf mich weich und sanft (ocker/apricot), die rote Variante hart und kraftvoll. Das Hellblau nimmt auf ätherische Weise zurück, Konturen verlieren sich, weich fließend, die Studie in gelb hebt die Kontur kräftig hervor, unterstreicht sie. Ocker und Rot lösen in mir erdverbundene eher körperliche Reaktionen aus, hellblau und gelb triggert meinen Geist. Die Studien in apricot/ocker und rot wirken körperlich, hellblau und gelb empfinde ich geistig, doch ähnlich in ihrer Wirkung: weich oder hart, zart oder kraftvoll. Ich höre Musik zu den Studien.. Auch interessant, geht mir mit Bildern so und umgekehrt ähnlich.
    Lz habe ich besucht und mag die rote Wand. Daran stelle ich mir deine 4 Studien gerahmt und hängend vor. In der Mitte platzierte ich den rotgoldenen Osterhasen.
    Verrückt? Ja, sicherlich.
    Und ein starkes Bild im Kopf.
    Frohe Pfingsten.✨
    Liebe immer gern bildbetrachtende
    Grüße von Stefanie

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    • gkazakou schreibt:

      Hallo, Stefanie! Herzlichen Dank für deinen Kommentar, der die Bilder ausgezeichnet ergänzt. Du versuchst eine Antwort auf die Frage, wie die Farbgründe auf dich wirken – seelisch, körperlich, geistig, Und dazu die Musik. Toll, danke!
      Du stellst dir die rote Wand vor, an der sie hängen? Ich habe mal eine Ausstellung in einer Galerie gehabt, bei der eine Wand rot gestrichen war. Erst dachte ich: o weh! Halten meine Bilder da stand? Es erwies sich, dass das ausgezeichnet funktionierte. Ich werde heute Fotos davon einstellen – als Ergänzung zu diesem Beitrag. Liebe Grüße! Gerda

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  6. Ulli schreibt:

    Zunächst einmal freue ich mich, dass ich hier noch deine Bilder anklicken kann und sie dann einzeln und gross schauen kann, was bei deinen neuen Artikeln leider nicht mehr geht, was ich immer mal wieder bedauere, aber nun …
    Ich teile deine von dir genannten Wirkungen und dachte daran, als ich vor ein paar Jahren meine Fotos als Postkarten gestaltete und mit unterschiedlich farbigen Hintergründen experimentierte, wie rot die Farben anders erscheinen liess, als gelb oder grün oder hellblau – mittlerweile nehme ich fast nur noch ein helles Grau, weil es so wunderbar zurücktritt und das Dargestellte in den Blick rückt …
    Ich freue mich, dass du mich auf deine Rot-Artikel aufmerksam gemacht hast! Danke und hab einen schönen Abend und eine gute Nacht
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Man kann die Bilder jetzt nicht mehr vergrößern? Das ist dumm! Mache ich da was falsch, oder hat WP die Einstellungen geändert?
      Für den Rest – d’accord. Helles Grau ist am besten, denn es ist neutral, weil alle Farben darin enthalten sind

      Gefällt 1 Person

      • Ulli schreibt:

        Tatsächlich hatte WP mal was verändert – schau mal, wenn du das Bild hochgeladen hast und dann erneut auf es klickst, dann erscheint „bearbeiten“, es öffnet sich ein Fenster, oben rechts kann man wählen Anhangseite steht dort oft, ändere es in „Mediendateien“, dann müsste es wieder klappen, wenn das denn der Fehler ist?

        Gefällt 1 Person

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