Griechische Dichtung am Sonntag: Kavafis, Warten auf die Barbaren

Noch einmal Konstantinos Kavafis, dessen Werk mir immer den Atem nimmt. Das heutige Gedicht trägt den Titel: Warten auf die Barbaren. Es ist aufgebaut als Dialog. Die Strophen beginnen mit dem Wort γιατί, das sowohl warum? als auch weil  bedeutet. Die Frage Warum? wechselt ab mit der Antwort Weil.  Geschrieben hat Kavafis das Gedicht 1898, erstmals veröffentlich 1904. Bewusst altertümlich war in der Sprache schon damals, aber das täuscht. Denn die Stoßkraft dieses Gedichts hat seither eher zugenommen.

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Warten auf die Barbaren

Worauf warten wir, versammelt auf der Agora?

Es heißt, die Barbaren kommen heute.

Warum diese Untätigkeit des Senats? Was sitzen die Senatoren / herum und verabschieden keine Gesetze?

Weil die Barbaren heute kommen. / Was für Gesetze sollen die Senatoren noch machen? / Wenn die Barbaren da sind, werden sie die Gesetze machen.

Warum ist unser Kaiser heute so früh aufgestanden / Und sitzt am größten Tor unserer Stadt / Auf seinem Thron, amtlich, seine Krone tragend?

Weil die Barbaren heute kommen / Und der Kaiser wartet darauf, ihren Anführer / zu begrüßen. Ja, er hat sogar ein Dokument vorbereitet, / um es ihm zu überreichen. Darauf hat er ihm viele Titel und Namen zugeschrieben.

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Warum sind unsere beiden Konsuln und die Praetoren / mit ihren roten, bestickten Togen erschienen? / Warum haben sie Armreifen mit so vielen Amethysten angelegt / und Ringe mit hell glänzenden Smaragden? Warum halten sie kostbare Amtstäbe, geschnitzt mit Silber und Gold?

Weil die Barbaren heute kommen, / und solche Dinge blenden die Barbaren.

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Warum erscheinen heute die tüchtigen Redner nicht wie sonst, / ihre Reden zu halten und das Ihre zu sagen?

Weil die Barbaren heute kommen, und die langweilen sich / Bei Beredsamkeit und öffentlichen Debatten.

Warum auf einmal diese Unruhe und / Verwirrung? (Wie ernst die Gesichter geworden sind), / warum leeren sich plötzlich die Straßen und Plätze / und alle kehren sehr nachdenklich nach Haus zurück?

Weil es Nacht geworden ist, und die Barbaren sind nicht gekommen. / Und einige Leute sind von den Grenzen zurückgekehrt / und sagen, dass es keine Barbaren mehr gibt.

Und was soll nun aus uns werden, ohne Barbaren? / Diese Menschen waren irgendwie doch auch eine Lösung.

 

IMG_4815Die letzten beiden Zeilen sind in der griechischen politischen Debatte fast zur stehenden Rede geworden. Sie lauten im Original:

  Και τώρα τι θα γένουμε χωρίς βαρβάρους.
Οι άνθρωποι αυτοί ήσαν μια κάποια λύσις.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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4 Antworten zu Griechische Dichtung am Sonntag: Kavafis, Warten auf die Barbaren

  1. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Wow. Kavafis war grandios! Danke für den tollen Beitrag!

    Gefällt 1 Person

  2. Katrin - musikhai schreibt:

    Wieder einmal bringst du uns die griechische Lyrik näher. Danke!❤
    Du bist die beste Botschafterin für Griechenland!

    Gefällt 3 Personen

  3. gkazakou schreibt:

    Das ist ein schönes Kompliment, Katrin! ja, ich liebe dieses Land, seine Kultur, seine Menschen, seine Natur, und es ist mir ein Anliegen, dass auch andere mehr davon sehen als Kykladeninseln, Wirtschaftskrise und Altertümer. Sei herzlich gegrüßt aus Athen. Gerda

    Gefällt 3 Personen

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