Kalenderblätter 7.6.: Klees „Pädagogisches Skizzenbuch“, das schräge Haus

In Klees Lektion II,20 ist ein „logisch korrektes„, aber „psychologisch falsches“ Haus abgebildet (das obere mit den schrägen Wänden). Ich habe darunter ein „logisch falsches“, aber „psychologisch korrektes“ Haus gezeichnet, wie es jedes Kind zeichnen würde.


Du erinnerst dich vielleicht an das Foto des kleinen Prinzen vom vergangenen Sonntag, wo er vor meiner Zeichnung einer Dorfkirche steht und sich wundert, dass ich sie so schief und krumm wiedergegeben habe? Der schiefe Turm von Pisa, könnte man meinen. Und  das linke Gebäude gar! Wird es nicht zusammenstürzen?

Er ist halt ein Kind. Wir Erwachsenen fürchten nichts dergleichen, wir haben uns dran gewöhnt, dass hohe Gebäude mit mehr oder minder abenteuerlicher Schräge in den Himmel ragen.

„Wir haben uns dran gewöhnt“ bedeutet, wir haben den Anblick für uns normalisiert. Dazu Paul Klee: Das Animal will im Interesse seines Gleichgewichts sämtliche SENKRECHTEN der Wirklichkeit auch projiziert als Senkrechte sehen. 

Klee meint, diese Zeichnung werde nicht als korrekt gezeichnetes Haus akzeptiert, obgleich  sie „logisch  richtig“ sei.  Als auf den Boden projizierte Zeichnung ginge sie freilich durch.

„Pschologisch richtig“ ist die „logisch falsche“ Zeichnung mit senkrechten Wänden.

Ich weiß nicht, ob das inzwischen noch so stimmt. Denn wir haben unsere Sehgewohnheiten durch die Fotografie sehr verändert. Auf dem Foto irritieren uns die schrägen Wände nicht.

Auch in der Malerei ist inzwischen alles möglich. Das war zu Klees Zeiten aber noch nicht der Fall. So kann man bei seinem amerikanischen Bauhaus-Kollegen Lionel Feiniger nachvollziehen, wie er mit dem Problem ringt, die logische und psychologische Konstruktion miteinander zu versöhnen.  Seine Erfahrung mit den himmelstürmenden Skyscrapern New Yorks machten es ihm offenbar nicht möglich, die Hauswände naiv als Senkrechte aufs Blatt zu projizieren. Doch so, wie sie sich in einer perspektivisch „korrekten“ Zeichnung darbieten, konnte er sie auch nicht darstellen, ohne die Betrachter vollkommen zu verwirren.

Feinigers „Hohe Häuser“ (1912, 1945 verbrannt) und (1913) sind gute Beispiele für seinen Versuch, die Senkrechte nicht aufzugeben und zugleich die Schräge der Perspektive visuell zu integrieren.

Bei diesen Holzschnitten Feiningers folgen die Gebäude des Vordergrunds dem „psychologisch richtigen“ Prinzip der Senkrechten, die linearen Gebäude im Hintergrund aber lösen sich in Schrägen auf.

Die Lösung, die Feiniger fand, war, die Welt samt Häusern, Himmel, Licht und Schatten in ein Muster von schräg ins Bild gesetzten Geraden zu verwandeln. So türmen sich seine Gebäude zwar in der Senkrechten auf, doch durchlaufen sie dabei eine große Zahl von Brechungen. Auch der Himmel scheint die Schrägen zu inkorporieren, auf dass die Gebäudewände senkrecht bleiben dürfen, ohne zu kollabieren.

Zur vollen Entfaltung kommt das spitz zulaufende Dreieck im Segel. Und da wird auch niemand psychologisch herausgefordert. (Die Feininger-Abbildungen habe ich, sofern nichts anderes angegeben ist, aus dem in meinem Besitz befindlichen Buch von Ulrich Luckhardt, erschienen im Pestel-Verlag, abfotografiert.)

Klee bleibt seiner Auffassung treu:  Häuserwände sind senkrecht zu zeichnen, Dächer dreieckig, Sonnen und Monde rund….damit sie psychologisch stimmen.  Die normale Perspektive hat in dieser Welt keinen Platz.

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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4 Responses to Kalenderblätter 7.6.: Klees „Pädagogisches Skizzenbuch“, das schräge Haus

  1. Das sieht wirklich nach großer Kunst aus. Ich staune erst einmal nur.

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  2. Feininger und Paul Klee usw., so viele ….sind mir ja nicht unbekannt.
    Aber ich gehe wohl einfach auf meine Art naiv durch die Kunst- und Weltgeschichte,
    bzw. eher durch das, was so gerade so im Umkreis geschieht.
    .Aber nein, plötzlich befinde ich mich wieder ganz weit entfernt,
    dann wieder ganz nah..~~~~
    Ist das hier wichtig? Nein.

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  3. Es ist gut, daß jeder auf dem gewählten Weg gut vorankommt.
    Und das schaffst Du schon, wie ich sehe, immer wieder anders und neu.
    Wie ich ja auch.
    Und jetzt sollte ich mich endlich mal auf einen Weg machen,
    anstatt immer nur im Internet zu gucken.

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  4. Jetzt habe ich es doch bei mir angezeigt, weil es ja – objektiv- ein richtig guter Beitrag zu sein scheint. („Ist“ vielleicht auch).

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