Im nächsten Schritt führt Klee die „Augenlinie“ ein, die alle auf einer Waagrechten befindlichen Punkte verbindet, die sich auf Augenhöhe des Betrachters befinden. Hockst du dich hin, erschließt sich der Raum anders, als wenn du, zB, auf einer Leiter stehst. Aber immer gibt es diese Horizontale auf der Höhe deiner Augen, die das „Höhenmaß des Subjekts“ anzeigt.
Wie unterschiedlich sich Räume je nach Augenlinie erschließen, illustrieren die beiden unteren Figuren. Klee hat den Raum wie eine Puppenbühne in den perspektivischen Raum eingezeichnet. Links sieht du die Bühne von oben („Obersicht„), denn die Augenlinie (rötlich) befindet sich oberhalb der Puppenbühne, rechts siehst du sie von unten (Untersicht), denn deine Augenlinie befindet sich unterhalb der Decke der Puppenbühne. Einmal blickst du von oben hinunter, das andere Mal blickst du hinein.
Oft sehen wir auf einem Bild manche Dinge in Obersicht (die Kaimauer mit dem Plattenbelag), andere in Untersicht (das hoch ragende Gebäude, dessen Dach ich nicht erblicken kann). Letzteres könnte ich, wäre ich ein Riese.

Gebäude und auch die Decken der Innenräume sehen wir eigentlich stets in Untersicht, da sie uns überragen. Koffer, Kisten und Kasten hingegen sehen wir in Obersicht, sofern sie vor uns stehen. Tische, Bänke und Kinder auch.
Kinder hingegen sehen fast alles in Untersicht, Hunde auch… Katzen jedoch suchen erhöhte Plätze, um die Obersicht zu behalten…
Ich suche weitere Fotos. Zum Beispiel diese Häuser am Hafen von Kalamata. Ich sehe dort den Kubus der Gebäude in Untersicht, doch die Wände behindern meinen Bick auf die inneren Decken. Die kann ich gedanklich hinzufügen.

Und wie ist es mit den Autos auf dem Foto? Ich kann weder von oben noch von unten auf ihre Decke schauen, denn die Autos schließen nach oben ungefähr auf meiner Augenlinie ab.
Komisch. Wieso kann ich ihr Dach nicht sehen? Wieso liegt meine Augenlinie auf der Höhe ihres Daches und nicht darüber? Die Autos sind doch niedriger als ich, die ich in einiger Entfernung auf dem gleichen Pflaster stehe und sie fotografiere!
Ich grüble. Wird das, was ich sehe, vor meinen Augen wie an einem Lot, dessen Länge von der Entfernung bestimmt wird, nach oben verzogen, so dass ich – obgleich „tatsächlich“ auf gleicher Höhe mit den Autos, diese „weiter oben“ sehe? Sobald ich zu den Autos hingehe und also die Entfernung verkürze, sinken die Autos nach unten und landen schließlich auf derselben Ebene, auf der auch ich stehe.
Ich mache, um mich beim Nachdenken zu unterstützen, auf dem heutigen Kalenderblatt ein paar hilflose Kritzeleien. 
Standpunkt des Autos (Straße, Räder)
Augenlinie (oder Fotoapparat)
Mein Standpunkt (Straße, meine Füße)
Senkrechte (Lot): Entfernungsmaß: unten=nah, oben=fern
Ich dachte, ich wüsste, wie perspektivisches Wahrnehmen geht. Aber anscheinend habe ich noch viel zu lernen.

