Dora zum Einundzwanzigsten: Menschheitsbeglückung

„Wo warst du denn heute Nacht, Dora? Ich war schlaflos, und du hast mir gefehlt“ – „Selbst schuld!“ antwortet mir Dora, die übernächtigt, aber durchaus gut gelaunt zu sein scheint. „Hättest halt den Fernseher anmachen müssen, dann hättest du mich gesehen!“ – Wie bitte? Dora im Fernsehen? Ja, was …

„Du hast ja immer was zu nörgeln“, erklärt mir Dora schnippisch. „Außerdem kann ich mich nicht immer nur um dich kümmern. Schließlich gibt es noch andere Menschen, die man beglücken kann. Drum bin ich heute Nacht dahin gegangen, wo ich begeistert empfangen werde.“

Ich schlucke ein bisschen. Dora hat keine Lust mehr auf mich und beglückt die Menschheit jetzt übers TV. Ja, warum auch nicht. Ich schaue ja auch gelegentlich einen Film, vielleicht kann ich sie dann ….

„Und auf welchem Kanal hätte ich dich sehen können?“ frage ich schließlich zerknirscht. „Auf allen!“ Dora hüpft und dreht sich wie ein Wirbelwind. „Auf allen Kanälen! Ich habe nämlich freien Zugang, überall.“  „Freien Zugang? Und wer …“

„Also das war so“, beginnt Dora ihre Erzählung. „Ich fliege durch die Gegend und halte Ausschau nach Empfängern meiner Gaben. Da sehe ich ein Feld aus Wellen, drauf sitzen Menschen, jeder mit einer Antenne ausgestattet. Sie sehen ziemlich abgeschafft aus.

Und wie ich so kreise und nachdenke, was ich ihnen schenken soll, um sie aufzuheitern, kommt mir ein geflügeltes Wesen entgegen. Es sieht recht hübsch aus, wie ein Insekt mit einem Stachel. „Ich bin Dora die Schenkende“, sage ich höflich. „Und wie heißt du?“ – „Ich bin der Bill und tue was ich will“ – antwortet das Wesen. – „Und was tust du?“ – „Ich beglücke die Menschheit.“ – „Ja, wie denn? Das tue ich ja auch! Wollen wir uns nicht zusammentun?“ – „Gern“, sagt das Bill-Wesen. „Wir machen es arbeitsteilig. Du schenkst den Menschen Unterhaltung, damit sie sich nicht langweilen oder auf dumme Gedanken kommen, und ich schenke ihnen Spritzen, damit sie gesund bleiben. Abgemacht?“. – „Abgemacht!“

Ich rümpfe die Nase und murmele:  eine schöne Kumpanei.  „Ich weiß schon!“ sagt Dora pikiert. „wie immer hast du was auszusetzen. Ich unterhalte die Leute, Bill macht sie gesund, wir sind ein perfektes Paar, alle sind zufrieden und glücklich, und du meckerst.“

Jetzt erst fällt mir auf, dass auch Dora einen Stachel am Fuß hat. Und meine Gedanken eilen zurück nach Troja und zur „Mutter aller Kriege“. Wie war das doch noch mal?  Ein hölzernes Pferd schenkten die Belagerer den nichtsahnenden Bewohnern von Troja und zogen scheinbar ab. Die rissen ihre Verteidigungsanlagen nieder, weil das Pferd nicht durchs Tor passte…. Der Apollopriester Laokoon hatte seine Landsleute gewarnt, hatte gegen das Pferd geklopft, wollte es spalten, und hatte dafür eine Schwerststrafe erhalten: er und seine Kinder wurden durch Schlangen erwürgt.

Kopie der Laokoongruppe

Auch Kassandra warnte — vergebens.  Und so krochen aus dem vermeintlichen Geschenk die Krieger und machten die Stadt dem Erdboden gleich. Die Bewohner aber wurden entweder niedergemetzelt oder in die Sklaverei verkauft.

Ich glaube, ich muss mit Dora ein sehr ernstes Wort reden.

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Anmerkungen:

Das obige Legebild stammt in seiner ursprünglichen Form aus einem Eintrag vom November 2020: https://gerdakazakou.com/2020/11/07/gesellschaftliche-transformation-ueber-wellen-schneewittchen-und-pluto/ Dort schreibe ich: „Unsere Gesellschaft wird gerade tiefgreifend umgeformt, und so mancher fragt sich, wes Geistes Kind die dahinter stehenden Wirkkräfte sind.“

Die Laokoon-Gruppe illustrierte einen Eintrag vom März 2020 https://gerdakazakou.com/2020/03/25/laokoon-in-corona-zeiten-taegliche-zeichnung/ Dort erkläre ich den Mythos und vermerke: „Ich fand, dass sie ganz gut das gegenwärtige Lebensgefühl abbildet: ein langsames Ersticken durch „Schlangen“, deren Herkunft ungeklärt ist.“

Beide Einträge sind leider immer noch hochaktuell.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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9 Antworten zu Dora zum Einundzwanzigsten: Menschheitsbeglückung

  1. Wieder eine perfekte Metapher liebe Gerda!
    BEI liebenswürdiger Naivität oder Solidarität, da kommt die Erkenntnis oft zu spät!🤔😉

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    So eine bunte Gesellschaft plötzlich. Warum und von wem wurde Laokoon eigentlich so schwer gestraft? Das habe ich noch nie begriffen. Er stand doch – demnach – auf Kassandras Seite.
    Kassandra und das Schicksal der Trojaner hat mich in anderer Weise auch sehr beschäftigt. An die bekannte Göttermythologie halte ich mich in diesem Falle nicht. Wer kann das alles denn so begreifen, was damals geschah?

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  3. mikesch1234 schreibt:

    Habe „Kassandra“ von Christa Wolf seit 2020 ehrmals gelesen und als Hörbuch angehört … so viele Verbindungen zu heute
    Warum verloren die Griechen dann doch am Ende?
    „Weil sie nicht aufhören konnten zu siegen!“

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  4. Leela schreibt:

    zieh Dora mal die Ohren lang… oder wische ihr die Augen…

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    • gkazakou schreibt:

      Ich weiß nicht. Sie will schenken. Das ist ihre Natur. Und sie mag es, wenn ihre Geschenke willkommen sind. Auch das verstehe ich.. Ablenkung, Unterhaltung, Illusion sind halt beliebter als die Wahrheit. Ich finde, man kann Dora nicht schelten. Aber natürlich werde ich versuchen, sie aufmerksam drauf zu machen, dass ihre Geschenke auch Schaden annrichten können, weil die Menschen dumm sind.

      Gefällt 1 Person

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