Myriades Impulswerkstatt, Bild No 1: Gestrandet.

https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2021/07/02/einladung-zur-sommer-impulswerkstatt-juli-und-august/

Danke, Myriade, für die wieder sehr anregenden Bilder. Ich möchte heute No 1  nachspüren, eine Geschichte dazu erfinden. (Quellen: Die Zeichnung habe ich auf Samothrake angefertigt, die Fotos machte ich in einem fast verlassenen Bergdorf im Taygetos)

Gestrandet

Was soll sie hier. Der Sohn hat sie mitgeschleppt. Weil er sie braucht? Wozu denn? Weil er sie nicht zurücklassen konnte? Er war ja der letzte, der ging.

Was soll ich dort, hat sie gejammert. Lasst mich hier. Besser ich bleibe wo ich bin, kann noch ein paar kleine Freuden erleben, hier. Geht nur, geht. Ich bleibe. Aber das ließen sie nicht zu, der Sohn und seine Frau.  Und nun irrt sie über den leeren hellen Strand. Sich zu schützen, trägt sie das schwarze Tuch, den Mantel bis zum Boden. Eine schwere Gestalt und nutzlos. Ihr Schatten ist heller als sie selbst.

Dies Meer ist nicht ihr Meer. Dieser Strand nicht der ihre. Sie fühlt seine Fremde. Schwer geht es sich im fremden Sand. Schwer ist jeder Schritt, der noch gegangen werden muss.

Sie kommt auf mich zugewandert, gleich werde ich ihr Gesicht erkennen. Aber sie schaut nicht zu mir hin. Nirgendwo schaut sie hin, stapft den Strand entlang, irgendwo dahinten, jenseits des Strandes, wird sie ihre Leute finden. Ihre Leute. Vielleicht.

Sie ist nicht zufrieden hier. Wie denn auch. Was soll sie hier. Zu Hause war Leben gewesen. Kein Reichtum, aber Leben. Sie hatten ihr Auskommen. Ein paar Nachbarn waren geblieben. Ihr Haus hätten sie reparieren können.

In der Nähe gab es eine Menge Esskastanien, die konnte sie sammeln und rösten,  und ihr Jüngster konnte sie auf dem Markt verkaufen. Besser als hier als Fremde zu leben.

Einen Esel hatten sie auch gehabt. Und Wasser gabs im Bach. Meistens jedenfalls.

Hütehunde hatten sie für die Schafe. Die konnte man verkaufen. Es waren gute Hütehunde. Schließlich hatten sie auch das Haus und den Esel verkauft und die paar Schafe und Hühner, hatte nicht viel gebracht. Aber es war Geld für die Reise.

Noch sieht sie, wenn sie die Augen schließt,  das Flimmern des Lichts auf dem Weg, der durch den Kastanienwald führt. Doch schon beginnen die Erinnerungsbilder zu verschwimmen, und das Licht des fremden Landes wird sie schließlich ganz verschlingen. Nichts wird ihr bleiben, hier, in dem fremden Land am fremden Meer.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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28 Antworten zu Myriades Impulswerkstatt, Bild No 1: Gestrandet.

  1. Werner Kastens schreibt:

    Du spiegelst den ganzen Unsinn unserer Politik. Unsere Aufgabe ist nicht Integration in eine fremde Welt, in fremdes Leben, sondern unsere Aufgabe wäre es, mit aller Konsequenz Frieden für ihre Heimatländer herzustellen.

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    • gkazakou schreibt:

      Für junge Menschen ist es anders als für ältere, da ist die Entwurzelung das Hauptproblem. Die Alten kommen nirgends mehr an. Leider sind „wir“ nicht in der Lage, Frieden für ihre Heimatländer herzustellen. Aber wir sollten nicht auch noch zum Krieg beitragen.

      Gefällt 7 Personen

      • Werner Kastens schreibt:

        Stimme ich Dir nicht ganz zu, liebe Gerda. Auch die jungen Leute leiden darunter, dass sie aus ihren großen Familienverbünden herausgerissen werden. Das ist doch das immer noch Typische in ihrer arabischen oder afrikanischen Heimat.

        Gefällt 4 Personen

      • Meine volle Zustimmung, Gerda! Aber unsere westlichen Länder scheinen nur Maschinenbau, und damit neben der Automotive-Industrie den Bau von Waffen bestens zu beherrschen. Man regt sich einerseits über die Waffenliberalität in den USA auf, andererseits verkauft man aber Waffen in Länder, von denen man weiß, dass die damit größtes Unheil anrichten werden. ;-( Wünsche dir einen schönen Sonntag! LG Michael

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    • gkazakou schreibt:

      Sicher nicht leicht, Werner, aber eben anders als für ältere Menschen, wie ich ja auch schrieb.

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  2. Myriade schreibt:

    Dein Text gefällt mir sehr, eine klare Sprache ohne Rührseligkeiten und doch kann man nachspüren … Die Frau war tatsächlich ein Fremdkörper an einem holländischen Strand schon von weitem als solcher erkennbar. Die Gedankengänge, die du für sie schreibst, sind absolut plausibel und lebensnah. Genauso könnte es sein. Danke für diesen Text!

    Gefällt 4 Personen

  3. Wortverdreher schreibt:

    „Ist die Heimat auch ein schwieriger Ort
    sie ist Herkunft und wir hängen daran
    wer dann geht reißt seine Wurzeln heraus
    keine fremde nimmt sie je wieder an.“ Hein Rudolf Kunde . Mit welchem Recht
    Daran musste ich gleich beim Lesen Deines Textes denken.

    Gefällt 2 Personen

  4. linienspiel schreibt:

    Ein schöner Text! Bei mir kommt er durchaus sentimental rüber.
    Besonders faszinierend finde ich jene Stelle, in der sie auf die Erzählperson (dich?) zugewandert kommt (fühlt sich beim Lesen an, als ob es sich um das Alter ego der Erzählperson handele)
    Liebe Grüße,
    Beate

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Beate, auch für deinen HInweis auf das alter ego der Erzählerin. Ich bin mir freilich nicht bewusst, dass solch eine resignierte alte Frau in mir lebt. Aber wer kennt sich schon bei sich selbst aus? 😉

      Gefällt 1 Person

      • linienspiel schreibt:

        Nein, solch eine resignierte Frau lebt gewiss nicht in dir, liebe Gerda, das wird immer wieder in deinen Beiträgen spürbar.
        Diese Begegnungsszene in deiner Geschichte lässt mich nicht los. Ich frage mich, warum es keinen Augenkontakt gibt, und ich frage mich, warum ich mich das frage. Aber wer kennt sich schon bei sich selbst aus? 😊😊

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    • gkazakou schreibt:

      Seit du mich gefragt hast, Beate, geht mir die Frage nicht mehr aus dem Sinn. Vielleicht hat es mit meiner Therapeutenarbeit zu tun: da bin ich bemüht, den anderen von Innen zu verstehen, aber damit das gelingt, muss der andere das auch wollen. Vielleicht ist es ähnlich mit eigenen nicht recht verstandenen Anteilen.

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  5. Myriade schreibt:

    Übrigens war mir gar nicht aufgefallen, dass der Schatten heller ist als die Frau selbst. eine sehr interessante Beobachtung

    Gefällt 1 Person

  6. Roswitha schreibt:

    danke für diesen berührenden text und die bilder. ja, so ist es, ich bin selbst alt und möchte nicht in ein fernes land umgepflanzt werden. wenn alles fremd ist wird man sich selbst auch fremd. und die jungen flüchtlinge in meiner umgebung, ihnen fehlt die große familie, die selbstverständlichkeiten, mit denen man gesund aufwachsen kann. es braucht ein dorf, um ein kind groß werden zu lassen. und wenn das dorf weg ist? wenn die gemeinsame sprache feht?

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Auch die jungen Menschen haben es nicht leicht, wahrhaftig. Aber sie halten oft den Rest der Familie aufrecht, und das gibt ihnen das Gefühl, wertvoll zu sein. Den Älteren kommt dieses Gefühl abhanden, und so verlieren sie den Lebenswillen. Wer möchte schon dauerhaft auf Kosten anderer leben?

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  7. wildgans schreibt:

    Wäre die alte Frau in meinem Traum erschienen, hätte ich gesagt, dass sie Kriegswinterrusslandkleidung trägt, und dass es mich traumtraumatisch berührt. So ähnlich ist es ja dann auch…

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    • gkazakou schreibt:

      Ich hae eher an heutige Zeiten gedacht, aber du hast recht, nicht viel anders war es in den Nachkriegsjahren. Mit dem Unterschied, dass es allen schlecht ging, während jetzt der, der es nicht packt, als Versager und Nichtsnutz dasteht.

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  8. Leela schreibt:

    berührend wie du beschreibst… Genauso ist es und es schmerzt es zu sehen… Meist überleben die alten Menschen nicht lange in der Fremde, zumindest jene, die ich sah…

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  9. Gisela Benseler schreibt:

    Vielleicht war es so, wie Du es beschreibst. Vielleicht aber war die schwarz gekleidete Alte aber auch in ihrer Heimat schon so einsam?

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    • gkazakou schreibt:

      Sicher, Gisela. Ich kann ja nur rätseln. Vielleicht ist sie auch gar nicht einsam, sondern hat nur einen Spaziergang am Meer gemacht, um den vielen Menschen im Lager zu entkommen.

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  10. Oh, Gerda, wie gut ist Deine Geschichte zu diesem Bild. Ich kann ihre Gedanken so gut nachvollziehen. Du hast sie sehr einfühlsam für uns *zu Papier* gebracht.
    Vielen Dank dafür.

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