8.5.2021 mit Will.ie: Innenraum mit kleiner weißer Vase (tägliches Zeichnen).

Ein herrlicher Tag heute. Der Himmel hat sich geklärt, blau ist er, und heiß ist die Luft. Selbst Will.ie möchte ins Wasser, es bedarf keiner Überwindung mehr. Erstmals gehen wir wieder in eine Taverne. Es gibt frisch gefangene Rotbarben, und ich esse sie, nachdem ich sie gebeten habe, mir meine Gefräßigkeit zu verzeihen, mit Hochgenuss. Eine Entschuldigung habe ich: Die Katze Prinkipessa wird die Köpfe und Schwänze bekommen, obgleich der Volksmund sagt: „Katzen fressen keine Barbenköpfe“. – „Warum nicht?“ fragt Will.ie und zerteilt mit den Fingern einen der kleinen knuspig gebratenen Fische. „Weil der Mensch sie isst“, erkäre ich ihr. „Von der Rotbarbe kannst du alles essen, außer natürlich die Mittelgräte.“

Prinkipessas Kleine erfreuen uns übrigens täglich mit ihren Spielchen, aber immer noch sind sie fotoscheu. Gegen sie ist sogar die Holzbiene, die grad ihr rundes Nest in die Rückseite unserer Gartenbank bohrt, ein einfaches Fotomotiv. (Die Holzbienen-Zimmer im Vorderhaus sind belegt, also wird angebaut).

Nach dem gelungenen Schwimmen und Essen fühle ich mich rechtschaffen müde und lege mich auf die Couch. Da fällt mein Blick auf die kleine weiße Vase vor der dunklen Öffnung des Kamins. Und ich zeichne sie inmitten ihres Surroundings.

Allerlei befindet sich in der Umgebung der kleinen Vase – vom runden schwarzen Eisentisch mit der Häkeldecke der Schwiegermutter, worauf sie steht, über den unverheizten Holzklotz und die Stehlampe mit dem langen Metallständer, bis hin zum Rohrsessel, dessen Rückenlehne links sichtbar wird, dahinter die Kamingerätschaften. Ferner gibt es eine gelehrte Eule, ein Bötchen und mein Bild auf dem Kaminsims, das Holzboot an der Wand, den Teppich mit Pferdchen-Webbildern und rechts unten die Ecken von einem Bücherstapel.

„Und wozu all der Aufwand für eine kleine Vase?“ fragt mich Will.ie verwundert  „Warum nicht?“ antworte ich ihr kurz angebunden. „Hat sie es nicht verdient?“

Ich denke an Giacometti, der einem Apfel im Raum eines seiner schönsten Bilder gewidmet hat. Oder auch seiner Annette im Raum.

„Das lässt sich nicht vergleichen“, befindet Will.ie.  „Weil der Raum bei Giacometti mit dem zentralen Objekt ganz anders kommuniziert.“ Klug, das Kind. Nun, eigentlich nicht mehr Kind, ist inzwischen schon an die 35. Aber für mich ist sie irgendwie immer noch Klein-Will.i  mit der Ahnungslosigkeit eines Neugeborenen.  „Ja, stimmt“, gebe ich zu, um leicht dozierend fortzufahren: „Heute leben wir in einer Zeit des social distancing. Da muss halt jeder sehen, wie er klarkommt. Diese Beziehungslosigkeit drückt sich in der Zeichnung aus. Unter den gegebenen Umständen soll meine kleine weiße Vase zufrieden sein, dass sie einen Tisch hat, um drauf zu stehen, und eine Eule, die sie bewacht. Das muss ihr vorerst genügen.“ – „So, so. Ja. Na meinetwegen“, murmelt Will.ie, die in Gedanken schon wieder ganz woanders zu sein scheint. „Ich muss mal raus“, sagt sie und greift sich den Strohhut. „Bis später!“.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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9 Antworten zu 8.5.2021 mit Will.ie: Innenraum mit kleiner weißer Vase (tägliches Zeichnen).

  1. Ein guter Tag für Dich, liebe Gerda, und für die kleine weiße Vase auch 🙂

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  2. Wunderbar und sogar ein bißchen philosophisch, wie durch Weglassen ein wichtiges Detail Gestalt gewinnt!

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  3. Johanna schreibt:

    Die Holzbiene ist ja wirklich beeindruckend! Wie das wohl geht….
    Und die kleine, runde, einfache und etwas einsame weisse Vase gefällt mir sehr!!

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  4. pflanzwas schreibt:

    Ich mag diese Art deiner Skizzen sehr. Ich bewundere, wie du das alles ins Bild bekommst. Ich bin bei sowas irgendwann überfordert. Außerdem denke ich, ist jeder Gegenstand es wert, gezeichnet zu werden. Das Holzbienenfoto ist ja toll! Das die sich sogar in Gartenmöbel bohrt, wow! Hätte ich nicht gedacht 🙂

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